Einzelbild herunterladen
 

Sonntag, den 9. April 1893.

± Glauzepoche« aus der Geschichte Fuldas.

In der Glückwunschadresse, welche der Hochwürdige Bischof und dar Domkapitel von Fulda an den Hochw. Kardinal-Fürstbischof Dr. Kopp anläßlich seiner Er­hebung zum Kardinalste gerichtet haben, findet sich, wie Miseren Lesern noch erinnerlich sein wird, u. A. folgen­der PasiuS:

„Darum nehmen wir, nimmt die Diözese Fulda freudigen Antheil an dem Ehrenglanze ihrer einstigen Oberhirten, der nunmehr würdig dm drei Kirchen- fürsten der Diözese sich anreiht, welche seit der Gründung der Kirche Fulda'S dm Purpur getragm haben."

Gewiß dürfen wir annehmm, daß nur Wenige, welche diese Worte gelesm haben, in der Spezial­geschichte Fulda'S genugsam orimtirt sein werden, um die bezüglichm Kirchenfürsten zu kmnen; möge eS uns deshalb gestattet sein, dieselbm in einer gedrängtm Skizze hier vorzuführen.

Schon unlängst haben wir darauf hingewiesen, baß der verdienstvolle Fuldaer Lokal-Historiker Isidor Schleichert, der dem altehrwürdigm Benediktinerkloster des hl. Bonifatius selbst als Convmtuale bis zur Säku- larisation angehörte, die gesammte Fuldaer Geschichte in folgende fünf Perioden gegliedert habe:

01 . Fulda latebrosa, das dunkele Fulda, reicht bis zur Gründung;

2. Fulda gratiosa, da- gnadenreiche Fulda, vom 12. März 744 bis zum Jahre 1000 un­gefähr;

3. Fulda luctuosa, das trauernde Fulda, um­faßt die Stürme im Mittelalter, die fogm. Re­formation, sowie die Bedrängnisse deS dreißig­jährigen Krieges;

4. Fulda gloriosa, das glorreiche Fulda, vom westfälischm Friedm bis zum Jahre 1802;

5. Fulda exitiosa, das unglückliche Fulda, welcher von der Säkularisation an beginnt.

Wohl liegt die erste Periode, welche Fulda'S Vor­geschichte umfaßt, iu tiefer Dunkel gehüllt; aber wer sollte nicht „Fulda gratiosa“ kennen, jene gnadenreiche Zeit, in der die Namen Winfried Bonifatius und Rhabanus MauruS wie leuchtmde Sterne über der jungen Abtei standen! Wer sollte nie vemommen haben von jener Fülle großartigster Privilegien, die nicht nur die Päpste der berühmte« Stistung verliehm, sondern die auch die Gunst der Karolinger und Ottonm darüber auSgoß, so daß dar Kloster in der buchengrünen Wald­einsamkeit bald zur ersten Abtei deS Reiches ernpor- wuchS! Und in dieser seiner jugmdkrästigen Blüthezeit war eS, wo Fulda in rascher Aufeinanderfolge auch zwei seiner Hirten mit dem Purpur geschmückt sah.

Der Erste, dem die hohe Auszeichnung zu Theil wurde, war Hadamar, der 12. Nachfolger deS hl. Sturmius. Während seiner Regiemng, die von 927 bis 956 währte, wurde Kirche und Kloster von einem gewaltigen Brand, dm der Chronist Münzer einem Blitzstrahle zuschreibt, eingeäschert. Er war im Jahre 937, Kaiser Otto I. verweilte gerade im Kloster HerS- feld, eine Tagereise nur von Fulda entfernt, als die Schreckenskunde zu ihm drang. Biele Reliquie«, an denm dieses Gotteshaus so unermeßlich reich, warm dabei verbrannt, and sogar die deS heiligen Boni- fatiuS sollen nicht unversehrt geblieben sein. Hada­mar aber war der Mann, der diesem furchtbaren Unglück muthig und thatkrästig zu begegnm wußte. Er ging nicht nur Papst und Kaiser um Unterstützung an, sondern mit größter Umsicht und Energie hob er auch durch bessere Verwaltung der Klostergüter den Stand seiner Finanzen so sehr, daß er rasch den Neu­bau beginnen konnte. Biele Schenkungen förderten das Unternehmen, und bereits nach sechs Jahren erhob sich auf dem Platz der früheren — in gleicher Grundgestalt, aber ungleich prächttgerer Ausgestaltung — eine neue kreuzförmige Basilika, deren feierliche Einweihung in Gegenwart deS »taiferS Otto I. am Allerheiligen-Feste 948 dnrch dm päpstlichen Kardinal-Legaten Marinus vollzogen wurde. Otto L, der dem Stifte bereits im Jahre 940 das Recht, Zollstätte zu errichten, verliehm hatte, befchmkte es nun auch mit dem königlichen Wilb- banne bei Echzell in der Wetterau und zwar auf Ver­mittelung seines Bruders Bruno, des Erzbischofs von Köln. Als Hadamar im Jahre 954 feine zwette Rom- reife antrat, überbrachte er bei der Rückkehr Bruno dar Pallium.

Am 25. Mai des JahreS 956 starb Kardinal-Abt Hadamar an der Pest. Er war der erfte Hirte auf dem Stuhle deS hl. SturmiuS, dem die zweithöchste Würde der katholifchm Kirche zu Theil gewordm war. Aber wie fein Leben reich an höchsten Ehrm gewesen, so wurde ihm auch noch im Tode eine ganz besondere Auszeichnung bereitet: seine Gebeine wurden über der Krypta deS hl. Bonifatius im Westchore beigesetzt. Kein zweiter Abt von Fulda hat, wie Schannat sagt, |

sein Grab an so hervorragmder Stelle erhalten. Eine Inschrift an dem Grabmal rühmte seine Verdienste.

Schon sein zweitnächster Nachfolger, Werinher oder Werner, der von 956 bis 968 regierte, wurde gleichfalls in den höchsten Rath der Kirche berufm. Er war der besondere Liebling Kaiser Otto II., der nicht nur dar Kloster Fulda reick beschenkte (u. A. auch mit dem am östlichen Ufer der Fulda gelegenen Wild­banne Branfor st), sondernder auch seinem Abt beim Papst Johann XIII. die Würde eines Primas aller Benediktiner-Aebte Germaniens und Galliens, mit dem Vorsitz in allen Versammlungen, erwirtte. Auch Werner'S BeÄ-bm war thatkrästig auf die Verschönerung der Grabkicche deS hl. Bonifatius gerichtet. Er erbaute eine prächtige Taufkapelle, die er durch einen Säulmgang mit der Basilika verband, und welche der hl. Ulrich, Bifchof von Augsburg, der sein nächster Verwandter war, am 4. November 973 zu Ehren des hl. Johannes deS Täufers einweihte. Ebenso errichtete er das fogm. „Paradies", eine vor der öst­lichen ChorapsiS gelegene zweistöckige, offme Säulen­halle, in welcher die öffentlichen GerichtSverhandlungm stattfandm.

Im Jahre 982 folgte der Kardinal-Abt Werner feinem kaiserlichen Herrn Otto n. auf dessen unglück­lichem Heerzuge gegen die Griechen und Sarazenen nach Statten, von dem er nicht wieder zurückkehrte. Nach Lambert soll er im Kampfe bei Tarent gebliebm, nach Schannat jedoch bei Lucca eines natürlichen Todes gestorben fein.

Nach diesem Höhepuntt kirchlichen Glanzes begann der Stern der hochberühmten Abtei, die für Deutsch­land war Monte Cassino für Italien war, mehr und mehr zu erbleichen» ES folgte „Fulda luctuosa“ (1000—1648), ein düsterer Zeitraum, der länger als sechs Jahrhunderte währte und in dem kein einziges Mal der Glanz deS Purpurs von St. Sturmi'S ehr­würdigem Stuhle lmchtete. Aber die Stiftung der hl. Bonifatius, die fo gewaltige Fürsprecher im Himmel hatte, konnte nicht im Dunkel versinken. Sie erhob sich zu neuer Glorie und „Fulda gloriosa“ (1648—1802) sah auch wiederum einen Wächter seiner ApostelgrabeS mit der hehrm Würde des KardinalateS bekleidet in Bernhard Gustav, dem Markgrafm von Baden- Durlach. Die Jugend dieses Kirchenfürsten war eine bewegte gewesen. Erst hatte er Staatswissenschaft studirt, dann Kriegsdimste gethan und tapfer im pol­nischen Kriege mitgekämpft, als er plötzlich nach Rom ging und sich dem Priesterstande weihte. Als Koad­jutor kam er nach Fulda, woselbst er nach dem Tode Joachims von Gravenegge (1644—1671) um Fürst- abt erwählt wurde. Im Jahre '672 wurde er zum Kardinal erhoben, doch dauerte me Regierung nur sechs Jahre lang, da er bereits am 26. Dezember 1677 auf seinem Schlosse Saale ck bei Hammelburg verschied. Er wurde in der Fuldaer Stiftskirche zu seinen Vorgängern beigesetzt.

Der Glanz dieser Periode gipfelt in der im Jahre 1752 durch Papst Benedikt XIV. vollzogenen Erhebung FuldaS zum FürstbiSthum unter dem Fürstabte Am and von Buseck (1737—1757); aber schon ein halbes Jahrhundert später beginnt jener Zettab­schnitt, den Isidor Schleichert, der ehemalige Bene­diktinerpater, voll Schmerz und Bitterkeit „Fulda exitiosa“ nennt.

Im Jahre 1802 erschien bekanntlich der verhängniß- volle Wendepunkt, welcher der altehrwürdigen Abtei nach 1058 Jahren ein Ende bereitete und dem Krumm­stab, unter dem es sich allezeit so gut gewohnt hat, die weltliche Macht entzog. Gewaltsam verdrängt, mußte der letzte Fürstbischof Adalbert HI. von Harstall sein Refidenzschloß dem protestantischen Prinzen Friedrich Wllhelm von Oranien-Nassau räumen, der nun die Herrschaft antrat. Noch zwölf Jahre lang hielt der entthronte Fürst den Hirtenstab in seiner zitternden Greisenhand, dann aber, nach seinem 1814 erfolgten Heimgänge blieb die trauernde Diözese fünf­zehn Jahre lang verwaist. Im Jahre 1829 wurde sie wieder hergestellt und als Suffragan-BiLthmn der Oberrheinifchen Kirchenprovinz zugewiesen, doch war noch kein Semisäkulum verflossen, als chr nach dem Tode des mit der Dulderkrone gezierten Bischofs Christoph Florentius Kött (f 14. Oktober 1873) abermals dar Unglück langjähriger Verwaisung befchieden war.

Unter dm Stürmen und Bedrängnissen jener jüngst­vergangenen Zeit, konnte man das geistliche Fulda noch immer als „das unglückliche" bezeichnen, bis mit der Wiederbesetzung seines bischöflichen Stuhles ein neuer Zeitpunkt anbrach. ES war am Weihnacht-feste 1881, da der Hochw. Bischof Georg Kopp als ersehnter Oberhirte in die alte, hochfestlich geschmückte Bonifatius- stabt einzog, und siehe, von diesem Tage an sah daS kacholische Deutschland die von ihm stets hochverehrte Stätte deS Glaubens und des Gebetes mit einem Male wieder besonders begnadigt; schimmerte doch von dort jene Morgenröthe auf, welche ihren milden Friedens«

glanz lichter und lichter über die gesammte Kirchs Deutschlands auSstrahlm sollte!

Kaum sechs Jahre nur blieb der erleuchtete Ober­hirte, der von der göttlichen Vorsehung berufm war in hervorragender Weise mitzuarbeiten an der Bei­legung des Kulturkampfes mit der Kirche, welcher Papst Johannes XIII. einst dm Ehrennamen „specialis filia“ beigelegt, vermählt, aber diese Epoche hat ihrem unverwelklichen RuhmeSkranz für alle Zeitm ein herr­liches Blatt hinzugefügt.

In der That, Fulda ist daS alte Fulda gebliebm, — birgt eS doch einen Hort der Kraft in sich, dm ihm kein Zeitsturm rauben kann: das Grab deS Apostels der Deutschen! An dieser Segensquelle schöpfm die all­jährlich im Geiste unseres SlaubmsvaterS versammeltm Oberhirten Stärke und Erleuchtung für ihre hohe Send­ung, hier legen die deutschen Katholiken feierlichst Zeugniß ab von chrer ungeschwächtm GlanbenSkrast, wie sich dies ja erst am »origen Pfingstfeste in einer überwältigenden Kundgebung zeigte. Zu allen Zeitm wurde dieses unschätzbare Kleinod, welches Fulda schon seit elf Jahrhunderten hütet, hoch in Ehren gehalten, eine merkwürdige Erscheinung ober ist es, daß gerade diejmigmZeitläufte, welchesichinhervorragender Weise seine würdige Ausschmückung angelegm sein ließm, auch' als besonders glückliche und gesegnete in der Ful­daer Geschickte hervorleuchtm. Nicht nur daS „gnaden­reiche" Fulda zeichnet sich durch eine überaus rühm- liche Sorgfalt in dieser Hinsicht auS, auch daS „glor- reiche" Fulda feierte unter feinem Fürstabte Ad al­be rt I. von Schleif r aS hochbegeistert die Vollendung und Einweihung einer in den Jahren 1704—1712 neuerbautenGrabkirchedeShl. Bonifatius, des jetzigen Dornes, der — mit feiner machtvollen Kuppel­krönung bedeutsam au die „Kirche der Kirchen", dm St. PeterSdom zu Rom, erinnemd — genau wieder an der Stelle sich erhebt, wo Hadamar'S Prachtbasilika fast achthundert Jahre hindurch wiederholten Bränden und theilweifen Einstürzen gettotzt hatte.

Auch die Gegenwart fehen wir wiederum unter der Signatur biefer Verherrlichung, und gerne möchten wir hoffnungsfreudig darin bas Wahrzeichm einer besseren Zeit erkennen. Kein Anderer als jener au Verdiensten fo reiche frühere Oberhirte von Fulda, dm der hl. Vater jetzt mit dem Purpurgewande bekleidet, in den höchsten Rach der Kirche berufen hat, war eS, der den Impuls zur künstlerischen Ausgestaltung des hochgeweihtenSt.BonifatiuSgrabeS gegeben Hat, während seinem würdigen Nachfolger, dem Hochw. Bischof Dr. Joseph Weyland die Erfüllung dieser Ehrenpflicht Vorbehalten blieb. Herrlich ist die Krypta nun vollendet, damit aber daS begonnene Werk gekrönt werde, harren die weiten Kirchenräume darüber noch der auch ihnm so nöthigen Restauration. Wohl wird mit GotteS Hilfe und der Opferwilligkeit deS katholischen deutsche« Volkes auch ihre Zeit kommen, — was aber könntm wir inniger wünschen, als daß dies noch geschehen möge unter dem Pontificate unsere- großen Papstes Leo XIII., der ja die hochbedmtsarne Kathedrale von Fulda ganz besonders ausgezeichnet und ihr zum An­denken an fein glorreiches golvmeS Prieste r-Jubiläurn als überaus finniger Ehrmgefchenk, die getreue Nachbildung des altehrwürdigen PettuS-StandbildeS, gewidmet hat.

Möchte doch, fo lange er nßch, der hocherhabene Jubelpapst und Friedensfürst auf Petri Thron daS Schiff der Kirche lenkt und wunderbar als Licht vorn Himmel in die Wirrniffe der Zeit leuchtet, das hoch- geweihte Gotteshaus im Herzen unseres deutschen Va­terlandes in neuer, edler Pracht erstehen unb möchte DeutschlanbSgrößteS Nativ nalheiligthum dann auch zugleich ein SiegeSbenkmal ber auSSturm unb Bevrängniß trinmphirend hervorge- gangenen katholis chen Kirche bedmtm. J. Gk

Vermischtes.

* (Zum Papierverbrauch) Von dem ungeheuren Papier­verbrauch in Japan kann sich ein Europäer kaum einen Begriff machen. Die Japaner brauchen jeden Augenblick und für tausend verschiedene Zwecke Papier. Der Bindfaden, der die einzelnen Gebrauchsgegenstände zusammenhätt, die man irgend­wo gekauft hat, ist aus Papier gefertigt. Braucht man eine Schnur, so reifet man einfach ein Stück Papier ab, dreht und rollt es zwischen den Fingern, und die Schnur ist fertig; eS bedarf schon einiger Kraftanstrengung um sie zerreißen zu könn.n. Das Taschentuch, das nach dem Gebrauch den luftigen Winden übergeben wird, ist aus Papier. Das ist durchaus teut Scherz. Zwar sind die Brillen nicht durchsichtig, aber die Ja­paner und besonders die japanische Damenwelt weiß sich schon zu helfen. Das Mittel ist so verblüffend einfach, daß die be­rühmte Gefchichte von dem Ei des Columbus dagegen ott rat tiefsinniges Problem erscheinen muß. Dte Japanerin - der Name Japanesin ist streng verpönt — bohrt ein Loch dmch as Vavier und betrachtet, was ihr betrachtenswerth erschemt. ^prer büte gehören zu den beliebtesten Kopfbekleidungen, ^er Mantel des Lastträgers, die Weste des Schifferknechts, der Tabaksbeutel, die Cigarrenetuis (prachtvolle Imitation von ntsftschem Jnchten- leder oder Saffian), die Fächer, dte Sonnenschirme, dte magt- chen Laternen - alles ist au» Wer. Dte wundervollen Blumen, lwelche das zierlich aufgesteckte Haar der lavanischen Damen schmücken; die schönsten krausen Halskragen, welche man für englischen Florstoff halten würde — alles Papier, immer wieder Papier l