92 v Sonntag, den 23. April 1893. 20. Jahrgang
MdaerMZkitimg
dem es heißt, Se. Majestät könne zu der Ausführung
Ausland.
April. Die Regierung traf ange- Mai Vorkehrungen zur Aufrecht-
Deutsches Kelch.
Berlin, 21. April.
der Herstellung der Fassade zur Last. Wegen der Pferdebahn wolle der Kaiser den zuständigen Behörden nicht vorgreifen; er für feine Person würde der Durch- führung der Pferdebahn auf der Südfeite de» Schloß- platze» keinerlei Schwierigkeitm entgegensetzen Md fie genehmigen, wenn sonst keine behördlichen Anstände sich fänden.
* München, 20. April. Da» Königl. Staat»- Ministerium hat die Bitten der BezirkSamtSschreiber um Ernennung der zweiten und dritten BezirkSamtSschreiber durch die Königl. KreiSregierungm und «er- leihung de» Titel» „Assistent" für die zweiten imb „Funktionär" für den drittenBezirkSamtSschreiber, abgewiesen.
* Die „Rassische Ztg." brachte in ihrer gestrigm Morgenausgabe nachstehende Mittheilung:
Uns geht folgende Meldung zu, die tmr redoch mit auem »orbehalt wiedergcben: .,Der berühmte Jesuit Paul Graf »o« HoruSbroech, der in Deutschland bekannt war als der | geistige Borkämpfer des Jesuitenordens, ist aus diesem Orden Sfsentlich auSgeschieden und motivirt diesen fernen Austritt mit der Behauptung, daß der Orden antimonarchifch und antinational sei! Dieser Austritt des Grafen HoenSbroech ist zweisel- loS ein Ereigniß von größter Tragweite und beispiellos in 6er ganzen Geschichte des Ordens. Der Graf trat mit 27 Jahren nach «bsolvirung seiner juristischen Studien in den Jesurten- orden ein, dessen geistige Leitung (I) er schr bald in die Hande bekam (!). Er wohnt zur Zeit in Frankfurt a.M. und steht im besten Mannesalter. Er ist der Bruder des Relchstagsab- geordneten Grasen HoenSbroech, der Mitglied der Centrums-
Darauf ist der Redaktion der „Bosfischen Ztg." folgende Erklärung zur Veröffentlichung zugegangen:
„Rr. 181 Ihrer Zeitung enthält eine Mittheilung, in welcher auch mein Name genannt wird; ich sehe mich daher zu folgender Erklärung veranlaßt, welche in die nächste Nr. Ihrer Zeitung aufzunehmen ich Sie ergebenst ersuche: «Der Austritt meines Bruders aus dem Jesuitenorden ist thatsächlich erfolgt; die übrigen auf seinen Austritt und seine Stellung zum Orden sich beziehenden Bemerkungen sind absolut «»richtig.
Graf von und zu HoenSbroech."
Daß Graf Paul HoenSbroech aufgehört hat, Jefuü zu sein, wird in der Erklärung seiner Bruders zugegeben. Mit aufrichtigem tiesen Schmerz wird es aber die Katholiken Deutschlands erfüllen, daß jetzt eine Abhandlung der Herrn Grafen gegen den Orden angeküvdlgt wird, den er noch in den letzten Jahren in eigenen Schriften und einzelnen Artikeln so eifrig vercheidigte. Im frischesten Andenken steht in dieser Beziehung noch seine Schrift: „Warum sollen die Jesuiten nicht zu- ; rückkehren?" Und nun eine Abhandlung dieser eifrigen j Verfechters und bisherigen Mitglieder des Jesuiten- Orden« gegen denselben. Erscheinen soll die Abhandlung in dm „Preußischen Jochrbüchern", einem Organ, dar sich stets durch eine große Abneigung gegen ' aller Katholische ausgezeichnet hat. Um die Richtung der Ausführungen anzudeuten, nennt die ,Vosi. Ztg/ als die Ueberschriftm zweier Abschnitte der Schrift: „Der JesuitiSmuS unterdrückt, ja vernichtet bis zu einem gewissen Grade die Selbstständigkeit, den Charakter, die Individualität des Einzelnen." „Der JesuitiSmuS unterdrückt, ja bis zu einem gewißen Grade vemichtet da» berechtigte RationalitätS-Sefühl, den berechtigten Pa- triotiSmuS." — Da daS Machest der „Preußischen Jahrbücher" bereits Ende dieses MonatS erscheint, wird die alle Zweifel hebende Aufklärung über die Sache nicht lange auf sich warten lassen. AIS Erklärung für daS tief betrübende Borgehm des Herrn Grafen wird Won mehrermSeitm hervorgehodm, daß derselbe schon fest einiger Zeit geisteskrank sei.
• Der Abg. Ahlwardt ist entweder ein unglaublich konfuier Kcpf oder ein „ganz geriebener Kunde", wielleicht beider zusammm. Die von ihm übernommene Verpflichtung ist so klar wie möglich; er hat den okten- mätzigen Beweis zu liefern, daß daS deutsche Volk bei GründMg des ReichS-Juvalidmfonds durch die Juden wm Hunderte von Millionen geschädigt wordm ist. Ist er im Besitze von beweiSkrästigm Aktmstücken, so ist e» das leichteste Ding von der Welt, sie zur Kenntniß deS Reichstag«; zu bringen. Er braucht bloß auf die Redner- Tribüne zu steigen und mit dm ®orten: „Hier sind die von mir versprochenen Aktmstücke", dieselben auf dm Tisch des Hwise» uiederzulegm. Dazu wird ihm der Präsident jederzeit vor der Tagesordnung Gelegenheit geben. Acht Tage ist nun bereits der Reichstag wieder versammelt, ober Herr Ahlwardt ist mit dem schwieriqm Werke immer noch nicht zu Stande gekom- mm. DaS Unglück wollte immer, daß er nicht dm richtigen geschästSordnMgSmäßigen Weg fand. Allem Anschein nach wird er ihn auch wohl erst findm, wenn « nicht mehr Abgeordneter ist. Gestern hat er nun einen matn Anlauf genommen, seiner Verpflichtung uachzukommev, aber einen so erstaunlich seltsamen, daß MM fragen muß: will der Herr dm Reichstag zum Besten habe» oder hat er Alles vergeffm, was er gesagt und versprochen hat? Er ist nämlich mit einem langen „dringlichenAntrage" hervorgetreteu, für wn er jetzt Unterschriften sarnmät. ES ist darin aber uicht von der BoilegMg seiner Aktmstücke die Rede,
• In Belgien ist auf den WahlrechtS-Beschluß der Kammer eine sehr erhebliche Beruhigung einge- treten. Die Führer der Streikendm in Brüffel be- schloss« die Veröffentlichung deS Manisches, das die Arbeiter zum Einstellen des Streikes oufforbert, gleichzeitig jedoch erklärt, daß da» Volk noch nicht völlig zufriedmgestellt ist, mtb daß es fortfahren werde, daS allgemeine Stimmrecht in feinem vollm Umfange zu fordern. In Brüssel, Antwerpm und Gmt ist die Arbeit fast vollständig wieder aufgmommm wordm. — Der angmommme Antrag RyssenS besagt: Jeder 25jährige Belgier besitzt daS einfache Wahlrecht. DaS Recht der doppelten Stimmenabgabe besitzen: 1. alle 35jährigen Familienväter, welche 5 Frank» an direkten Steuern entrichten; 2. alle 25jährigen Eigm- thümer einer Liegmfchast im Werthe von 2000 FrkS. ober eine» Sparkassenbuches, welches 100 FrkS. Rente einbringt: 3. alle 25jährigm Besitzer be» Diplom, einet Hoch- ober Mittelschule. Wer alle btet Bedingungen in seiner Person vereinigt, soll da» Recht der dreifachen Stimmmabgabe erhalten. Niemand mehr al» drei Stimmen haben. Zur Abstimmung ist jeder Wahlberechtigte verpflichtet.
* Brüffel, 21. April. Soeben ist hier vom Kongo die Nachricht eingettoffm, daß ßieutenant DHanis dm Hauptstützpunkt der Araber am oberen Kongo, Nyangwe, im Sturme vollständig eingenommen hat. Die .Jnde- pendance beige' meint, daß dieser Erfolg für dm Kongostaat soviel bedeute, al» die StürmMg AhomeyS durch die Franzosen für FrMkreich.
* Paris, 20. April. Die Regierung traf ange» sicht» de» ersten Mai Vorkehrungm zur «ustecht- haltimg der OrdnMg. Militär zeixt sich nicht in dm Straßen und auf den Plätzm, sondern wird in den öffentlichen Gebäuden in der Nähe von Oettlichkeitm konsignirt, wo seine Gegmwart etwa nothwendig wäre.
• Florenz, 20. April. Nachmittag» 2 Uhr hat in Mfla Pianore die Trammg be» Fürsten Ferdinanb von Bulgarien mit bet Prinzessin Marie Louise von Parma stattgefunben.
• Rom, 21. April. Der Papst empfing heute fünshunbert Pilger au» Belgien unb erwiderte auf die BegrüßungSadreffe, er habe mit großem Bebauet« von ben jüngsten, ben öffentlichen Frieden bedrohend« Vorgängen vernommm. Um eine Wiederkehr der Bewegung hintan zu halteu, sei e» nothwendig, daß die Arbeiter im Einverständniffe mit den Arbeitgebern unter Leitung der geistlichen Hirim, wie e» die Kirche
lehrt, vorgehm. , r. ,
♦ Rom, 21. April. Der König empfing heute Vormittag die Botschafter und außerordmttichm Gesandt«, welche mit der Ueberbringung von Glückwunschm zur silbernen Hochzeit bmnstragt find. Später empfing die Königin dieselbm Persönlichkeiten. - Wilhelm machte am Vormittag einen Spazierrttt hinaus zur Porta maggiore, zum Aurm von Ceniocelle und zur Porta Furba, unb kehrte durch btt Borte ©an GiovMui zurück. Die Kaiserin besuchte mit ihrem Gesolge ba» Forum TraMl, unb begab sich zu Fuß nach dem Kolloffemn unb bem Palatm, unb lehrte zu Wagm in den Quitinal zurück. DaS Deinmet nahm da» Kaiserpaar bei bem KönigSpaor. Thal daran nahmm bie Mitglieber be» italienischen Königshäuser unb bie anwesenden fremden Fürstlichkeiten mtt ihrem Gefolge. Nachmittag» begaben sich die Herrschaften nach CapaMelle zum Derby Reale.
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sondern er verlangt, daß der ReichSkMzler Er- I dem e» heißt, Se MaMat bebunaen anstelle und Auskunft gebe über eine Reche deS Unternehmens m Geld und m Land keine Bei- von Gefihichtm an» der Gründerzeit. Ahlwardt soll | Hilfe gewähren. Die Krone habe davon kemerlei Beweise liefern und er verlangt Auskunft! Er behoup- finanziellen Vortheil, e» fielen ihr umgekehrt die Kosten tet, Aktenstücke zu haben, die daS und daS beweisen I ‘ ‘ “
sollm und er verlangt auf Grund einzelner Briefe ober Gefchästsbücher-SuSzüge, bie er „beilegt", Srhebungm ober Erklärungen barüber, ob das richtig sei, was er daraus geschloffen und behauptet hat. Eine solche Begriff» - Verirrung war bet einem Abgeordneten noch nicht da!
♦ In der gestrigen Sitzung deS Reichstags (Donnerstag) sah man in dem überaus leeren Saale zum ersten Mal dm Abg. Fnsangel, der seinen Platz in der letztm Bankreihe der vom Centrum eingmommenm Abtheilung, Hari an der AuSgMgSthüre gewählt hat. Die Partei unb er nahmen von einander keine Notitz, nur der Abg. Haberland (Niederbayem) suchte ihn in der Einsamkeit der chn umgebendm leeren Bänke auf.
* Der Reichstag hat im weiteren Verlaufe femer gestrigm Sitzung ben Gesetzentwurf zum Schutze der Waarmbezeichnungm an eine Kommission von 21 Mitgliedern zur Vorberathung überwiesen unb sodann die Novelle zum Wuchergesetze in zweiter LesMg erledigt. Zu derselben wurde auf Anttag der Abgeordneten Dr. Rintelen noch ein Zusatz angenommen, welcher ent- sprechend einer Petition be» Trierischen Bauerntietetn» auch den Viehwucher unter Strafe stellt.
Der Reichstag hat in heutiger SitzMg die erste Be- rathung des Gesetzentwurfs betteffenb die Bekämpfung gemeingefichrlicher Krankheitm nicht zu Ende geführt und die weitere VerathMg bi» morgen vertagt. Der bisherige Beriauf der Gmeral-DiSkusfion war den Einzelheiten diefeS Sefetzmtwurfs eher ungünstig als günstig. Daß Angesichts der Choleragefahr gesetzgme- rische Maßnahmm wie die «nzeigepflicht u. s. w. noth- wendig seien, wurde allgemein anerkannt. Mer nahem allgemein war auch die Ueberzmgung, daß man da» Gesetz anf die Cholera beschränken müße, da doch Pest und gelbes Fieber bei uns ungeheuer selten find. Erst recht nicht dürfe man dem BMdeSrath die Be- fugniß einränmm, diese» Gesetz im Wege der Verordnung noch auf andere Krankheitm auSzudehnm. Abg. Fritzen bezeichnete eine Reihe von Bestimmnngm diese» GefitzeS als gerade unannehmbar. ,
* DaS Abgeordnetenhaus hat in seiner gestngm Sitzung die zweite VerathMg de» ErgänzMgSsteuer- Gesetzes zu Ende geführt. Die Paragraphen 51, 51a unb b, welche eine Art Äontingentirung der Ergänz- ungSstmer Md bereit Verwendung erhalten, füllten in Serbinbung mit bem § 1 des Gesetzes betreffend bte Berbefierung be» Volksschulwesm» und be» Dimstein- kommen» ber VolkSschullehrer auch bie heutige Verhandlung nahezu ausschließlich au8. Die Debatte strafte auch bas vorjährige VolkSschulgesetz und die „konser- votiv-klerikale Mehrheit" im Abgeorbnetmhouse. Schließlich wurden die Beschlüsie der Kommission mit einem Amendement deS Abg. v. Sttombeck unter Ablehnung aller anderen Anträge angenommen, der Rest deS Gesetzes gelangte unverändert zur Annahme.
» Der konservative LandtagSabgeordnete v. Oppen ist mit Hinterlaffung bebeutenber Schulden verschwunm. Er soll sich nach Englaub und von ba nach Amerika, vernmthtich Chicago, gewanbt habm. Im Abgeorbnetm- Hanse hat Herr v. Oppen seit etwa 3 Wochm einen längeren Urlaub nachfnchm lassen. Herr v. Oppen war Mitgtieb des AbgeorbnetmtzanseS für Stallupönm- Soldap-Darkehmm. ES ist bieS berfelbe Herr v. Oppm, bem al» Pächter ber Staatsdomänen Dinglaukm unb SkaiSgirren im Kreise Darkehmm durch KabinetSordre vom 18. Mai 1891 ein Betrag von 40,000 Mark an ben Pachttückstänbm in Gnaden nachgelaffm würbe. Die Angelegenheit kam im Abgeordnetenhause zur Er- örterung au8 Anlaß ber Ueberficht ber Einnahmm unb Ausgaben für ba» EtatSjahr 1890/91. Nach bem Erlaß jener Pacht erwarb Herr v. Oppen da» Rittergut FriebrichSfelde. Nachher tauschte er bieS gegen da» Grundstück Hasmhaide Nr. 50 ein !unb wohnte bann in Groß-Lichterfelde und zuletzt in Berlin. Hier fanden nicht weniger al» 13 gerichtliche Pfändungen gegen ihn statt, worauf er Snde Dezember spurlos verschwand. _ ,
♦ In der in der letzten Zeit vielfach besprochenen Angelegmheit der Umgestaltung deS Schloßplatze» an der Surfürstenbrücke und VerbreiterMg emes Theiles der Königstraße ist au» dem Cwilkabmet de» Kaiser» | an dm Berliner Magistrat ein Schreiben gelangt, tu