20. Jahrgo «
Mittwoch, den 12. Apnl 1893.
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SosialdemoKratie und Wissenschaft, n.
Motto: Die Wissenschaft ist Kouragc. Dr. G. Jäger, der Seelenriecher.
Der Geschichtsschreiber Pl>.-tarch entschuldigt sich bei seinen Lesern, daß er mit seinen Lebensbildern bis in die dunklen Zeiten der ersten Könige von Rom und Athen, bis Romulus und TheseuS hinaussteige, da es der Kritik schwer salle, in so grauer Vorzeit daS Fabelhafte vom Glaubwürdigen strenge zu sondem. Die Erdbeschreiber, meint er, pflegen die ihnen unbekannten Länder an den äußersten Rand ihrer Karte zu drängen und hin und wieder dazu zu schreiben: Was drüber hmauSliegt ist eine Sandwüste ohne Wasser und menschliche Kultur, ein unzugänglicher Morast, ein skythisches Schneegebirge oder ein Eismeer. So meint er, sollte eS auch der Geschichtsschreiber machen; denn was über die auf Thatsachen gegründete Geschichte hinauSreiche, sei abenteuerlich und Gegenstand der tragischen Bühne, ein Land, das von Dichtern Md Fabelschreibern bewohnt werde; hier fehle es an Gewißheit unb Glaubwürdigkeit.
Welch ein verschimmelter Standpuntt! Macht der alte Heidenmann so viele Worte wegen der etlichen zwölshnndert Jahre, die er aus der Leiter der Geschichte in die Vergangenheit zurückfteigt! Heute müßte sich einer entschuldigm, wenn er nicht weiter als bis Adam unb Eva zurückwüßte. Die Forschung weiß heute an« bete Zeiträume zu durchmessen: für unsere Wissenschaft gibt eS keine Dunkelheit mehr, Mit spielender Leichtigkeit führen uns die Gelehrten um Millionen und wenn btt willst um Milliarden Jahre zurück und lassen uns die Entstehung unseres Geschlechtes und die Lebens- aewohnheiten unserer Urahnen im klarsten Lichte be- schauen. Die Wissenschaft, die sich von der Bibel frei gemacht hat, weiß unS den Gefittungsstand unb bie Einrichtungen ber Urzeit so haarklein zu schilbern, als ob sie selbst in bem historischen Urnebel zu Hause wäre.
Den kühnen Forschern, bie mit dem Grubenlichte der Wiflenschaft in der Hand in das DMkel der ältesten Vergangenheit vordringen, hat sich die große Verehrerin der modernen Wiflenschaft, die Sozialdemokratie, als treue Begleiterin angeschloflen. Die Sozialdemokratie opfert jeder Wissenschaft, die ihr paßt, eine ausgiebige Weihrauchipende; aber mit befouderer Vorliebe trägt sie jenen Gelehrten bie Schleppe, bte bett Urnebel ber Geschichte mit langer Stange durchforschen. Mit geschäftigem Eifer beeilt sie sich, bie gefundenen Resultate zum Gemeingute des Volkes zu machen. Bon der sozialistischen internationalen Bibliothek sind, um ein Beispiel anzuführen, 14 Bände erschienen; nicht weniger alk fünf davon sind der Wissenschaft der Urzeit gewidmet. Darwin ist neben Marx ein Hauptheiliger der Sozialdemokratie und sicher wird sein Denkmal, welches bie bankbare Nation acht Tage nach Eröffnung des Zukunftsstaates beschlichen wirb, um keinen Zentimeter niedriger werden, als dar Riesenstandbild von Karl Marx; vorausgesetzr natürlich, daß die beiden Geistes-
Heroen bis dahin nicht den Konkurs angemeldet haben und ihre Lehren nicht in die Rumpelkammer gewandert find.
Die Vorliebe der Sozialdemokratie für die verschleierten Jahrhunderte der Urzeit hat ihre gewichtigen Gründe. Denn diese langversunkenen Tage waren die Blüthezeit der berühmten „Entwickelung", die das Grundgesetz der Wiflenschaft und der Sozialdemokratie bildet; in jene Tage fällt das goldene Zeitalter, wo der Mensch feinen Vetter dm Affen mit derartigem Erfolge in der „Entwickelung" überholte, daß seitdem kein Schimpanse und kein Gorilla mehr den Versuch wagte, die Grmzm des ThierreicheS zu überschreitm unb sich zum Menschenthmne emporzumausern. Aus jenem Dunkel schimmern, bestrahlt von ber Lmchte ber Wiflenschaft, bie Grunbzüge beS Sozialismus mit über- wältigender Klarheit in unser kapitalistisches Zeitalter herüber. Denn barnals, wo eben der Mensch in des Wortes wörtlichster Bedeutung auf die Beine gekommen unb bas „Thierschreiwort" zur höheren Sprachstufe emporgestiegen war, saß bie Menschheit im gemächlichsten Ursozialismus beisammen.
In jenem golbenen Zeitalter herrschte baS Gemein- eigenthum, eS blühte bie Weibergemeinschaft, das milbe „Mutterrecht" staub in voller Kraft, da sich in jenen Tagm, wo bie „mystische Zwangsanstalt ber Ehe" noch nicht erfunben war. jeher beS Vorzuges sich erfreute, seinen gestrengen Papa nicht zu kennm. Kein „Staat" oder sonst eine „Zwangsanstalt" verkümmerte die Freiheit, kein Klassenunterschied störte die Gleichheit, unb so mußte sich aus biesm günstigm Vorbedingungen heraus eine Brüderlichkeit entwickeln, die nicht selten bis zu echt barwinischer Fidelität emporftieg, und bie seitdem ans unserem Erdbälle niemals mehr, auch in keiner Exkneipe mehr vorgekommen ist. An ber Hand ber Natur hatte ber anfangende Mensch bie rechte Gesellschaftsform gefunbe«, deren Wiederherstellung die Auf- gäbe der Sozialdemokratie bildet. Denn obschon bie Entwickelung nach unbeugsamen Naturgesetzen sich vollzieht, unb ber Urkommunismus alle unendlich beseligte, so versuchten eS doch einige verruchte Seelen, den schönen Urzustand zu stürzen. Mit List und Gewalt gelang eS ihnm, ihres Glückes los zu werden, unb auf dm Trümmern des eisernen Naturgesetzes daS Privat- eigenthum und bie Ehe einzuführen. Schlau genug ersannen bann diese borstigen Wüstlinge den Staat, ber ihre Grwaltthat sofort zum Recht stempelte unb ihren Raub „als rechtmäßiges Eigenthum" mit seinem Schwer te vertheidigte. Die Religion aber säumte nicht, zu dieser ünthat ihren Segen zu sprechen. Damit war der ver- hängnißvolle „Sündenfall" geschehen unb seitdem irrt das unglückliche Menschengeschlecht, ein trostloses Jammerbild, durch bie Jahrtausende, unb wirb fort- irren, bis es eublich durch bie Sozialdemokratie erlöst und zu seiner Ur Verfassung, zum Gemeineigenthum und zur freien Liebe zurückgeleitet fein wnb. Die Wissenschaft hat uns das G-Heimniß des Urkommunismus geoffenbart, bie Sozialdemokratie aber, welche bie „an» i gewandte Wiflenschaft" ist, schwingt ihre HerkuleLkeule,
Verbannt.
Rach dem Englischen von I. Rüttgers.
(50. Fortsetzung.)
10.
Eine Woche war seit dem Verschwinden ber Gouvernante Lady Georgina's verflossen. Miß Norney und Lord Chilton hatten alle möglichen Nachforschungen angestellt; nach allen Seiten hm waren Boten ausgeschickt worden; Ronald war selbst zu der Familie My ner nach London gereist; aber Niemand hatte Gwendoline gesehen und es war nirgendwo auch eine Spur von ihr zu mtdeckm gewesen.
Als Lord Chilton die Wohnung der Familie Myner, welche ob der Nachricht von dem Verschwinden Gwen- dolinen'S begreiflicherweis: in die größte Bestürzung gerathen waren verlaflen hatte, machte et sich auf den Weg nach ^orffaire; Auf Lonemoor angelangt, besuchte er die Qrißet, welche ebenso wenig von dem Verschwinden des ehemaligen Schützlings etwas wußten.
Da er jedoch — er wußte selbst nicht weshalb — den Versicherungen der beiden Eheleute keinen rechten Glauben schmkte, so wünschte er Herrn Morkham zu sprechen und zum größten Erstaunen Aller befahl ber Greis, den Besuch gleich vorzulassen.
Als Lord Chilton das Sahnet betrat, erhob sich Herr Mo:kham, grüßt- ihn höflich unb bat ihn, sich
niederzulassen. „Ich pflege sonst Niemanden vorzu- laflen, Mylord," hob er an, „aber ich habe zu Ihren : Gunsten eine Ausnahme gemacht, weil ich mit Ihnen * über den Brief sprechen möchte, welchen Sie mir ge- ! schrieben hoben unb auf welchen ich noch nicht geant- ! wo riet habe."
„Ich habe Ihnen allerdings bezüglich Miß Winter geschrieben, welche viele Jahre unter Ihrem Dach ge- ■ wohnt hat. Ich habe sie zwar wiedergefunden, aber \ sie ist abermals verschwunden und ich bin zu Ihnen gekommen, um Sir zu bitten, daß Sie Ihren Einfluß auf bie beiden Eheleute Quillet geltend^ machen möch- | ten, damit Sie mir über M ß Gwendoline Auskunft ! geben. Dieselben sagen mir, daß sie nicht wissen, wo sie sich befindet; ich glaube es aber nicht."
M „Lord Chilton," sagte der Squire, indem er den Marquis fest ansah, „wissen Sie, wer dieses Mädchen ist, welches Sie heiralhen wollen?"
„Ich weiß, mein Herr, daß fie eine der liebenswürdigsten und feinsten Damen von ganz England ist." । „Thorheiten! Unsinn, nichts als Ursinn alles dies! . . . Hören Sie, Vteomte: Dieses Mädchen ist keine Person, welche für Sie paßt. Sie hat keinen Namen und keine Familie. Ihre Mutter kam hier um Obdach bitten und hat ihr Kind verlafl-n, um auf der Haide zu sterben .... Glauben Sie den Worten und den Erfahrungen eines Greists: Geben S-.e diese Unbe-
um bie Resultate ber Forschung in bie Wirklichkeit überzuführen. Aus den Tagen ber Urzeit, welche bie Wtflenschast aufgehellt hat, holt sie ihre Ideale, aus biesem langverfallenen Schachte bricht sie bie Bausteine zum Zukunftsstaate, unb aus ben Händen ber Urmenschen empfängt fie baS Recht, bie entgleiste Ent- wickelnng wieber in bie rechten Bahnen zu lenken.
Aber, frägst bu unwissender Böotier, find den Ge- meiueigenthum und Weibergemeinschaft wirkliche Thatsachen? Sind denn diese urweltlichen Zustände auch bewiesen? Ach, sage ich, bewiesen! Freilich hat keine Seele diese glücklichen Urmenschen gesehen; Niemand hat auch nur ein Knöchlein von ihnen entdeckt, selbstverständlich fehlt jede Urkunde; keine Sage meldet uns von ber „Entwickelung"; von bem Uebergange zum Zweifüßlersysteme ist der Menschheit auch nicht ber Schatten einer Erinnerung geblieben. Aber war verschlägt baS ber Wissenschaft! Diese Wiflenschaft braucht keine Beweise! Wiflenschaft ist eben Courage! Dem Muthigeu gehört bie Welt; warum nicht auch bie Urwelt? Frisch angelaufen ist halb gefochten unb frisch behauptet ist ganz bewiesen. Es wirb immer Leute geben, bie bem Gelehrten vom Munbe weg glauben, war er im Namen ber Wissenschaft ausspricht. Wenn es aber wirtlich einmal schief geht, der Krebit ber Wiflenschaft bleibt immer unerschüttert, den jeber Ber- stänbige' weiß, baß es eine definitive Wissenschaft nicht gebe unb daß es einmal nicht anders gehe, als baß fare Wahrheit von heute morgen als Unsinn erkannt werbe.
Was würden Beweise auch nützen? Wenn Alles wahr wäre, was un8 die Wiflenschaft aus dem Lande ber Dichter unb Fabelschreiber erzählt — was ging es bich unb mich an, daß bie darwinfidelen Naturburschen GemeiMSesthvM Mb Mmtrrrecht gehabt Sollten wir Menschenkinder beS 19. Jahrhunderts Ms deshalb auf bie GesitttungSstufe ber eben enthaarten Halbaffen zurückschraubeu laflen? Wenn die natürliche Entwickelung zum P-tvateigenthume und zur Einehe geführt hat, müßte sie unS nicht wieder zu diesen Einrichtungen zurückführen, am sie je verloren mürben? Selbsiverstänbl^ ist bk ganze wissenschaftliche Affenkomödie eitle. - mst unb bie glücklichen Ursozialisten sind nur ein ...belgebilde. Die entwickelungslustigen Affen und ihre Söhne, bie heiteren Uyozialisten, reifen ohne Paß, ohne jede Legitimation durch bie Literatur; auf bem Gebiete, das dem Szepter ber ernsten Wissenschaft unterthan ist, bürfen sich biefe Raritäten der Urwelt nicht blicken laflen.
Wiflenschaft ist Courage! sagt der Dr. Seelenriccher. Der alte Geschichtsschreiber Thukidides meint dagegen: Unwissenheit ist Courage! Unwissenheit, sagt er, macht verwegen, Ueberiegung schüchtern. Wahre Wissenschaft ist bescheiden; sie bleibt sich ber engen Grenzen bewutzt, bie ber menschliche Verstand nicht überschreitet.
Nur die Nachbeter, bie Meßner der Wissenschaft finb eS, welche bie Ränder der Karte bevölkern unb ben Fabeldichtern das Gebiet streitig machen; nut die „Spaziergänger" auf bem Boden ber Wissenschaft, wie kannte auf, welche vielleicht schon in die Fußstapfen ihrer Mutter tritt und beflecken Sie Ihren Namen nicht durch eine solche Verbindung."
„Ah, mein Herr. Sie haben Miß Winter nie gesehen !" rief Lord Chilton anS. „Ich glaube ganz sicher, daß Ihr Verwalter, Herr Orkney, dieselbe in Ihren Augen angeschwä-zt hat; aber eS gibt auf der * ganzen Welt kein edleres und ehrenwerthereS Mädchen : als sie."
Die GesichiSzüge des Herrn von Lonemoor änderten sich auffallend, als er diese Worte hörte.
„Wenn Sie dieses Mädchen heirathen, Mylord," sagte er, „so werden Sie eS bereuen; die Liebe macht blmd, aber Sie werden sich eines Tages, wenn es jedoch zu spät sein wird, erinr ern, daß sie weder Geburt, noch Namen, noch Stellung in der Gesellschaft bat. Uedriger S glaube ich, daß sie wohl alle weiblich-n Kunst- - ariffe aufqeboten hat , um Sie in Ihre Netze zu lockm.
O Sie beurteilen Sie schlecht, Herr Morkham, : und "da Sie, wie eS scheint, so sehr gegen sie vorein- genommen sind, so weiß ich nicht, ob ich Ihnen wet- - tere Erklärungen geben soll . . . Nun, ich will S Loch | wohl thun: ich habe sie vor kaum fünf Tagen wieder- i gcsanden; sie war Gouvernante in Skropshire und nur । bem seltsamsten Zufall von ber Welt habe ich es zu | verdanken, daß ich sie wieberfanb. Trotz ber Bedenken, welche sic mir gegenüber wegen angeblicher Hindernisse,