JV 95 Donnerstag, den 27. April 1893. 20. Jahrgang
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♦ Korporative Grgauisatiou der Landwirthe.
Ein Antrag deS CentrumS anf korporative Organisation des BemfSstandeS der Landwirthe ist bekanntlich dem preußischen Abgeordnetenhaus- zugegangen. Der- selbe hat folgenden Wortlaut:
„Das Abgeordnetenhaus wolle beschließen, die Königliche Staatsrcgierung zu ersuchen, die korporative Organisation der Berufstandes der Landwirthe unter Schaffung eines besonderen, der Natur dieses Standes entsprechenden und die chm eigenthüm- lichen Berhältnisse berücksichtigenden Agrarrechts vorzubereiten und den Häusern deS Landtags möglichst bald dahin zielend« Vorlagen zu machen." Unterzeichnet ist der Antrag von Abgg. Frhrn. v. Los, Hitze und Frhrn. v. Huene, unterstützt von der gesammten CeutrumSfraktion des Abgeordnetenhauses.
Der Antrag hat, entsprechend der Schwierigkeit der Materie, eine sehr vorsichtige Form und spricht die Abfichten der Antragsteller nvr in dem allgemeinm Gedanken aus. Ob er in dieser Session noch zur Ber- Bigen kommen wird, kann einigermaßen zweifel- scheinen. Doch wird er Ms alle Fälle sofort bei der nächsten Session wiederholt und dann unausgesetzt verfolgt werden. War auf dem Gebiete der freien BereinSthätigkeit geleistet werden kann, haben vnsere Banernvereive in weitem Maße bisher schon geleistet. Jndeffm hat die freie Vereins- thätigkeit eine Grenze, und an die eigentliche Wurzel -er heutigm Desorganisation des Bauernstandes reicht -fk nicht hinan. Hier kann nur ein staatlicher Eingreifen helfe«, lieber die Einzelheiten dieses float- tichev Eingreifens kann man sehr verschiedener Mein- «ng sein. Die Verhandlung deS Antrages wird hierzu eine ausgiebige Aussprache und, war die Tendenzen -er Antragsteller anlangt, eine volle Klarheit bringen. Da der Antrag auch auf andern Seiten deS Hauses und auf Seiten der Regierung nicht ohne Sympathie betrachtet weiden dürfte, so darf man sich auf sehr in- terefiante Debatten gefaßt machen. Der Antrag bewegt sich durchaus auf dem Boden der bisherigen allgemeinm EentrumSpolitik. Wie daS Centrum des Reichstages für die Organisation des Arbeiter- und Handwerkerstandes in erster Linie eingetreten vnd bereits Erhebliches erreicht hat, so tritt eS nun im Abgeordnetmhause auch für die Organisation des Bauernstandes ein. Die Arbeitm von Schäffle und deS Agrar-PolitikerS Dr. Tugen Jäger habm diese Idee bereits so gut vorgearbeitet, daß wir einer Ber- wirklichung derselben langsam, aber sicher näher kommm werden. AlS praktischer Kem für die Bestrebungm zur Organisation deS Bauernstandes wird wohl in erster
Endlich entlarvt!*)
Roman von R. von Wollersheim.
Erster Theil.
DaS Dorf Alfortville, welcher an der Straße nach Haisons-Alfort, hinter dem Fort Charenton liegt, wird zum größten Theil von dm Arbeitem der Hüttenwerke bewohnt, welche in der Ebme zerstreut liegen, die sich nach Westen zwischen der Seine und dm Böschongm der Eismbahn Paris-Lyon-Mediterraee, nach Osten gegen Creteil und Maisons-Alfort hin öffnet.
Ist dar Tagewerk vollbracht, so verlassm die Arbeiter die Arbeitsstätte und kehren heim. Die wmigm Bewohner der Hütten selbst müsim, um ihre Einkäufe zu besorgm, nach Alfortville oder Maisoes-Alfort gehen.
An dem Tage, mit welchem vnsere Erzählung beginnt, nämlich am 3. September 1861, sehen wir gegen drei Uhr Nachmittags eine Frau von etwa fechSundzwanzig Jahren auf der von Maisons-Alfort nach Alfortville führende Straße ihres Weges ziehm.
Diese Frau war in schwarz, einfach, aber durchaus reinlich getteibet, und eher schön als hübsch zu nmnm: es war eine sympathische, anziehende Schönheit.
*) Nachdruck verboten.
Ihre auffallmd dichten und langen blondgelbm Haare waren in dickm Strähnen nm ihr mtblößtrS Haupt gerollt, währmd über diesem üppig« Haar- wuchse in chrm etwas bleichm GefichtSzügm, halb verdeckt von langen Sugenbraunm, große blaue Augm erglänzten. Ihr Mund war Kein, dafür aber die Lippen schön geschnitten und roth wie eine reife Kirsche; dazwischm schautm zwei Reihen blendmd weiße Zähne hervor.
Manche sogmannte reiche vnd elegante Frau hätte diese Frau auS dem Arbeiterstande — beim eine solche war es — bmeibet, nicht allein um chr hübsche-, frische- Gesicht, sovbem auch um bie natürliche, ge- winnmde Anmuth, welche jebe ihre Bewegungm in ungezwvngmer Weise verrieth.
In bet rechtm Hand trug sie ein mittelgroßes Gefäß auS Wellblech, währmd sie an der Livkm einm kleinen Knaben von etwa drei Jahrm führte, der, ein lleineS auS Holz und Carton gefertigte- Pferd an einer Kordel nach sich fchleppmd, langsam hivtmdrein trippelte.
Plötzlich stießen die Räder de- Fahrzmge- auf einen ziemlich dicken Stein, wodurch da- ganze Fuhrwerk zum Stillstand gebracht wurde.
„Holla!" rief der kleine Knabe, indem er mit kräftigem Rucke sein Spielzeug vorwärts zu beweg« suchte.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. April.
• Im Reichstage stand hmte der Antrag Ahl- w ardt auf Einsetzung einer Kommission von 21 Mit» gliedern zur Prüfung seiner „Aktenstücke" auf der Tagesordnung. Der Andrang zu dieser Sitzung war Seitens des Publikums ein ungeheurer, so daß die Polizei Mühe hatte, die Pasiage auf dm Trottoirs und selbst aus der Fahrstraße vor dem Reichstagsgebäude freizuhalten. Die Tribüvm des Reichstags waren fämmtlich überMt, und sämmlliche Versuche noch Einlaßkartm zur hmtige« Sitzung zu erhaltm, längst vor Beginn der Sitzung vergeblich gewordm. Auch der Reichstag selbst war außergewöhnlich stark besetzt. Präsident v. Levetzow ertheilte sogleich beim Beginn der Sitzung dem Abgeordnetm Ahlwardt daS Wort mit dem Bemerken, daß derselbe zur Begründung seine« AvttageS nur die näher« Umständm darlegen dürfe, welche ihn veranlaßt hättm, fein« Antrag ein» zu bringen. Abg. Richter meinte dagegen, daß dem Abgeordnetm Ahlwardt die Möglichkeit gegebm werd« müsse, hier auf sein Material in weitester-Farm einzugehen ; andernfalls würde eS nach auß« hin eia falsches Bomrtheil erwecken, wenn die Entscheidung bis nach der KommisfionSberathung verschoben werde, und überdies könne auch der Reichstag ohne Kmntniß der Materie nicht über de» Antrag Ahlwardt be- schließm. Prästdmt v. Levetzow erteilte sodann dem Abg. Ahlwardt daS Wort. Derselbe griff ein- leitmd auf die beidm letzten Sitzungm vor dm Osterferim zurück «nb verlas einen Passus seiner Rebe, um zu beweism, baß bie Presse ihm vielfach Dinge in ben Mund gelegt habe, bie er gar nicht behauptet habe. Er habe nur behauptet unb wolle daS beweism, baß bei anderweitigm Dingen als beim Jnvalibm - FonbS baS brutsche Volk um hunbrrte von Millionen betrogen worben sei. Obschon er bamalS sogleich erklärt habe, baß er bie Akten nicht int Besitz hätte, und baß baS, war er sogleich vorlegen könne, kein positives Resultat ergebe, sei ein Vorgehen gegen ihn beliebt worben, welches er für eine Vergewaltigung erklären
Linie bie Bilbvng von bäuerlichen Genossenschaften in Bettacht kommm, welche Träger unb Verwalter ber Grunbverschnlbung sind unb bannt ben bäuerlichen Ärebit einerseits sichern unb babnrch billiger machen, anberersestS ober auch bis anf ein vernünftiges Maß beschränk«. Auch biefe Jbee ist in bm Bauernvereinen, schon seit Langem burchgesprochm worb«, lieber ihre Durchführbarkeit im Allgemein« besteht in bm Kreis« ber nächst« Interessenten ein Zweifel nicht mehr. Wenn bie Bauernvereine auf ber mit bief« praktischen Bestrebungen betretenen Bahn verharren unb Erfolge «ziel«, werd« sie «m so mehr eines „BnnbeS ber Landwirthe" entbehren können, ber feine Hauptkraft auf eine einstweilen höchst einseitige Agitation richtet.
müffe. Bei bm Enthüllung« beS Abg. Lasker sei man anders verfahren. Derselbe habe nicht einmal Sktm- material für seine Anschuldigung gchabt, und doch sei eine parlamentarische Enquete-Kommission eingesetzt tourten. Abg. Richter habe die schwerstm Vorwürfe geg« ben Fürsten Bismarck erhoben, ohne baß chm Akten- material abverlangt worbm sei, unb derselbe Abg. Richter habe sich auch nicht mtblödet, dm Präsident« der Reichstage« in sein Lügengewebe hineinzuziehm, indem er behauptete, daß der Präsident «klärt habe, mit ihm (Ahlwardt) nur noch in Gegenwart von zwei Zmgm verhandeln z« können. Eine solche Amßemng habe der Präsident nicht gethan. Richters Behauptung sei eine bewußte Lüge. (Ordnungsruf des Präsidenten.) Der Seniorenkonvmt habe ihn auch nicht so behandel^ wie man sonst Abgeordnete zu behandeln pflege. Die Aktm seien ihm durch einen Herrn Meißner angeboten, der als Beweggrund dm Umstand angegeben habe, baß seine Tochter burch Herrn PrinS-Reichenheim unb Herrn HanS v. Bleichröber geschändet Worten sei. Redner ging dann auf dm Inhalt seiner „Aktenstücke" näher ein, ohne damit im Hause selbst oder auf de» Tribünen dm Eindmck überraschender EnthMnngm zu erzielm, da er im Wesentlichen nur dasjenige vorbrachte, wa- in der geplant«, auch von MS mitge» theiltm Interpellation auszugsweise «chatt« war. Rur bekam« seine Anschuldigungen hmte eine mehr persönliche Spitze. AlS diejenigen Person«, welche daS deutsche Volk um Hunderte von Million« betrog« hättm, nannte er die Herr« Bleichröder, Hansemav« vnd Miquel, letzterer damals Direktor der Diskonto-- Gesellschaft. Herr Miquel habe vor Gericht erklärt, daß er niemals eigene Geschäfte gemacht habe, sonde« nur Geschäfte für die DiSkonto-Sesellschast, aber man werde in dm Akten ein« Brief find«, wonach Miquel sich persönlich mit 100,000 Thalern «gagirt habe. Durch daS Eingreifen der Diskonto - Gesellschaft zu Gunst« der mrnänisch« Eismbahn sei daS deutsche Sapsta^Ml.Lerettkt Worte», so»tern.m ftemde Hände über gegangen. Alles das sei nur möglich gewesen durch eine großartige Bestechung der Preffe, der Wimer und ber Berliner Preffe, wofür er in ben Aktenstücke» bie Beweise habe. Die Bestechungen ber Berliner Preffe sei« von ber Diskontogesellschaft anSgegangm und solch« Sluttern zu Theil gewordm, die ihn jetzt alS AuSwurf der Mmfchheit bezeichn«. Für die rumänisch« Eismbahnattim sei Mch Stempelfrecheit nachgesucht worbm. Herr Miquel habe jedenfalls ein« groß« Gewinn erhalten, unb neben jüdisch« Firmen auch anbere Herren wie Herr v. Karborff. Redner ging bann aus die Gründungen näher ein und auf die Eis«- bahv-Konzession«, bei welchen der Staat schr viel Geld verloren habe, nammllich bei der Hannovw-Atten- betener Bahn, für welche die Herren von Bennigsm und AdikeS die Konzession nachgesucht hatten. Wer hier dm Gewinn ht die Tasche gesteckt habe, könne er nicht Nachweisen. Näheres über den Ankauf von Bahnatti« für den JnvalidmfondS werde er in der Kommission darlegm. 68 liege ihm fern, Jemand« persönlich zu
Durch diesen krästigm Ruck iudeß verlor daS Pferd daS Gleichgewicht unb stürzte, jetzt bereits zum fünften Male, elendiglich auf bie Seite.
Die junge Frau blieb jetzt ebenfalls steh« unb sagte bann i» liebevollem Tone zu bem Kinb: „Nimm daS Spielzeug, Georg, in Deme Hanb unb ttage es . . . Wir hatten n»8 sonst zu lange auf."
„Ja, Mutter," anttoortete ber Kleine, intern er sofort baS Spielzeug vom Bob« unter seine Aermchm nahm.
Samt setzten Selbe ihr« Weg fort.
Balb, hatten sie baS Fort Charenton hinter sich unb befanbm sich bereits bicht an bm ersten Häusern von Alfortville.
Die junge Fran betrat einm klemm Kramladen u»b klopfte drei Mal, da sie Riernandm gewahtte, auf bie Theke, worauf endlich eine starkknochige Frau aus einem Seitemimmer hervorkam. ,
Sie da, Madameß Portier?, hob bie Fr« freundlich an, „wa8 gefällig?“
„Pettolmm." , ,, . nl
Petroleum?" wieberhotte bie Händlerm erstaunt, „über wa8 machen Sie benn eigmllich bannt? Erst gestem habm Sie welches erhaltm. ..."
„Das Kinb hat bie Kanne nmgestoßm," ertoieberte Madame Portter.
I „Ah! . . . Wie viel müffm Sie haben?"