20. Jahrgang
Donnerstag, den 20. April 1893
JM 89
FiildaerMZeitimg
Verbannt.
Nach dem Englischen von I. RüttgerS.
(57. Fortsetzung.)
Der Aussetzer geleitete seine Gefährten durch mehrere Zimmer und führte sie hierauf auf einer Eteintreppe hinab in die unterirdischen Gewölbe. DaS Licht, welches der schwache Schein der Laternen von sich gab, genügte kaum, um ihnen den Weg zu zeigen.
„Wir gleichen nicht übel einer Bande von Verbrechern," meinte Herr Barsby lachend, „und wenn Lord Darkwood uns hier überraschte, so würde er keinen Spaß verstehen."
„Kommen Sie, kommen Sie," sagte Miß Norney, „eilen wir, in die entlegenen Zellen zu kommen. Wenn eine Gefahr uns droht, so nehme ich alle Verantwortung."
Die Jndierin ging vorwärts. Bereits hatte» sie eine Reihe von Gängen hinter sich, als Morris plötzlich inne hielt und sagte:
„Trotz meiner vollständigen OrtSkeuntniß muß ich gestehen, daß ich jetzt nicht recht mehr weiß, welche Richtung wir einschlagen sollen ..."
„Hört," rief Miß Norney Plötzlich leife aus, „ich
von dem Streben, die Jungen die Wahrheit über die Entwickelung der Welt erkennen szu lasten. AberZdie Hauptfache ist, daß auch jede glaubenSfeindlijche, antireligiöse Tendenz vermieden wkb.UWo ein ungläubiger Geschichtrlehrer wirkt, da sollte^ auch der so viel Respekt vor den jungen Seelen und dem Gesammtwohl haben, daß seine Ansichten, soweit sie den GewissmSfrieden und das unentbehrliche Bollwerk des christlichen Glaubens gefährden, für sich behält. Ebenso sollte man konfessionelle Gehässigkeiten fern halten, bei gutem Willm läßt sich auch die Resorma- tionSgeschichte ohne Verletzung von Gefühlen Andersgläubigen behandeln, und zwar nm fo leichter, je mehr man nur die Wahrheit ohne Bomrthell und Reben- zweck in'S Auge faf$t
O Der tendenziöse Geschichtsunterricht.
Der erste deutsche Historikertag in München hat eine brennende Frage in die Hand genommen und mit großer Entschiedenheit sich gegen den Mißbrauch des Geschichtsunterrichts in bett Schulen zu politischen Zwecken ausgesprochen. Die Mehrheit ging so entschlossen vor, daß sogar ein beschöuigmdeS Sätzchen von „Erweckung der Vaterlandsliebe und strengen PflichtbewußtseinS gegen den Staat" keine Gnade fand. Unter dem Denkmantel des „Patriotismus" hieß eS, könne man leicht die Politik wieder in die GefchichtSstunden einschmuggeln.
Der Beschluß richtet seine Spitze gegen die prmßr- sche Lehrordnung, wonach der GeschichtSuntericht auf die Erweckung und Entwickelung einer patriotischen, königStreuen, antisozialdemokratischm Gesinnung sich zuspitzen soll. In dem neuen Lehrplan wird sogar ausdrücklich vorgeschrieben, daß im Anschluß an die vaterländische Geschichte eine Hervorhebung der Ber- dimste der Hohenzollern um die Hebung der Bauern-, Bürger- und Arbeiterstander erfolgen soll. Diesen preußisch-amtlichen Standpunkt vertrat auf dem Historikertage der Gymnasialdirektor Warten- aus Königsberg als erster Berichterstatter. Ec stellte die Erweckung der StaatSbewußtseinS, der lebendigen Gefühls der Zugehörigkeit zu einem Staate von beftimmrer Lerfastung und mit genau umgrenzten Rechten und Pflichten der Bürger, als das erzieherische Ziel des Geschichtsunterrichts hin. Er sand aber sehr scharfe und wuchtige Entgegnungen, auch von preußischen Theilnehmern. Namentlich geißelte man seine Anschauung, daß die Prinzen - Erziehung, bei der Aller von Anfang an im Dienste des Staates stehe, dar Muster für die Erziehung der andern Jugend fein falle. Prof. Prutz meinte, eS fei daS Elend der Prinzenerziehung und das Unglück der Prinzen, daß sie nicht Menschen seien, sondern von Anfang als Vertreter des großm Ganzen behandelt werden, das sie einst regieren sollen. „Erziehen wir unsere Kinder nicht wie Prinzen, auch nicht wie Kadetten, sondern wie tüchtige Bürger.
Die Mehrheit war der Ansicht, daß der Geschichtsunterricht gar keiner Tendenz dienen solle, als nur der, die ungeschmückte Wahrheit zu ermitteln. Keine Verheimlichung und keine Verhimmelung! sagte Prof. Bogt auS Augsburg. Aber wo bleibt dann die erziehliche Einwirkung? Darauf antworteten die Vertreter der reinen Sachlichkeit: die Wahrheit selbst, die Senntniß der Entwickelung des Menschengeschlechts wirken an sich bildend und erziehend auf Geist und Charakter. Prof. Kaufmann auS Breslau drückte das in schwungvoller Weise so a«S, daß der Geschichtsunterricht „die Herzen ersülle mit der Ehrfurcht, welche unS ergreift, wenn wir die Macht des dahin- schreitenden Schicksals erleben." Dem Satze kann man auch vom christlich-gläubigen Standpunkt aus zustimmen, wenn an Stelle der Schicksalsmacht daS Walten der göttlichen Vorsehung gefetzt wird.
In der Praxis spitzt sich die Frage zur Zeit dahin zu, daß der Schulunterricht, besonders in der Geschichte,
Erscheint täalich Sonn- «ad Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf„ bei Wiederholungen entsprechttwer Rabatt, vierteljährlich« ÄbounemeutSpreirechne Bringerlohu und Bestellgeld mit der belletristischen Sonnlagsbeilage ,Sterne und Blumen m Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Deutsches Keich.
Berlin, 18. April.
* Das vollständige Programm der bevorstehenden Festlichkeiten in Rom ist das nachfolgende: 20. April: 123/4 Uhr Ankunft des deutschen Kaiserpaares, 8 Uhr Diner. 21. April: 2 Uhr Rachm. Wettrennen, 8 Uhr Diner, 10 Uhr Galavorstellung. 22. April: 2 Uhr Empfang beim König und bei der Königin, um 8 Uhr Galadiner. 23. April: 11 Uhr Gottesdienst, um 11 Uhr Abends Hofkonzert. 24. April: 9 Uhr Parade auf dm Prati di Castello, 1 Uhr Rachm. Frühmahl, 5 Uhr Gartengesellschaft in der englichen Botschaft. Um 8 Uhr militärisches Diner. 25. April: 4 Uhr Rachm. Turnier, 8 Uhr Diner, 101!« Uhr Beginn des Balles bei« Herzog von Sermoneta. 26. April: 4 Uhr Rachm. Gartenfest im Quirinal. 27. April: Früh 9 Uhr Abreise nach Neapel.
* I» der Knsangel'sche» Angelegenheit zu berathm and zu beschließen, hat die CmtrumSfraktio« des deutschen Reichstags Anlaß gehabt wegen einer vom 6. April datirten Schreibens des Herrn Ab- geordneten FuSangel an den Herrn Grafen Ballest rem. Der Beschluß ist am SamStag in einem eingeschriebenen Briese an Heim Abg. FuSangel nach Bochum gesandt wordm; Letzterer ist zweifellos jetzt im Besitz dieser Antwort, und eS steht also der Veröffentlichung de» einstimmig gesaßtm FraktionSbrschluffeS mchtS mehr im Wege. Derselbe lautet:
„Die CentrumSsraktion des deutschen Reichstages hat vo« der Erklärung der Herrn Abgeordneten FuSangel dd. Bochum, den 6. April er. Kenntniß genommen.
Wenn die Fraktton auch gern den gemäßigten und entgegen- kommenden Charakter dieser Erklärung anerkennt, so macht eS ihr doch die Art und Weise, wie die Kandidatur deS Herrn FuSangel im Wahlkreis Arnsberg-Olpe-Meschede, im bewußten Gegensätze zur Centrumspartei und ihrer Leitung, aufgestellt und durchgeführt worden ist, unmöglich, Herrn FuSangel unter chre Mitglieder aufzunehmen."
So der einstimmige Beschluß der Fraktion» zu welchem die.Germania' folgende Bemerkung macht: „Niemand wird bestreiten, daß einer konstituirten Fraktion ein solches Vorgehen zusieht. Sollte es dennoch geschehen, so werden wir Aeußerungm hervorragender Abgeordneter und Thatsachm der Praxi» auch auS dem Gentrum vorführen, nach denen daS Recht jeder Ge-
' „Ich bin hierhin gekommen, damit Sie mir eine formelle Antwort geben," sagte der Diener. „Wollen Sie meine Frau werden, ja oder nein? Ueberlegm Sie es wohl, ehe Sie antworten. Wenn Sie einverstanden sind, so werden Sie frei sein, wenn nicht, so verkaufe ich Sie Ihrem Todfeind, und alsdann wartet Ihrer ein sicherer Tod." .
„Den Tod fürchte ich nicht, wie ich Ihnen bereits gesagt habe."
Das junge Mädchen hatte diese Worte kaum au8- gesprochen, als Lord Chilton, einen Schrei der Wuth ausstoßend, in die Zelle stürzte, Pietro zu Boden warf und Gwendoline beim Arme nahm. Der Malteser raffte sich behende zusammen und wollte zur Thüre eilen; aber Herr Sultou und Aga nahmen ihn hier in Empfang- . m
Miß Norney war Ronald nachgegangen, aus Gwen- doline zu, welche in Ohnmacht fiel. . Die schloßbe- fitzerin von Beechmont umarmte das Mge Madchm, gab ihr di- zärtlichsten Namen und neb ihr die Hande, um sie wieder zum Selbstbewußtsein zu bringen. Ihre Bemühungen hatten endlich Erfolg: das Mädchen er» laugte daS Bewußtsein wilder und erkannte.zu seiner größten Freude die Umgebung.
„Sie bkfinden sich jetzt in Sicherheit," sagte Lord Chilton.
zur Bekämpsung der Sozildemokratie verwandt werden soll. In dieser Hinsicht ist ei nun offenbar ein gewaltiger Jrrthum des Vorkämpfers der Tendenz- Geschichte, die Hebung des ^StaatSbewußtseinS als Hauptmittel zu empfehlen. Hat denn die Sozial- ; demokratie zu wenig Staatsbewußtsein? Nein, lzu ’ viel! Hinter ihr steckt eine krankhafte Uebertreibung ° des Staatsbewußtseins. Daß die Agitatoren dem ’ Staate ein demokratisches Mäntelchen umhängen, ändert nichts an der Sache; ob sie ihn „Gesellschaft" nennen, > macht ebensowenig aus. Der Zukunstsstaat soll dem , Menschen Alles sein: Vater und Mutter und Lehrherr und Brodherr und allwaltender Vormund und Versorger von Kindsbeinen bis zum letzten wohlkonttolirtm Athemzuge. Bringt man dem Schüler daS Bewußt- ■ sein bei, daß der Mensch de» Staats wegen da (fei, so ist das keine Abschreckung vom Sozialismus, sondern die Verbreitung dazu.
Nun glaubt man, daß die „Verhimmelung" die Verdienste und die Persönlichkeiten deS Fürsten ein heilsames Gegengewicht gegen die sozialdemokratische Versuchung bilde. Da übersieht man zwei Punkte. ErsienS den SkepticismuS der Jugend. Wenn der Lehrer sichere, durchschlagende Thatsachen anführt, die einem gekrönten ober ungekrönten Helden zur Ehre gereichen, so erweckt er ohne viel Worte die Bewunderung und die Ehrfurcht der Jungen. Aber wenn er anfängt, Schaum zu schlagen, um auS kleinen Dingen Heldenstücke zu machen, bann merkt ber instinktive Scharfsinn der Jungen sehr schnell die Absicht und den Kunstgriff, der Widerspruchsgeist und der Spott »erben erregt unb das 8 egentheil des beabsichtigten Zweckes erreicht. Zweitens ist zu beachten, baß ber Respekt vor geschichtlichen Monarchen an sich noch keine zuverlässige allgemeine Schutzwehr gegen sozial- demokratische Verirrungen abgibt. Man kann auch über den schönsten monarchistischen StaatSsozialiSmuS hinweg in dm Glaubm an bat ZükunstSstaat geratoen. 68 gibt z. B. viele Bewuuberer beS „alten Fritz", bie zu ben entliehenen Demokraten gehören, weil sie dm „großm König" zwar als ben rechten Mann für sei ne Zeit betrachten, aber für bie jetzige Zeit bie Selbst- befiimmung ber Völker als daS Richtige erachten. Der ganze Herom-KultuS ist in erziehlicher Hinsicht ein zweifchneibigeS Schwert. Die Sozialdemokratie ist auch sehr stark durchsetzt mit Heroen-KultuS. Wer sich daran gewöhnt, verliert dos Selbstbewußtsein, und gerade daS Selbstbewußtsein, bie Werthschätzung ber eigenen Frei- heft unb Kraft, ist bie Grundlage der Selbsthilfe, die zur Abwehr der sozialdemokratischen Bersührung zum allwaltendm Zukunstsstaat unerläßlich ist.
Im Zusammenhang mit diesem mäunlich-fittlichm Selbstgefühl steht daS religiöse Bewußtsein. Wollt ihr in den Schulen wecken, zuverlässige, gegen die Sozialdemokratie gefeite Staatsbürger heranbilden, io könnt ihr ruhig alle sonstige pädagogisch« Kunstgriffe . bei Seite lassen, wenn nur daS religiöse Gefühl | der Jugend gehörig geweckt und gesichert wiid. Also - mag man auch nach dem Münchener Beschlüsse den i Geschichtsunterricht tendenziös gestalten, einzig beherrscht i \ wir unsere :
; Lichter verbergen."
Alle gehorchtm sogleich. Alsbald erschim in dem ■ \ Gange, in welchem sie sich befanden, ein Mami, welcher - ; einen Korb und eine Laterne trug — es war Pietto. t
Schweigend lehnten Alle wieder die Mauer, bis er vorbei war; dann folgten sie ihm fast mihörbarm > Schrittes nach. Noch mehrere Gänge durchschritt der ! Malteser und blieb bann plötzlich vor einer Thüre; stehen, welche er öffnete. Er langte ein Grob aus dem Korbe, nahm ben Krug Wasser in bie Hand ur.b betrat bie Zelle.
Miß Norney nebst ihren Frmnben trat jetzt rasch näher an bie halbgeöffnete Zelle heran. Aber welches Schauspiel bot sich jetzt ihren erstaunten Augen bar! Ein schrecklicher, düsterer Verließ, in dessm Mitte \ Pietro ftanb — seine GestchtSzüge zeigten einen wahr- | hast höllischen Ausdruck; sodann in einem ölten Sessel j eine menschliche Gestalt, welche man erkennen konnte. ;
Die unsichtbaren Zuschauer dieser ©eene mußten ; ihren Athem anhalten, u« ihre Gegenwart nicht zu vcrrathm. DaS Wesm, welches in dem Sessel saß, erhob sich und schritt auf bie Stelle zu, wo sich bie - Laterne befanb. 68 war Gwendoline, bleich und ge» ' brachen, mit abgemagerten Zügen, aber noch immer ! schön wie ein Engel.