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Mittwoch, dm 19. Aprll 1893.
B
• Verbürgten Nachrichten zufolge beabsichtigt die Regierung, dem Reichstage in der nächsten Session durch den BundeSrath einen Gesetzentwurf auf Wieder- einfühmng der Berufung gegen Urtheile der Strafkammer in erster Instanz vorzulegen. Ob das neue Rechtsmittel den Strafsenaten an de» Oberlandesgerichten oder besonder«, bei den Landgerichten zu
weise wa- in dieser Hinsicht vorzuschlagen sei, darüber scheint man sich an maßgebender Stelle noch nicht schlüssig gemacht zu haben, da vielmehr über diese wichttge Frage noch Gutachten der OberlaudeSgerichte eingezogen werden sollen.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Aprll.
* Dem Extrablatt-Schwindel gehen die Berliner Gerichte gehörig zu Leibe. Erinnerlich wird sein, wie vor einigen Mouaten ein plumper Fall solchen Schwindels ganz besonders peinliches Aufsehen erregte. Der Handelsmann Oskar Habel verbreitete einer schönen Tages durch Extrablätter die (falsche) Nachricht einer „Attentates auf den Zaren." Das Extrablatt war bei dem Drucker Dittbrenner in der Lindenstraße gedruckt und , ... ... o_ o,
von Habel und anderen Kolporteuren auf bett Straßen bildenden Berufungkammern zu überweis«, beziehung» auSgemfen und verkauft Word«. In einer Gerichts- L"":r----
Verhandlung am letzt« Sonnabmd wurde nuu Habel weg« Betruges zu 9 Monat« Gefängniß und der Kolporteur Hecht zu 6 Wochen Hast, der Drucker Ditt- brennet zu einer Geldstrafe von 300 Mk., die beidm anderen Kolporteure zu Seldstraf« im Betrage von 3 und 10 Mark verurtheilt.
Rasch schritt« Lord Chlltou und die Indien« dahin und ging« die Allee hinunter — bald ttaf« sie Herrn BarSby an, welch' letzterer ein« klein« Wag« mitgebracht hatte, de» sie bestieg«. Nachdem fie da» Dorf Duicholm hinter sich hattm, ließ« fie nicht weit vom Schlosse halt«. Sttllschweigend gingen fie vorwärts und bemerttm bald, daß eine kleine Thüre, welche ihn« b« Zutritt zu d« Ruin« gestattete, offmbar absichtlich offen stand.
„Run, Miß Romey," fmg der Bicomte mit leiser Sümme, „beginn« Sie nicht muthlor zu werd«?"
„Rein", sagte fie, „während chre Augen Blitze sprühten, tausend Mal nein!" Ich würde kein« Schrttt zurückweich«, auch wmn ich wüßte, daß ein sicherer Tod meiner in d« Ruin« wartete! Eine Macht tteibt mich vorwättS, welche stärker ist, als mein eigenes Ich . . . Die Macht der Rache!"
3.
Wir eriunem uns, daß Lord Darkwood an de« Abende, an welchem Miß Romey den Ruin« ihren nächtlich« Besuch eckstattm wollte, sich zu einem seiner Freunde begeben hatte. Gegen 11 Uhr kehrte er nach Hause zurück und ließ unverzüglich Pietto zu sich komm«.
„Ich möchte mit dir über Miß Myner sprechen," sagte er zu dem Malteser. „Du weißt ebmsowohl wie
Verbannt.
Rach dem Englische» von I. RüttgerS.
(56. Fortsetzxng.)
Der Sgmt entfernte sich hierauf, und Lord Chllw» kehrte in dm Salon zurück. Miß Romey dünste hmte der Abend unerttäglich laug. Gegen 10 Uhr servirte «an dm Kaffee, und eine Stunde später brachte man dm Gästen dar Licht, worauf sich dieselben allgemach in ihre Zimmer zurückgezogen. Auch die Schloßbe- fitzerin von Beechmont ging, nachdem all' ihre Gäste fich zur Ruhe begebm, auf ihr Zimmer, woselbst sie ei» mgeS, duukeleS Kleid anlegte, in welchem fie fich ungehindert bewege« konnte. Dann begab fie sich zu Lord Chilton, welcher bereit» auf sie wartete.
„Mylord," sagte fie zu ihm, „wir wollen da» HauS durch dar Fenster verlass«, welches auf die Terrasse hinausgeht, damit uns R'emand bemerst. Raya, meine ttme Dienerin, wird nur später bei unserer Rückkehr hereinlassm."
. Die Nacht war düster, indeß konnte man immerhin m kurzer Entfernung die Gegmstände noch unterscheidm. Miß Romey gewahrte, wie eine Person von kleiner Natur auf sie zuschritt.
„ES ist Aga," sagte fie da»«, „ich will ihr sagen, daß fie uns begleite."
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tenS der Abg. v. Bnol (Ctt.) und Hahn (kons.)'v. Buol bekämpft lebhaft den ganzen Entwurf und die Sommissionrauträge, welche letzterm Abg. Büsing (ntl.) befürwortet. StaatSsestetär Hanauer vertheidigt in laug« Ausführungen die Regierungsvorlage. Der Kampf, an welchem fich «icht die Abg. Krause, Schrader, v. Buol bethelligen, bleibt heute unentschieden, da daS Hau» bei Auszählung fich wieder Beschlußunfähig zeigt; er find nur 171 Mitglieder anwesend. — Der Antrag Ahlwardt ist, wie, wir vernehmen, wieder vom Präsident« aus formale« Gründen abgewiesm wordm. Ahlwardt soll beabfichttgen, die „Attm" iv Form einer Broschüre zu veröffenllichm.
* Da» Abgeordnetenhaus trat hmte in die 2. Lesung der Ergänzungssteuer ein. Obwohl ein Antrag von Seiten des Abg. Dr. Friedberg (ntl.) vorlag. Die Vorlage abzulehnen und ein anderer Anttag Seitens de» Abg. v. Bülow-WandSbeck, den Ramm des Gesetzes in Vermögenssteuer umzuänderu, steht er doch außer allem Zweifel, daß das Gesetz mit sehr starker Mehrheit sowohl mit seinem Namen wie Inhalt angmonunm wird. Die Rat.-Liberalm, wollen statt der BermögmSstmer eine ^Erbschaftssteuer bewilligen. Finanzminister Miquel erklärte jedoch eine Umwandlung der Gesetzes m diesem Sinne für ganz unmöglich; dies bedmte die Berzichtleistung auf die ganze Steuerreform. Cmttnm und Konsemativen stimmen der Re- gierungSvorlage zu, Freisinnige und Nationalliberalm dagegm. Abg. Meyer (frf.) verlangt die Kontmgmtirung der Steuem zur Mahnung der BudgettechtS. »eitet- berathung morgen.
♦ Die Regierung ertheilte dem Orden der Weiße« Bitter die Erlaubniß zur Riederlaffuug in Preußm.
* Die Nachricht, daß der Reichstags- und Larck- tagS-AbgeordneteKaplan Hitze sich bereit erklärt hat, eine Professur in Münster zu übemehmm als Lehrer der christliche» Crsellfchasis - Wissenschaft, wird nicht verst hl«, in dm weitestm Kreisen, namentlich sozial-politisch geblldeter Männer aller Patteim, Aussehen und Gmugthuung zu erregen. Man darf unbedenklich den Abg. Hitze als den bedentmdstm und erfolgreichst« praktisch« Sozial - Politiker unserer deutschen Parlammte bezeichn«. Als Bmeral - Sekretär des Verbandes katholischer Industrieller „Arbeiterwohl", als Redakteur der von diesem heranSgegebmen gleichnamigen Zeitschrift, als Mitarbeiter der hochangefehmm katholisch« Großindustriellen Franz Brandts jun. in M -Sladbach, dessen Schüler er fich selbst mit Vorliebe tu nennen pflegt, sodann als Arbeiter aus dm ver- chiedmstm sozial« Spezial-Gebieten hat er fich seine irakische Erfahrung und theoretische Durchblldung al» Sozial -Poliüker erworben, die seine hervorragende Stellung im Reichstage und Landtage vollauf recht- ertigt. Seine Thätigkeit im Interesse einer mergischm Sozial-Reform auf christlichem Bodm ist fo sehr in Aller Gedächtniß, daß mau kaum besonders auf dieselbe hinzuweism braucht. Rach der Bemfung de» Professors der Nattonal-Oekonomie Dr. v.Ochenkowrky iö Münster nach Lemberg wurde dämm der Gedanke angeregt, HerrnHitze an dessen Stelle zum Professor
___________________ 20. Jahrgang
F» l darr W Zeit ii ng
ich, daß alle Agmtm, welche ich auSgefchickt, um stez« such«, fich auf falscher Fährte befand«. Sr ist mir nun der Gedanke gekommen, daß Du vielleicht diese Angelegenheit in die Hände nehmest — eS wäre nicht unmöglich, daß e» Dir bei Deiner Gewandtheit tmb Schlauheit besser geling« werde, als Ander«. Wmn e» Dir gelänge, dar junge Mädchm zu entdecken, würde ich Dir zweitausend Pfund geb«."
Der Diener zitterte.
„Eine große Summe um eine Gouvemante wieder- zufindm," meinte er.
„Freilich eine große Summe. Aber ich will noch mehr thuv, wenn eS Dir geling« würde, dieses junge Mädchen wieder zu meinem Hause zu bring«: ich würde Dir sogar drei Tausend Pfund geben!"
Dreitausend Pfund Sterling bildeten eine reizende Lockspeise für unser« Malteser. Zwei Nächte hatte er seine Gefangene nicht gesehen, und er gab sich der Hcffnnng hin, daß dieselbe bei seine« nächst« Besuche seine Bedingung« aunehmm werde. Wenn fie fich aber weigerte? Wmn fie etwa lieber sterb« wollte, als ihm zu Will« sein? Dann mtschlüpfte ihm Alles mtt eitlem Male. DaS Vermög«, welches er zu gewinn« gedachte, wmn eS ihm gelang, da» junge Mädchen zu bestimmen, seine Frau zu werd«, und dann auch die Summe, welche Lord Darkwood chm anbot, wem
werd«, daß der Meister ein bestimmtes Alter erreicht und mtweder eine gewisse Lehrzeit in dem betreffenden Gewerbe zurückgelegt oder daS Letztere eine gewisse Zei betrieb« hat.
* Der Abg. Ahlwardt hat am gestrig« Sonntag Nachmittag dem Reichstage folgenden schleunig« Antrag zugehen lass«: „Der Reichstag wolle beschließ«, eine Kommission von 21 Mitgliedern zu ernenn«, welche über d« Inhalt der vom Abg. Ahlwardt dem Reichstage übergebmen Atten Bericht zu erstatt« hat." Außer dem Antragsteller hab« 19 Abgeordnete (2 Antisemiten und 17 Sozialdemokraten) ihre Unterschrift« gegeben ; von den Anttskmitm die Abgg. Werner und Pickmbach. Die Antisemit« Böckel, Liebermann von Sonnenberg und Zimmermann haben die Unterschrift abgelkhnt. Die Fassung de» AnttageS stammt I von Her« Bebel; Herr Ahlwardt hatte statt „übergebenen" Atten gesagt „zu übergebenden". Dm veränderten Antrag brachte Herr Ahlwardt ein, weigerte sich aber doch seine Attm zu übergeb«. Der Herr Präsidmt de» Reichstages mußte daher d« Antrag zurückweis« und Henn Ahlwardt die Abfassung eine» anderen Wortlautes anheimgebeu. Hnr Ahlwardt wollte diesem Anheimgeb« unverzüglich nachkommm.
* Bei sehr dünn besetztem Hause setzte der Reichs- tag die am Freitag durch die kovstatttte Beschlußun- sähigkeit unterbrochene Berathung äber die Novelle zum Wuchergesetz fort. Sin Anttag von freifimtiger Seite, die Tagesordnung umzugestalt«, daß bet Gesetzentwurf über beit Berrath militärischer Geheimnisse als 1. Punkt zur Berathung kommen solle, fand nicht die Zustimmung de» Hause». Die Debatte setzte bei Artikel n der Vorlage ein, welche daS bestehende Gesetz nach der Richtung hin verändert, daß wucherische Verträge auch fänden Sachwucher ungültig sein sollen; ferner legt sie all« Person«, welche erwerbSmäßig Geld und Kreditgeschäfte betteiben, bei Gttase die Beipflichtung zur alljährlich« Mittheilung einer Rechnungsauszuges an die Schuldner auf. Die Kommission beantragt als Zusatz, daß die Bestimmung« über die Rechnungslegung keine Anwmdung find«: 1, auf öffentlich« Bank«, Notenbank«, Bodenttedittnstitute und Hypoth-k«bank« auf «ttim, 2, auf Kaufleute im. Geschäftsverkehr mit Kaufleuten, der« Firma im Handelsregister eingettagm ist. — Für die anSge- spounene Debatte, die jedoch vor völlig leerem Hause fich abwickrlte, lieg« mehrere AenderungSanttäge Sei-
* Dem Abgeordnetenhause ist der 24. Bericht der Staatsschnlden-Kommisfion über die Verwaltung de» StaatsschuldenwesenS im Rechnungsjahr vom 1. Aprll 1891/92 zugegangen. Nach demselben betrug die pr«ßische Staatsschuld am 31. März 1891 5,692,918,793 M. 7 Pfg., am 31. März 1892 6,057.952,165 M. 90 Pfg., also Zunahme 365,033,372 M. 83 Pfg. Der Betrag, welcher au laufend« imb rückständigen Zinsen int genannten Rechnungsjahr zu zahl« war, beziffert fich auf 250,524,382 M. 25 Pfg. Bon dieser Summe find 227,020,572 M. 94 Pfg. gezahlt, so daß 23,503,809 M. 31 Pfg. rückständig blieb«. Bon den im genannt« Rechnungsjahre auf dem Etat stehend« Schuld« sind abgegangen 56,623,036 M. 49 Pfg., davon jedoch 30 Mill. M. durch Aus- gäbe von unverzinslich« Schatzanweifungm, so daß al» getilgt nur rund 26,600,000 M. erschein«. Bon obiger Summe der Staatsschulden warm am 31. März 1892 in das Staatsschuldbuch ringe» trag« für 487,399,300 M. 4prozentige, 184,568,500 M. 31/, prozmttge und 15,677,900 M. 3prozmtige Schulden. Bon den gesetzlich eröffnet« Krediten war« am 31. Dezember 1892 noch offen 594,202,441 M. 44 Pfg., davon für Eisenbahnen (Erweiterung, Vervollständigung und bessere Ausrüstung des StaatSeism- bahn-RetzeS) nach dem Gesetz vom 11. Mai 1888 rund 29 Mill. M>, Gesetz vom 8. Aprll 1889 ruub 211/e Mill., Gesetz vom 10. Mai 1890 rund 84 Mill., Gesetz vom 20. Juni 1891 rund 421/, Mill, unb Gesetz vom 6. Juni 1892 rund 91 Mill. M. Darüber, warum diese Kredite noch offen stehen und auf welche I besondere Strecken ober Post« fie sich bezieh«, fehlen die Angab«.
* Blättermeldungm zufolge ist mau im ReichSamt de» Innern und im preußischen Handelsministerium feit einigen Monaten mit einer Neuregelung bei Lehrlingsweseus beschäftigt. Die Privilegien der Innung« sollen mit den betreffenden Bestimmungen de» 8 100 1 und k zur Aufhebung gelang«. Dagegen — so lautet die bisher unbestätigte Meldung — solle da» Halt« von Lehrling« davon abhängig gemacht