Einzelbild herunterladen
 

Sonntag, den 23. April 1893.

Der Staar.

Die Ristkästchen in unfern ObstbSumen find von neuem be­zogen. Die treuen Staate haben sich wieder eingestellt. Bei ihrem alten Wirthe haben sie Einkehr gehalten. Wie früher, das wiffen sie, wird er ihnen Obdach und reichliche Nahrung ge- währen. Gern spendet er ihnen die letztere; wird er doch selbst durch sie in seinem Wohlsein gefördert. Seit Jahren leben die treuen Bögel fo mit ihrem milden Wirthe zusammen; und doch gab eS eine Zeit, in welcher der Staat aus dem Apfelbaume nicht gefehen wutde. m , __ .

Det Staat ist nämlich ursprünglich etn Waldvogel. Erst rm Laufe der Zeit, alS unsere Wälder mehr und mehr gelichtet und abgetrieben wurden, hat er sich allmälig in der Nähe der mensch­lichen Wohnungen angefiedelt. Mit diesem Wechsel der Wohn­ung ging eine Aenderung der Lebensweise Hand in Hand. Nur seinen Charakter als Zugvogel hat der erste unserer Frühlings­bote« sich bewahrt. Im Winter »eilt er fern von uns! «6er schon jm Februar, wenn man an einen Abzug des unfreund­lichen Graubartes kaum denkt, zieht ein Pseisen deS Staates unfern Blick nach dem First eines Daches oder der Platte ernt» Schornsteines. Dort sitzt der dunkele Bogel und singt sem SDlorgenlieb der ausgehenden Sonne entgegen. Lebhafte Schläge der ziemlich langen Flügel begleiten den einförmigen Gesang.

Doch nicht lange weilt der Staat aus fernem lusttgen Sitze. Der Hunger treibt ihn auf benachbarte Wiesen und Felder. Dort schrettet er mit seinen kräftigen Beinen langsam einher; Bet jedem Schritt bewegt er nickend den kugeligen Kopf. Eifrig späht er mit feinen dunkeln Augen nach kleinen Nacktschnecken und fleischigen Würmern. Mtt dem hell hotnfarbenen Schnabel er­greift er die leckere Lesung, um sie schnell m demselben ver- schwinden zu lafien. Bis zum Abendtreibt et draußen sem Wesen. Erst mit bet Dämmerung kehrt er m Ine ®tai)t zurück. Dort begibt er sich nach einem kurzen Abendliede unter dem Ge- flmse des Daches zur Nachtruhe.

Kommen die ersten, eigentlichen ?tühlmgstage, so schaaren sich die gesättigten Staate wohl zu kleinen Scht^rmen rusammeu und lassen von bet Krone eines Baumes chren Gesang erschallen. Welch ein Gewirr von Stimmen! Bekannte und unbekannte Strophen bringen an unser Ohr. dringt durch »w Mestm Stimmen der kräftige Schlag eines Buchsinken bann Mren wx das Schilken unseres Gassenvogels, deS Spatzen, nunwicher er- klinat das Zwitschern der Schwalbe, und dazwischen werden viele frnnde Strophen laut. Wo hat der deutsche Bogel diese gelernt? gm im heißen Afrika wat er während des kalten WmterS; nun, zur Heimath zurückgekehrt, erzählt er fernen Freunden m der fremden Sprache feine Erlebnisie.

Jedoch nur wenige Tage gönnen sich die Staate ein solches Vergnügen. Wenn das Brutgeschäst beginnt, haben sie zu Kon- zetten keine Zeit. An den Stellen, an denen er sem Nachtlager

Aerbauut.

Nach de» Englischen von I. Rüttgers.

(Schluß.)

6.

Miß Romey ging, nachdem fi« ihre Erzählung be­endet einen Schritt auf die Thüre zu. Lord Darkwood eilte ihr mit bleichm Zügm und verstörtem Blicke nach. Sie blieb steh«. Dann öffnete er seine Arme, um fie zurückzuhaltm und rief mit durchdringender Stimme:

JDL erhören Sie mich, erhörm Sie mich!"

Die Jndieriu schüttelte chr Haupt und wollte vor- beigehm.

„Ich bitte Sie," sagte er flehmttich, „hör« Sie, Wag ich zur Bertheidiguug zu sagm habe."

Sie heftete chre Augen auf die verstört« Züge bti Marquis und warf ihm eium sonderbarm Blick zu. Der Letztere neigte fich alsdann zu chr und rief aus:

„Klara! o Klara! ..."

Dann streckte er chr feine Arme entgegen und blickte fie bittend an.

„Zurück!" sagte fie. „Ich bin Sieily Romey ... Klara Morcham ist tobt! . . ."

Aber bet Marquis rief abermals auS: „Klara, meine Frau, meine thmere Frau!"

„Sie irr«, mein Herr, Sie hab« niemals eine Frau gehabt."

„Doch, boch, wir finb gesetzlich verheirathet. . . Man hat anch mich von bem Gegmtheil überzeug« voll« . . . Sobald mein Vater mir mitgetheilt hatte, daß meine Heirath mit Ihnen nur eine Komödie war, bin ich nach unserem Hause zurückgekehrt, aber Sie war« nicht mehr dort . . . Vergeb«- suchte ich Sie überall — ich begab mich sogar nach Yorkshire, wo­selbst ich auf Umweg« Nachricht« von Ihn« ein« zuzieh en versuchte. Man {teilte sich, als ob mau mich nicht verstehe. Ich kehrte alsdann zu meinem Vater zurück, welcher mir versicherte, daß man Sie in der Themse ertrunken gesund« habe. Er setzte hinzu, daß man Ihre Person erkannt habe. Und ich, Klara, habe eS geglaubt ... Ich kannte Ihre Eigenliebe und Ihr« Stolz: ich dachte, daß Sie nicht das überleb« wollt«, was dieses Ungeheuer von Tollis als Ihre Schande bezeichnete."

„Renn« Sie mich nicht Klara," sagte die junge Frau stolz. „Ich sage Ihn« nochmals, ich heiße Miß Romey."

„Da ich Klara tobt glaubte, so verließ ich Sötte« moor," fuhr ber Marquis fort, „und begab mich hort» hin, wo unsere Trauung vollzogen worden war, um zu erfahr«, ob Kapitän Tollis die Wahrheit gefugt habe. Ich fand in der Thai den Schauspieler vor, welcher mir eingestand, daß der Kapitän ihm wirklich eine ziemlich große Summe gegeb« habe, damit er die Rolle eines Predigers übernehme, daß er jedoch hn letzt« Augenblicke Bedenk« gehabt und da-Ganze einem wirklich« Prediger anvertraut habe, welcher denn auch die Trauung vollzog« habe. Die Trauung war also gülttg, nnb Klara Morkham war meine recht­mäßige Frau."

In biefem Augenblicke ließ Herr Morkham, welcher sein« Platz seit bem Beginne dieser Scene nicht ver­last« hatte, ein« tief« Seufzer vernehm«.

„Ich kehrte nach England zurück," fuhr Lord Dark­wood fort, „mit d« untrüglichsten Zeugnissen für die Gültigkeit unserer Ehe in der Tasche. Als ich in Eng­land ankam, vernahm ich, daß Herr Morkham da» Land verlast« hatte. Oh, ich war sehr, sehr unglück­lich! . . . Ich hätte sogar, wenn mein Vater mich nicht daran gehindert hätte, d« Elmd« gelobtet, welcher die Ursache deS Todes meiner Frau gewes« ist und so mein ganzer Glück auf Erd« zerstört hat."

Bei dies« Wort« warf der MarqniS der In« bierin ein« zart« und bittend« Blick zu. Auch in dm GesichtSzügm der jung« Fran war eine merkliche SSeränbemng wahrzunehmen. „Gestern Abend", fuhr Lord Darkwood fort, „habe ich meine Tochter, wieder« gesund« . . . Gwendoline, meine Tochter, komm' zu mir!"

Gwendoline verließ den Arm Ronald'S und trat au die Seite ihre-) BaterS.

„Mein Kind," sagte der edle Lord mit Sanstmuth, »vertritt Du meine Sache bei Deiner Mutter — ich will gestehen, daß ich ein« Fehltritt beging, indem ich meine Ehe im Geheim« schloß; nun, ich habe meine Strafe dafür bereits erhalt«."

Dann wandte er sich an Miß Rorney und sagte: „Klara, verzeihe mir, — ich liebe Dich inniger als ich Dich je geliebt habe; Du bist mein Leb«, und ohne Dich würde kein Glück mehr für mich auf Erd« sein, ^ei nicht unerbittlich, Klara; Dein Gatte und Dein Kind bitt« und beschwör« und flehen Dich darum."

Gwendoline ergriff den Marquis bei der Hand und i°9 ihn auf Miß Romey zu, der« Lippen ein liebe­volles, zärtliches Lächeln umspielte, und ber« Ge« sichtSzüge wie verklärt und in unsäglichem Glück zu

„Ja", antwortete der Greis, „ich bin eS selbst.

„(ßne bejahrte Person ist da von London ongr komm«," fuhr der Dimer fort, „und wünscht Sie augenblicklich yt sprechen. Da kommt sie schon."

ES war Madame Omllet, welche auf die Kunde, daß die in der Haide gefundme und auf dem Fried- Hose ruhende Frau nicht die Tochter ihre« Her« sei, dem Letzteren nach London nachgereist war, um ihm diese Nachricht zu überbring«.

„Herr, Herr!" rief fie, als fie Herrn Morkham'S anfichttg wurde, „ich muß mit Ihn« sprech«, ich habe Ihn« eine wichtige Nachricht zu überbring« . . ."

Plötzlich hielt fie inne: fie hatte Gwendoline wahr- g«ommen. Sollte fie, so dachte sie fich, bei ihrem Vater Gnade gesund« hab«?

„Meine gute, liebe Wohlthäterin ließ fich eine Stimme neben ihr vernehm«, „hab« Sie dem» meiner vergessen?"

Die Haushälterin wandte fich lebhaft um.

„Madame Quillet," sagte der Squire stolz, „diese Dame ist meine Tochter Marquise von Darkwood."

„Miß Klara, mein theuereS Kind!" rief die alte Frau aus, fast gleichzeitig vor Freude lachend und weinmd. , , , .

Wir hab« unserer Erzählung wema mehr bnzu« füg«. ES würde uns unmöglich sein, das Glück ber beiden Satt«, Lord Chilton'S und aller Anwesend« zu beschreib«. Der Leser wird begreif«, daß Schloß Dunholm niemals ein größeres Fest sah, als an jmem feierlichen Tage, an welchem Lord Darkwood sem« Pächtern und Angestelltm seine Gattin und Tochter vorstellte. Wir wollen noch kurz erwähnm, daß Kapitän Tollis ohne Sang und Klang zur letzt« Ruhe be­stattet wurde — Niemand hatte ein Wort de» Be­dauerns oder Mitleids für chn.

Lord Darkwood nahm fich au» Erbarm« Georginas, feiner Tochter, an, und brachte fie bei einer ehren- werth«, gebildeten Dame unter, um ihre Erziehung zu vollenden, damit sie später selbst chr« Lebensunterhalt gewinn« könne. Eines Tages jedoch entlief fie chr« Lehrerin und von da ab war unb blieb sie gänzlich verschollen. , Ä

Ein halbes Jahr spät« war neue Freude auf Dun­holm. — D« Les« wird «rach«, daß es heute gatt, die Hochzeit Chllton'S und Gwendolin«'» zu feiern.

W« brauch« kaum hmzuzufügm, daß der alte Squire glücklich war: « wollte seine Tochter und seine Enkelinnen nicht v«laffen und ließ fich dann schließ­lich bei ihn« auf Dmcholrn nieb«, Währmd seine treu« Dimer, die Eheleute Quillet die alte Besitzung, Schloß Louernoor eben so tr« verwaltet«, war ihm das Glück beschiedm, noch sehr lange bei seinem Kinde und Kinderkinde zu verweilen und seine Urmkel noch auf seinem Schooße zu schaukeln; hochbetagt starb «, heiß beweint und betrauert von sein« Lieb«.

erstrahl« schimm. Sie that einen Schritt voraus, und Edward, die Hand sein« Locht« loSlaffmd, schloß eine Frau in die Arme mW rief auS:

„Ich habe fie wiedergefund«, wiedergefunden!"

Inzwischen ließ He« Morkham, welcher noch imm« unbeweglich an seinem Platze stand und destm Brust die verschiedmstm Gefühle zu bestürm« schi««, die Jndieriu nicht au» dm Auam. D« Marqni» seiner- fett», welch« solche» Glück fich nicht «träumt hatte, umarmte bald seine Frau, ball» seine Tochter, indem er Zfjrättm der Freude vergoß und in seinem Jnn«n Sott für die unsägliche und unerwartete Wonne dankte, welche « ihm beschiedm hatte. Ein tiefe» Stillschweigen herrschte während dies« Scme im Saale, und Alle warm tief bewegt.

7.

Miß Romey — welche wir so zum letzt« Male nenn« — entwand sich sanft dm Armm ihre» Gatt« und hob bann an:

„Lorb Chilton, Herr Sutton, unb Alle diejenigen, welche sich hi« befind«, e» bleib« mir nur noch wenige Worte hinzuzusügm übrig: „Ich bin in der That jene Klara Morkham, der« Leiche man in d« Haidefläche von Yorkshire vor achtzehn Jahren zu fin- d« geglaubt hat . . . Ich weiß selbst nicht, wie ich damal» in jm« Rächt dem Tode «ttonnm bin; »ch wurde von einem Baue« aufgehob«, welch« fich »et« spätet hatte, « legte mich aus seine Karre nieb« unb brachte mich zu seinem Haufe. Am folgend« Morgm fiel ich in eine schwere Krankheit, unb derjenige, welch« mich gerettet hatte, brachte mich in ein Hospital nach Manchester, woselbst ich mehrne Wochm lang zwischm Tob unb Leb« schwebte.

„Al» mein Zustand sich besserte, fmg ich nach meinem Kinde, man antwortete mir, daß man kein Äinb gesehen habe unb daß man nicht wiffe, wa» ich sag« wolle. Bon Tag zu Tag kam« mir die Kräfte Wied« zurück; ich sollte da» Hospital verlassen und wußte nicht wohin ich meine Schritte lenk« sollte. Rach Louernoor geh« und mein« Bat« anfleh« — oh, daran konnte ich nicht denk« . . . Sein schreck­lich« Fluch verfolgte mich Tag und Rächt ... Ich vertraute einem der Aerzte deS Hospital», bei welchem ich ein Jnteresse für mich wahrzunehmen glaubte, meine Besorgniß an und sagte ihm, daß ich ohne Mittelund Obdach fei; d« ehrenwerthe Mann übernahm e», sich nach einer für mich passend« Stelle umzusehen. „Einige Tage spät« ftug « mich, ob ich eine ihm befreundete Familie al» Gouvernante nach Indien begleit« wolle. Ich habe in biefem Länderstrich noch einige Verwandte — ich wünschte nicht» sehnlicher, al» England ver­last« zu können und so nahm ich da» Annbiet« de» Arzte» mit Freud« an. Dort fand ich den Bruder meiner Mutt«, den General Romey, vor. Ich legte ihm meine Lage dar und « unb seine Frau bemit­leidet« mich au» vollem Herz«. Sie hatt« ebm ihr einzige» Kind vmlorm, rneme Koufine Siclly. Sie be­trachteten mich al» diese» chr Kind, gaben mir sein« Namen und nahm« mich an Kindesstatt an.

„Ein ganzes Jahr lang besuchte ich keine Gesell­schaft, sondem schloß mich in meine Stube ein und widmete mich dem Studium. Kurze Zeit nachher ttaf mich da» Unglück, daß ich meine Adoptivmutt« ver­lor, wie denn auch zwei Jahre nach diesem Ereigniß ebenfalls General Romey dar Zeitliche segnete — und mich gleichzeitig zum Universalerben seiner Vermögen» einsetzte. Auch nahm « mir das Versprech« ab, daß ich nach England zurückkehr« und mich dort nieb«« lass« solle.

Ich kam nach London und vemahm hi«, daß Schloß Beechrnont zum Verkaufe stehe. Ich schickte meinen Verwalter dorthin, welcher da» Besitzthum denn auch für mich einkaufte, ohne freilich zu ahn«, daß e» in d« Nähe de» Schlosse» Dunholm liege. Da» Uebrige wist« Sie. Ich habe meinen Gatt«, mein Kind, mein« Rang, meine Stellung, meine Ehre wieder- gesund«. Ich habe jetzt nur noch einen Wunsch auS- zusprechen: mein« eilen Vater noch ein Mal wieder- zusehen unb ihn nm Verzeihung zu bitt«."

Bei dies« Wort« trat Herr Morkham einige Schritte vorwärts, tote ein Trunkener hin- tmb hm- schwankend.

„Hier ist «, Klara!" murmelte m schluchzmd, „him ist et, dm Dich einstmals vnflucht hat . . Oh, wirst Du mir jemals meine Härte vmzeih« können?"

Klara stieß ein« Rus dm Frmde auS und eilte in die Arme ihres BaterS, reiche Thrän« vergießend.

„Und Du, Gwendoline," sagte dm Greis, i dem er sich an daS junge Mädchm wandte, „Du, dir ich so grausam behandelte, wirst Du mein Benehm« je vm- gest« könnm?"

Mit strahlendem Gesichte eilte auch träte Enkelin auf den Greis zu, welchem die Thrän« in dte Augm trat«, und umarmte chn imtigst. t ,

In diesem Augenblicke bettat em Diener den Salon und fmg, ob Herr Morkham in demselben anwesend sei.