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JM 100

Mttwoch, den 3. Mai 1893.

20. Jahrgang

FuldakrSZkitiliig

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G. H. Der Kampf der Kleine« mit den Große«.

„Der Mittelstand muß und wird zerrieben werden!" Das ist die Losung der Sozialdemokratte, die Begrün­dung für die ablehnende Haltung dieser Partei gegen alle Anträge, welche dar Centrum in den verschiedenen Legislaturperioden de- Reichstages als Schutzanträge für das Handwerk und den Mittelstand eingebracht hat. Wir aber haben ein anderes Feldgeschrei, nnsere «Segen* losung ist: „Der Mittelstand kann und muß erhalten werden!" Und so weit es auf uns ankommt, wird er erhalten werden. Cs ist eine unserer wichtigsten Auf* gaben für die Gegenwart und Zuknnft, den „Zer* reibungSprozeß" zum Stillstand zu bringen. Bei Be- rachung der Branntweinsteuer-Borlage sagte der bayerische Finanzminister Riedel: „Die Beschränkung der Diffe­renz würde die kleineren Betriebe zu Grunde richten. Indem wir das verhüten, verrichten wir eine große volkswirthschaftliche That! Das ist der Standpunkt auf dem die Centrumspartei steht: die Erhaltung und der Schutz der Kleinen ist die Lösung einer der wichtigsten Zeitfragen.

Ein großer Theil der älteren und neueren Volks* wirthschastler haben gewifle Gewerbe, besonders der RahrungSmittelbranche, Bäcker, Metzger rc., als auch Handelsbetriebe als gegen den Großbetrieb und das Großkapital geschützt angesehen. Heute ist auch dar nicht mehr wahr. In München ist eine Brod- fabrik, welche in 106 Straßen der Stadt üjre eigenen Filialen hat; mit anderen Worten: eS hat dieser eine Großbetrieb 106 selbständige Existenzen ruinirt oder verdrängt. In Berlin, Frankfurt a.M., Köln, Leipzig, BreSlau rc. finden sich dieselben Großbetriebe für Brod; aber auch mittlere Städte wie Würzburg, Karlsruhe, Stuttgart, Chemnitz haben ihre Brodfabrikuiederlageu. Im Fleischergeschäfte ist bereits in Städten mit unter 20,000 Einwohnern der Brauch zu finden, daß ein größerer Metzger seine Filialen in anderen Stadttheilen hat. Wir betonen dies deshalb, um zu zeigen, daß diese großkapitalistischen Einrichtungen im Gewerbe und Handelsgeschäft nicht auf die größten Städte be­schränkt bleiben, sondern in kleineren Berhältnisien ihre Nachahmung finden und hier noch schädlicher wirken. In den Großstädten ist der Großbetrieb im Fleischer* geschäste keine unbekannte Erscheinung mehr. DaS Metzgergespann besorgt den schnellen Verkehr zwischen Schlachthaus, Hauptgeschäft und Filialen, deren Zahl fich bei machen Geschäften bis 16 erstreckt, soweit uns Material zur Verfügung stand. Diese BetriebSmono- polifirung gerade in der RahrungSmittelbranche schließt außerdem noch die große Gefahr in fich, daß die Preis­bildung in Wenige Hände gegeben und das Publikum gegen etwaige Willkür zu toenig geschützt ist.

Auch in anderen Artikeln der Lebensmittelbranche habm in den letzten Jahren große Monopolgeschäfte eine gewaltige Ausdehnung gewonnen. Die Wein- Händler klagen über die Konku renz der großen Weingesellschaften, welche in allen größeren und mittleren

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(5. Fortsetzung.)

Etwa fünf Jahre vorher hatte Labrone feine junge Fran, als sie einem Knaben das Leben gab, verloren.

ES war dies für ihn ein harter Schlag, ben seine ganze Umgebung mWhleu mußte, denn feit jener Zeit wurde er düster, hart, bitter.

Nur wenn er sich bei seinem kleinen Lucian befand, heiterte fich sein Grmüth etwas auf.

Lucian wurde bei der Schwester seiner Vaters er­zogen, einer Wtttwe, welche in einem Dorfe in der Um­gegend von BloiS, von der bescheidenen Hinterlastenschaft ihres Mannes, eines ehemaligen Weinhändlers in Blois, still und zurückgezogen lebte.

Jeden Monat verließ Labrone die Fabrik auf acht- undvierzig Stunden, um feinen Sohn zu besuchen, für ben er überhaupt nur zu leben unb zu arbeiten schien.

„Der Cyef ist nicht bei guter Laune," murmelte Jakob vor sich hin, währenb er mit Labrone zu besten ; Privatzimmer schritt. „Es wirb jebenfalls eine schöne ; Brühe für mich absi tzen — und Johanna wird morgen ihr Theil bekommen."

Sie waren in dem Pavillon angelangt, wo sich die Bmeau'S unb die Kaste befanden.

Der Chef blieb vor dem Schalter st hen, nahm ver- :

Städten ihre Filialen für Detail- und Engrosgefchäste haben. Ihre Verbreitung macht den mittleren and kleinen Detailgefchästm, den direkt ihre CreScenz ver- kaufenden Winzern eine fchwere Konkurrenz, welcher fich selbst ältere Geschäfte nur mühevoll erwehren. Im gewöhnlichen Bierschankgeschäfte bildet sich gleich­falls mehr und mehr ein AdhängigkeitSverhältniß vom Bierfchänker zum Brauer heraus. Biele Wirthe find nur mehr Hörige großer Aktienbrauereim oder Bier- krösuste; ein füddeutfcher Großbrauer besitzt in loco und auswärts 67 ihm gehörige Wirthfchaften, Restau­rants ober Hotels. Der Großbetrieb befcheibet sich alfo nicht mehr mit bent Produktionsgewinne, er steckt zum Theile auch ben Gewinn selbst in bie Tasche, ben ber Zwischenhanbel einbringt. Hierdurch verdrängt er eine große Zahl bisher selbständiger Mittelstands- Existenzen.

DaS Filialenwesen umfaßt in ben größeren Städten bereits alle bmkbaren Gebrauchsartikel. Viel­fach sind diese Geschäste über mehrere Städte verbreitet. Sogar im ZeitungSgeschäste haben ein unb dieselben Unternehmer durch kapitalkräftige Grünbnngen in meh­reren Städten alten Geschäften schwere Stundm be­reitet.

Derartigen Filialbetrieb über em Retz von «Stabten verbreitet habm zahlreiche größere Firmm der Schnitt- unb Kurzwaaren-, Mobewaaren- unb Posa- menteriebranche. Eine Herrenkleiberfabrik hat in 72 sübbmtfchm unb westdeutschen Städten ihre Laden­geschäfte; Schnhwaarenfabriken haben ihre Lager stets in mehreren Städten. Auf die nachsolgmden Thatfachen habe ich früher schon einmal Beranlastnng genommen, hinzuweisen. In einer der größtm Städte Deutsch­lands hat ein und dieselbe Firma (Namen anzuführen ist bei einer sachlichen Ausführung weder thunlich noch förderlich) drei große Ladengeschäfte der Kurz-, Schnitt- und Posamenteriewaarmbranche und zwar in den besten Lagen der Stadt. Diese drei einem Besitzer gehörende Geschäfte haben einen geradezu unerhörten Zulauf, welcher durch das Drücken der Preife erzielt wird. Meistens sind eS aber nur einzelne Artikel, mit denen solche Geschäfte ihre Kundm lcckm, die entweder mit dieser Absicht unter dem Einkaufspreise verschleudert werden, oder auS einem nur dem Großkapitalistin möglichen Massenankaufe stammen. Ich habe mich per­sönlich davon überzmgt und habe gefundm, daß daS Gros der BerkanfSartikel in jedem anderen Geschäfte im Preise nicht höher stehe. Aber die in der Auslage liegenden Artikel, welchen die Schlenk rpreife an die Stirne geschriebm find, machm den riesigen Zulauf. ES ist selbstverständlich, daß die sämmtlichen Geschäste dieser Branche eine solche Konkurrenz bedeutend spüren mästen. So sagte mir der Inhaber einer renommirten alten Geschäftes: „Seit R. N seinen Laden offen hat, geht eS rückwärts bei mir. Ich habe in einem Jahre die Hälfte meines Umsatzes eingebüßt." Und so sind olle Kaufleute dieser Branche voll deS Jammers über ihre Schädigung durch diese Konkurrenz. Alte Geschäfte halten sie aus, junggegründete könnm nicht mehr auf-

kommm und ähnlich Wird eS den alten Geschäften gehm, wenn der Besitz wechselt. DaS ist ein gewaltiges Stück Proletarifirung des Mittelstandes. Nun hat aber dieses Geschäft, wie mir ein Angestellter desselben sagte und wie ich von Konkurrenten hörte, in 26 deutschen Städten Niederlagen und richtet überall gleichen Schaden an. Es bleibt auch nicht bei Artikeln seiner Branche, eS kauft en mässe morgen 1,000,000 Strohhüte oder Schuhe und fchlmdert sie auf ben Morst. Der kleine Geschäftsmann kauft nicht so billig unb arbeitet nicht mit so geringen Spesen, wie der kapitalkräftige Großhändler. Er ist ohnmächtig gegen diese Konkurrenz.

Der Großbettieb in Handel und Gewerbe hat ein und dieselbe Erscheinungs- und Unternehmungsform. Ein Hauptgeschäft hat eine Anzahl Filialen, entweder nur in loko, meistens aber über mehrere Orte ver­breitet. ES ließe sich aber gerade ans diesem Grunde m. E. auf dem Wege der Gesetzgebung ohne kompli- zirten Paragraphenapparat der Kleinbetrieb leicht gegen den hier ein ganz gewaltiges Stück Proletarifirungs* arbeit vei richtenden Großbetrieb schützen. Mein Vor­schlag wurde von mir bereits einmal in der Presse gemacht; jeder Inhaber mehrerer offener Geschäfte am selben Orte ober an mehreren Plätzen zahlt eine Filialen- ober Ladensteuer. Die Steuer Wächst pro­gressiv mit der Zahl der Filialen; der Inhaber zahlt für seine 4. Filiale eine empfindlich höhere Steuer, als für feine 3. u. f. w. Ein Umgehen dieser Schutzmaß­regel gäbe eS m. ®. nicht, außer daß etwa der Groß­unternehmer Verwandte oder Geschäftsangehörige selb* ständig machen würde, was aber dem Geiste deS Ge­setzes entspräche. Jedenfalls würde mein Vorschlag auf weniger Schwierigkeiten und Bedenken stoßen als manche andere Sch utzgesttznor schlüge für Handwerk und Ge­werbe, welche in den letzten Jahren gemacht worben finb.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Mai.

* Der Telegraph hat bie Welt mit ber Kunde über­rascht, baß der Kaiser seine Rückreise abzukürzen ge­denke wegen des Trustes der Lage unb ber folgen­schweren Beschlüsse, bie ber Reichstag in dieser Woche zu fasten habe. AuS ber Nachricht ist nicht zu ersehen, ob ber Kaiser noch einen Versuch machen will, seinen persönlichen Einfluß im letzten Momente noch für bie Militärvorlage einzufetzen. Dazu wäre eS zu spät; benn ber Kaiser kommt erst in Karlsruhe an, wenn bie Lesung im Reichstage beginnt unb von diesem Moment an können bie Verhandlungen ein Galopp- tempo annehmen, daS kein Sxtrazug einholt. — Der ,Reichsanzeiger' melbet: Der Kaiser beabsichttgt am 4. Mai Vormittags in Berlin unb im „Neuen PalaiS" wieber einzutreffen.

* Der erste Mai ist in ber Hauptstabt unb in bereu Umgebung ganz außerordentlich ruhig und fried­lich verlaufen. Hier und dort haben stch einzelne

fchiedene Papiere auS feiner Brieftasche, legte sie auf die Kupferplatte am Schalter und fegte dann zu dem Kassirer:

„Hier sind zwei Tratten von der Firma Baumann; tragen Sie dieselben ein und fügen Sie dieselben dem Zettel bei, welchen Sie mir sogleich überbringen und welcher morgen zur Bank gehen muß."

„Gut," antwortete der Kassirer.

Der Ches öffnete sein Kabinet und bedeutete Jakob, mit einzutreten.

ES war ein ziemlich geräumiges Gemach, dessen Seite ein langer, mit grünem Tuche überzogener Tisch einnahm.

Eine Menge Zeichnungen, Gefchäfttpapiere, Briefe unb dergleichen bedeckten in buntem Durcheinander den i Tisch. |

Rechts vom Fenster stand ein eleganter Schreib- ' Sekretär, links ein ziemlich großer Geldschrank.

Einige Stühle, eine kleine Bibliothek, dazu ver- ; schiedeue Zeichnungen an den Wänden vervollständigten die Einrichtung. , ;

Herr Labrone warf feinen Hut auf einen Stuhl , und ließ sich dem Schreib - Sekretär gegenüber nieder. ?

„Hoben Sie," hob er dann an, „die vertikale Mechanik unterfucht, die wir vor 14 Tagen angebracht haben?" ;

„Sa."

„Funktionirt sie gut?"

ES sind noch einige Reparaturen daran vorzuneh­men, bie vielleicht einen Arbeitstag beanspruchen. Ein guter Monteur ist nothwendig .... Ich hatte schon an Vincenz gebucht, aber ..."

„Vincenz gehört nicht mehr ber Fabrik an," unter­brach Labrone ihn heftig „Sie Wissen, baß ich nie ein Wort von bem zurücknehme, was ich gesagt habe. Sie werbe« ben Werkmeister seines Saales gehörig in's Gebet nehmen — er hätte seine Arbeiter bester über­wachen sollen. Wenn berartigeS nochmals vorkommt, müßte ich strengere Maßregeln ergreifen. Sie können zwar nicht überall fein, aber Sie müffen fo austreten, daß man es fcheut, alles Mögliche zu wagen, fobalb Sie ben Rücken gekehrt haben. Ich fetzte mein Ver­trauen auf Sie — Sie vertreten meine Stelle; ver­gesst« Sie dies nicht!" m „

„Ich werbe eS nicht vergessen, Herr Prinzipal, versetzte Jakob, „unb ich werbe so gut als möglich auf­passen." — , „

„Sie finb nicht strenge genug! Jcb muß Dinge sehen, bie mir keineswegs gefallen. Wiffen Sie, daß eine Arbeiterin ihren Posten verlassen hat, um Fran Portier auf einige Zeit zu vertreten?"

„Ich weiß er, aber es ist eine Arbeiterin, welche auf'S Stück arbeitet.“

„Mag fein — aber es gibt ein bösts Beispiel!