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JM 102

20. Jahrgmg

Freitag, den 5. Mai 1893.

Erscheint titgÜch, Sonn- tmb Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltig« Zeile oder deren Rain» 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Wert^ichrEch« AbounementSpreit ohne Bringer loh» und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(7. Fortsetzung.)

„Herr Labrone," erwiderte Johanna etwa- verletzt, „wenn ich meine Loge verlassen habe, so that ich die-, um Materialien für die Fabrik einzukaufen." Ich wollte Oel für die Nachtlampen holen."

»Mag sein, aber nichts hindert Sie, damit bis nach Schluß der Fabrik zu warten. Die Person, welche Sie vertreten hat, imponirt de» Arbeitern nicht. Sie müssen allerdings einen sonderbarm Begriff von Ihrer Energie «ad Ihrer Achtung von der Fabrikordnung bekommen. Ihre Schwäche Vincenz gegenüber beweist nur, daß ich mich nicht auf Sie verlaffen kann. Ich bin sehr unzu­frieden. Mag auch die Fabrikordnung sehr hart unb streng erscheinen, so will ich doch, daß man fich nach derselben richte. Roch einmal, Madame, ich habe mich geirrt, als ich Ihnen diesen Posten übertrug. Sie sind nicht an Ihrer Stelle."

„Ich habe Sie nicht um diesen Posten gebeten," erwiderte Johanna thränenden Auge-, „Sie haben ge­glaubt, mir damit meinen Lebensunterhalt zu gewähren, nachdem mein Gatte in Ihrer Fabrik sein Leben ver­loren hat. Ich bin Ihnen dafür sehr dankbar gewesen, denn nach dem harten Schlag, wrlcher mich traf, sah

Deutscher DUgerprg nach Kam.

Run ist der ersehnte Augenblick gekommen. Durch die Ungunst der Umstände veranlaßt, schreibt die,«öl. Kztg.' unter« 2. d. R., hat der vorbereitende Aus- schuß daS Reiseprogram« für den deutschen Pllgerzug »ach Rom, welcher zuerst für die erste Hälfte deS April in Aussicht genommen war, dahin abändern müffen, daß die Reise erst Anfangs Mai angetreten würde. Zieht man die Entwickelung der Vegetation in Betracht — und warum sollte fich der Pilger nicht auch der schöne« SotteSnatnr erfreuen? — so hat die Verschiebung der Termins der Reffe dar für fich, daß dem Ange in Italiens Fluren ein prächtigerer Anblick geboten wird; auch dort läßt fich der Mai vom April m der Landschaft sehr wohl unterscheiden und zwar dmchauS zu seine« Bortheil. Dazu gestaltet fich nm diese Jahreszeit die Fahrt über den Brenner oder über de» St. Gotthard bei einer Höhe über Meer von 1362 bepv. 1154 Meter angenehmer als im Monat April, der «och «icht in so ausgesprochener Weise Macht über de« Ämter gewonnen hat. Natürlich wirkt der Unter« schied noch schärfer gegen frühere Monate, und die« jenigen Pilger, welche schon nu Jahre 1888 zum gol­denen Priester-Jubiläum deS hl. Vater» nach Rom gepilgert find und jetzt wieder an der Fahrt theil« nehmen, empfinden oieS Mal besonders diesen Unter­schied. Damals ging e» — eS war Ende Februar — durch EiS und Schnee; am Brenner fuhr der Zug zwischen hohen Schneewänden. Jetzt aber begleitet die Pilger der Frühling über die Paßhöhe nnd Begruben, wo er seine Herrschaft schon begonnen, in ein Reich, wo er fich fast anschickt, daS Scepter dem Sommer zu überlassen.

Die Zahl der Theilnehmer an der verspäteten Pilgerfahrt ist trotz der Absplitterung eineS THeilS der ursprünglich Angemeldeten eine ganz imposante; fie ist so groß, daß, wie schon mitgetheilt, geraume Zeit vor Abgang deS Zuges keine weiteren Anmeldungen mehr angenommen werden konnten. So wird daS katholische Denffchland durch eine mächttge Schaar vertreten dem hl. Vater seine Huldigung darbringen.

ES kann nicht anders sein, als daß die Wallfahrt der deutschen Katholiken zu de« Schwellen der Apostel und zs ben Füßen Leo'S XHI. durch den kurz vorher erfolgten Besuch Kaiser Wilhelm DL in ben Augen ber Welt noch eine besondere Bedeutung erhält. DaS katho- lische Denffchland hat mit aufrichtiger Freude von dem herzlichen Gedanken-AnStausch vernommen, welcher zwischen seinem welttichen Oberhaupt und dem Statt­halter Christi stattgefunden; eS findet darin eine $e» wisse Beruhigung unb Hoffnung, welche ihm, natürlich ohne baß eS bubet in ben Fehler eines übertriebenen LyttirniSnmS fiele, bie Abschwächung»- unb Ver kleiner- ungSversnche nicht katholischer Kreise nicht verkümmern konnten. In ben brutschen Pilgern, welche sich bem hl. Vater nahen bfirfen unb aus seinem Munde vielleicht erinnernde Worte über das denkwürdige Ereigniß ver- nehmen werden, erreichen jene Empfindungen gewiß »och einen besonderen Grund der Lebhaftigkeit.

ES ist ein GreiS von zarter Statur, zu dem die Pilger wallfahrten, eS ist, mag auch der Richtkatholik oder der falsche Kacholik spotten, ein Gefangener; aber dieser GreiS, dieser Befangene ist der Nachfolger des hl. Petrn», eine geistige Macht, der nicht« auf Erden gleicht, e» ist der Fel», auf dem die eine, heilige, kacholffche, apostolische Kirche steht, und diese Kirche hat die Verheißung de» Sieger über die feindlichen Mächte. Seit 221/® Jahren ist das Papstthnm durch physische Gewalt in irdische Fesseln gelegt, Fesseln, deren der Geist zwar spottet, die aber unter ben nun ein Mal gegebenen Verhältnissen in betrübenbster Weise fich geltenb machen. Unb doch, was ist dieser Zeittaum, was sind diese und biejenigen Jahre, welche vielleicht nach Gotter Gefallen baS Oberhaupt ber Kirche noch in Unfreiheit zubringen muß, im Vergleich zu ber ®ouer, zu welcher der Erlöser die Kirche bestimmt hat? Biele Fährlichkeit hat daS Papstthnm, hat die Kirche durchgemacht; die Beranlaffung zur ttefsten Unter­drückung ging sogar gerade von dem Lande aur, in welchem dar Papstthnm ein Mal eine langjährige Heimath suchte, von dem Lande auS, welcher noch heute sich alr die treueste Tochter der Kirche bezeichnet, — viele Fährlichkeite«, und die heuttge Lage des hl. Vaters gehört gewiß zu den bettübendsten Epochen der Kirchen- !Geschichte, aber was so ost wahr gewesen isi, warum oll e» nicht wiederum wahr werden, daß die leidende Kirche wieder triumphiren wird? Der Mensch denkt politische Gedanken und sucht sie mit ben ihm zu Ge­bote stehenden Machtmitteln zu verwirklichm, aber Gotter Vorsehung lenkt die Wett. Dieser Gedanke lebt in uUen Katholiken, mit diesen Gedanken schauen fie nach Rom, wallfahrten fie nach Rom und biefet Ge­danke wird zum Gebet für die Befteinng der h. BaterS ans seiner jetzigen finge.

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Der diesmalige Pilgerzug nnteffchrchet fich in einigen äußern Beziehungen von demjenigen im Jahre 1888. Abgesehen von der andern Jahreszeit find für die Be­förderung und Unterbringung der Pilger prakttsche Bestimmungen getroffen worden. Damals wurden zwei Rächte durchfahren und die letzte Rächt durch die Fahrt auS Rom sehr stark angebrochen. Dies hing zum Theil mit dem Abstecher nach Venedig znfammen. Letzterer ist diesmal fahren gelassen worden mit Rücksicht auf die Ueberonftrengung. Die Dauer ber Reffe bis Rom wäre verlängert unb die Kosten ber Verpflegung wären erhöht worben. Die Pilger werben fich beShalb gern biese Abkürzung ber Tour, wenn auch bie Fahrkarte auf bereu volle Ausnutzung lautet, gefallen laffen. Zum Ersatz für Bmebig ist übrigens ein längerer, will­kommener Aufenthalt in ber auf bem Wege nach Loreto Itegenben Stabt Bologna vorgesehen. Hier treffen bie von Freiburg au» reifenben mit ben schon TagS vor­her angekommenen Pilgern auS München am Donners- tag zusammen. Für bie Freiburger Pilger ist in ber- fetben Weise wie für bie Münchener hinsichtlich Unter­bringung unb Verpflegung Vorsorge getroffen. Ein be­sonderer Fortschritt beruht barin, baß gegen ein recht mäßig zu neunenbeS Pauschalquantum bie Pilger in

ich keinen AuSweg. Wenn Sie inbeß bebouern, was Sie gethan haben, so bebauere ich es noch «ehr als Sie, benn Sie machen mir harte Vorwürfe, bie ich glaube nicht verbient zu haben."

„Wie!" rief Labrone aufspringend aus. „Sie de- haupten etwa bie Fabrik-O rbnung nicht übertreten zu haben?"

„Ich habe eine junge Frau, welche aufs Stück arbettet, gebeten, mich für eine Staube zu vertreten. Jst bieS etwa ein fo großer Fehltritt? Die junge Frau hat boch Wohl nur ihre eigene Zeit verloren!"

„Sie gehen von ber Sache ab," erwiberte Labrone gereizt. „Ihnen allein unb nur Ihnen ist biefet Posten anvertraut; Sie bürfe« benfelben also Während ber Arbeitszeit auf keinen Fall verlaffen! Aber sehen wir hiervon ab: Sie haben, was ausdrücklich verboten ist, einen Arbeiter ohne Erlanbniß herauSgelaffen!"

„Ich leugne eS nicht! — ich habe bett instänbigen Bitten BwcenzeuS nachgegeben, ich habe bie Fabrik­ordnung übertreten, aber Sie wissen nicht weshalb. Wer kein Herz von Stein hat, würde an meiner Stelle genau so gehandelt haben, wie ich . . . ."

„Unsere Ansichten gehen allzu sehr auseinander," bemertte Labrone nach kurzem Schweigen. „Freilich kann ich nicht . . ."

Er hielt inne — er schien noch mit der Entscheid-

den fünf Tagen ihrer Fahrt in Gasthöfen untergebracht und voll verpflegt werben. DaS wirb Manchem eine sehr große Erleichterung sein, dem eS an Hebung fehlt, für sich selbst auf einer solchen Fahrt zu sorgen, und anch Diejenigen, Welchen die» weniger Schwierigkett machen würbe, benutzen recht gern bie eben fo bequeme Wie billige Gelegenheit.

Die Fahrt geht heute Dienstag, von München und Mittwoch von Freiburg ab. Die Ankunft in Rom ist auf SumStag-Rachmittag den 6. d. M. ange- setzt. Bei der Pünktlichkeit, mit welcher die Bahn die Pilgerzüge anderer Stationen befördert hat, kann die Ankunft der deuffchen Pilger in der ewigen Stadt um die angegebene Zeit mit ziemlicher Sicherheit erwartet Werden. __

Deutsches Keich.

Berlin, 3. Mai.

* Die gestrige FraktiouSfitzung de» Leutrum» hat von 71/» Uhr Abends bi» Mitternacht gedauert. Die Sitzung war zahlreich besucht. Der zweite Vor­sitzende der Fraktton, Herr Graf Konrad Prey sing, leitete die Verhandlungen. Der erste FraktionSvorfitzende Gras von Ballestr em war nicht erschienm. Er hatte, wie die ,@erm.' berichtet, in einem Schreiben an ben Grafen Preysing, ba» verlesen würbe, feine Stellung al» Vorsitzender «iedergelegt, weil er bezüglich der Militärfrage mit der Mehrheit der Fraktion fich nicht in Uebereinftimmnng befinde. Freiherr v.Hneue legte seine« Antrag vor, einen vollständigen Gegenentwurf gegenüber bem Entwurf ber Regierung, bem letzteren aber in ben Forderungen weit über Herrn v. Bennigsen hinan» entgegenkommend. Rach einer kurzen Heber- gang-zeit, die aber sofort mit größeren Leistungen, als das Zentrum zu bewilligen bereit ist, beginnt, kommt der Hnene'sche Borfchlag hinan» auf eine Friebeu»- präsenz von 70,000 Mann, (Regierungsforderung 84,000), auf 53,500 Rekruten jährlich mehr (Forde­rung 60.000), auf 55 Millionen jährlicher Mehrkosten (gegen 65 Millionen). Die anwesenden CentmmSmit- glieber lehnten ben Huene'scheu Vorschlag mit allen gegen 6 Stimmen ab. Bon ben Nichtanwesenden werben noch einige weitere Stimmen kommen. Die Zcchl reicht nicht einmal an» zur Hnterstützungde» Anträge» im Reichstage, dazu müssen noch andere Parteien Stimmen hergeben; ber Antrag ist als» auch in bieser Hinficht kein SentrumSantrag, und Herr v. Huene Wird ihn als seinen Antrag im Reichstage einbringen. Da» Centrnm bringt den Antrag ein, den Herr Dr. Lieber bei der zweiten Kommisfionsberathung im März im Namen be» Centmms gestellt hat, unb ben unsere Leser kennen. Wenn also nicht — unb da» ist nicht zu erwarten — bie freisinnige Partei fast ganz umfällt, so ist bie Militärvorlage verworse».

* Die zweite Berathnng der Milttärv»rlage begann heute vor nahezu vollzählig bffetztem Hause unb überfüllten Tribüne«. Da eine Generaldebatte bei der zweiten Lesung nicht stattfindet, wurde sogleich § 1 ber Vorlage mit ben dazu gestellten AbänderungSanträgen

ung zu zögern, bie er treffen wollte. Die Entlassung ber Frau bäuchte chm boch etwas allzu Hart; „vick- leicht wirb ihr," so buchte er bei fich, „bie Sektion, welche sie jetzt empfangen hat, einen größeren Respekt vor ber Fabrik-Ordnung einflößen."

In diesem Augenblicke trat der Sasfirer ein und überreichte dem Chef einige Rechnungen. Roch einigen Sekunden erhielt er dieselben zurück und wollte fich ent­fernen, als sein Blick auf die junge Wittwe fiel.

„Weil Frau Portter gerade hier ist, wie ich sehe," sagte er, „so bitte ich Sie, ihr zu sagen, daß eS durch­aus verboten ist, Petroleum zu eigenem Gebrauche m ber Fabrik zu haben " „ ,

„Was, Petroleum hier?" rief Labrone aufsprin­gend auS.

„Ja, Herr Prinzipal," fuhr der Kasfirer fort, „Frau Portier hat eine Lampe mit Mineralöl. Sch habe gestern, als ich an ihrer Loge vorbeikam, ben Geruch von auSgegoffenem Petroleum wahrgenommen."

„Wollen Sie noch behaupten, Mabame, daß Sie nicht wiffen, daß dies eine offenkundige Uebertretang ber Fabrikorbnung ist?" frag Labrone wüthend.

„Ich wußte eS nicht."

„Hnmöglich!"

„Ich lüge niemals — wozu auch sollte ich eS thun Ich sehe ja doch, daß mein Schicksal besiegelt ist; deS.