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Sonntag, den 16. April 1893. 20. Jahrgang

MacrWZeitlliig

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IV* Hierzu eine Beilage.

s-t Gül Hiuderuiß für die Hebung des Handwerkerstandes

Mld zwar ein durchaus nicht zu unterschätzendes Kinder- niß ist die Thatsache, daß manche Handwerksmeister ihren Stand selbst geringer schätzen, als er es wfi Grund seiner glänzenden historischen Vergangenheit und seiner hevorrageudm Bedeutung im virthschaftlichen und sozialen Leben verdient. Diese Unterschätzung deS Handwerkerstandes macht fich — von verschiedenen an­deren abgesehen — besonders auch dadurch bemerkbar, daß Handwerksmeister ihre EShne vielfach für zu gut halt«, ihr eigenes oder ein anderes Handwerk zu er- lernen. Berräth der Heranwachsende Knabe etwa- mehr als gewöhnliche SeisteSgabev, Talent, wie man gemein­hin zu sage« pflegt, danu flaut und trachtet der Later darauf, denselben einem anderen Stande zuzuführen; er schickt ihn deshalb ans eine höhere Schule und ist stolz darauf, einen Jungen zu habm, der studirt und chm die AuSficht eröffnet, demnächst einen gelehrten »Herrn Sohn" der Welt präsenttrm zn können. An und für fich ist nun das Bestrebm einer Later», seine Kinder möglichst weit zn bringen, gewiß durchaus «- erkennens- und lobenswerth, allein er darf nicht ver­geßen werden, daß Eltern leicht geneigt find, die gei- stigen Anlagen ihrer Sinder zu überschätzen und daß fie dieselben für geeignet halten, eine höhere Karriere einzuschlagev, wo dies oft in Wirklichkeit nicht zutrifft. Wir habm absolut nichts dagegm, nein, wir freuen nnS aufrichtig darüber, wenn auch Söhnm von Hand­werk«« der Weg zam Priest«., Beamten- oder Ge« lehrtmstande geebnet wird, und die Thatfache läßt fich ja konstatirm, daß nicht wmige bedmtmde Männ«, die sehr BieleS für Krrche, Volk und Vaterland gethan haben, au» Haudwerkerfamilim hervorgegangm find, ab« — und eS ist eia Ab«, welches wir sehr kräftig beton« — eS darf nicht außer Acht gelassen werden, daß eS vor Allem auf ein ausreichendes Talent und dm Beruf ankommt, wmu d« Knabe ein gutes, leistungsfähiges Mitglied irgend eines gelehrtm und höhnen Standes »erden soll. Dies wird nicht feiten zu wmig gewürdigt; in d« Liebe zu chrm Sind«» und dem Bestrebm, ihnm zu einem, üjter Ansicht nach arten Fortkommm behilflich zu sein, prüfm manche eitern die Anlanau und die Neigung zu diesem ob« jenem Bemfe nicht so genau, wie er nothweudig ist. Ein HavdwerkSmeistn hält feinen heranwachsmdm Sohn für talmtirt, mamt, er begehe gewissermaßen em Un­recht. wenn « denselben dem Handw«ke zuführte, und schickt ihn, nachdem « die Mutter von dm Geistes- gaben ihrer Lieblings übnzmgt und ihr eine prächtige Perspektive in Bezug auf die Zukunft deS Snabm ge- zeigt hat, auf eine höhne Schule. Das kostet aller- dingS Geld, und der Meist« sagt fich auch wohl schon i« Stillen, daß er daS, was für dm Sohn zu Studien« zwecken verwendet wird, im Geschäfte nochwmdig ge- brauche, daß vielleicht « und seine Angehörigen sich Entbehrungen auferlegm müffen, um dm einmal über« nommmm Verpflichtungen Nachkommen zu könnm, allein « tröftet sich bald Wied« mit dem Gedanken, daß b« Sohn ihn nnb bie ©einigen später für bie gebrachten Opfer entschädigen wnde. Letztere» trifft nun wohl auch zu, wen« d« Junge eine gute Erziehung im eit«« üchm Hause genossen hat, Talent und Fleiß in ge- nügmdern Maße besitzt und nebenbei vorn Glück in etwa begünstigt wird; ab« er gibt auch Fälle, in wel- chm sich die Berechnung d« eitern als falsch «weist, nnb bann ist b« Sohn bireft, bann finb seine Ange­hörigen indirekt schlimm« batan, als wenn er Hand« werk« geworden wäre. Diese Möglichkeit ins Ange zu faffm, möchten wir alle mit Söhnm gesegneten Handwerksmeistern in ihrem und chrn Söhne und ; anderen Angehörigen Interesse dringend rathm; zugleich • aber wollen wir noch Folgendes sagm: Er hieße sehr i gering von dem Handwerkerstände und dm Leistungen i aus dem Gebiete dn einzelnen Kategorien der Hand- ■ Werks denken, wollte man annehmeu, daß zur Erlernung i eines Havdwnkr besondere geistige Fähigkeiten voll- ständig übnflüffig wärm und man dem Handwerk«- >' staube Talente ohne eine Schädigung beffelbm mtziehm ' könne.

Wir achten bar Handwerk hoch, und weil wir das « thuu, deshalb find wir auch d« Ueberzmgung, daß eS ‘ in vielm Fällm sehr unklug gehandelt ist, wenn Hand-

wnkSrneist« chre Söhne mehr einem anderen, als ihrem eigenm Stande zuzuführm bestrebt find, weil fie eben wähnen, dieselben könnten chre Fähigkeitm in einem anderen Stande bester, rmtabl« verwerthm. Wenn ab« dem Handwnkerstande alle talmtirtm jungen Leute entzogen werden würdm, barm würbe derselbe zweifelsohne noch mehr ben Krebsgang gehen, als es jetzt schon leib« b« Fall ist; eS barf nämlich nicht v«aestm wnbm, baß nicht nur materielle Mänael e» ftnb, bie bem Hanbwerkerstanbe in un- Serer Zeit sein Blühm nnb Gedeihen erschweren, son­dern baß auch geistige Unterbilanz daran mit bie Echulb trägt, baß baS Handwerk von sein« einstigen Höhe herabgeftmkm ist. Mit bie schlimmsten Feinde des HandwerknstandeS sind die Stümper undPfn« scher, die fich Dank b« Gewerbefreiheit rc. in feinem eigenen Lag« befinden, die eine unberechtigte Kon­kurrenz den leistnngSfähigm Meistem rnachm, bie Preise drücken und dar Ansehen der ganzm Stander schädigm. Diese „Konkurrenten" zu beseittgm, gibt eS heute auß« dem Befähigungsnachweis, dessen gesetzliche Eiufühmng leider bisher vngeblich »«langt worden ist, unseres ErachtmS kein best«eS Mittel, als die Stärkung des HandwnkerstondeS durch die Zuführung von möglichst vielm befähigt«, ja talentvollen jungen Leuten. Zu dem Zwecke ab« müffm die Meist« von dem Be­streben ablaffm, chre Söhne, wenn diese nicht eine ganz besondere Begabung befitzm, dem Handwnk«- stande zu mtziehe», und Alle- thun, um fie demselbm als tüchtige Mitglied« einzureihen. Abgesehm von dem Rutzm, welch« dadurch nnstrettig dem gesummten Stande erwachsen würde, würden auch die Meist« selbst vieler profitiren. Bedenke man nur einmal, was ehr langjichrrges feuivinm, Gymnafium,

spät« auf d« Universität, für GÄd kostet, und dann frage man fich ernstlich, ob durch solche zehn, zwölf und vielleicht noch mehr Jahre währendm, fich imm« steigernden Ausgaben dem klein«« Handwnk« nicht da» Fortkommm sehr nschwert wird? Rehmm wir an, daß der sich dem Studium widmmde Knabe und junge Mann im Durchschnitt jährlich nur 400 Mark — die Summe ist gewiß niedrig bemeffm — gebraucht, so macht dar ohne Zinfm und Zinseszinsen m zehn Jahren schon 4000 Mark aus, welche dem Geschäfte deS Bat«S entzogm w«dm. Rechnen wir hierzu noch, daß dn junge Mann — wenigsten- die Zett io Betracht ge« zogen, welche « auf b« Universität zubringt und die bi» zu dem Augenblicke geht, bis zu dem « eine Stellung mit Besoldung «hält — längere Jahre hin­durch nichts verdient, während «, wenn « als HandwerkSgehülfe arbeitete, zum mindestm fern Brod selb« erwerben würde, so fladeu wir, daß er bezw. seine Eltem und Angehörig« einen ganz erheblichen Berlnst erleiden. Hiermit ist ab« die Sache noch nicht «kbigt. Wie Jeber weiß, ist bie Zahl der studirten Lmte in unfeter Zeit eine sehr große unb buS Wort vom Gelehrtenproletariat leib« nur zu wahr; eS ist schwierig, eine gesicherte Stellung im Beamten« und Gelebrtmstanbe zu erlangen, unb hat ein junger Mann eine solche schließlich ofquiritt, bann ist daS Gehalt ein derartiges, daß eS kaum für die Lebenshaltung beS Betreffenden auSreicht; an die wirksame Unterstützung seiner Eltem und Geschwistern kann « selten denken und Letztne sehen fich in ihren gehegten Hoffnungen oft bitter getäuscht. Der Bat« ab« ist inzwischen älter gewordm, « vermag nicht mehr so zu arbeiten wie früher und muß fich nach ein« leistungSfähigm Stütze umsehm. Hätte fein Sohn, statt zu studirm, fein Handwerk «lernt und fich in der Fremde weitere Kenntnisse und Fertigkeit« erworben, fo könnte « jetzt dem Bat« die Hauptlast abnehmen; nun « dies ab« nicht vermag, muß eine andere Kraft eingestellt w«dm, und hindurch wirb dar Einkommm d« Hand« werkersamttie immerhin beträchtlich »«mindert. Tritt gar d« Fall ein, daß d« Vater krank wttd ob« stirbt, dann ist die Mutter, wmn nur ein stndirter Sohn vorhanden, oder kein« b« Söhne fich bem Handwerke beS Vaters getoibmet hat, gezwungen bie Führung deS Geschäftes fremben Hänben anzuvertrauen, unb schließ­lich muß daS Geschäft, baS sonst bie Familie ernährte, verkauft wnbm unb eingehen. DaS nnb vielleicht noch Schlimmeres find bann die Folgen für die Familie, daß aus dem Sohne kein Handwerker, fondem ein „Herr" gemacht wurde.

Wir möchten, diese kurzen Erwägungen nammtlich dm „liehen" Handwerkern zur Beachtung empfehlm i und sie zugleich daran ninuem, daß daS Blühm und '

Gedeihen deS Handwerkerstandes in früheren gelten nicht am Wenigsten darin feinen Grund hatte, baß bie HanbwnkSmeister ihre Söhne ihrem Staube zuftthrtm unb stolz barauf warm, wmn ihr Geschäft fich in b« Familie weiter »ererbte. Hierbei sei auch kurz auf eine Erscheinung aufmerksam gemacht, welche fich heutzutage vielfach in Hanbwnknkreisen zeigt unb im Interesse deS HandwnkerstanbeS fehr zu Beilagen ist. ES ist baS bie Erziehung ber Handwerkertöchter. Häufig kann man beobadjten, daß bie heranwachfenbm Mäbchm zu wenig zur häuslichen Arbeit augehaltm wnbm, baß fie, obgleich fie Körperkräfte genug besitzen, bie schwe­reren Arbeiten, wie Waschen, Scheu«» rc. von Tage« löhnninnm beforgm lasten, während sie selbst bie „Dame" markiren, fich üb« ihrm Staub kleibm, spa« zinm gehm rc. und nur an Häkeln, Stickereim und dergleichen Gefallen findm. Daß solche Mädchen keine auSgeznchnetm Hausfrauen wnde» und am wenigsten zu Handwerkttfrauen fich eignm, braucht nicht befou- onS hnvorgehobm zu »erben. Der Hanbwerker, ber mit einer fo gearteten Frau „beglückt" wird, ist durch­aus nicht zu bmeidm, eS fei denn, daß fie fich im Ehestände — was aber wohl in dm seltensten Fällen eintreten dürfte — gewaltig änderte. Wir sind dah« der Anficht, daß biejenigen Handwerksmeister, benen eS mit b« SB erbeff «ung b« Lage ihres StanbeS wirklich «nst, auch auf die Erziehung ihr« Töchtn zu spar- samm, bescheidmm und tüchtig« HauSsraum ebenfo viel Gewicht legen mästen, wie auf die Ausbildung ihrer Söhne. — Etwas mehr StaudeSbewußtfeiv, etwa» mehr Handwerkerstolz: und viele» Andne wttd dann mtt Gotte» Hülfe bei eivträchttgem Zufammmwirkm dn Handwerk« schon von selbst kommm. Schließlich sagm wir noch: Da» Geld, welche» jetzt von manchm Handwnkern zur wistmschastlichm AuSbllbung dn Söhne und für „Bedürsniste" der Töchter auSgegebm wird, die durchaus überflüssig find, zur Hebung de» Geschäfte» odn zur Anlage eine» „Reservefonds" für die ölten Tage zu benützen, nscheint unS, die wir nur daS Beste des Handwerkerstandes im Auge habm, als einer dn Mittel, welche mit zur Verbesserung dn Lage deS HandwnkerstanbeS bienen. Möge man in Hand« wnknkreism nnfere Ausführungen so ansnehmm, wie fie nach unfern Jntmtton anfzunchmm find u»b eS einmal versuch«, nach bem Sngebmtetm zu handeln; wir find übnzmgt, daß eS bem Handwerkerstände nur zum ©egen gereichen wirb.

Deutsches Keich.

Berlin, 14. April.

* Der Kampf xm die Militärvorlage nimmt einen um so ernsteren Charattn an, je näh« bie Entscheibang heranrückt. Wie biese Entscheidung au»« fallen wirb, kann nicht mehr zweifelhaft fein, wenn die Reich»regi«u»g nicht «och im letzte» Mommte zu einem Aichgebm in weitnern Maße als birhn fich mtfchließt. Dazu ist aber bis jetzt keine Aussicht vor« handm. Al» da» Minimum beffen, was für die Regierung annehmbar wäre, ist zuletzt im Hambmg. Correfpoudentm offiziös eine Präsenz - Erhöhung um 69,000 Mann (59,000 Gemeine und 10,000 Üntn- ofsizine) bezeichnet. Die Militärvorlage »«langt be­kanntlich 84,000 Mann, nämlich 72,000 Gemeine und 12,000 Untnoffizine, während dn Compromiß- antrag deS Herrn von Bennigfm ein Angebot von 42,000 Mann und 7000 Unteroffizieren enthielt. DaS Minimum beffen, war die Regierung verlangt, geht also über da» Maximum beffen, war ber Com« promißvorfchlag Bennigsen anbietet, noch um 20,000 Manu hinaus. Bei einer solchen Differenz ist eine Einigung kaum mehr zu ermatten. Freilich ein Theil ber Rationalliberalen wäre jetzt schon b«eit, für bie unvnminberte Forderung b« Regierungsvor­lage zu stimmen; eS ist ja so lncht, auS den Toschm Anberer Gelb zu bewillig«, waS man jetzt „patrio- tisch" nennt, «in anbner Theil hält an bem Bennigsen- 'scheu Compromiß fest, und biejenigen Rationallibe- ralen, welche selbst nicht wiffm, waS sie wollen, reben von einer „Verständigung" und fassen Beschlüsie, wo­bei fich aber, wie bie Dinge nun einmal liegen, schlechter­dings nichts denken läßt, «egen eine Verständigung über die Milttärvorlage fit mtt Ausnahme der Sozial« demokratm keine Partei. Abg. Frhr. v. Huene hat RammS deS CmtrurnS schon bei ber ersten Berathung erklärt, daß eine Verständigung gesucht und gesundm »erben, daß bie Regierung ein weitgehender Entgegen«