J\f 76 _ Mittwoch, den 5. April 1893. 20. Jahrgang
FiMerMZeitillig
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auf die »Fuldaer Zeitung" für das 2. Quartal 1893 werden fortwährend von allen Post-
anstaltm, dm Boten und in der Expedition angenommen.
-s- Allerlei vom Getreidemarkte.
68 wird viel darüber gestritten, ob die dmtsche Landwirthschaft die zur Ernährung unseres Volkes nöthigm Getreidemastm zu liefern im Stande sei. Nicht selten wird diese Frage mit dem beliebten Hinweis auf die steigmde Menge des eingeführten Getreides, welche innerhalb 11 Jahren von l1/* Millionen auf beinahe 3 Millionen Tonnen angewachfm ist, verneint. Ohne indeffen auf weitläuflge statistische Erörterungen einzugehen, liegt die Annahme nahe, daß quantitativ und qualitativ die dmtscheGetteide-Produktton einer nicht unbedeutmden Steigerung noch fähig ist. Um letztere zu erzielen, machte RegierungSrath Knebel auf der Hauptversammlung der Rheinpreußischen Landwirth- schaftlichen Vereins kürzlich dm Vorschlag, größere Summen für landwirthschaftliche Forschungen und Leistungen, die für dm prakttsch allgemeinen Nutzen von höchstem Werthe seien, flüssig zu machen. Und in der That wird Niemand diesen Vorschlag unbillig finden, wmn er bedmtt, welch'hohe Summm heute von Staatswegen für die besten Bau- und Denkmals-Pläne anS- geworfm und freigebig bewilligt werden. Mag man auch die idealen Bestrebungm der schönen Künste noch so Soch schätzen, die besten Rathschläge zur Ernährung unseres Volkes auf heimischem Bodm und somit die Herbeifühmng der Unabhängigkett Deutschlands vom AuSlaude scheint in der Gegenwart mindestens ebenso wichttg, denn, wenn jemals, gilt für unsere Zeit der alle Spruch in des Wortes verwegenster Sebcutiatg: primum est vivere, d. h. was nützt mir die Kunst, wenn ich nicht lebm kann! Auch sagt die einfachste Berechnung, daß eS Thorheit ist, bei dm häufig ungenügenden (Ernten durch Zukauf gewaltige Summen dem Auslande zu schicken ohne jeden dauernden Nutzen; viel richtiger wäre eS, durch entsprechmde freigebige Dotationen eine fruchtbare Förderung dek Lsnd- baues von dauemdem Werthe zu erstreben. Es war ja kein Geringerer als Friedrich der Große, der bett beachtmswerthm Ausspruch gethan: „Bringt mir einen Mann, der aus einer Aehre deren zwei machen kann und ich will ihn dem tüchttgsten und siegreichstm Feld- Herrn vorziehen."
Indessen bedarf es nicht einmal nmer Erfindungen und Forschungen, wollten unsere Landwirthe allesammt daS Altbewährte, was in jeder Kräften steht, thun, um eiu uukrautfteies und schönes Saatgut zu erzielen, was wäre damit schon gewonnm! Weshalb treten nicht in jeder Bauerschaft die Landwirthe zusammen und be- schaffen eine int Gemein-Eigmthum befindliche Frucht- reinigungs- Maschine? Man leiht das nöthige Geld beim Darlehnskafim-Verein und zahlt die Zinsen und Amortisations-Bettäge aus den für die Benutzung zu zahlenden Miethgeldem. Mrd so die Sache angefaßt,
Verbannt.
Rach dem Englischen von I. Rüttgers.
(44. Fortsetzung.)
Lord Chilton trat hastig hinzu, nahm die Leblose in seinen Arm und legte sie auf ein Kanapee nieder. Zufällig trat in diesem Augmblicke Raya ein — sogleich eilte sie auf das Kanapee zu, als sie MißRor- ney sah, wie sie mit geschlosimen Augm und bleich wie eine Todte dalag.
„Gehen Sie, Herr", sagte sie, ohne sich weiter nach Lord Chilton nmzusehm; „Sie haben Sie vielleicht getödtet, lassen Sie mich mit ihr allein."
Der junge Vicomte zog sich schweigend zurück, blieb jedoch an der Thüre des Zimmers stehen. War mochte nur, dachte er, dieses Unwohlsein zu bedeutm habm? Er konnte es wohl nicht veranlaßt haben — was er von Miß Myner mitgetheilt hatte, war nicht darnach angethan, einen so lebhaften Eindruck auf die Judierin zu machm, daß sie in Ohnmacht fallen könnte.
„Run", beruhigte er sich dann selbst, „es wird nur eine einfache Ohnmacht fein, dir in Folge von lieber- müthung eingetieten ist; sie wird vergangene Nacht zu viel getanzt haben."
Minuten vergingm indeß, ohne daß Noya irgmd Jemandm zu Hülfe gerufen hätte. Erst nach einer
dann läßt sich eine derartige Maschine ankaufen, ohne daß der einzelne Bauer nur einen Grofchm baares Geld für den Ankauf auSlegt. Es genügt aber nicht, daß wir das Getreide über dm Trieur und die Sortir- maschine gehen lasten, dmn wir müssen als Saatgut nicht nur die größten und von allem Unkraut freien, sondern auch die dem Gewichte nach schwersten Körper verwenden. Letztere finden wir durch das sogen. „lieber- Wersen", welches in der Weise geschieht, daß man von einem Punkte aus mittelst einer Schaufel bogenförmig das Getreide in gleich starken Würfen wirst. Die an der Außenseite des so entstehendm Getreidekreises liegenden Körner sind die schwersten und bilden das beste Saatgut. Würde Seitens der Sauern allgemein in dieser Weise verfahren, so würde sich qualitativ schon eine bedeutende Besserung in unseren Produktionsverhältnissen ergeben.
Anders könnte allerdings die Sache mit der quantitativen Steigerung liegen, hat man doch behruptet, die Getreideprnduktion sei in Deutschland überhaupt im Rückgänge begriffen. Wie aber erfreulicherweise kürzlich noch die ,Rordd. Allgem. Ztg.' an der Hand der Statistik nachweisen konnte, ist die Anbaufläche für Getreide und Kartoffeln vorn Jahre 1878—1890 um 400,000 Hektar in Deutschland vermehrt worden. Nun liegen aber noch ungeheuere Flächen von Moorm tmb Haiden unbenutzt, welche ohne große Kosten nach dem heutigen Stande der Technik nutzbar gemacht werden tonnten.
IN den drei Provinzen Westfalen, Hannover und Schleswig-Holstein soll er nach zuverlässiger Berechnung gegen stuf Millionen Morgen, also eine Fläche von der Größe einer kleinen Provinz unkultivirteS Haideland geben, während in diesen Provinzen nur erst etwa 40,000 Morgen Haidegrund kultivirt sind. Der Dampfpflug in Verbindung mit Gründüngung und unter Zuhülfmahrne von ThomaSschlacke und Kainit würde in vielen Fällen aus Haidegmnd einen fruchtbaren Ackerboden schaffen können. Wenn auch kein einzelner Landwirth sich einen Dampfpflug käuflich erwerben kann, so wäre durch einheitliches Vorgehen mehrerer sehr wohl möglich, einen solchen leihweise in Benutzung zu nehmen. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, daß derjenige Haidegrund, der sich nicht zum Acker eignet, immerhin zum Aufforsten in Kultur ge- nommm werden sollte, um so mehr, als wir jetzt schon ans dem AnSlande große Massen — jährlich für an- nähemd 50 Millionen Mark — Nutzholz einführen und die Länder, welche dasselbe liefern, Raubbau treibm, also Nutzholz sicher eine Zukunft hat. Einen sehr beachtmSwerthm Schritt für die Nutzbarmachung von Oedländereien hat Oberst a. D. von Giese-Aachen durch die von ihm gegründete „Genossenschaft der Wohtthatigkeit und Nächstenliebe" auf dem hohen Veen der Eifel (Rheinpreußen) gethan. Er glaubt so eine innere Kolonisation durch in jeder Provinz nach dem Muster der Eifeler zu bildende freie Genossenschaften durchfüh en zu können. Eine ausgezeichnete Handhabe zur Kolonisation unkultivirier Fläche» könnte zudem
halben Stunde ging die Zimmerthür wieder auf, in welcher die Dienerin erschien und dem Vicomte durch ein Zeichen bedeutete, daß er wieder eintreten könne. Miß Romey saß auf einer Chaiselongue. Sie war außerordmtlich bleich, und ihre Augm erglänztm in dunkelem Feuer. Sie schien wie vernichtet zu sein.
„Wie geht's Ihnen?" frug der junge Mann besorgt. „Sollm wir nicht einm Arzt zu Rathe ziehen?"
„Nein, Mylord, es wird nicht »öthig sein, ich bin wieder ganz hergestellt . . . Setzen Sie sich, und nehmen wir unser Gespräch wieder auf. Wir sprachen von Miß Winter . . . Setzen Sie ihre Erzählung fort, ich bitte Sie. Ich hege größeres Interesse für Ihre LiebmSgeschichte, Lord Chilton, als Sie glaube» tonnen."
Lord Chilton schien geringe Lust zu verspüren, die Unterhaltung, welche er mit der Indien» betreffs der Gouvemante Lady Georgina's begonnen hatte, sortzu- setzm.
„Ich bin ihnen sehr dankbar für die Thelluahrne, welche Sie mir mtgegmbringm", sagte er, „aber ich halte den Zeitpunkt nicht recht für geeignet, Sie mit meinen persönlichen Angelegenheiten zu behelligen. Ich will mich zurückziehen und später zurückkehren."
„Nein, nein, sagen Sie mir Alles; ich fühle mich jetzt stark genug, Alles auszuhalten. . . . Das heißt, ich vergehe vor Ungeduld, Ihre Geschichte zu hörm."
„Weil Sie darauf bestehm, will ich meine Erzählung
für Preußen das Rmtengütergesktz vom 27. Juni 1890 und 7. Juli 1891 bieten. Leider gibt das Gesetz nur die Möglichkeit der Gewährung eines FreijahreS, in dem der Käufer von der Zahlung der Rmte befreit bleibt, während die Ansiedler auf nenkultivirtem Boden in den ersten Jahren zur Zahlung einer Rente nicht im Stande sind. Wmn das Rentmgütergesetz auch auf andere deutsche Landestheile ausgedehnt und aus Provinzial- ober Staatsfonds solchen Ansiedlern die Rmte für die ersten Jahre gewährt würde, so könnte man in sozialer Beziehung einen doppeltm Nutzen stiften: es könnte eine Mmge kleiner aber selbstständiger Existmzm geschaffen werden und außerdem ließe sich die Anbaufläche für Kulturpflanzen in beträchtlicher Weise vermehren.
Wir müssen uns aber auch darüber klar werden, daß eine bedeutende Steigerung des Getreidebaues eintreten würde, wenn es gelingen sollte, den Getreidehandel in bessere Bahnm zu lenken, so daß der Landwirth ohne mit Schmusern, Klein- und Großhändlern und Börsenjobbern theilen zu müssen, ungeschmälert den wahren Preis seiner Produste erhielte. Daß letzteres bisher nicht geschieht, scheint in weiten Kreism anerkannt zu werden, darf man es doch wohl als einen schwachen Versuch zur Besserung dieser Zustände betrachten, wenn seit einigen Jahren die oberen Instanzen der Militärverwaltung in Preußen die direkte Lieferung landwirthschaftlicher Erzeugnifse Seitens der Bauern an die Proviantämter befürwortet habm. Bei den unteren Instanzen scheint aber keine sonderliche Vorliebe für dieses Verfahren zu bestehen, weil die Annahme der Einzelliefemngen manche Unannehmlichkeiten im Gefolge hat und die Beschaffung größerer Massen durch Vermittlung der Händler für die Proviantver- Walter sich leichter abwickelt. Immerhin fvlltm aber die Bauern doch von der gestatteten Erlaubniß der direkten Lieferung möglichst Gebrauch machen.
Ein Gedanke, von dem in bett letzten Jahren bei uns in Dmtschlanb vielfach bie Rede gewesen ist, unb der auch in Rußland mit seinem großen Getreidebau greifbare Gestalt zu gewinnen scheint, ist die Errichtung von Lagerhäuser». Im Jahre 1888 wurde in Petersburg eine besondere Kommission zur Untersuchung von Mitteln zur Abhülfe der landwirthschastlichen Nothlage eingesetzt. Bekanntlich überstürzen sich die mssischm Kommissionen nicht übermäßig und so ist dmn nach vierjähriger Berathung der Bericht der Kommission nunmehr veröffentlicht. Die wichtigste der vorgeschlagenm Maßregeln bezieht sich auf die Nothwmdigkeit der Errichtung einer Netzes von Lagerhäusem mit Eleva- tormbetrieb über ganz Rußland, welche die Aufgabe von Sammelstellen des Getteides habm sollen. Mit diesen Lagerhäusem sollm technische Vorrichtungen zur Reinigung des Getreides und ein billiger Waarenkredit verbunden werden. Daneben wird aber noch eine Reglemmtimng der Ueberwachung des Getreidehandels auf den inländischen Märkten und eine Beaufsichtigung der Börse vorgeschlagm. Auch bei uns könnten solche Lagerhäuser, mtweder staatlicherseits oder genossen
fortsetzen. Ich sagte also, daß ich überglücklich war, weil ich' bie arme, kleine Gwmdoline wiebergesnndm hatte."
„Sonberbar!" murmelte Miß Norney. Sie sagen also, baß Sie Ihre Gwenboline in der Person ber Miß Myner wiedergefunden haben."
„Ja", antwortete der Bicomte, „Marianne Myner «nd Gwenboline Winter sinb eine und dieselbe Person."
„©ie hat sich mehrere Tage hier aufgehalten", murmelte Miß Romey zerstreut vor sich hin, „und ich habe nicht den geringsten Verdacht geschöpft . . . aber ich habe sie sogleich im ersten Augenblicke liebgewonnm wie niemals sonst ein anderes menschliches Wesen. . mit Ausnahme von . . Ah! Wmn ich jemals gewußt hätte . . ."
Lord Chilton fand diese Sprache höchst sonderbar und meinte, daß seine Gastgeberin in ihrm ©innen wenigstens augenblicklich einigermaßen verwirrt sei . . .
„Meine thmere Freundin", sagte er. „Sie scheinm es zu bedauern, daß Sie den wahren Namen der Miß Myner nicht gekannt habe», aber bedenken Sie doch, es war dies ja geradezu unmöglich, weil Sie damals meine theuere Gwendoline nicht gesehen habm."
„Sie haben Recht", versetzte Miß Romey, indem sie ihr Haupt sinken ließ. „Aber sagen Sie mir", hob sie bann wieder an, „wie ist es möglich, daß Mi