M 84 Freitag, beit 14. April 1893. 20. Jahrgang
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* Das Lehrltugsrveseu.
Die Zeit ist jetzt wieder gekommen, wo viele Tausende von Knaben als Lehrlinge in Handel und Gewerbe treten- Das LehrlingSwesm bietet heute zu manchen Ausstellungen Anlaß, in deren Inhalt sich der Geist der Zeit recht oft zu lebhaften, freilich in nicht immer klaren Farben wiederspiegelt. @8 wird heute so sehr darüber geklagt, daß bei den jungen Leuten Wissen, Könnm und Wollen nicht immer im richtige» Einklang zu einander steht. Die Fälle, in welche» vaS Wissen und Könnm groß sind, daS Wollm, die bereits erworbenm Kenntnisse fleißig auSzunützen, nicht minder, sind dünn gesäet, viel, viel häufiger sind die Feststellungen, daß bei schwachem Wissm und Könnm auch dar Wollm sich auf recht niedriger Stufe hält; ja, man kann sogar sagm, daß mit dem Wissen und Können auch daS Wollen abnimmt, während doch das Umgekehrte der Fall sein müßte. ES ist leider keine oberflächliche Bemerkung, sondem eine tief begründete Thatfache, daß die jungen Leute recht oft nicht nur ihre eigenen Kenntnisse überschätzen, sondem auch daS was sie lernen müssen, seinem Umfange und Werth nach unterschätzen. Jeder Lehrmeister wird in dieser Beziehung seine Ersahrung gemacht haben und wissm, daß es mitunter schon ein gutes Stück Arbeit kostet, bis dem Lehrling nachgewiesm ist, daß er von dem, waS er für das Leben wisfm muß, eigentlich fast nichts Imnt, und daß eS ein saures Stück Arbeit ist, ihm begreiflich zu machen, daß nicht nach feinen Anschauungen und. nach seinem Auffassungsvermögen die Welt sich gestaltet, sondern nach anderen festbegründeten und langentwickelten Grundsätzen, betten Jeder sich beugen muß, der ehrlich sein Brod verdienm will. Der alte kernige Gmndsatz, daß man von der Pike anfangm muß, wenn später etwas Tüchtiger geleistet »erben soll, will heute vielen nicht mehr recht einleuchte». Jedwedes Metier soll eine Art von „vornehmen" Anstrich haben, um diesm so vielfach gebrauchten Ausdruck zu gebrauchen, und in das von Eltern und Kindern so phantastisch dargestellte Zukunftsbild wollen ost harte Hände und rinnende Schweißtropfen wenig Hineinpasim. Das ist das Unglück! Die jungen Leute be- ginnen so vielfach ihre Lehrzeit unter dem Eindruck von ganz falschen LebmSvorstellungm, die sie leider auch im elterlichm Hause in sich aufnehmen, unter dem Durste nach allerlei Zerstreuungen und Vergnügungen, in dem Wahn, daß die goldme Freiheit nach Schluß der Schulperiode ganz extra für sie erfunden sei.
Wir vermisien heute schon bei so manchem Er- wachsenm ein volles Berständniß für den Emst des Lebens, eine von sittlichem Emst getragene LebenSan- fchauung, daß man sich gar nicht darüber zu wundem braucht, wenn sie bei jungen Leuten noch weniger vorhanden ist. Statt in vollster Klarheit darüber zu fein, daß man heute sehr viel wissen und sehr Gutes leisten muß, wenn man vorwärts kommen will, herrscht die Anschauung, daß eS genüge, Dies und Jener zu wissen, daß man daS Andere schon
Verbannt.
Nach dem Englischen von I. Rüttgers.
(52. Fortsetzung.)
Der Marquis dankte ihr herzlich und küßte ihr die Hand. Sr betrachtete die Aussicht, welche sie ihm gegeben, als etwas Günstiges für sich, und schon sah er sich im Geiste als bett glücklichsten Gatten einer in jeder Hinsicht vollendeten Frau.
In diesem Augenblicke wurdm draußen Stimmm laut, und bald betraten mehrere Gäste der Miß Romey den Salon. Nachdem der Marquis noch etwas mit der Dame geplaudert, verabschiedete er sich und begab sich nach Dunholm zurück, auf dem Rückwege mit einer Reche von Plänm bezüglich Beech- mont beschäftigt, die er alsbald zur Ausführung zu bringen gedachte, sobald seine Trauung vollzogm sein würde.
Nachdem Lord Darkwood sich entfernt hatte, ging Miß Normy auf ihr Zimmer zurück. Gleich darauf meldete man ihr die Ankunft Herm BarSby'S, ihres Geschäftsmannes, welchen sie nach Corsica mit einem geheimen Auftrage gesandt hatte, und von welchem sie einige Zeit vorher ein Telegramm erhalten hatte, desien Inhalt der L-ser bereits kennt und welches ihr meldete, daß Herr Forster noch unter dm Lebenden fein müsse. Sie gab Befehl, ben Mann sogleich vorzulasien.
nebenbei lernen werbe, da man doch nun einmal ein halbes Genie sei, und daß vor allm Dingen unter der Arbeit der Lehrzeit daS allgemeine Bergnügtsein und die goldme Freiheit nicht fehlm. Erprobte und bewährte Gewerbsgehilfen schütteln heute oft genug dm Kopf, wenn sie der hoffnungsvollen Lehrjugend Anweisung ertheilm sollen.
Das Fazit der Bmrtheilung ist int Allgemeinen das: Früher wußte vielleicht Mancher nicht viel, aber er lernte etwas und konnte etwas; heute wollm sie Alle viel wissen, aber mit dem Können sieht's traurig auS. Und wenn man heute die langen Kolonnen der Arbeitslosen in den Großstädten aufmerksam mustert, in welchen Angehörige aller Branchen von Handel und Gewerbe, Industrie, Handwerk, Kunst und Wisimschaft einander begegnm, sind eS denn wirklich immer bloß die schlechtm Zeiten, immer wirklich nur die Stockung deS Absatzes, die so viele Tausende auf die Straße werfen? Da sind auch genug und übergenug, welche ihren Beruf verfehltm, fehr zuversichtlich in's selbstständige Leben hineinstolzirtm, über Warnungm von Lehrherrm und älteren Kollegen spöttelten, um am Ende zu erkennen, daß sie nicht weiter mehr tonnten, den an sie gestellten Ansprüchen zu genügen außer Stande waren und nun an der großen Heerstraße liegen blieben. Mit großen Worten, Witzen und Scherzen wird keine ernste Thätigkeit geleistet, das Können, das auf dem Wissen beruht und das von dem Wollm be- gleitet ist, macht eS allein. Heute tanzt Niemand mefjr durch'S Leben, sondern er arbeitet sich durch. Junge Leute, die einmal etwas sein wollen, dürfen nicht auf die Fürsorge der Stiern, elterlichen Besitz oder allerlei GlückSumstände spekulirm. Unsere Zeit ist in sozialer Beziehung sehr heftig bewegt, Niemand mag die Zwischenfälle vorauSzusagm, welche die Zukunft noch bringen wird. Der steht nicht für alle Zukunft sicher, der auf zufällig erhaltenen Besitz pocht, sonder» derjenige, -tzer etwas leistet. Und dazu gehören treues, unermüdliches Semen, daraus entspringen Wissm, Wollen und Könnm.
Daß Lehrjahre keine Herrenjahre sind und nur der befehlen kann, der gehorchen gelernt hat, sollte den Lehrlingen unserer Tage mit edlem Ernst und allem Nachdruck eingeprägt werdm. In diesm Jahren bilden sich die Anfänge zu Manchem, waS uns späterhin schwerlich überrascht, in diesm Jahren können auch die guten Eigenschaften gefestigt werdm, ohne die kein recht- schaffmer Mann sich der Achtung feiner Mitmenschen zu erfreuen hat. DaS Befehlm ist hmte eine schwere Sache und es kann nur siecht geübt werdm, wenn der, welcher befiehlt, aus eigener, praktischer Erfahrung die einschlägigen Verhältnisse kennt. Aus solcher Unterart» raß, auS einer unrichtigen Auffassung der Dinge ent» stehen Schwierigkeiten, die leicht herbeigerufm, sehr schwer ober wieder entfernt werdm. Strenge Zucht ist unserer Zeit besonders heilsam; wir habm ja gmug und übergenug Beweise von einer Zügellosigkeit, die auch in Kreisen in Rohheit auSartet. von welchen man Anderes erwartm sollte. Die straffe Zucht chut Allen gut, die lernen, ganz gleidjgiltig, welcher Herkunft,
Der Bericht, welchen Herr BarSby Miß Romey erstattete, stimmte vollständig mit demjenigen überein, welchen der wirkliche Lord Darkwood feinem Nachfolger in jener verhängnißvollm Nacht gemacht hatte, als er auf Schloß Dunholm wieder erschienen war.
Der Geschäftsmann hatte sich zunächst nach der Stelle erkundigt, wo die „Sylphide" Schiffbruch ge- litten hatte. ES war ihm gelungm, die Fischer zu entdecken, welche Lord Darkwood gerettet hatten, und er hatte die einfache Hütte besucht, wo derselbe lange Zeit zwischen Leben und Tod geschwebt hatte. WaS die Person deS Schiffbrüchigen anlangte, so war kein Zweifel mehr für ihn möglich: eS war nach seiner Ueberzengung in der That Lord Edward Darkwood.
„Ich habe mtdeckt, daß er Marseille berührt hat," fuhr Herr BarSby fort, „dort wird er wahrscheinlich seine» Tob in bm englischen Zeitungm gelesen habm, denn als er diese Stabt verließ, hat er sich in baS Fremdenbuch des Hotel be Paris unter bem Namm eines Herrn Charteris eingetragen. Ich habe seine Spur dir London verfolgt, wo ich noch andere Mit- theilungm von einer zuverlässigen Person erhalten habe, auS welchm hervorgeht, daß Lord Darkwood vor etwa einem halben Jahre eines AbmdS in Shrewsbury angelangt sein muß."
Die Jnbierin, welche dem Berichte ihrer Verwalters
dmn Niemand kennt seine Zukunft imb Jeder kann in dieser durch ein unrichtiger Verhalten sich selbst schweres Mißgeschick bereiten. ES sind allgemeine Gesichtspunkte, die in Vorstehendem dargestellt wurdm, aber Gesichtspunkte, die dem ganzen Thun und Treiben unserer Zeit entspringen und gebieterisch Berücksichtigung fordern, wenn wir nicht weiter und weiter abwärts auf einer schiefen Ebene kommen sollen, die heute schon betreten ist. In dm jungen Leuten, die lernen sollen, liegt unseres Vaterlandes und unseres Volkes Zukunft; darnach müffen sie erzogen werdm, darnach vor Allem auch sich selbst richten. Wir brauchen ganze Männer, die chrm Posten auSfüllm, nicht solche, welche der^Sturm des Lebens aus der Fassung bringt. Und feinen Platz aus- füllen kann nur, wer etwas TüchtigeS'gelernt und festen Willen hat.
deutsches Reich.
Berlin, 12. Aprll.
* Sine Sensations-Nachricht wird dem Pariser ,§igam' aus Berlin gemeldet, die angeblich aus Hof« kreise» herrühren soll. Danach soll nämlich die kaiserliche Familie entschlossen fein, ben Prinzen Heinrich, den Bruder deS Kaisers, nach Rußland zu entsmdm, damit er dm Kaiser bei der am 27. Mai in Moskau aus Anlaß der zehnten Wiederkehr der Krönungstages des Zaren stattsindmdm Festlichkeit vertrete. Der Reichskanzler soll dm deutschen Botschafter in Peters- bürg beauftragt haben, sich bei der rufsischm Kaiser- familie darüber zu unterrichten, welche Aufnahme eine Entsendung des Prinzen Heinrich bei ihr finde. Die Richtigkeit dieser Meldung ist noch sehr in Zweifel zu ziehen.
* Die Auflösung des Reichstages erklärt nunmehr auch die,Nationalzeitung' für unausbleiblich, da de» ueuerbings austaucheubm Preßandeutungen über eine Verständigung keinerlei Bedeutung beizumeffen sei. Das nationalliberale Blatt nimmt die Auflösung für Anfang Mai in Aussicht. — Eine Reichstags-Auslösung würde auch manche guten Vorlagen zur Reichs- gesetzgebung in den Papierkorb schieben. ES wäre Schade, wmn das neue Wuchergesetz, das Gesetz über daS Abzahlungswesen und die Vorlage gegen die Unsittlichkeit spurlos verschwändm. Ebenso würden wir eS beklagen, wenn die Jesuitenfrage nicht noch zur Verhandlung käme. Wenn euch augenblicklich noch nicht die Beseitigung deS Ausnahmegesetzes zu erwarten ist, so ist doch zur Vorbereitung dmselbm die Verhandlung und Abstimmung von großem Werthe.
* Der Abg. Hitze soll, wie die ,Mil. und Pol. Korr.' — ein neuer offiziöses Organ — meldet, eine Professur für Sozialpolitik erhalten. Wir können diese Nachricht mit dem Hinzufügen bestätigen, daß dem Abg. Hitze schon vor einiger Zeit die ordentliche Professur für National-Oekonomie an der Akademie zu Münster angebotm worden ist und daß vielfach der Wunsch geäußert wurde, Herr Hitze möje diese
mit der größte» Spannung zugehört hatte, schim sehr lebhaft erregt zu fein?
„Jst'S möglich!" rief sie aus. „WaS mag in der ganzen Zwischenzeit nur auS ihm geworden sein? Weshalb ist er auf Schloß Dunholm nie sichtbar geworden?"
Der Verwalter schien nachzufinnen.
„S»e sagm, daß er gegen Abmd in Shrewsbury angekommen sei," hob Miß Norniy wieder an, „er wird wahrscheinlich dm Weg bis zum Schlosse zu Fuße zurückgelegt habe» und dort gegen Mitternacht angekommen sei». Offenbar hat keiner von dm Dienern von seiner Rückkehr etwas gewußt, denn sonst würde die Nachricht davon am folgenden Tage ohne Zweifel in der ganzen Grafschaft sich wie ein Lauffeuer verbreitet haben. Es ist ihm also zwischm Shrewsbury und bem Schlosse ein Unglücksfall zugestoßm, was kaum anzunehmen ist, ober er wirb bei feiner Ankunft auf bem Schlofft mit feinem Cousin und Erben zu- fammengetroffen fein . . ."
„Mabame", rief der Verwalter erschrocken und mit gedämpfter Stimme au«, „denken Sie etwa, daß er von feinem Nachfolger geiöbtet worden fein sollte? .."
„O ja, ich halte ihn für fähig, ein solches Verbrechen zu begehen, besonders unter ben Umständen, unter welchen er sich befand. Ehe er die Hinterlassenschaft des Lord Darkwood antrat, war er arm, mit