Einzelbild herunterladen
 

JV 87 Dienstag, den 18. April 1893. 20. Jahrgang

FuldaerWZeitiing

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Ps-, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher Abo an em ent Sp reiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen m Fulda und auswärts 1 Mark SO lrseumg.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. April.

* Die Abreise des kaiserliche« PaareS »ach Italien wird am Dienstag Abend 10 Uhr erfolgen. Auf der Hinreise wird die Route über den Brenner gewählt, die Rückreise geht, wie bekannt, durch die Schweiz. Ob auf der Rückreise ein Besuch bei der Königin Viktoria von England erfolgt, die sich in Flo­renz aufhält, ist noch nicht endgiltig bestimmt, da nicht feststeht, ob die Königin von England nicht schon vor­her Florenz verläßt.

* Herr Ahlwarbt hat, wie berichtet, für seinen Antrag zwar Unterstützung bei den Sozialdemo­kraten gefunden. Der Abg- Bebel hat jedoch den ursprünglich«, sehr bombastisch gehaltenen Antrag Ahlwardt's umgeformt und in dieser veränderten Fassung seinen „Genossen" vorgelegt. Herr Ahlwardt wird nun diesen veränderten Antrag in den Reichstag ?elangen lassen, und zwar mit dem Wortlaute, daß ie Einsetzung einer besonderen parlamentarischen Kom­mission von 21 Mitgliedern verlangt werde und diese Kommission Bericht an daS Plenum erstatten solle. Dieser Antrag kann also nur gleichzeitig mit der Bor» läge der sogenannten „Akten" im Reichstage einge­bracht werden. Vor der Verhandlung werden dann alle Abgeordnetm in der Lage sein, von den „Akten" selbst Kenntniß zu nehmen und diese Kenntniß auch der Oeffentlichkeit zu übermitteln.

* Zur 2. Berathung deS Gesetzes über den Wucher hat der Abg. Dr. Rintelen den Antrag eingebracht, folgenden Artikel 5 den Beschlüssen der Kommission hinzuzufügen: „Der Landesgesetzgebung bleibt über» lasten, besondere Bestimmungen zur Verhütung und Be­strafung deS Wuchers bei dem Handel mit Vieh, hei der Biehpacht und bei dem Handel mit ländlichen Grund­stücken zu treffen."

* DaS Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Sonnabend, den 15. April in seiner 61. Sitzung mit der ersten Lesung der Sekundärbahn-Vorlage. Der Dttwurf fordert dm Bau von 8 Sekundärbahnm und zwar 1) von Rothfliehs nach Rudczanny, 2) von Bütow nach Berent, 3) von Saiten nach Rohnstock, 4) von Rippach-Poserna einerseits nach Plagwitz- Lindenau andererseits nach Markronstädt, 5) von Naum­burg a. S. nach Deuben, 6) von Bunde oder einem in der Nähe belegenen Punkte der Linie Lohne-Osna- brück nach Aulingen, 7) von Derschlag nach Bergneu- stadt und 8) von Osberghausen nach Wiehe 26,495,000 Mark; dazu kommm noch an Beschaffung von Betriebs- Mitteln und Bauausführungen bereits vorhandenen Strecken 21,670,000 Mark im Ganzm also 48,165,000 Mark; Eisenbahnminister Thielen hob hervor, daß im Lande eine große Menge von Projekten zum Bau von Nebenbahnen vorliege, daß aber die augenblickliche Finanzlage deS Staates nicht gestatte, dem vorliegenden Entwürfe eine weitere Ausdehnung zu geben. Aber dieser Finanzlage der Staates betrachte es die Regier­ung als ihre Aufgabe, nach wie vor diejenigen Linim herzustellen, welche sich als nothwendige und ersprieß-

liche Ergänzung dek Eisenbahnnetzes ergebe. (Beifall) In der Diskussion kam eine große Zahl von Wünschen und Beschwerden hinsichtlich des AuSbauS des Eisen­bahnnetzes von den Vertretern fast jeder Provinz zum Ausdruck. Der Entwurf wurde an die (unverstärkte) Budgetkommission verwiesen.

* Die Kommission für daS bürgerliche Gesetz­buch hat mit Beginn der Osterferien das zweite Jahr ihrer Thätigkett bemdet. In den zwei Jahr« hat die­selbe 208 Sitzungm abgehalten, drei in jeder Woche, wozu noch 79 Sitzungen der Redaktions-Kommission und 94 Sitzungen der sogenannten Vorkommission der ReichS-Justtzamtes treten; sie hat in diesen Sitzungm 938 Paragraphen deS 2164 Paragraphen umfassenden Entwurfes durchberathen und außerdem daS Vereins­wesen und den Wildschadmersatz geregelt. Beendet ist außerdem die Redaktion von 120 Paragraphen des Sachenrechts. Erleidet die Weiterberathung keine Stör­ung von außm, so darf darauf gerechnet werden, daß die Kommission im Jahre 1896 dem BundeSrath chr Werk vorlegen kann.

* Der ,Timer' wird aus Sansibar gemeldet, daß Briefe von dem Sohn Tipputips die Nachricht vom Tode EmiuPascha'S bestätigen, welcher sammt seinen Leuten in einem Gefechte getödtet worden sein soll. 8

* Der Kriegsminister hat folgende Verlegunge« von Truppe» angeordnet: Es werdm verlegt die 1. Sbth. deS 1. Pomm. Feld-Art.-RegimmtS Nr. 2 von Gollnow nach Stettin; gelegentlich der dieSjährigm Herbst-Parade des GarvekorpS das 4. Garde-Regimmt z. F. von Spandau nach Berlin; zum 1. Oktober d. I. das Kömgin-Augusta-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 4 von Koblenz nach Spandau, dar 2. Bat.7deS 1. Hans. Inf. - Reg. Nr. 75 von Harburg nach Bremm, daS SchleSw.-Holst. Pionier-Bataillon Nr. 9 von Rends­burg nach Harburg.

* Eine anderweitige Organisation der Eifen­bahnbehörde» ist, wie die ,Berl. Pol. N-rchr.' im Gegensatz zu anders lautenden Mittheilungen betonen, noch nicht so weit gediehen, daß daS Ergebniß der bezüglichen Erörtemngm dem Eisenbahnminister hat vorgelegt werdm können. AuSgeschlossm sei eS, daß einzelne Betriebsämter ausgehobm und dafür Eisen- bahndirektionen geschaffen würden. Bei der Rmorgani- sation handelt eS sich um die Frage, ob die Betriebs­ämter sä mmtlich aufgehoben und durch eine Vermehr­ung der Sisenbahndirektionm ersetzt werdm sollen. Da­mit würde auch eine wesmtliche Vereinfachung und Verbilligung der ganzm VerwaltungSopparateS zu- fammmhängm. Die Borberathung ist nach der organi- fatorischen Seite für die Beschlußfassung deS Ministers der öffentlichm Arbeitm abgeschlossen. Die Kommission ist aber zur Zeit noch damit beschäftigt, die finanzielle Tragweite ihrer Vorschläge durch Aufstellung eine» vollständigen EtatSmtwurfes darzulegen. Erst wenn auch diese Arbeit bemdet sein wird, wird die Vorlage dem Minister der öffentlichen Arbeiten zur Entschließ­ung über diese unterbreitet werden. Der Beschluß des Ressortministers genügt aber keineswegs, um die kaiser­liche Entschließung über die Neuorganisation zu er-

Verbannt.

Nach dem Englischen von I. RüttgerS.

(55. Fortsetzung.)

„Ich könnte Ihnen weitläufig erzählen, wie ich eS angestellt habe, um diese Mittheilungen zu erhalten," hob der Agent wieder an, „aber ich denke, daß eS nicht nöthig ist, die Art und Weise meines Verfahrens zu beschreibm. Ich beschränke mich also darauf, Ihnen daS Dokument zu übergeben, in welchem die Thatsachen ausgezeichnet sind, welche Sie kennen lernen wollten."

Damit überreichte er Lord Chilton ein vergilbtes und abgmutztes Zeitungsblatt. Der Vicomte las:

„Es wird hierdurch Demjenigen eine große Be­lohnung versprochen, welcher im Stande ist, Auskunft über das Verschwinden von Mary Graham zu geben, der Ehesrau von Adalbert Graham aus Manchester, welche in ihrem verwirrten Geisteszustände am letzten 27. Januar ihre Wohnung verlassen hat. Sie ist un­gefähr achtzehn Jahre alt, von schlanker Statur und hat schwarze Augen und Haare. Sie trug eine Rode von abgetragener Seide, einen Shawl und einen Hut von Velours. Man wendet sich nach Manchester, Nr. 9, Dorrwcl Street." ~ _

Dem Vicomte fiel daS Zusammmttlffm dieser Be­schreibung mit derjmigm ver Frau, welche man auf

der Haide von Lonemoor gefunden hatte, auf. Der Polizeimann fuhr fort:

„Nachdem ich diese Ankündigung, welche Sie eben gelesen haben, entdeckt hatte, suchte ich nach diesem Adalbert Graham, welchen ich benn auch in Manchester wiederfand ... Er betreibt dort dar Bäckergewerbe und ist Vater von mehrerm Kindern; denn da er seine erste Frau tobt glaubte, weil er seit ihrem Verschwin­den nicht von ihr mehr hatte reden hören, so hatte er zum zweiten Male geheirathet, nämlich vor zehn Jahren. Er hatte sich dennoch nicht ganz bei der Sache be­ruhigt, und der Gedanke an die Möglichkeit, daß seine Frau vielleicht noch lebe und nach Hause zurückkehren werde, hatte ihn noch immer nicht ganz verlaffen. Da er seiner jetzigen Frau sehr zugtthan und auch seine Kinder sehr liebt, so hat er mir im Vertrauen mitge- theilt, daß diese Besorgniß ihn sehr unglücklich wache. Als ich ihm daher mittheilte, daß ich wisse, daß er in dieser Beziehung ruhig sein könne, war er lebhaft er­freut, und ich verließ ihn in der glücklichsten Stim­mung von der Welt; denn ich hatte ihm klar bewiesen, daß die Frau, welche auf dem Friedhöfe von Plim- stone ruht, die {einige ist."

Der V'comte schwieg, und seine Gesichtszüge wurdm ernst. Er wußte also endlich, welches die Herkunft Gwmdolinm's war! Ihre Mutter eine Frau, welche

wirken. Ihrer finanziellen Tragweite toegen bedarf diese vielmehr auch der Zustimmung de» Finanzministers, der allgemeinm organisatorischen Bedeumng wegen da­gegen der deS StaatsministeriumS. Die Angelegenheit hat daher noch eine ganze Reihe Stadien zu durch- laufen, bevor sie im Staatshaushaltsetat zum Ausdruck gelangen kann. Frühestens würde sich dies im Etat för 1895/96 ermöglichen lassen.

* Münster, 8. April. Unsere katholische theologisch- philosophische Akademie zeichnet sich in unliebsamer Weise auch dadurch aus, daß die theologischen Pro­fessoren derselben, obwohl deren Gehälter erheblich geringer sind als biejenigen anderer Universitäts-Pro­fessoren, von ihrm einzeln« Hörern kein Honorar be­ziehen. Wie wir hören, wird diese Ungleichheit mH dem kommenden Winter-Semester beseittgt werden, und zwar dadurch, daß auch den theologischm Professor« von Münster gestattet wird, Honorare für ihre Vor­lesungen festzusetzm.

* Aus Nassau, 15. April. Der Beschluß der AuSschuffeS der CentrumSpartei Nassau'» gegm die Militär-Vorlage gibt, so wird der .Köln. BolkSztg.' geschrieben, zweifellos die Stimmung der Centrumswähler Naffau'S wieder. Bei kaum einer Frage ist daS Volk so einig, als in der Verwerfung der Militär - Vorlage. DaS steht fest: würde da» Centrum für die Vorlage eintrete«, so wäre e» in Nassau verloren. Man dürste kaum mehr wag«, Kandidaten überhaupt aufzustellm. Ohne Prophet zu sein, kann man ruhig weissagen, daß bei einer etwaig« Neuwahl in ganz Nassau nur mtschiedme Gegner des Militarismus gewählt würdm.

* München, 15. April. Die bayerische Regierung hat mit ihren Anttägm im BundeSrathe in letzter Zeit wenig Glück: Der Redemptorist en-Antrag ruht nun schon nahezu zwei Jahre „im Schooße des BundeLrathS", und die „Gutachten", welche betreffs der Frage der „Verwandtschaft"-der Redemptorist« mtt dem Jesuitmordmeingeholtwerdenoder längst eingeholtworden sind, stör« nicht seine friedliche Ruhe, seine Grabesruhe. Der bayerische Antrag auf Beschränkung deS Hausir- handelS hat nach einer ossiziösm Meldung ebenfalls keine Aussicht mehr, noch in der gegenwärtigen Session vom BundeSrathe angmommm und als Vorlage an den Reichstag gebracht zu werden. Es sind „Erheb- ungen" angeordnet worden, welche erst eine „Klärung" schaffen sollen. Wie ganz ander» und wie viel schneller ging es, als Minister Lutz im Jahre 1871 als bayerisch« Antrag dem Bundesrath dm Kanzelparagraphe« präsentirte bezw. apportirte? Damals wurden keine Gut­achten eingefordert, keine Erhebungen veranstaltet, damals war sogleich die „Klärung" geschaffen. Die bayerisch« Centrumswähler werden sich da» merken.

Ausland.

* Die Sage in Belgie« wird fortgesetzt drohender. In Brüssel ist es am Freitag Abend wieder zu emsten Zusammenstößen gekommen. Gegen 9 Uhr hatten die Bürgergarde und die GmSdarmm große Mühe die Ordnung vor den Zugängm zu dem social-

ihre Geisteskräfte nicht mehr besaß, und ihr Vater ein Bäckermeister, Vater einer zahlreichen Familie. Plötz­lich jedoch klärtm sich seine GesichtSzüge wieder auf, und er sagte: ,, m ,

„Sie irren mein Herr. Diese Mary Graham hat ihre Wohnung Januar 1867 verlaffen. Die Frau, welche auf der Haide umgekommen ist, kam Nov. 1866 nach Lonemoor und entfloh ein« Monat später von dort weg. Sie sehen also, daß Sie sich irr«."

„Durchaus nicht, Mylord." , ,

„Sehm wir: DaS Kind dieser Frau ist im No­vember auf Lonemoor gebor«, sage ich Ihn«."

„Sie haben Recht, Mylord; die Frau, welche ich im Auge habe, war nichr die Mutter des in Rede stehenden Kindes; wir haben es mit zwei Frauen zu ihun . . . Die Sme war auf Lonemoor und verschwand einen Monat später unter Zurücklassung ihres KmdeS, aber sie ist keineswegs jene Frau, deren Lerche man unter dem Schnee gefunden hat."

„Was sag« Sie da? . . > Wo befindet sich denn die andere Frau?" , . ,

Ebm dies weiß ich nicht! ... Sie haben mich beauftragt. Erkundigungen einzuzieh« über diejenige, welche auf dem Friedhöfe von Plirnstone rühr, vnt der anderm habe ich mich nicht befaßt."

Ich habe über sie nichts Wetter vernommen, als