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20. Jahrgang

Freitag, den 28. April 1893.

JM 96

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achtend.

Scanne befand sich bereits auf der Thürschwelle, als die Händlerin ihr nachrief:

„Nehmen Sie sich nur in Acht mit diesem gefähr­lichen Ding, und sch ießen Sie es zu Hause in einen Schrank ein. . . . Man weiß nicht, wie rasch ein Un­glück da ist, und Kinder . . . sind Kinder!"

„Keine Sorge!" erwiderte die junge Wittwe, „ich werde schon vorsichtig fein, denn ich habe selbst die größte Furcht vor dem Feuer."

„Also auf Wiedersehen!"

Der kleine Georg nahm auf Geheiß der Mutter fein hölzernes Pferd unter den Arm, und Beide schritten dann wieder der Fabrck von Atfortville zu, wo die Mutter daS Amt des Portiers bekleidete.

„Eine wackere Frau, in der That!" murmelte die Spezereihändlerin, den Heimkehrendm nachsehend, vor sich hin. „Gewiß fehlt ihr der Gatte, denn ich glaube, daß sie nicht ohne Ehrgeiz ist. J-deufallS hat sie ihre eigenen Absichten ober Idem, ich glaub'S ganz gewiß. Was mag sie nur mit den zwei oder drei Tausend FrmcS wollen, von benen sie sprach? Der Himmel mag eS wissen! Ich kann nicht so viel Geld auf die Seme bringen, ich mag arbeiten wie ich will."

Inzwischen ging Johanna Portier langsam ihres WeaeS dahin, ganz in traurige Gedanken versunken,

Für die Monate Mai und Juni werden Abonnements auf die _ ,

den euch zum Tanz aufspielen; wir werden euch eine Musik machen, die euch sowohl, wie der herrschenden Klasse gräßlich in die Ohrm klingen wird." So schlimm wird es wohl nicht werden; der Sozialist liebt es, den Mund etwas voll zu nehmen; um „gräßlich" zu wer­den, müßten die „Unabhängigen" stärker sein. Wahr- fcheivlich wird man die diesjährige Mai-Feier m Deutschland zugleich zu einer intensiven Wahl- Agitation benutzen. Im Allgemeinen scheint die deutsche Sozial-Demokratie aber der Mai - Feier nicht mehr die Bedeutung beizulegen, die ihr beispielsweise die österreichische Sozial-Demokratie beilegt. Hat doch Herr Bebel in seinem von unS neulich erwähnten Auf­satz über die Bedeutung der Maier-Feier in der Neuen Zeit erklärt, daß die Bedeutung ton Kundgebungen für eine Partei in demselben Maße sinke, wie ihre wirkliche Macht wachse. Und von ihrer wachsenden Macht ist die sozial - demokratische Partei tiefdurch­drungen. Das verräth deutlich der neuerliche Wahlaufruf.

* Sämmtliche Berliner Morgenblätter führen über­einstimmend aus, daß Ahlwardt von dem Reichstag gestern moralisch vernichtet worden sei, wie noch nie Jemand in einer deutschen Volksvertretung. Nur darüber gehen die Meinungen auseinander, ob Ahl­wardt mit klarem Bewußtsein dessen, was er thut, oder mehr unter dem Eirfluffe von Wahnvorstellungen handele. , ,,

* Das Abgeordnetenhaus setzte gestern die zweite Berathung des Kommunalfteuergesetzes fort. Zunächst wurde die gestern wegen Beschlvßunsähigkeit des HauseS ergebniß^os gebliebene Abstimmung über den Antrag Friedberg zu § 18, wonach die bestehenden Mieths- und WthmlNgSsteuern bis zum 1. April 1900 außer Kraft treten sollen, nochmals vorgenommen. Dieselbe ergab die Annahme deS Antrags Friedberg mit 128 gegen 124 Stimmen. Zu § 19 wurde ein Antrag deS üTeTTtr u m $ angenommen, wonach auch die Armen-, Waisen- und öffentlichen Krankenhäuser, die Gefängniß- B'sserungs- und Bewahrm statten, Mägdehäuser und dergleichen von der Grundsteuer befreit fein sollen. Die §§ 20 bis 24 wurden durchweg nach den Be­schlüssen der Kommission angenommen und hierauf die Weiterberathung bis Mittwoch vertagt.

• In Bezug auf die Kontrollverfammlnngen hat Abg. Richter mit Unterstützung der freisinnigen Partei nachfolgende Interpellation eingebracht: „Im Bereich des VII. preußischen Armeekorps soll nach öffentlichen Blättern bei den Frühjahrsversammlungen em Korpsbefehl verlesen worden sein, welcher mehrfach zu dem Mißverständniß Veranlassung gegeben hat, als ob die Personen des Beurlaudtensiandes tm beurlaubten Berhältniß in Bezug auf ihre staatsbürger­lichen Rechte irgend welchen besonderen Beschränk­ungen bei der öffentlichen Erörterung allgemeiner Fragen der Militärgesetzgebung unterworfen wären. Ich erlaube mir daher, den Herrn Reichs­kanzler zu fragen, ob derfelbe geneigt ist, durch Mit- theilung des wirklichen Sachverhalts der weiteren Verbreitung solcher Mißverständnisse entgegenzutreten."

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(1. Fortsetzung.)

„Nun ja, man meines schon einmal, aber spater bekommt man andere Gedanken, und in Ihrem Aller bleibt man nicht ewig Wittwe," sprach die Händlerin.

„Man hörr's steil-ch alle Tage, und diejenigen, welche zum zweiten Male heirathen, mögen ihre Gründe haben ... Ich habe andere Absichten . . ."

„Und welche, wenn man fragen darf?"

„Ah", erwiderte Scanne, während sich ihre Ge- fichtszüge verdüsterten, „wenn ich nur etwas Geld zur Verfügung hätte, so zwei oder drei Banknoten von taufenö Frar cS . . "

„Aber was würden Sie denn damit beginnen?"

„Was ich damit machen würde? . . . Aber, wes­halb" denke ich daran — weshalb mache ich solche Pläne? Sind es ja doch nur Träume, die sich niemals verwirklichen werden, denn ich wüßte nicht, wo ich das Geld bekommen sollte. Ich bleibe einfach auf der Fabrik, so lange ich kann, wegen meiner Kinder, und hrffe auf die Zukunft, wenn nicht für mich, bann wenigstens für sie . . ."

„So ist er recht, hoffen sollen wir stets. ... Da ist ihr Petroleum."

2.

Wir kennen bereits in etwa den Lebenslauf bet

den Katholiken bes Centrums ab, ob die guten Gesin­nungen des Kaisers gegen den Papst fortdauerten.

* Für die Mai-Feier werden von der Sozial- Demokratie überall umfassende Vorbereitungen ge- troffen. Die sozialdemokratische Pc,ff- ist angefüllt mit Ankündigungen von Versammlungen, F stlichkeiten, Umzügen, welche am 1. Mai, der dies Mal auf den Montag fällt, abgehalten werden sollen. Mai-Fest­schriften, Mai-Abzeichen, Mai-Lieder u.s.w. werden in Menge angeboten, schwunghafte Leitartikel machen für die Feier Stimmung. Der jüngste sozialdemokratische Parteitag in Berlin hat bekanntlich beschlossen, von der Arbeitsruhe am 1. Mai abzusehen. Wäre nicht die Rücksicht auf den Brüsfeler Beschluß, am 1. Mai die Feier zu begehen, gewesen, die erdrückende Mehr­heit des Parteitags würde für die Feier am eisten Sonntag im Mai sich ausgesprochen haben. Auf dem internationalen Kongreß in Zürich gedenken die Deutschen diesen Vorschlag zu machen, zumal die Eng­länder von Anfang an die Feier auf den ersten Mai- Sonntag verlegt haben. Für Arbeitsruhe am ersten Mai treten allgemein nur noch die österreichischen Sozial-Demokraten ein. Danach einer Bekanntmachung der österreichischen Regierung daS Fernbleiben auS den Staarswerkstätten am 1. Mai mit Entlassung aus der Arbeit geahndet werden soll, und da neuerdings auch der Centralverband österreichischer Industrieller be­schlossen hat, die am 1. Mai feiernden Arbeiter zu entlassen, die sozial-demokratische Arbeiter schäft aber an der Arbeitsruhe am 1. Mai festhält, so sind um­fangreiche Konflikte aus Anlaß der Mai-Feier in Oesterreich nicht ausgeschlossen. Die Wiener Arbeiter- Zeitung bemerkt lakonisch zu der Androhung der Arbeiter - Entlassung: „Das war alle Jahre so feit 1890, und die Virbe ter Oesterreichs haben alljährlich die schönen Plakate gdefen, haben gelächelt, und haben ihre Mai-Feier ruhig, acer irend zU-sschlllim gewußt. ES wird im Jahre 1893 nicht anders wer­den." An anderer Stelle wird drohend bemerkt, die Arbeiter würden etwaige Maßregelungen kaum ruhig hinnehmen. Große Vorbereitungen für die Mai-Feier werden auch in der Schweiz, in Italien, in Spanien und in Frankreich getrofstn. Der Parifer Stadtrath hat beschloffen, von nun an den 1. Mai als Ruhetag anzusehen, an welchem sämmtliche städtische Arbeiter bei voller Lohn - Bitt; rhlung von der Arbeit frei sind. Das kleine Hiuflein der Berliner „Un­abhängigen" will durch Arbeitsruhe demonstriren. Aber auch von rauschenden F. stlichkeiten will man ab- sehkn. „Kehren wir", schreibt der Sozialist, „an diesem Tage dem elenden Getriebe der heuchlerischen Gegenwart den Rücken, ziehen wir demonstrativ durch die Straßen und hinaus in die Freiheit, in die Natur; diesem Zuge können sich alle Enterbten und zerlumpten Arbeiter anschließen, die sonst von diesem F ste ausge­schlossen sind." Daß die „Fraktionellen" am 1. Mai neben Vorträgen auch Festlichkeiten veranstalten, ja sogar tanzen wollen, versetzt den Sozialist in großen Zorn: „Tanzt nur, tanzt nur, ihr Herren. Wir wer-

junaen Wittwe.

Mit zwiiundzwanzig Jahren hatte ste Peter Portier, einen wackeren, jungen Mann, welcher in der Fabrik des Herrn Julius Labrone Mechaniker war, geheirathct.

Vor einigen Monaten hatte der Mann durch die Explosion einer Maschine, die in Folge seiner Unvor- stchtigkeit, oder besser gesagt, einer Vergeßlichkeit erfolgt war, feinen Tod gefunden. ,

Der Besitze der Fabrik, Labrone, hatte der jungen Wittwe, um sie nicht dem Elend preisgegeben zu sehen, daS Amt des Portiers der Fabrik angeboten.

Natürlich hatte Johanna Portier dieses edelmüthige Anerbieten dankbar angenommen; inbefj druckte ste son- während cui’S Schmerzlichste der Gedanke, daß hier in dieser Fabrik ihr Gatte den Tod gefunden habe.

Vielleicht, so dachte sie stets bei sich, würde sich ihr Schmerz mit der Zeit wenigstens '«etwa gemildert haben, wofern sie diesen Ort, an welchen sich für fie fortwährend so schmerzliche Erinnerungen knüpften, hätte verlassen können. .

Leider war dies geradezu unmöglich; denn ste mutzte Brod schaffen für sich und ihre Kinder, und wenn sie auch vielleicht Arbeit fand, so war ihre jetzige Stellung

nebst der illustrirten Sonntagsbeilage, Sterne und Blume»' von allen Postanstalten, sowie Landbriefträgern, Zeitnngsträgern und von der Expedition „Harmonie" zum Preise von 1 M. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegenge- nommen. ____

Deutsches Reich.

Berlin, 26. April.

* Einige Blätter bemühen sich, aus der Romreise des KaiserpaareS kulturkämpserisches Kapital zu schlagen, ihr eine Sp'tze gegen das vergewaltigte Popst- thum anzudichten. Dagegen spricht deutlich genug die Thatsache, daß der Kaiser und die Kaiserin am Sonn­tag dem hl. Vater ihren Besuch abstatteten. Als das Kaiserpaar in Rom angekommen war, wu de sofort dem hl. Vater eine offizielle Meldung übermittelt. Die Majestäten sind nicht von dem jetzigen Königspalast aus in den Vatikan gefahren, sondern vom preußi­schen GesandtschaftShotel aus, ebenso wie es 1888 beim Antrittsbesuche deS Kaisers gera ten wurde. Um nicht die Equipagen des italienischen Hosts benutzen zu brauchen, hat der Kaiser Wagen und Pferde von Berlin mitnehmen lassen. Alle Rücksichten, welche die thatsäckliche Loge und die politischen Verhältnisse gestatten, sind also genommen worden. Möge die Unter­redung zwischen dem Oberhavpte unserer Kirche und unserm Herricherpaare zum Segen sür die religiöse Entwicklung in P eußen und Deutschland gereichen!

* Die zweite Berathung der Militär-Vorlage soll erst am Dienstag, den 2. Mai, beginnen, obwoal nach der Geschäfts^ dnuug dieselbe schon am nächsten Fre tag möglich wäre. Die Reichsboten haben also Zeit, sich die Sache roch einmal gründlich anzusehen. Auch em­pfiehlt es sich, vor der zweiten Berathung noch mög­lichst viel andern Stoff zu erledigen in der Voraussicht, baß mit der Entscheidung über die Vorlage das Ende des Reichstages zusammenfallen wird. Eine Blanko- Vollmacht zur Auflösung des Reichstages hat der Kaiser dem Reichskanzler nach der Versicherung der .Nordd. Allgem. Zig/ allerdings nicht zurrckgelaffen. Tas Blatt hat, auch wenn eS der Fall wäre, wohl kaum Veran­lassung, es zuzugeben, daß es ja noch immer ein Fünk­chen von Hiff- ung zu nähren bemüht ist. Eine Zeit lang sollte bekanntlich erst der Besuch deS Kaisers im Vatikan die Entscheidung bringen. Jetzt glaubt wohl kein Mensch mehr, daß von Rom aus eine Emwirkurg auf das Centrum erfolgen könne, geschweige denn, daß dieselbe an den Dingen etwas ändere. Selbst die Blät­ter, die vom Centrum gleich aller Ungünstige glauben, mögen sich keine Blößen mehr geben und weisen pikante Mitthrilungen englischer Blätter über die Unterredung zwischen dem Papst und dem Kaiser als unglaubwür­dig ab, so die Bemerkung deS Kaisers, eS hänge von

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