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98 Sonntag, den 30. April 1893. 2V. Jahrgang

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der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Hierzu eine Beilage,

x Erjesutt als Kalaam.

Der Prophet Balaam wollte fluchen und mußte segnen. Graf Paul v. Hom-broech, der im Februar aus dem Jesuitenorden amrgetreten ist, hat fich in einer Berirruvg, die hoffentlich mehr auf krankhafte Zustände, al- aus Böswilligkeit zurückzuführen ist, mit Gegnern des JefuitenordenS eingelaffen, um durch eine Kritik der jesuitische« OrdenSlebenS seinen Austritt zu be­gründen. Die Kultnrkämpfer bemühen fich nach Kräften, daraus einen Fluch für den Jesuitenorden zu gestalt«. Aber wenn man die Sache gründlich und unbefangen bettachtet, fo entfließt dem Munde des SuSgeschiedevm unwillkürlich Lob und Segen.

Rach den Thesen, welche die Buchhändler-Reklame unter kalturkämpserifcher Leitung vorher verkündet hatte, mußte man auf schreckliche Enthüllungen gefaßt fein über die Unterdrückung der Persönlichkeit und Nationalität im Jesuitenorden. Nun liegen die pomphaft angekündigten „Enthüllung«" vor und durch dm Tamtam, bett die Presse der Jesuitenfteffer voll­führt, klingt schon hier and da das Seständniß hin­durch: Etwas Neues ist eigmtlich nicht darin! Ja, die ,Nat.-Ztg.' sucht fich schon über ihre Enttäuschung fortzuhelfm mit der Bemerkung, Graf HomSbroech habe offmbar „in den höchsten leitenden Kreis der Ordens" keinen Einblick gehabt, feine Schilderung fei nicht voll­ständig. Ein hübsches Hinterthürchm, um dm Mangel an verwerthbarm Berlmmdtmgm zu ergänzen!

Graf HoenSbroech beweist in der verfehlten Schrift im Gmnde nur, daß er sich zu einem Jesuiten nicht eignet. Dazu hätte er fteilich nicht so weit auSzuholen brauchm. Rach dm ersten Probm von seiner Schilde­rung der Erziehung der Rovizm sagt sich der Unbe­fangene sofort: Welch' eine Geduld und Klugheit müffm die Jesuttm mtwickelt hoben, als sie solch' einen eigen- thümlichm Charakter 13 Jahre in ihrer Mitte be­fetten ! Thatsächlich ist Gras HoenSbroech f. Z. aus dem Noviziat auSgetteten und nachher wieder einge- tretm. Hätten die Jesuitm so toenig Schonung gegen die Individualität, wie Graf HoenSbroech jetzt be­hauptet, so würdm sie ihn nach dem Austritt nicht wieder aufgenommen und sicherlich nicht fo lange be­halten haben.

Dem Grafm HoenSbroech geht der Sinn für dar OrdenSleben fo vollständig ab, daß er sich in dieser Hinsicht sogar von dem jüdischm .Bötsen-Courieri de- lehren taffen muß. DaS Blatt bemerkte auf die erste Ankündigung der Anklage wegen Vergewaltigung der Individualität ganz richttg: „Was hier vom JesnittS- mvS gesagt werde, das gelte cum grano salis von jeder OldmS- und Berufsvereinigung. Jeder Stand lege seinen Mitgliedern Rücksichten auf, die „bis zu einem gewissen Grade" (wie eS in der Anklage hieß) . die Selbstständigkeit, den Charakter, die Individualität des Einzelnen „vernichte".

Wenn sich Jemand frei und frank nach seiner Eigen- «rt mtwickeln und „auf eigene Faust" in der Welt thätig fein will, bann muß er weder Jesuit noch Offizier werben. W-r bie Ordens- oder die Militär- • lausbahn einschlägt, bet weiß doch vorher, daß er ein ' Glied in einem festgefügten Organismus werden, einer ! strammen Erziehung sich unteitoerf«, Gehorsam lernen ! und üben soll. Wem daS nicht behagt, der kann ja i draußen bleiben ober seinen Abschied nehmen.

Graf HoenSbroech schildert unS die ftrenge, höchst ! zweckmäßige Erziehung der jungen Jesuiten. Er kann i aber trotz seines Eifers der Erziehung nichts Unrechte» - ober Ungerechtes nachsagen. DaS ist ttotz bet spöttischen ' Glossen, welche bie Kulturkämpfer zu gewissen Einzel- i beiten machen,. ein Ruhm für ben viel verleumdeten ' Orden. Ebenso die Thatsache, daß Graf HoenSbroech ! selbst in der dreizehnjährigen Wirkung dieser angeblich so schrecklichen Erziehungsmethode noch so viel Eigenart 1 und Freiheit behalten hat, um auS dem Orden auSzu- ■ treten und alsbald in der ,Sreuzztg.' und jetzt in einem kirchenfeindlichen Organ Angriffe gegen das verlassene i Rest zu schleudern.

Dte Uebungen deS Gehorsams, der Ascese, der gegenfeitigen Zurechtweisung, der Gewissensberathung ' mit den Oberen rc geht die profane W.lt gor nichts > an. Deshalb bett Jesuitenorden zu «erbieten, wäre ge­rade so thöricht, als toenn ein Demokrat das Heer wegm deS langsamm Schrittes oder ähnlicher Exerzier- ■ Übungen für eine staatsfeindliche Einrichtung erklären

wollte. Bon größerer politischer Bedmtung ist die Frage, ob in dem angefeinbeten Ordm eine verwerfliche „Jesuitenmoral" herrscht. In dieser Hinsicht sagt nun der fluchlustige Balaam: die Moral des Ordens sei von tadelloser Lauterkeit, sie bilde die Glieder der Ordens zu Männer des reinsten Lebenswan­dels. Die morattheologischm Entscheidungen, auf welche fich diese alte Verleumdung stützen will, bezeichnet er als „Jrrthümer spitzfindiger Köpfe, keine Berirrungm deS Herzens." Man beachte wohl, daß dieses Zmgniß abgegeben ist von einem Manne, der in frischer Er­regung über ben Bruch in seinem LebmStauf nach Allem sucht, waS feinen Austritt au» bem Orden er­klärlich machen kann. Er muß in diesem wichtigen Punkte loben und fegnen.

Sehnlich ergeht es ihm in dem Kapitel über daS Nationalgefühl und ben Patriotismus. Er bezeugt zunächst, baß bie Jesuiten bie Zöglinge in ihren Schulen durchaus patriotisch erziehen. Er bezeugt zweitens, daß ber JesuitiSmuS, ber Seist deS Ordens selbst, nicht antipatriotisch sei unb baß bie „staatliche Orbnung, bie rechtmäßige Ge- walt stets unb überall im JesuittSmuS einen BunbeSgenossen sinben wirb." Ja, waS kann man benn mehr »erlangen? Die Jesuitm finb seit 20 Jahren aus Deutschland vertrieben. Wagt Graf HomSbroech zu behaupt«, baß fie aus Aerger über baS erlittene Unrecht gegen Deutschland etwas Feindseliges thätm ober auch nur sagten ober dächten? Nein. Er beklagt bloß, baß baS patriotische Ge­fühl ber einzelnen Nationalität im Jesuitenorden nicht fo gepflegt werbe, wie er eS in seiner Eigmart, „als Deutscher, als Preuße, als Glieb einer alten monarchi­stischen Familie", gewünscht hätte. Aber wie kam man von einem Orden, der internationale teligiöS-fittliche Aufgaben hat, verlangen, baß er seine Novizen in deutscher Sebanfeststimrnung, ober in französischem Chauvinismus auszubilden trachte? Ebmsv gut könnte man von einer Kabettenanstalt fordern, daß fie dm Unterricht täglich begönne und schlöffe mit einer Ver­herrlichung des völkerverbrüdernden Charakters der christ­lichen Weltreligion. Der „JesuittSmuS" thnt nichts zur Schädigung deS RationalgefühlS und deS Patriotismus. Das genügt und dafür haben wir daS Zeugniß des Ausgetretenen.

Die Kulturkämpfer werden bald merkm, daß fie über die „Enthüllungen" des Grafen HomSbroech zu früh gejubelt haben. WaS nach der Klärung dieses Et- guffeS eines Unzufriedmm übrig bleiben wird, gereicht dem Orden zur Ehre, den Verleumdern zur Schande.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. April.

* Der Antrag auf Genehmigung der Nieder­lassung der Weiße» Väter in Preußen ist, wie wir erfahren, vom Auswärtigen Amt (Kolonial-Ab- tbeilung) bei der preußischen Regierung gestellt worden. AlS Oct der Riederlaffung soll dem Vernehmen nach eine Stadt in der Diözese Trier in Aussicht ge­nommen fein. —§Rach einem Erkenntnisse des Ober- BerwaltungSgerichtS bei bem nach dem ,Betl. Tagebl.' auch ber „berühmte Rechtslehrer Prof. Dr. Gneist" mitgewirkt hat, können sich in Preußen überall unbe« hindert neue Freimaurerlogen bilden, auch solche, welche nicht mit den Berliner Großlogen oder deren Tochterlogm in irgend welchem Zusammenhänge stehm. Wollen aber barmherzige Schwestern eine neue Riederlaffung bilden, so muß erst die ministerielle Ge­nehmigung nachgesucht werdm, die bewilligt, aber ebenso verweigert werden kann!!

* Die Kommission deS Reichstags zur Untersuchung der Ahlwardt'fchen Papiere überzeugte sich heute zunächst, daß der angebliche Bries Calinderos au» zet- riffenm Stücke« besteht, von denm nicht erkennbar ist, , ob sie zusammengehören. Das Datum fehlt. Ahlwardt gibt selbst zu, daß die Unterschrift und der ganze Brief gefälscht sein können. Dann wurde festgestellt, daß Ahl­wardt für seine Behauptungen bezüglich deS Jnvalidm- fonds keine Beweise beibringt und daß bei Anlegung dieses Fonds aller ber Ordnung gemäß zu gegangen sei. Dann tarnen die angeblichen 11 Ociginaldriefe in Sachen ber rumänisch« Eisenbahngesellschaft, bie von Miqael herrühren soll«. Es ergab sich, daß sie fämmt- lich von Meißner gefchriebm finb. Nichts rührt von Miquel her, auch nicht bie Unterschrift. Bei einige« steht sogar neben „Mquel" ber Nme Meißner. Morgen

setzt bie Kommission bie angenehme Arbeit fort. Ahl- warbt erschien vor ber Kommission mit derartig zer­rissenen Beinkleidern, daß der Borfitzmde ihn öffmt- lich aufforbent mußte, feine Blöße an ber bedenklichsten Stelle zu bedecken.

* Die Seuchen-ttommisfio« des Reichstage- ist unter dem Vorsitz des Grafm Hompesch (Centt.) zu- fammengeirete«. Es herrscht die Neigung vor, daS Gesetz auf die Cholera zu beschränken. Geheimrath Koch wies dem gegenüber auch auf die aus Persien drohmde Pestgefahr hin. Beschlüsse wurden nicht ge- saßt.

* Das Abgeordnetenhaus fuhr hmte in der Be- rathang des Gemeindesteuer-GesetzeS bei § 35 fort und gelangte bis 44 a (inkl.). Eine längere Debatte mt- spann sich nur über § 44. Dieser Paragraph bestimmt, daß bei Aktienbesitzern diejenigen Dividende außer Be­rechnung bleibt, welche von Aktimgesellschosten bezahlt wird, die bereits Gemeindesteuer bezahlt haben. Die Wohnsitzgemeinde des Akttonärs kann jedoch ein voller Viertel der Einkommens des Aktionärs besteuern, toenn dar steuerpflichtige Einkommen «ach Abzug der Divi- dmde weniger als ^‘•/o deS GesammteinkommmS be­trägt. Ein Antrag der Frhrn. v. Zedlitz (ftk.) will die Heranziehung der Akttonäre mit der Hälfte ihres Ent­kommens besteuem, wenn nach Abzug der stmerfreim Dividende nur die Hälfte des GesarnrntvermögenS übrig bleibt. Mit diesem Anttag wird § 44 angenommen.

* Der Reichstag wählte gestern zum Mitglied der ReichSschuldenkommission an Stelle deS aus dem Reichstage anSgeschiedenm Abg. Buffe den Abg. Hahn (kons), nahm dann in 3. Lesung de« Gesetzentwurf bett, die Geltung deS GerichtsverfaffungSgesetzer in Helgoland endgiltig an und berieth hierauf dm Gesetz­entwurf gegen dm Berrath militärischer Geheimniffe. Abg. v. Bär (frf.) macht die Bedmken feiner Freunde gegen daS Gesetz geltend; Abg. Schneider-Hamm (null.) stellt ben Antrag die Fassung der Regierungsvorlage wieder herzustellm, wonach auch der Verrath von Rachrichtm, deren Geheimhaltung daS Jntereffe der LaudeSvertheidigung fordert, unter Strafe zu stellm ist. KriegSminister v. Kaltmborn-Stachau befürwortet diefm Antrag und gibt zu verstehen, daß bei Ableh­nung desselben die Bundesregierungen dem umgestalteten Gesetze ihre Genehmigung versagm würden. Rach lebhafter Debatte wird der Anttag Schneider mit 133 gegen 97 Stimmen abgelehnt, im übrigen das ganze Gesetz gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozial- Demokraten angenommen. DaS HanS trat dann in die 3. Lesung zur Novelle zum Wuchergesetz ein. Abg. Liebermann von Sonnenberg (Antts.) benützte diese Gelegmheit, um sich mit dem sozialdemokratischen Abg. Stadthagen persönlich und über da-Wesm deS Juden- humS auseinander zu setzen. Abg. Böckel (Antts.) pricht sachlich zum Wuchergesetz und fordert noch chärfere Bestimmungen. Abg. Träger (frf.) tritt ihm entgegen und motivirt nochmals die ablehnende Hal­tung der freisinnigen Partei gegenüber dem Wucher­gesetz. Darauf wird die weitere Berathung auf morgen vertagt. — Bei der Weitecderahtung des WuchergefetzeS kam eS heute zu fvlch' peinlich« und widerwärtigm ©eenen zwischen b« sozialdemokratischen und anti­semitischen Rednern, wie sie daS HauS wohl noch kaum erlebt hat und wie fie vielleicht nur als Nachhall bet Ahlwardt-Debatten entschuldigt werd« können, dem Ansehen des Reichstags wird sicherlich durch derartige Ausschreitungen ein arger Stoß zugefügt; eS fehlt wahrlich nicht mehr viel und der deutsche Reichstag ist auf demselben Niveau parlamentarischer Gittm an­gelangt, wie die ftanzösische Deputirtenkammer. — In der Spezialdebatte empfiehlt Abg. Buol (Centr.) eine schärfere Fassung der Bestimmung übet die Rechnungs­ablage ; fern dahingehender Antrag wird angmommen; ebenso auch die redaktionelle Aenderung des schon in 2. Lesung angenommenen Anträge- Rintelen über den Wucher mit Vieh und ländlichen Grundstück«. Schließ­lich wurde das ganze Gesetz gegen die Stimm« ber Sozialbernokrate« unb Freisinnigen in 3. Lesung ange­nommen.

♦ lieber da- Recht ber Preßkritik öffentliche t Uebelstiinbe hat dar Reichsgericht dieser Tage ein für bie gesummte Presse wichtige- Urthril gefällt, daS sich besonders auf die Besprechung vo r Ausschreitung en von Militärperfonen bezieht. Der Redakteur der ,Mazd eb. VolkSstimme', Dr. Lux, wat wegen Beleidigung vo Militärpetsonm angeklagt Word«, weil et die bekunu tm Militär-Exzeffe in Mainz in etwas drastischer W eis