20. Jahrgang
Samstag, den 29. April 1893.
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Deutsches Reich.
Berlin, 27. Aprll. ■
* Der Kaiser hat am gestrigen Sterbetage des \ General-FeldmarschallS Grafen Moltke einen großen j Lorbeerkranz mit Namenszug auf der Schleife auf dem • Grabe in Kreisau niederlegen lassen.
* Der,Reichs-Anzeiger' veröffentlicht die Verleihung des Schwarzen Adler-Ordens an den Kardinal- ; Staatssekretär Rampolla. — Der ,Reichsanzeiger' , meldet ferner, die Audienz des Staatssekretärs Frhrn. von Marschall beim Papste habe anderthalb Stun- i den gedauert. Ferner theilt das amtliche Blatt mit, , daß der Staatssekretär heute eine längere Unterredung i mit dem italienischen Minister des Auswärtigen Brin hatte. In einem ausführlichen Berichte des .Reichs- Anz.' über den Befuch des KaiferpaareS im Vatikan wird bestätigt, daß die Unterredung zwischen Papst und Kaiser genau eine Stunde gedauert habe, und weiter berichtet, daß der Kaiser nach der Rückkehr in das preußische Gesandtschafthötel eine längere Unter- redung mit dem Staatssekretär Frhrn. von Marschall und dem Gesandten von Bülow hatte. — Wie der .Köln. Volksztg.' aus Rom gemeldet wird, lautete die Aeußerung des Kaisers zum Kardinal Ledochowski, als er demselben die Brillantdose überreichte, folgendermaßen: „Eminenz werden gebeten, die Vergangenheit zu vergessen. Als die traurigen Ereignisse vorkamen, wußte ich nichts davon." Die Kulturkämpfer sind über diese edlen Kaiserworte ganz aus dem Häuschen.
* Die ,Vosf. Ztg.' von jeher eines der wüthendsten Kulturkampfsblätter, bedauerte lebhaft, daß der K a i s e r dem Kardinal Ledochowski eine werthvolle Tabattere geschenkt hat. Dieses Organ deS öden Berliner Fortschritts erinnert an die Berurtheilung Ledochowski's im Kulturkämpfe. ES jammert, daß man auch den Frhrn. zu Franckenstein und Windthorst nach ihrem Tode wie Patrwten gefeiert habe und verräth eine lebhafte Sehnsucht nach der früheren Praxis der Behandlung sogenannter Reichsfeinde.
* Graf Paul von Hoeusbroech ersucht die ,fioln. VolkSztg.' auf Grund des § 11 des ReichSpreß- gesttzes [!] folgende thatsächliche Berichtigung aufzunehmen : „In Nr. 223 (Abendausgabe) finden sich aus Anlaß meines Austritts aus dem Jesuitenorden Angaben über meinen Geisteszustand, die jeder thatfächlichen Grundlage entbehren. Unrichtig ist, daß ich an einer krankhaften Nevenüberreizung leide oder jemals gelitten habe. Unrichtig ist, daß meine „Krankheit" vor zwei Monaten ausgebrochen sei; vor zwei Monaten hatte ich schon mehr als zwei Monate den Jesuiten - Orden verlassen. sDaS „mehr" ist sehr kurz zu nehmen. Mitte Dezember trat der Herr Graf noch als Jesuit auf ] Ueberdies bin ich seit September letzten Jahres überhaupt nicht mehr krank gewesen. Damals hatte ich einen heftigen Anfall von
Diphtheritis, den ich rasch und vollständig überstand. Unrichtig ist, daß ich in Bezug auf meine „Krankheit" in Köln ärztlich behandelt wurde. Zuletzt stand ich in Köln unter ärztlicher Behandlung im Jahre 1884; .ch georauchte damals einen Spezialisten für Halsleiden. Graf Paul von Hoeusbroech." „Bekanntlich, fügt die ,Köln. Volksztg.' zu, waren die ersten Andeutungen betr. eine krankhafte Nervenreizung des Grafen in der »Franks. Ztg/ und in der,Magdeb. Zig.' enthalten; dieselben wurden dann von der »Niederh. Ztg.' und uns bestätigt. Unsere eigene bezügliche Angabe beruht auf einem Mißverständnisse." Die .Germania' hatt diese Jrrthümer nicht enthalten. Auch der »Köln. Volksztg.' gegenüber hätte es aber der Berufung auf das Preßgesetz für dm Herm Grafen nicht bedurft. Dieselbe hätte ihren Jrrthum ganz gewiß ohne jeden Zwang gut gemacht.
* Die Aussichten für die Annahme des demnächst im Reichstage zur Berathung kommmden Antrages auf Anfhebnug des Jesuitengesetzes stehen nach der Aufstellung eines gegnerischen Blattes nicht schlecht. Es heißt in der Aufstellung: „Bon vom herein sicher sind dem Anträge außer den 108 Centrums - Stimmen die Stimmen der 17 Polen, 36 Sozialdemokraten, 10 Volksparteiler, 6 Antisemiten. 10 Elsaß-Lothringer, des einen Dänm und der drei Welfen. Das sind zusammen bereits 191 Stimmen, wozu noch die einzelnen „Wilden", wie z.B. der Abg. Fusangel, ebenfalls sicher kommen werden. Daß auch ein Theil der Deutschftei- sinnigin entschlossen ist, für den Antrag zu stimmen, hat der Abg. Dr. Meyer vor einiger Zeit schon im preußischen Abgeordnetenhause erklärt. Die Annahme des Centrums-Antrages durch eine ReichStagS-Mehrheit ist also unzweifelhaft. Was die Stellung der verbündeten Regiemngen anlangt, so verlautet bisher nur und ist durchaus glaubwürdig, daß sie irgmd eine bindende Erklärung im Reichstag; rficht abzeben werdm. Wahrscheinlich wird sich sogar der ÄuvdeSrath bei diesen Verhandlungen in völliges Schweigen hüllen und ruhig den Ausgang abwarten, um sodann später, unbehindert durch vorzeitige Erklärungen über den etwaigen Reichstags-Antrag beschließen zu können." — Also auch hier lautet vorläufig die Parole: Abwarten! Eins aber ist sicher, die Jesuiten werden wiederkommen, daran werde auch der Austritt deS JesuitmpaterS Grafen Hoeusbroech und die von liberalen Blättern daran geknüpften Erörterungen nichts ändern!
* Eine Art von Gründungsfieber macht sich int Parteileben bemerkbar. Neuerdings zeigt sich auch unter den hiesigen Handwerkern eine große Neigung, eine eigene Handwerker-Partei zu gründen und damit den Beschluß des vorigjährigen „Allgemeinen deutschen Handwerkertages" umzustoßen, bei den Wahlen mit aller Entschiedenheit für die Kandidaten der Ce n- trumS- und konservativen Partei einzutreten. Bezeichnend ist, daß in einer Berliner Versammlung die Antisemiten sich als die wahren Vertreter der
Handwerkerinteressen hinzustellen suchten. Die ganze Bewegung wurzelt offenbar in der Unzuftiedenheit, die augenblicklich in den weitesten Kreisen der Handwerker herrscht, und deren Hauptursache der wirthschaftliche Niedergang ist, in dem wir unS zur Zeit befinden. Centrum und Konservative haben Anstrengung« und Vorschläge genng gemacht, um dem Handwerke zu helfen. Die Handwerker sind nicht im Besitze von Ideen und Forderungen, die diese Parteien nicht vertret« hätten. Somit fällt die Schuld der wachsenden Unzufriedenheit des Handwerks fchließlich allein auf die Regierung, die sich hartnäckig weigert, auf diese Forderungen einzugehen.
* DaS Abgeordnetenhaus setzte gestern die zweite Berathung des Kommunalsteuergesetzes beim § 27 fort, welcher von den der Kommunalsteuerpflicht unterworfene« Person« und Gesellschaften handelt. Zu demfelbm lagen verschiedene Abändemngsanträge vor; ein Antrag Herold wollte die Steuerpflichtigkeit des Fiskus anders geregelt wissen. Abg. Pleß beantragte, die Aktimgesell- schäften und Genossenschaften mit beschränkter Haftpflicht, welche gemeinnützige Zwecke verfolgen und außer den landesüblichen Zinsen Bortheile für ihre Mitglieder nicht bringen, steuerfrei zu lasten. Abg. Krause stellte den Antrag, daß nicht am Orte wohnende Theilhaber einer Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht zur Kommunalsteuer herangezogen werden, die Gesellfchafter selbst aber frei bleiben sollen. Letzterer Antrag wurde nach längerer Debatte angenommen. Anknüpfend an den § 34 des Kommunalsteuergesetzes, welcher die Vorrechte der Staatsbeamt« bezüglich der Gemeindebesteuerung aufrecht erhält, entwickelte sich eine längere Debatte über Beseitigung oder wenigstens anderweitige Regelung dieses Beamt«privilegiumS. Bon fteisinniger Seite wurde die vollständige Beseitigung des § 34 und damit des Steuerprivilegiums der Beamt« beantragt, das Centrum schlug eine Resolutton vor, worin die Regierung ersucht wird, „die Vorrechte der Beamt« in der kommunalen Besteuerung gleichzeittg mit der be- absichttgten weiteren Aufbesserung der Gehälter zu beseitigen." Da jedoch diese Faffung seitms deS Minister- Präsidenten Graf Eulenburg entschiedenen Widerspruch fand, weil das Haus damit sich für künftige Entschließung« sofort festlege, änderte Abg. Sperlich den Ausdruck „beseitigen" in „regeln". Ein Antrag des Abg. Grafen Zedlitz-Neuttrch wollte das Steuerpnvi- legium der Beamten so lange aufrecht erhalten wist«, bis die Heranziehung der Beamten zu den Kommunal- abgaben durch besonderes Gesetz geregelt wird. In der Debatte wurde von verschiedenen Seiten entschied« betont, daß dieses Beamt«privilegium nicht mehr begründet sei, nachdem für die Einkommmsteuer die Deklarationspflicht eingeführt sei, aber der bestimmte Widerspruch des Ministerpräsidenten Graf Eulenburg, dem die Konservativ« schweigend folgten, brachte den Antrag auf fofortige Befeitigung des Privilegiums zur Ablehnung, während die Anträge des CentrumS und
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(2. Fortsetzung.)
„Wirklich schwer!" meinte Gacand, die Kanne in seiner Hand wiegend. „Aber waS thun Sie eigentlich mit all' dem Oel, Madame?"
„Da drunten die Händlerin gibt einen kleinen Rabatt, wenn man einige Liter auf einmal nimmt, und ich muß schon sehen, daß ich spare.....UebrigenS
wissen Sie ja, daß ich die ganze Nacht in meiner Loge Licht haben muß."
„Freilich, aber das ist ein sehr gefährliches Ding, diefes Petroleum! Schon so viel Unglück hat eS au- gerichtet! UibrigenS würde Herr Labrone ein sehr mißvergnügtes Gesicht machen, wenn er erführe, daß Sie in dieser Weise sparen — er hat ja strengstens verboten, daß ein Tropfen Mineralöl in die Fabrik komme."
„Ich wußte dies nicht ..." stotterte Johanna ebenso erstaunt als beunruhigt.
„Ueberhaupt müffen Sie sich vor dem Chef in Acht nehmen — wenn er es erführe, würde er gewiß sehr böse werden, und wenn er böse wird, dann ist nicht mit ihm zu spaffen."
„Bon morgen ab will ich gewöhnliches Oel brauchen! ich will Herrn Labrone keinen Anlaß zur Klage geben."
Beide waren mittlerweile vor der Fabrik ange
kommen, deren mächtiger, hoch über dieselbe hinauS- ragender Schlot dicke Rauchwolken spie.
DaS Thor war geschlossen.
Johanna ging voraus, um ja klopfen.
„Ein letzter W . . ." bat Garand, indem er Johanna zurückhielt.
„Nun?"
„Ueberlegen Sie sich die Sache nochmals — Sie wissen, daß ich Sie innigst liebe, daß ich unglücklich bin, wenn Sie mich abweisen.... Denken Sie an Ihre Zukunft, an die Zukunft Ihrer Kinder ... Ich habe bereits ein kleines Vermögen . . . Nehmen Sie sich Zeit genug, um zu übei legen, aber erlauben Sie mir, daß ich hoffen darf. Sie erlauben mir'S ja, nicht wahr?"
„Nein!" erwiderte die junge Wittwe kurz.
„Wie?" rief Jakob zornig, mit dem Fuße stampfend, so daß die junge Wittwe über die plötzlich eingetretene Veränderung deS GestchtSauSdruckS und des Tones ihres Begleiters ganz erschrocken wurde.
Sie wollte rasch auf das Thor zueilen, aber Jakob vertrat ihr den Weg und sagte hastig:
„Bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung, ich sage es Ihnen! Thun Sie eS nicht, dies wird bester sein?"
„Ja nun," erwiderte Johanna nachlässig, um seiner loS zu werden, „wir können ja sehen . . ."
„Wirklich?"
„Weshalb nicht?"
Die GesichtSzüge Jakobs klärten sich auf; der wilde Ausdruck, welcher ein« Aug«blick lang zum AuSb«ch gekommen war, verschwand rasch wieder
„Nun, endlich wenigstens ein gutes Wort", sagte er dann erleichternd aufathmend. „Ich bedurfte wirklich desselben, es belebt mich neu und gibt mir frisch« Muth und frische Kraft. Besten Dank!"
Das Thor hatte sich inzwischen geöffnet und Johanna mit dem kleinen Georg warm eingetreten, hinterher kam Jakob und schloß daS Thor ab. Eine Frau trat jetzt aus der Loge und sagte:
„Ah, bereits zurück, Madame Portier! Ich will sogleich zu meiner Arbeit zurückkehren, sonst könnte die Sache der äkeifterin verdächtig dünken."
„Ich danke Dir bestmS für Deine Gefälligkeit, liebe Viktoria!" . t .
„Keine Ursach'!" antwortete die Arbeiterin, wahrend sie zu ihrer Arbeit zurückkehrte. .
Garand, der Werkmeister, küßte d« kleinen Georg, während Johanna einen kleinen an die Loge stoßend« Verschlag aufschloß und die Kanne Oel auf eme der viele» ziemlich hoch an der Wand angebrachten Bretter $tßteijiet kann der Kleine, wenn et spielt, mit dem Oel "kein Unglück anrichtm!" sagte sie dann taut.
„Freilich, aber nehmen Sie sich vor dem Feuer m Acht!" meinte Jakob.
„Keine Furcht!"
„Alles ist hier leicht gebaut, überall viel leichter