Beilage zu Nr. 98 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 30. April 1893.
Der St. Raphaels-Verein ;um Schutze der Auswanderer
schaut bereits auf eine mehr wie zwanzigjährige segensreiche Thätigkeit zurück. Fast in allen Hafenstädten der alten und neuen Welt, wo Auswanderer sich ein- und ausschiffen, hat der Verein seine Vertreter, theils Priester, thcils Laien, die in der opferwilligsten und uneigennützigsten Weise der Rath- und Hilfesuchenden unentgeldlich sich annehmen. Dank dem regen Interesse des hochwürdigen Klerus, sowie dem unbegrenzten Vertrauen der Auswanderer ist es gelungen, Hunderttausenden die Segnungen und Bortheile des Vereins zuzuwenden, sie vor materiellen und geistigen Schäden vor ihrer Einschiffung zu bewahren, sie, soweit wie thunlich, auf der Seereise zu schützen und ihnen jenseits des Oceans ein Heim zu sichern, wo ihr zeitliches und ewiges Wohl nicht gefährdet ist. Zahlreiche Dankschreiben legen hierfür beredtes Zeugniß ab.
Auskunft über den Zweck des St. Raphaels - Vereins er« theilen und Empfehlungskarten versenden auf Wunsch die Vertrauensmänner in den Hafenstädten:
Breme«: Herr Pfarrer Pacher, Lindenstraße 6; Hamburg: Herr Theodor Meynberg, Große Reichenstraße 52; Antwerpen : Herr I. W. Würden, AvenneCharlotte49; Rotterdam: Herr Jakob Zöller, von der Takstraat 17; Amsterdam: Herr Eduard Huf, Nieuwendyk 215; Liverpool: Rev. Father D'Heurter, St. Charles' Presbytery, 16 Southwood Road, St. Michael's Hamlet; Loudon: Rev. Father Berres; 47 Unionstreet, Whitechapel*. HLvre: Herr Pater Lambert Rethmann, 3 Rue Doubet; New-Uork: Rev. Father A. Geyer, 6 State Street (Leohaus); Philadelphia: Herr Capt. L. M. Kieffer 5te und Girard-Avenue: Rio de Janeiro lBrastlien): Herr Jo a v. Ry bkows ki, Architekt, Rua Senado Nr. 95; Porto Alegre: Herr Clemencio Wallau, Prov. Rio Grande do Sul, Brasilien; Joinville: Hr.Pastor BögerS- hausen, (Dona Francisca), Prov. SantaChatarina, Brasilien; Buenos Aires (Argentinien): Herr Adolfo Hopmann, De- sense Nr. 140; Capstadt: Rev. Dr. Fred. Kolbe, Hope Street, Capkolonie, Südafrika.*)
die Vertrauensmänner an den Hochwürdigsten Bischöfl. Ordinariaten:
Augsburg: Herr Domkapitular Frecher von Castell; Breslau: Herr Bieedechant Schmolle; Köln: Herr Domvikar Pesch; Dresden: Herr HofkaplanEduard Klein; Eichsstädt: Herr Domdekan Dr. I. Brunner; Frauendurg: Hr.Bischöfl. Sekretär Dr. Siebte; Freiburg i. Breisgau: Herr Erzbischöfl. Ordinariats-Assessor Vögele; Fulda: Herr Domkapitular Dr. Braun; Hildesheim: Herr Pastor Anton Hollemann; Limburg a. d. Lah«: Herr Domkapitular Eiffler; Luxemburg: Herr Dompfarrer Lech; München: Herr Domkapitular Dr. Krag er er; Münster i. W: Herr Domkapitular Dr. Graf von Galen; Osnabrück: Herr Generalvikariats-Assessor Freund! Paderborn: Herr Geistl. Rath Pfarrer Ruland; Passan: Herr Domkapitular Siegler; Pelplin: Herr Kanzlei- Dirigent Czarznowski; Posen: Hr. Domherr Mary ans ki; Rotteubnrg a. N.: Herr Domkapitular Wüllenbücher; Speyer: Herr Domvikar Maginot; Trier: Herr Subregens Professor Dr. Schrod;
ferner in Danzig: Herr Pfarrer F. Scharmer; Drazowitz bei Neu-Raußnitz (Mähren): Herr Pfarrer Stojan; Reiffe: Herr Rechtsanwalt Nadbyl; Wiesbaden: Herr Rechtsanwalt ___________ Kellerhofs.
*) Für die Hafenstädte Bremen, Hamburg, Antwerpen und Rotterdam genügt auch die Adresse:
„An den St. Raphaelverein zu......“
Endlich enttarnt!
Roman von R. von Wollersheim.
(3. Fortsetzung.)
„Aber wie schnell reich werden?" fuhr er dann sinnend fort. „Ah! Wenn ich irgend eine glückliche mechanische Erfindung machte und dazu die Mittel hätte, um sie zu verwerthen — dann wäre ich rasch am Ziele angelangt!"
Während er in dieser Weise mit sich selbst sprach, schritt er auf dar Privat - Kabinet des EigenthümerS der Fabrik, Herrn Labrone's, zu, welches sich in einem kleinen an die Bureau's und Kofsenräume anstoßenden Bau befand und in der Nähe der Modell-Säle lag.
Johanna war mittlerweile in ihre Wohnung zurückgekehrt.
Dieselbe lag abgesondert von den übrigen Wohngebäuden für sich hinten im Hofe, links von dem großen Thor, durch welches die Fabrikwagen ein- und aus- fuhren, sowie ganz in der Nähe der Thür, welche die Arbeiter benutzten. Das ganze Wohngebäude bestand auS einem Erdgeschoß und einer Stage, Aller sehr bescheiden.
Eine steinerne Treppe führte von unten in die Etage, welche aus zwei Räumen bestand, von denen der eine als Vorratskammer diente.
Die AuSmöblirung war, wir brauchen eS kaum zu sagen, mehr als« einfach, indeß war Alles fehr reinlich und in gutem Zustande.
Johanna wollte dar Gespräch, welcher sie mit Garand geführt hatte, noch immer nicht aus dem Kopfe, so sehr sie sich auch bemühen mochte.
„Vielleicht," so dachte sie bei sich, „wäre eS für meine Kinder bester, wenn ich wieder heirathete — für mich selbst nicht. Immer wird mir daS Bild meines theuren Peter vor Augen schweben; und wie soll ich dem zweiten Gatten zulächeln können, wenn meine Gedanken wider Willen bei dem Ersten weilen! Jakob ist gewiß intelligent und arbeitsam und eS wird ihm gewiß gelingen, eine schöne Stellung zu erringen. Die flleinen würden gewiß glücklich sein; — ich weiß eS nicht — ich liebe Jakob nicht und glaube auch nicht, daß eS mir je gelingen wird, ihn zu lieben; ja, bis
weilen flößt er mir eher Furcht als Liebe ein. Er hat einen eisernen Willen — mit ihm zu sympathisirm ist mir unmöglich! Nein, ich will meine Kinder selbst erziehen— meine Stelle ermöglicht es mir ja, noch etwas nebenbei, wenn auch mit Nähen, zu verdienen. Nein — ich werde nicht zum zweiten Male heiratheu, ich habe eS meinem Peter auf seinem Todesbette versprochen und werde Wort holten."
4.
Jakob hatte sich inzwischen, wie wir wissen, zu dem Privatkabinet des Chefs begeben, welches in einem kleinen, an die Bureaux und Kastenräume und die Modellsäle anstoßenden Pavillon lag.
Der Letztere selbst streß wieder an die eigentlichen Fabrikationsräume, in welchen außer großen Dampfmaschinen einige siebzig Arbeiter beschäftigt waren.
Die Ateliers bestanden aus mehreren Sälen, von benen jeder seine Bestimmung hatte.
Der Chef hielt mit unerbittlicher Strenge auf gute Ordnung in der Fabrik; er felbst hatte ein Reglement ausgearbeitet und bestand darauf, daß eS buchstäblich beobachtet wurde.
In feiner Fabrik hieß eS entweder gehorchen oder daS Bündel schnüren.
Jakob Garand, der erste Werkmeister, kannte die Ansichten der Chefs über die innere Ordnung sehr wohl, und so wachte er mit Strenge über die pünktliche Beobachtung der Reglements und forderte dies ebenso von den ihm unterstellten Werkmeistern.
Der Chef hatte seine Wohnung in der Fabrik selbst, nämlich in der ersten Etage des mehr erwähnten Pavillons.
Die EingangSthüre des Kab'mets lag genau dem Schalter der Kasse, von welcher sie nur durch einen kleinen Gang getrennt war, gegenüber. In diesem Gange befand sich eine Treppe, welche zu der Wohnung des Chefs hinaufführte.
Jakob klopfte leise an, dann, als er keine Antwort erhielt, ein zweites Mal, dieses Mal etwas stärker.
Der Kassirer schob, als er das Geräusch vernahm, daS kupferne Thürchen, welches daS Schalter verschloß, weg und sagte: „Niemand zu Hause, Jakob!"
„Ist der Chef auf lange weg, Herr Ricont?"
„Ich glaube nicht, er ist nach Erstell gegangen.
Kann ich'S vielleicht ausrichten?"
„Nein, ich muß selbst mit ihm über gewisse Arbeiten sprechen. Ich bitte Sie nur, ihm zu sagen, wenn er nach Hause kommt, daß ich zurück sei; er wird mich alsdann rufen lasten."
„Gut — werö's besorgen, Jakob."
Der Werkmeister begab sich jetzt zu den Werkstätten der Adjustirer, warf einen flüchttgen Blick auf die Arbeiten und ertheilte verschiedene Weisungen.
Dann rief er einen Arbeiter von etwa fünfzig Jahren zu sich und sagte zu ihm.
„Vincenz, ich habe Deinen Sohn getroffen und.."
„Und er hat Ihnen gesagt, daß meine Frau schlimmer geworden ist?" unterbrach ihn der Mann bleicher als die Wand.
„Nein, aber hat mir dringend anempfohlen, daß Du sofort aus der Werkstatt nach Hause kommst."
„Sonst hat er nichts gesagt?"
„Nein."
„Möglich", fuhr der Arbeiter, am ganzen Leibe zitternd, fort, „aber wenn mein Sohn Sie angerufen und Ihnen anempfohlen hat, daß ich mich ja nicht verspäten soll, so muß feine Mutter gewiß sehr schimm sein. Geben Sie mir also die Crlaubniß, eben zu meinem Hause hinüberzugehen . ... das wird mich erleichtern."
„Du weißt, daß ich diese Verantwortung nicht auf mich nehmen kann," versetzte Jakob, „Du kennst ja auch das Reglement, das aus'S Strengste untersagt, die Fabrik eher zu verlastm, als bis die Glocke ertönt."
„Ich weiß es wohl . . . aber einmal ist keinmal und vielleicht kann ich den Chef ja auch um Erlaubniß fragen • . •
„Der Chef ist leider nicht zu Hause. Ich wollte selbst mit ihm sprechen: et ist nach Erstell gegangen."
„Wirklich unangenehm!" sagte der Arbeiter ttostlos.
Jakob verließ den Arbeitssaal, während Vincenz anscheinend ruhig die Arbeit wieder aufnahm, zugleich aber dem Werkmeister aufmerksam nachsah.
Als der Letztere verschwunden war, legte Vincenz rasch sein Schurzfell ab, zog feine Joppe an, bedeckte sich mit einer Mütze und schlich sich unbemertt von bannen.
Sich fest wider die Mauern drückend, eilte er bann burch den Hof unb ftanb sogleich an bet Loge bet Schließerin. Hier klopfte er leise auf dar Fenster.
„Madame Porüer", bat er leise, „öffnen Sie mir gütigst das Thor."
„Haben Sie Erlaubniß, die Fabrik zu verlassen?" frag Johanna.
„Nein, aber der Werkmeister ist soeben zurückgekehrt und hat mir gesagt, daß mein Sohn ihm einige Worte über meine Frau mitgetheilt habe, die krank zu Bette
liegt. Ich fürchte, daß sich ihr Zustand verschlimmert bat und möchte deshalb auf einige Minuten nach Hause."
„Aber Sie wissen ja, Vincenz, daß ich Sie nicht herauSlaffen darf — daS Reglement ist darin sehr strenge!"
„Aber ich muß, ich muß!" rief Vincenz erregt auS. „Meine Frau ist krank und ich muß sie sehen — ich werde gehen!"
„Aber bedenken Sie doch, Vincenz, daß Sie mich in die größte Verlegenheit bringen, wenn ich Sie herauslasse? Wenn der Chef eS erführe, so würde ich strenge, bestraft."
„Der Chef ist nicht da . . . ."
„Dann lassen Sie sich die Erlaubniß vom Werk- meister geben."
„Ich habe ihn darum gebeten, er hat sie mir abgeschlagen. Ich muß mir die Erlaubniß jetzt selbst nehmen, es geht nicht anders! Zeigen Sie, daß Sie ein gutes Herz haben, Madame Portier und schließen Sie mir auf, ich bitte Sie. Ich ahne Schlimmes ... Um Gotteswillen..."
„Wenn ich Ihrer Bitte willfahre, so werde ich strenge Vorwürfe zu hören bekommen."
„Wie soll man es erfahren? Ich werbe es gewiß nicht verrathen, unb wenn ich zurückkomme, gehe ich sogleich wieder an meine Arbeit, so daß man es nicht einmal merken wirb, baß ich dieselbe verlassen habe. Sie werben mich boch nicht zwingen wollen, daß ich dort über die Mauer klettern muß — und ich muß eS thun, sage ich Ihnen, wenn Sie mir nicht öffnen l Wenn der Chef eS erfahren sollte, so werde ich sagen, daß Sie gerade nicht in der Loge waren unb daß ich mir felbst die Thüre aufgeschloffen habe . . . . Aber ich bitte Sie, Madame Portier, offnen Sie, ich stehe wie auf heißen Kohlen, ich habe keine Zeit . . . ."
Dem Manne waren die Thränen in die Augcn getreten.
Johanna konnte seinen Bitten nicht länger widerstehen.
„Ich wage meine Stelle," sagte sie, „aber ich kann gegen Ihr Flehen nicht taub sein. Gehen Sie und besuchen Sie Ihre Fran, und Gott gebe, daß Ihre Befürchtungen unbegründet seien!"
Zu gleicher Zeit schloß sie das Thor auf.
„Danke Ihnen aus vollem Herzen!" sagte Vincenz, während er davon eilte.
„Wenn der Chef nur nicht erfährt, was ich gethau habe!" murmelte die junge Wittwe vor sich hin. „Nun, das Reglement ist etwas zu streng. Dem Aeimsten standen die Thränen in den Augen. Er scheint seine Frau so innig zu lieben! Wer weiß, was es mit ihm gäbe, wenn sie wirklich stürbe!"
Jakob Garand hatte, wie bereits bemerkt, einen flüchttgen Blick in die Arbeitssäle geworfen, und war dann in das Atelier, wo Vincenz arbeitete, zurückgekehrt, um eine Arbeit zu besichtigen, welche ein Anderer in Händen hatte unb bie am folgenden Tage dem Besteller abgegeben werden sollte.
„Bald fertig?" frag Garand den Arbeiter.
„Ja, ich warte nur noch auf ein Stück, dasVin- cenz in Arbeit hat. Wenn ich dasselbe habe, bin ich in einer halben Stunde fertig — die Maschine ist alsdann komplet."
Garand begab sich an die Arbeitsstelle VincenzenS, welche sich am anderen Ende des Arbeitssaales befand.
„Wo ist Vincenz?" frag der Werkmeister, die Augenbrauen in die Höhe ziehend.
„Ich weiß es nicht," erwiderte der zunächst stehende Arbeiter; „nachdem Sie eben von uns fortgegangen waren, habe ich ihn feine Joppe unb Mütze nehmen unb davon gehen sehen."
„Nun, Madame Portter wird ihn jedenfalls nicht herausgelassen haben," murmelte er zornig vor sich hin. „Sie weiß ja, daß dies durchaus verboten ist. Wenn Vincenz ttotz des strengen Verbotes die Fabrik verlassen hat, mag seine Frau auch krank sein — vor dem Reglement soll alles gleich sein! Er läßt mir meine Arbeit liegen und denkt nicht daran, daß mich die Borwürfe treffen unb man mich für die Verspätung verantwortlkch macht."
Zornentbrannt nahm er die halb vollendete arbeit des unglücklichen Vincenz unb wandle sich an einen andern Arbeiter Namens Franz mit den Worten:
„SBaS Sie da in Händen haben, legen Sie bei Seite unb machen Sie dies hier fertig, eS muß in einer Stunde vollendet sein. Benehmen Sie sich mit Stemont.“ . „
Gut, wir werden thun, was wir können.
Der Werkmeister verließ die Werkstatt und schritt auf die Loge Johanna'S zu.
Johanna sah ihn bereits durch's Fenster heran- kommen.
„Er wird das Verschwinden VincenzenS bemerkt haben," dachte sie bei sich; „da wird's jedenfalls scharfe Borwürfe absetzen." (Fortsetzung folgt.)