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Beilage zu Nr. 86 der „Fuldaer Zeitung".

Sonntag, den 16. April 1893. ~ ~

* Der hl. Frau; von Sales, Patron der katholischen Presse.

Das Diözesanblatt von Annecy veröffentlicht nach- stehende Bekanntmachung:

„Unser heiliger Vater P-pst Pius IX. hat der katholischen Presse den heiligen Franz von Sales zum Patron gegeben. Seit jenem schon ziemlich weit ent- ferntm Tage hat sich diese Presse, Gott sei Dank, be­deutend entwickelt; die katholischen Schriftsteller bilden eine hingebungsvolle, unabhängige Körperschaft, welche nur vom Gewissen und vom Glauben abhängig ist. Es dürste darum zeitgemäß sein, die gnädige Ein­richtung des heiligen Vaters besser als es bisher der Fall war, bekannt zu machen. Es liegt in der Natur der Dinge, daß, wie alle Frömmigkeit, so auch jeder moralische Körper einen Mittelpunkt, einen Wallfahrts­ort besitzen muß. Die Stadt Thonon, welche der hl. Franz von Sales für den Glauben der Kirche zurück­erobert, und wo er seine ersten apologetischen Werke geschrieben hat, ist der rechte Ort, wo der Segen Gottes die Schriftsteller erwartet, welche das von dem Heiligen begonnene Werk der Apologie des wahren Glaubens und der Besiegung des Jrrthums fortsetzen. Erne Kirche wird dort gebaut, die unter den Schutz des PatroneS der katholischen Presse gestellt werden wird. Der Pfarrer dieser Stadt richtet an alle Schrift­steller, welche den guten Kampf kämpfen, die Einladung, dieses Werk den Gläubigen bekannt zu geben und das­selbe mit allen Mitteln zu unterstützen, die Gott zu ihrer Verfügung gestellt. Wir spenden diesem Gedanken unseren vollen Beifall und wir schließen uns seiner an i alle Katholiken gerichteten Bitte an. f Louis, Bischof von Annecy."

x Zeitgemäße Plauderei.

Berlin, 13. April.

Pfarrer Kneipp ist nach Berlin gekommen; er predigt den kranken Leibern Wasser, aber die Saaten möchten auch gerne Wasser haben. Ueber das wunder- schöne Osterwetter war alle Welt froh — mit der ein­zigen Ausnahme des Dr. Falb, dem wieder einmal ein kritischer Tag erster Ordnung vollständig zu Schanden wurde. Mittlerweile ist die Freude an Sonnenschein und Frühlingsluft von Tag zu Tag geringer geworden; d,e Leute wollen Regen haben, sowohl die Staubscblucker in den Straßen, als die Bauern vor den Thoren. Falb hat nun für den 16. April einen neuen kritischen Tag prophezeit, von dem er bestimmt hofft, daß er ihn herausreißen werde. Ich hvffe auch, daß eS so um den 16. April herum etwas Aprilwetter mit Regen und Wind geben wird; aber wenn das Wahrscheinliche eintritt, so braucht man sich deshalb noch nicht zu Falbes kritischer Wetterlehre zu bekehren.

Falb und Kneipp haben eine gewisse Aehnlichkeit. Beide wollen bahnbrechende Neuerungen durchführen, und zwar im Gegensatz zu der zünftigen Weisheit und Kunst. Falb gehört nicht zur Zunft der Wetter­gelehrten und Kneipp nicht zu den approbirten Heil­künstlern; aber beide sind überzeugt, daß sie mehr von der betreffenden Sache verstehen, als die ganze Schaar der wohlbestellten Professoren und Fachgelehrten. Dieser feste Glaube an die eigenen Fähigkeiten hat etwas Jmponirendes, auch für die, welche den Herren mit Zweifeln gegenüberstehen.

Falb hat schon arge Mißerfolge zu erdulden ge­habt. Wie jetzt zu Ostern, so hat auch lrüher schon mehrmals bte Sonne wunderschön ruhig ihre präch­tigsten Strahlen über seine kritischen Tage ausgegossen. Er hält aber doch den Kopf hoch. Das nächste Mal stimmt es einmal wieder, und dann scheint ihm das Ansehen seiner Theorie wiederhergestellt'zu sein. Um Ausreden ist er nicht verlegen. Das letzte Mal hat er eS freilich etwas arg getrieben, indem er bemerkte, die große Trockenheit habe den Ausbruch des Regens ver­hindert. Das schmeckt doch nach dem Reuter'schen Witz­wort, daß die Armuth von der großen Powerteh komme, oder nach dem schönen Satze in den alten Reichstags- 1 alten, daß der Nothstand von der Kalamität herrühre. I Einige Hitzköpfe sagen nun gleich, Dr. Falb glaube I eigentlich selbst nicht mehr an seine Lehre. Da ver- kennen ste die Zähigkeit solcher Naturen, die sich zu Reformatoren in Gegensatz zur Zunft berufen erachten. Im Uebrigen ist es ja auch noch sehr wahrscheinlich, daß in der Falb'schen Wetterlehre „ein Körnchen Wahr­heit" steckt, um mit Stöcker zu reden. Die Fluth- Elemente, die Herr Falb zulammenrechnet, besonders die Stellung von Sonne und Mond im Verhältniß zu einander und in dem Abstand von der Erde, können ganz gut eine Einwirkung auf das irdische Luftmeer und damit auf die Weiterbildung ausüben. Aber wie Figura zeigt, sind dar offenbar nicht die einzigen Wettermacher. Wenn es an „kritischen" Tagen schön bleibt und an „unkritischen" drunter und drüber geht, so müßte Dr. Falb darin wenigstens bett Beweis sehen,

I daß es noch andere, kräftigeFluth-Elemente gibt, die den feinigen die Waagschale halten können. Er sollte sich also nicht auf das Beschönigen der Fehlschläge schlagen, sondern sich auf die Hosen setzen, um daraus deS Weiteren zu lernen.

Pfarrer Kneipp ist offenbar als Charatter hoch I über Dr. Falb zu stellen. (Letzterer ist, nebenbei be- | merkt, ein abgefallener katholischer Geistlicher, während Kneipp den Pflichten seines geistlichen Standes durch« | aus treu bleibt.) Kneipp hat ein gewaltiges Selbst­bewußtsein, aber nicht die Spur von Selbstsucht. ES ist das Bewußtsein seines Berufes, der leidenden Mensch- heit zu helfen, und dieser Mission opfert er in un­eigennütziger Weise seine ganze Kraft. Er könnte Millionär fein; aber er arbeitet bloß für die Kranken, die Armen und für sonstige gemeinnützige Zwecke. Ich verehre seinen Charakter; aber deshalb brauche ich noch seine Heilkünste nicht zu verehren. Er verdient aber jedenfalls die Anerkennung, daß er mit gesundem Menschenverstand die Wasserkur in gemäßigter Form anwendet, so daß er seinen Kranken nicht so leicht schaden kann. Das ist viel werth. Die guten Seiten der Wasserbehandlung können ja auch die ftubirten Aerzte nicht leugnen. Frießnitz war auch ein „Pfuscher", aber seinen „Umschlag" wenben die Aerzte auch jetzt noch häufig an. Professor Jäger mit seiner Seeten- riecherei ist ein Narr; aber seine Wollhemden thun vielen empfindlichen Leuten sehr gut. Kneipp wird sich zweifellos durch die Verbreitung der gemäßigten Wasser­kur ein dauerndes Veroienst erworben haben, da sein Auftreten dazu mithilft, daß man die Apothekengemische möglichst links liegen läßt und die Heilung mehr auf natürlichem Wege, durch gesunde Diät und Lebens- ordnung und durch Anregung der Hautthätigkeit mittelst Wasser anstrebt. Das sind die Lichtseitm der Kneipp­kur. Auf der Schattenseite sieht es so auS: Es ist immer ein gewagtes Spiel, wmn ein Mann, der nicht zum Uhrmacher ausgebildet ist, sich über eine kunstvolle Uhr hermacht. Wer mit gehöriger Sicherheit den kranken Körper beurtheilen und behandeln will, muß ihn erst gründlich studirt haben; sonst können trotz aller natür­lichen Begabung und aller Erfahrung doch gelegentlich Mißgriffe vorkommen. Eines schickt sich nicht für Alle; die Behandlung, die dem Einen gut ist, kann den Andern schädlich sein, weil die. körperlichen Zustände, die Ursachen der Krankheiten und das Wesen derselben so sehr verschieden sind. Kneipp's Behandlung ist nun freilich derart, daß ein unmittelbarer Schaden nicht oft und nicht in sehr hohem Grade eintreten dürfte. Aber ich für meinen Theil möchte doch nicht die Ver- antwortlichkei't auf dem Herzen haben, die eine solche Behandlung von einer Menge der verschiedensten Kranken mit sich bringt. Schon die Furcht, daß ein Kranker durch eine Schuld die für ihn nothwendige regelrechte ärztliche Behandlung versäumen könnte, würde mich bedrücken. Herr Kneipp fühlt dieses Bedenken nicht, weil er eben felsenfest von seinem Heilbetufe und von der Richtigkeit seines Verfahrens überzeugt ist.

Allen Respekt vor solcher Kraft der Urberzeugung; nur darf man sie nicht ohne Weiteres als beweiskräf­tig gelten lassen. Dr. Koch war auch von der Wirk­samkeit seines Tuberkulins felsenfest überzeugt; die ersten Proben schienen seine Annahme glänzend zu bestätigen, und doch stellte sich schließlich heraus, daß er seine Er­findung ganz bedeutend überschätzt hatte. Vorsicht gegenüber allen bahnbrechenden Neuerern, die mit der Wucht eines Willensstärken CharafterS das kühle Urtheil zu erdrücken drohen! Vorsicht namentlich gegenüber allen Kurmethoden, die sich als das einzig richtige, j überall unfehlbar wirkende Verfahren darstellen wollen! Prüfet Aller und behaltet das Beste. Wer Veranlassung dazu hat, prüfe auch daS Kneipp'sche Berfahrm und I hole sich gegebenen Falles auch dm Rath des würdigen I Heilkünstlers ein. Aber wenn die Krankheit ernst ist, so verlasse man sich nicht unbedingt und ausschließlich auf den ungeschulten Natur - Arzt, sondern ziehe auch die Wissenschaft und die schulgerechte Heilkunst zuRathe. |

Aehnlich verhält cs sich mit Falb'S Wetter-Prophe­zeiungen. Man kann sie mit in Bettacht ziehen, aber man darf sich nicht ohne Weiteres darauf verlaffm. Wmn Falb einmal Recht behält oder Kneipp's Lob von Geheilten gesungen wird, so beweist daS noch nicht, daß die Wetter-Theorie des Einen und die Heilmethode des Andern immer und überall richtig sind.

Als eine besonders gute Seite der Kneipp'schen M thode ist noch hervorzuheben, daß er die Leute zu einer mäßigen Lebensweise anhält. Mäßig nach jeder Richtung hin, auch in Bezug ruf die Enthalt- samkeit. Er fällt nicht in dieEir.ftitigkeit, denLeuten den Gebrauch geistiger Gettänke gänzlich zu verbieten, wie eS andere Wafferschwärmer thun, und er hütet sich auch vor der Verirrung deS sogen. Vegetarismus, der die Fleischkost ganz ausschließen will, obschon unS der liebe Gott die Zähne der Fleischfresser wachsen läßt. Kürzlich lief ja durch die Blätter eine ergreifende Todes- Anzeige, in welcher festgestellt wurde, daß ein Mann

schon im 38. Lebensjahre gestorben ist an Entttäftung in Folge seines hartnäckigen FesthaltmS an der reinen Pflanzenkost. Diese vegetarische Lehre ist auch eine von der Einseitigkeit, gegmüber dmm man vorsichtig sein muß. Aber wmn Kneipp Mäßigkeit in allen irdi­schen Genüssen und in der ganzen Lebensführung em­pfiehlt, so ist das^ein goldener Rachschlag, dm nicht bloß seine Klienten, sondern alle Leute zu Herzen neh­men sollten, auch diejenigen, die noch nicht krank sind.

Ebenso steht es mit der Hautpflege, welche dm Eck­stein seines Systems bildet. Die Wasserkur thut der Haut, den Nerven und dem ganzen Körper gut. Jetzt kommen wir in die Jahreszeit, wo man seiner Amt das erfrischende Wasser zukommen lassen kann. Er braucht dazu keines kunstvollen Verfahrens, sondem die heilsame Parole lautet: Baden, Waschen, Abreibm! Wer keine Gelegenheit zum Baden hat, der kann sich doch regelmäßig eine kühle Abreibung gönnen, war ihn nicht bloß sauberer, sondern auch frischer und gesunder macht. Damit kann man auch schon viel eher anfan­gen, bevor das Flußwasser „reif" geworden ist und noch fortfahren, wenn eS draußen wieder friert.

Etwas Gesundheitspflege ist um so mehr gebotm, als die Cholera sich schon wieder angekündigt hat. AuS Frankreich und auS Oesterreich werden neue Ausbrüche gemeldet. Die Gelehrten sind in Bezug auf die Cholera bekanntlich in zwei Lager gespalten, von dmm jedes mit großer Zähigkeit seine einseitige Theorie vertritt. Die Einen wollen Alles dem Kommabazillus allein in die Schuhe schieben, die Anderen verzehren die Komma- bazillm als an sich harmlose Dinge zum Frühstück. Wieder Einseittgkeiten und dmm man vorsichtig gegen» übertreten muß. Wir halten uns an die praktische Er­wägung, daß der Cholerakeim, mag er nun aussehm und heißen wie er will, den Leuten am wenigsten ge­fährlich ist, die ein mäßiges, solides Leben unter mög­lichst gesundm NahrungS- und Wohnungs-Verhältnissm führen. Grau ist alle Theorie, mangelhaft jedes System, ob es auch von berühmtm Namen getragen wird. ES ist alles Stückwerk, was die Menschen im Wissen ober Können leisten. Man muß sich durch dieses Stückwerk mit gesundem, unbefangenem Menschenverstand hindurch zu wursteln suchen, so gut ober so schlecht es eben geht. In der Politik, in der Heilkunst, in der Wetterkunde — überall Halbheiten, Zweifel, Krism. Wer weife ist, wählt kein unbedingtes Vertrauen auf Menschen, son­dern sucht int Gottvertrauen Alles zu prüfen und das Beste zu behalten.

Verbannt.

Nach dem Englischen von I. Rüttgers.

(54. Fortsetzung.)

In diesem Augenblicke klopfte es an der Thüre. Herr Barsby trat ein. Miß Norney bat ihn sogleich, den Bericht zu wiederholen, welchm er einige Stunden vorher ihr erstattet hatte. Sultan war schließlich, wie sie auch vorher gesagt hatte, fest überzeugt, daß der wahre Lord sich entweder tobt ober lebenbig in ben unterirbischen Gewölben befinben müsse.

„Sie können auf mich rechnen, Madame", tagte er, „ich stelle mich zu ihrer Verfügung. Wir »erben iubeß dieses Unternehmen sehr vorsichtig betreiben müssen."

„Seien Sie ohne Sorge, Herr, ich will mich ber Hilfe Lord Chiltous versichern, während Sie bett Auf­seher zu unseren Gunsten bearbeiten. Puntt zwölf Uhr »erben wir unS am Eingänge des Parkes, welcher zu ben Ruinen führt, einfinbm."

„Gut, ertoiberte ber Advokat, indem er sich verab­schiedete.

In lebhafter Erregung kehrte Sulton nach Schloß Dunholm zurück. Er schien fast nicht bis zur zwölstm Stunde des Abends warten zu können, so sehr brannte er vor Ungeduld, zu erfahren, ob sein Herr zu ben Sebenben ober Tobten gehöre.

Das Diner würbe aufgetragen. Sutton war in trauriger Stimmung, während Lord Darkwoob beute fröhlicher und aufgeräumter denn je war. Er leerte ein Glas nach dem andern und unterhielt seinen Gast von seinen ZukunftSplänen, welche er ausführen wolle, sobald er der glückliche Gatte der schönen Jndierin sein werde.

Nach aufgehobener Tafel war es Sulton so ange­nehm als möglich, daß Lord Darkwoob ben Wagen anspannen ließ, um einige Bekannte zu besuchen nnb bei biefen ein Theil des Abends zu »erbringen. So würbe ihm bie Ausgabe, welche er zu lösen hatte, wett leichter. Rachbem ber Marquis weggefahren war, suchte er den alten Diener auf und verlangte eine Privat-Unterredung mit ihm.

Wir brauchen kaum dos Erstaunen und den Schrecken zu beschreiben, welches der Greis empfand, als er die Erzählung Herrn Sultons vernahm, und haben eben­so wenig nöthig, beizufügen, daß er sogleich bereit