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Samstag, den 15. April 1893. 20. Jahrgang
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* Freiherr v. Schorlemer-Alst über den Autt-Semitismus.
In der Sitzung drL Herrenhauses vom 22. März d. 3-, hat Herr Dr. Freiherr v. Schorlemer-Alst eine Rede über den Anti-SemitiSmuS gehalten, welche bisher viel zu wenig beachtet worden ist. Die Rede knüpfte an die Debatte über eine Püition oeS Vorstandes deS deutsch-sozialen Reform-BeremS zu Strehlen in Schlesien um staatliche Prüfung der jüdischen Geheimgesetze bezw. an dm Bericht der Petitions-Kommission des Herren- hauseS an. Herr v. Schorlemer beantragte im Gegensatz zur Petitions-Kommission, welche die Petition „zur Prüfung und Berücksichtigung überwiesen wissen wollte", die Ueberweisung an die Regierung „zur Prüfung", weil erst nach der Prüfung festzustellen sei, ob sie be- rückfichtigt werden könne. Freiherr v. Schorlemer-Alst führte bei dieser Gelegenheit Folgendes auS:
Ich glaube, ich brauche nicht erst zu versichern, daß ich in wesentlichen Punkten auf dem Standpunkt des Herrn Grafen v. Klinckowström stehe, daß namentlich mein ganzes Leben lang die vielen Ausschreitungen, die die Juden sich im geschäftlichen Verkehr, im Handel und sonst zu Schulden kommen lasten, auf's energischste bekämpft habe, wobei ich allerdings leider auch bestätigen muß, daß vielfach von Christen dieselben abscheulichen Geschäfte betrieben werden wie von den Juden — das muß ich der Gerechtigkeit halber aussprechen. Bor allem beklage ich aber und mache den Juden zum schwersten Borwurf die Ausschreitungen, die sie durch die Presse begehen, denn gerade ist es auch die jüdische Preffe, welche unser christliches Gefühl, dar, was uns das Heiligste ist, auf's schändlichste und schmählichste angreift und in den Koth zieht. (Sehr wahr!)
Selbstredend stehe ich auf dem Standpunkt, daß ich eine christliche Obrigkeit haben will.
Was nun die Petitton selbst Betrifft, so glaube ich, offen gesagt, nicht, daß die Prüfung, die ja den Petenten nicht verweigert werden kann, zu einem Resultat führen wird. Die Petenten stellen sich mehr oder weniger aus den Standpunkt, das ohne Weiteres für richtig anzunehmen, was in den betreffenden Büchern stehen soll oder steht. Darüber streiten sich die Gelehrten aber noch, und ich glaube, es ist kaum zu bezweifeln, daß die Gelehrten, die bisher in biefem (streite gearbeitet haben, betreffs ihrer Sachkenntniß, fast eben so zweifelhaft sind, wie die zu prüfenden Streitsachen.
Man weiß auch, wie es bei einem solchen Streit der Gelehrten geht; Jeder will Recht haben, und ich fürchte, daß, wenn nach dem Wunsche des Herrn Referenten oder der Petenten die Profefforen der Universitäten von der Staatsregierung zu einer Kommission vereinigt werden, die darüber urtheilen soll: ist das wahr und richttg, was in dem Schulch an Aruch steht, oder ist es nicht richtig — Herr v. Klinckowström hat schon darauf aufmerksam gemacht, daß man die Uebersetzungen nicht vollständig hebe, sie vielleicht auch niemals ttchttg haben könne, — ich glaube also, daß bei diesem Gutachten der Profefforen nichts Brauchbares herauskommen wird (Sehr richtig!), nichts, was die Regierung zu irgend welchem gefetzlichen Borgehen veranlassen oder berechtigen kann bezw. daß etwas bewiesen würde, was zu dem von dem Herrn Referenten besonders betonten Ausspruch führen wird: „Wenn das wahr ist, was in den Büchern steht, müffen wir gesetzliche Maßregeln dagegen ergreifen." Im Allgemeinen glaube ich, daß das Strafgesetz — welches ja, wenn nöthig, nach manchen Richtungen noch verschärft werden kann, ich werde darauf noch zurückkommen — schon jetzt gegen gefährliche Ausschreitungen doch hinreichenden Schutz bietet. Ich möchte für meine Perfon nicht so weit gehen wie der Herr Referent, der doch mehr ober weniger annimmt, daß bas, was in der Petition steht, richtig fei. Ich kann aber nicht sagen, diese Anschuldigungen gegen die Juden find richttg, Lis ich es bewiesen vor mir habe. Denn es können in diesen
Verbannt.
Rach dem Englischen von I. Rüttgers.
(53. Fortsetzung.)
Nachdem Herr Barsby sich entfernt hatte, warf Miß Norney rafch einige Zeilen auf'r Papier und schickte den Brief sogleich ab.
Herr Sultan befand sich in diesem Augenblicke auf Schloß Dunholm, um dem Marquis über verschiedene Angelegenheiten Bericht zu erstatten, welche er für ihn besorgt hatte. Nachdem der Marquis seine Mitiheil« ungen entgegengenommen, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, ihm seine demnächste Verbindung mir Miß Norney mitzutheilen.
Herr Sultan war ob dieser Nachricht nicht wenig erstaunt, denn er wußte, daß die Schloßdefitzerin von Beechwont jung, reich und schön sel. Einige Augenblicke später „,4 er sich in den Garten zurück, um eine Cigarre zu rauchen, bis der Marquis einen Brief beendigt haben würde, den er schreiben wollte.
Plötzlich sah er über die Hecke hinweg einen jungen Mann zu Pferde, welcher ihm ein Papier entgegen- hielt. ES war der Stallknecht der Miß Norney, welcher Herrn Sulton sogleich den Brief übergab, welcher für ihn bestimmt war. Der Advokat nahm den Brief in Empfang und begann denselben zu lese», während er alle Zeichen der größten Verwunderung verrieth. Jndeß
Büchern Dinge stehen, bie in frühem Zeiten gegolten haben, jetzt j aber nicht mehr gelten. Ich habe basür eben keinen Beweis unb i will Niemanb ungerecht verurtheileu. Das ist schon sicher, bie i zusätzliche Bemerkung, welche bet Herr Referent machte, ist un- ■ wahr, nämlich bie Bemerkung, baß nach einem angesehenen Ge- i schichtsfchreiber Juden sogar Bischöfe geworben unb boch babei Rabbiner geblieben wären. Wenn bie Gelehrten, bie hinter ben anbern Büchern stehen, nicht besser sinb, als dieser angesehene Geschichtsschreiber, bann haben wir es eben mit Romanschreibern zu thun, aber nicht mit ernsthaften Männern. Denn bas ist ge- rabezu unmöglich, baß Einer zugleich katholischer Bischof unb Rabbiner fei. Das erinnert mich baran, baß, als vor einiger Zeit in Olmütz ber Domherr Dr. Kohn zum Bischof geweiht würbe, auch in gewissen Blättern zu lesen war, ber Mann bleibe, von jüdischen Eltern stammend, boch Jube, obwohl er Bischof fei. (Heiterkeit.) Daß ber Bischof Dr. Kohn von jübischen Eltern stammt, barin liegt boch nichts TadelnSwerthes. Ich wüßte nicht, warum nicht ein Jube auS Ueberzeugung Christ werben, bie Pflichten seines neuen Glaubens treu erfüllen sollte, unb bann auch würdig fein könnte, zum Bischof geweiht zu werben. Ich bars an einen Mann erinnern, ber auch Jube war, Christ würbe unb feine Pflicht als Christ unb christlich-konservativer Mann fo erfüllt hat, daß heute noch Alle in diesem Hause mit besonderer Verehrung und Achtung an ihn denken.
Nun bemerke ich noch eins. Ich weiß ja nicht, ob das durch bie Worte ber Herren Vorredner angebeutet werben sollte. ES wirb boch nicht möglich fein, wenn man auch bie Emanci- patiou ber Juben als einen Fehler betrachtet, nachdem man ein Mal ben Juden die staatsbürgerlichen Rechte gegeben hat, sie ihnen wieder zu entziehen. Ich glaube, jeder darauf gerichtete Versuch wird ein Unrecht, wird vergeblich fein. Das ist aber eigentlich das, was bie antisemitische Bewegung anstrebt — es ist ja auch schon in ber Petition angebeutet —, daß man eigentlich bie Juden im Staate nicht mehr dulden sollte. Nun, es könnte ja angenehmer sein, wenn man sie nicht hätte. (Heiterkeit.) Aber wie wollen Sie dieselben denn hinauSbringen? Also ich wiederhole, jeder dahin zielende Versuch wird vergeblich sein, und ich bin deshalb auch gerade der Meinung, daß die antisemittsche Bewegung eine so wenig praktisch wirksame sein wird. Die ansschreitende Art, die sie hat, macht sie mir schon ganz unsympathisch. Was ich bisher von der anti-semitischen Bewegung gesehen habe, ist nur eine ungeheure Aufwühlung der Leidenschaften, eine große Verrohung des Tones, der ja auch jetzt schon im Parlament — in einem naheliegenden Hause — sich gezeigt hat, unb wenn ein Mal ein solcher abschüssiger Weg betreten ist, so wird man darin noch weiter kommen. Ich muß sagen, daß ich vor allem wünschte, daß man statt der vielen Reden, die gehalten, und der Vereine, die gebildet worben sinb, besser mit wirklich praktischen Maßregeln vorginge. Man kann sich sehr gut gegen viele Geschäfte ber Juden, bie uns unangenehm unb so fchäblich sinb, an benen leib er aber auch mancher Christ theilnimmt, selbst schützen. Auch meine Heimath- provinz Westfalen hat unter bem Wucher ber Juden zu leiben. Aber wir haben bemgegenüber bie Spar- unb Darlehenkaffen- Vereine unter Mitwirkung des Bauern - Vereins ins Leben gerufen und haben auch Erfolg gehabt; wir haben bisher in den sechs Jahrer des Bestehens, schon einen großen Umschlag, im letzten Jahre von über 60 Mill, gehabt. Wir haben damit bem Wuchergeschäft mehr vorgebeugt, als mit allen anti - semitischen Reben unb Versammlungen geschah. Ich bin auch ber Meinung, baß man auf bem Wege ber Gesetzgebung noch viel schärfer vorgehen könnte. Mir genügt bas noch nicht, was gesetzmäßig gegen den Wucher gilt. Ebenso, meine ich auch, muß gegen bie Ausschreitungen an ber Börse schärfer vorgegangen werben. Es muß dort etwas geschehen; benit ich schreibe gerabe den Geschäften, bie dort getrieben werden, wesentlich die Kalamitäten mit zu, unter denen wir Landwirlhe, aber auch die Konsumenten zu leiden haben.
Nun möchte ich mir erlauben, noch ein paar kurze allgemeine Bemerkungen zu machen. Ich finde bas gerade so so schlimm an ber anti-semitischen Bewegung und Agitation, bie sich mehr unb mehr entwickelt hat, daß zugleich damit eine Verdächtigung ber allgemeinen Zustande Platz greift. Ich erinnere Sie an bie schweren Verdächtigungen unserer Armee und chrer
begriff er nicht im Mindesten, weshalb die Schloßbesitzerin von Beechmont so dringend eine Unterredung zu haben wünsche.
„Sollte sie mich etwa »egen ihrer Heirath sprechen wollen? Sollte sie etwa von dem Vorleben ihrer Verlobten gehört haben? ... Auf jeden Fall will ich ihrer Bitte willfahren, denn ich möchte die zukünftige Marquise von Darkwood gern kennen lernen."
Ec warf seine Cigarre weg, steckte den Brief in seine Tasche und begab sich dann in den Stall, wo er sein Pferd satteln ließ, auf welchem er sogleich davon trabte. Eine Viertelstunde später sah er dar Schloß Beechmont vor sich. Herr Sulton hatte kaum Zeit den Glanz und den guten Geschmack, welcher in Allem herrschte, waS er um sich herum sah, zu bewundern, denn schon trat die Besitzerin van Beechmont ein, in eine Rode von schwarzem Velours gekleidet, welche rhre etwa« strenge Schönheit noch mehr heivortreten ließ.
Der Advokat verbeugte sich tief vor ihr, und gestand sich heimlich ein, daß er nie ein herrlicheres Geschöpf gesehen habe.
„Herr Sulton," sagt« sie, „ich bin Miß Norney und ich muß Sie wegen der Art und Weise um Entschuldigung bitten, mit welcher ick Sie um einen Be- ! such bei mir gebeten habe; aber Sie werden mir ver- i zeihen, wenn Sie vernommen haben, waS ich Ihnen ' mittheilen möchte."
Bewaffnung, ehreuwerther Offiziere, wodurch vor bem AuSlanbe bte Tüchtigkeit unserer Wehrkraft in Frage gestellt roiybe; ich erinnere Sie an einen neueren Angriff, ber heute vielleicht seine Erlebigung finbet, an ben Angriff, ber gegen bie Integrität unserer Beamten gerichtet ist, auf bie wir, als etwas für uns besonberS Werthvolles, immer mit Recht stolz gewesen sind, von denen ich sagen zu dürfen glaube, daß wir allen andern Staaten darin überlegen find. (Sehr richtig!) Unb berarttge Angriffe, hervorgehend aus einer solchen Bewegung und Agitatton, haben zuletzt zur Folge, daß sie auch die Autorität des Staates unb der Krone erschüttern. (Sehr richttg!) Denn wo, wie bei uns in Preußen, Gott Dank! der König das Recht hat, sich feine Minister frei zu wählen und barin nicht von einer parlamentarischen Mehrheit abhängt, fallen solche Angriffe auf bie Beamten unb hochgestestellten Funktionäre zuletzt auch auf bie Autorität ber Krone zurück (Sehr richtig!), uno ich halte bieS für etwas sehr Beklagenswerthes. Ich bin auch ber Meinung, es ist in der That schon an dumpfer Unzufttebenheit unb böser Stimmung so viel vorhanden, daß man vor allen Dingen dem entgegenarbeiten sollte, daß noch mehr solcher Brennstoff sich ansammelt. Denn wir können nicht wissen, zu welcher Explosion das führen wird. (Sehr richtig!) Das ist mein Standpuntt im Allgemeinen und zu dieser Frage.
Deutsches Reich.
Berlin, 13. April.
* Eine Rnflösnng des Reichstags ist schon jetzt so gut wie sicher. Der Auflösung folgen alsbald Neuwahlen zum Reichstage. Und wie werden diese Neuwahlen ausfallen? 3m Einzelnen läßt sich dar ja nicht voraus sagen, im Allgemeinen ist aber so viel gewiß, daß die Neuwahlen für einen neuen Reichstag keine Mehrheit zu Gunsten dieser Militärvorlage ergeben werden. Und dann? Hier beginnt das große Räthsel. Ein nationalliberaler Blatt, die .Leipziger Neuesten Nachr.', will „auf Grund zuverlässigster In- formatioven, die kaum einen Zweifel zulassen", diese- Räthsel lösen und" feststellen können, daß der Plan deS Grafen Caprivi folgender ist: Vorausgesetzt, daß das Centrum nicht schwankt (das thut dar Cmtrmn nicht) wird der Reichstag aufgelöst werden. Der neue Reichstag wird nach Anschauung der Regierung eine Mehrheit (für die Militärvorlage) nicht bringen. Lehnt er (der neue Reichstag) die Vorlage ab, so wird er von Neuem aufgelöst oder doch nach Hause geschickt und ohne seine Zustimmung und gegen die Verfassung die Neuorganisation (der Armee) bewerkstelligt. Die Zustimmung der Bundesstaaten dürfte theilweise bereits gewonnen sein, doch leistet Boyern vor Allem hartnäckigen Widerstand. Sine geheime Mission hat die Aufgabe, diesen Wiederstand zu heben." Trotz der „zuverlässigsten Infor- mationen" deS Leipziger nationallckeralen Blattes müffen wir feine Mittherlung entschieden in Zweifel ziehen, bemt eS ist undenkbar, daß die Reichsregierung es auf einen schweren Konflikt abgesehen hätte. Selbst Herr von Bennigsen hat am Schluffe der Verhandlungen in der Militärkommission in eindringlicher Weise die Regierung gewarnt, indem er befürchtete, daß Deutschland „in ganz unabsehbare KonflÄte hineintreibe, so daß eS ihm zweifelhaft erscheine, ob wir noch bei unseren Lebzeiten wieder in gesicherte Zustände gelangen könnten."
„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Madame," sagte der alte Advokat galant; „Lord Darkwood hat mir soeben mitgetheilt, daß Sie ihm Ihre Achtung, ja noch mehr schenken . . . und daß Sie bald Marquise von Dunholm . . ."
„Diese Ankündigung ist etwas voreilig gewesen," warf Miß Norney ein, „wir sind noch keineswegs mit einander verlobt; ich habe ihm versprochen, binnen acht Tagen eine entscheidende Antwort zu geben, und diese Antwort könnte vielleicht eine verneinende sein."
Erstaunt sah der Verwalter Miß Norney an.
„Sie wollen mich vielleicht, Madame, über das Vorleben Lord Darkwood'S befragen, also über jene Zeit, wo er die hohe Stellung noch nicht inne hatte, welche er jetzt bekleidet ♦ . . Ich bin vom Vater auf dm Sohn Sachwalter der Familie Darkwood gewesen, und Sie begreifen, daß die Ehre derselben mir ebmso theuer ist, als meine eigene. Ich würde deshalb zu meinem Bedauern keinerlei Antwort fleben können auf eine Frage, welche auf diesen Punkt Bezug hätte."
„Sie befinden sich im Jrrtyum. Herr, ich habe Sie nicht zu mir bitten lassen, um Sie über das Lebm deS Kapitän Tollis auszuforschen. Nehmen Sie Platz, ich bitte Sie, Sie werben sehen, daß ich über weit wich- tigere Dinge mit Ihnen zu reden habe."
Nachdem der Advokat und Miß Nomey nebenein- ander Platz genommen hatten, frug die Letztere ihrm