•M 79 Samstag, den 8. April 1893. 20. Jahrgana
FuldaerWZkitiiiig
»ierteliäürli^?U^nglich, Sonn, undFeiertage ausgenommen. - I nse r ate kosten diseinspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Vrerteyahrlicher Abonnementspreis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld mtt der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. April.
* Für die Festlichkeiten während des Aufenthaltes des kaiserliche» Paares in Neapel ist nunmehr auch das Programm festgestellt. Die Ankunft dort erfolgt am 27. dS. Nachmittags 1 Uhr. Am Abend findet eine große Serenade statt, für den 28. ist eine Fahrt auf dem Meere in Aussicht genommen, Abends Gala-Oper im Theater San Carlo. Am 29. findet ein Besuch von Pompeji statt, Abends Ball im Kasino Unione. Am 30. soll dann die Abreise auf dem Landwege erfolgen.
* Unter Ausschluß der Oeffentlichkett kam gestern vor der III. Strafkammer des Landgerichts I zu Berlin ein Anarchisteu-Prozeß zur Verhandlung. Auf der Anklagebank saßen: der Vergolder Hermann Leineri, der Cigarrenmacher Wilhelm Herrmann, der Handlungsgehilfe Max Großmann, Metallarbeiter Otto Gerndt und Schlosser Max Lorenz. Leinert, Gerndt und Lorenz waren beschuldigt an einer Verbindung Theil genommen zu haben, deren Dasein, Verfassung und Zweck vor der StaatSregierung geheim gehalten werden soll, in welcher gegen unbekannte Obere Gehorsam gelobt wird und zu deren Zwecken gehört, Maßregeln der Verwaltung oder Vollziehung von Gesetzen durch ungesetzliche Mittel zu hindern. Leinert, Herrmann und Großmann wurden außerdem noch beschuldigt, in einer den öffentlichen Frieden gefährenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten gegen einander aufgereizt zu habm. — Die Angeklagten stehen in Verbindung mit dem anarchistischen Londoner Klub „Autonomie-, welcher auch eine Zeitschrift gleichen NamenS herauSgibt. Bei Leinert, welcher als intimer Freund des verurtheilten Anarchistm Wagenschütz der Polizei schon seit längerer Zeit als Anarchist bekannt war, wurden bei ehiet vorzenommeuey Haussuchung eine Menge anarchistischer Flugschriften und Zeitungen vorgefunden, ebenso Briefschaften, aus denen sich ergab, daß die Angeklagten der Geheimbündelei sich schuldig gemacht haben. Die Aufreizung wurde in einem Artikel und Gedicht der .Arbeiterzeitung^ gefunden, in welchen die Hinrichtung der Anarchisten zu Chicago verherrlicht wurde. — In Sachen der Geheimbündelei wurde die Verhandlung auf Antrag der Vertheidigung zu dem Zweck ausgesetzt, den wahren Charakter des Londoner Klubs „Autonomie" zu erforschen und hinsichtlich der Ursprungs einiger bei Leinert aufgefundenm Briefe Recherchen anzustellen. Dagegen wurde Leinert wegen Aufreizung zu 6 Monaten Gefängmß und Herrmann zu 3 Monaten verurtheilt, der Angeklagte Großmann aber fteigesprochen.
* Die Börseu-Untersuchuugs-Komrnisfion tritt aufS neue am 10. April zusammen, um auf Gmnd der voraufgegangenen Verhandlungen ihren Bericht nebst Vorschlägen an den Reichskanzler festzustellen. Bisher hat die Kommission in 72 Sitzungen 140 Sachverständige gehört. Zur endgiltigen Abfassung ihrer Anträge soll die Kommission erst im Herbst dieser
Verbannt.
Nach dem Englischen von I. Rüttgers.
(47. Fortsetzung.)
Gwendoline erinnerte sich des Wortlautes dieses Briefes nicht, welcher verwuthlrch Lord Chilton in die Hände fallen würde, welcher dann glauben mußte, daß er für ihn bestimmt sei.
„Pietro, wenn Sie mich hier hinauSlossen, so will ich nichts von dem erzählen, war Sie gethan haben; wenn Sie dies nicht thun, werden Sie er zu bereuen haben ... Ich habe Freunde, welche nicht ermangeln werden, Nachforschungen anzustellen und Ihnen eine herbe Strafe nicht ersparen werden."
„Ich fürchte nichts; Ihre Freunde werden Sie hier niemals entdecken. So mächtig auch Lord Chilton sein mag, so kann er doch für Sie nichts thun. Ich weiß, daß Sie chn lieben; ich habe Ihrer Unterredung mit ihm im Garten beigewohnt. Der Brief, welchen Sie geschrieben haben, wird ihm morgen zugestellt werden und er wird glauben, daß Sie Schloß Dunholm auf immer verlassen haben. Nein, Miß, Sie sind verloren für ihn, für Ihre Freunde, für Alle . . . wofern Sie mir nicht erlauben, Sie zu retten."
„Elender! Ich werde Ihnen Aller geben, mein Geld, meine Werthsachen ..."
Der Malteser schüttelte den Kopf.
Jahres gelangen könnm, so daß auf diese Weise die parlamentarische Erörterung der Frage vor Ende des Jahres kaum erfolgen könnte.
* Dem Abg. Ahlwardt war am Abend der Tages, an welchem die bekannte Ahlwardt-Sitzung des Reichstags stattgefunden hatte, in Spandau bei einer Volksversammlung durch den Hauptmann a. D. Herter ein Lorbeerkranz aufs Haupt gesetzt worden. Nun- mehr erklärt der Schriftführer des „Deutschen Reform- Vereins" in Spandau, es sei dem Abg. Ahlwardt „nach seiner zündenden Rede für die Militärvorlage und hierfür der Lorbeerkranz überreicht worden, nicht aus irgend einem unlauteren Grunde". Es wäre wohl besser gewesen, wenn in dieser Beziehung schon bei der Versammlung jeder Zweifel ausgeschlossen worden wäre.
* In dem am 1. Juli in Kraft tretenden neuen amtlichen Waarenverzeichnisse soll der Petroleum- Faßzoll aufgehoben werden.
* Breslau, 5. April. Der Herr Kanonikus Dr. Franz ist von Sr. Heiligkeit Papst Leo XIII. zum Protonotarius Apostolicus ernannt worden.
* Forst, 6. April. Das Herrenhaus-Mitglied Graf Brühl ist gestern Abmd gestorben.
* Zur Dortmunder Reichstagsersatzwahl thellt die ,Rhein. Wests. Ztg.' mit, „daß schon seit November v. I. zwar geräuschlos aber fleißig und mit Erfolg seitens der nationalliberalen Parteileitung an der Neuorganisation im Stadt- und Landkreise Dortmund gearbeitet worden ist," und daß „zur bevorstehenden ReichStagsersatzwahl die Vorarbeiten in der Stadt Dortmund als abgeschlossen zu be- trachtm sind." Es ergibt sich daraus, daß die Dortmunder nationalliberale Parteileitung schon längst die Ungilttgkeitserklärung der Wahl Möllers vorausgesehen hat. Da sie inzwischen still und geräuschlos an der Neuorganisation gearbeitet hat, wird sie nun als gut orgavisirLe Partei in den Wahlkampf tretm und um so mehr auf Wahlbeeinflussungen und Wahltyrannei verzichten können. Oder aber sollte die Nmorganisatton etwa dahin gerichtet sein, die Wahltyrannei noch mehr systematisch durchzuführe»?
* Hamm, 5. April. Herr Landtagsabgeordneter OberlandeSgerichtsrath Im Walle hielt in einer Ber- sammlung des Vereins der CentrumSpartei einen Vortrag über die augenblickliche Lage. Redner verbreitete sich eingehend über die jüngsten Vorkommnisse im benachbarten Wahlkreise Arnsberg - Olpe - Meschede und bezeichnete die Erklärung der CenttumSvorstände als vollauf gerechtfertigt. Die von unseren Gegnern stets gebrauchte Redewendung von einem linkm und einem rechten Flügel der Centrums dürfe die Fraktion nicht aufkommen lassen, derselben müsse sie vielmehr nachdrücklich entgegentreten. FuSangel sei ihm, Redner, eine ganz ehrenwerthe Persönlichkeit, doch hätte er die mißverstandene Auslassung vom linken Centrumsflügel nicht machen dürfen. Redner sagte, FuSangel hätte, als die Erklärung deS Centrums bekannt geworden, seine Auslassung widerrufen sollen. Der Auftiahme FuSangels in die Fraktion stände nichts entgegen, doch
„Nein, Miß, was ich bedarf, sind Sie selbst und nicht Ihr Geld. Ich will Ihnen zum Ueberfluß bemerken, daß ich Ihre ganze Geschichte recht wohl kenne. Sie sind nicht Marianne Myner, für welche Sie sich auSgeben, sondern Miß Winter, die Tochter einer Wahnsinnigen und mithin stehen Sie in der Gesellschaft noch eine Stufe niedriger als ich."
Die Gouvernante stieß einen Schrei des Unwillens aus.
„Ja, fuhr der Elende fort, „ich kenne die Frau, welche auf dem Kirchhofe von Plimstone ruht; ich kenne Ihren Vater, und alle diese Geheimnisse werde ich enthüllen, wenn Sie meine Frau sein werden." Dann fügte er in nachdrucksvollem Tone hinzu: „Sie werden wohl oder übel aus der Roth eine Tugend machen müssen, Miß, Sie werden an mir einen ausgezeichneten Gatten haben, aber ehe ich Jhnm die Frei- heft wiedergebe, werden Sie schwören müssen ..."
Das junge Mädchm warf dem Manne einen Blick tiefster Verachtung zu.
„Elender!" rief sie aus, „ich will lieber tausend Mal den Tod .... ES scheint, daß Sie wahrhaft wahnsinnig sind, daß Sie mir einen derartigen Vorschlag zu machen wagen."
„Möglich! Die Einsamkeit ist ein guter Rathgeber, pflegt man zu sagen. Ich werde morgen zurückkommen und ich werde dann sehen, ob eS mir nicht gelingen
müsse zuvor der ftagliche Widerruf von Seiten des Herrn FuSangel erfolgen. Hoffentlich finde eine Einigung statt. Alsdann kam Redner auf die Militärvorlage, die Ergänzungssteuer und die Wahlrechtsreformfrage zu sprechen.
* Trier, 6. April. An Stelle der im vorige« Jahre verstorbenen Konvittsdirektors Becker hat der hochw. Herr Bischof den bisherigen Pfarrer und Definitor MeurerS von Bruch (Dekanat Piesport) zum Direttor des hiesigen Konvikts ernannt.
* München, 5. April. Die frühere Königin Isabella von Spanien ist heute Mittag zum Besuche ihrer Tochter, der Prinzessin Ludwig Ferdinand von Bayern hier eingetroffen.
* Ans Baden, 5. April. Es sind doch curiose Käuze, die badischen Nationalliberalen. Auf einer Seite wissen sie nicht genug zu rühmen, wie der „Musterstaat" Baden an der Spitze der Civilisation marschire, wie viel im Schulwesen geschehe. Die Die Herren Kreisschulräthe fchickm glänzende Berichte nach Karlsruhe über die hochbeftiedigendeu Resultate bei den Prüfungen. Im Anfänge zwar, d. h. wenn ein Kreisfchulrath einen Bezirk antritt, da hapert es noch in diesem und jenem, aber nach ein paar Jahren, da werden die Prüfungsbefunde immer besser. Also in dem achtjährigen Volksschulbesuch und den zwei FortbildungSschul-Kursen wird so glänzendes geleistet, daß das Volk ein so vollgerütteltes Maß von Kenntnissen in sich attfnimmt, wird auf einmal, wenn eS zum Wählen kommt, das alles ignorftt und von dm Nationalliberalen selbst diSkrediürt. Da heißt eS denn: Das Volk ist noch nicht reif für fo etwas, eS ist noch zu unwissend, nicht geweckt genug, man kann ihm das direkte Wahlrecht nicht gebm. Treffend hat der (freif.) Abg. Möser neulich in einer Versammlung zu Osterburken das Gebühren der Nationalliberalen gekennzeichnet, indem er sprach: „Der polittsche BefähigungS-NachweiS wftd von ben Nationalliberalen als erbracht angesehm, wenn ber Gelbsack voll ist; seit 20 und mehr Jahrm wird das Volk in liberaler Weise gebildet und trotzdem gilt es von feinen Bildnern nicht für befähigt, direkt einen Abgeordneten zu wählen. Nach liberalm Grundsätzen muß daS Volk noch immer unter Vormundschaft bleiben, dazu noch die Klasseneintheilung bei dm Gemeiickewahlen! Alles wird nach Geld ge- werthet, und wo kein Geld ist, da auch kein Verstand." So will es, meint das Magazin für Prädagogik, der abgehauste geisteSarme PsmdolweraliSmuS! Den Geistlichen wirft er Herrschsucht vor, und doch gibt eS keine herrschsüchtigere Partei als die nationalliberale, welche sogar, um ihre Herrschaft auftecht zu erhaltm, vor handgreiflichen Gewaltmitteln und Auswüchsen der Unvernunft nicht zurückschreckt.
Ausland.
* Wie», 5. April. Seit Jahren gefiel sich die hiesige liberale Judenpresse, voran die beidm Tagblätter und die offiziöse Scharff'sche ,Sonn- und MontagSzeitung', mit den Waffen der gröbstm persön-
soll, Jhrm stolzen Geist zu beugen ... Sie habm also die Wahl: meine Frau zu werden — oder hier in diesem Verließe elend umzukommen, wo starke Männer früher in kurzer Zeit dem Elende erlegm sind. Bedmkm Sie dies wohl, Sie sind ein zartes Mädchm ... Ich wiederhole es Jhnm, morgen Abend werde ich zurückkommen und alsdann werden Sie selbst über das Schicksal entscheiden könnm, dar Ihrer wartet."
Gwmdoline appellirte abermals an sein Erbarmm — er hörte sie nicht einmal an, sondern er verließ die Zelle und warf die Thür derselben heftig hinter sich zu. DaS unglückliche junge Mädchm, vor Schrecken und Verzweiflung fast außer sich, warf sich auf die Kniee und flehte den Himmel um Befreiung aus ihrer fchrecklichen Lage an.
8.
Die Abwesenheit Gwendolium'S wurde von ben Bewohner» des Schlosses Dunholm erst gegen Mittag am folgenden Tage bemerkt. Lady Georgina, welche spät zu Bett gegangen war, erwachte erst, als eS bereits über 11 Uhr war. Sie klingelte ihrer Kammer- ran und ließ daS Frühstück bringen. Dann gab sie Weisung, Miß Myner mftzutheilm, daß sie dieselbe zu prechen wünsche.
Die Dienerin kehrte einige Augenblicke später mit der Meldung zurück, daß die Gouvernante sich nich