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20. Jahrg ang

Donnerstag, den 30. März 1893

JV 73

FilldaklWZemng

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Deutsches Reich.

Berlin, 28. März.

* Wo find die Akte«? — Kaum glaublich, wie eine große Masse, die doch Anpmch von einiget In­telligenz macht, sich von den Antisemit en-Führern nasführ« läßt! DaS am Sonnabend auS formellen Gründen erfolgte Verbot der antisemifchm Versamm­lung, die unter dem Losungswort: „Die Allen find zur Stelle" zusammengerufen ward, hatte die Neugierde noch mehr gereizt und eS sanden sich gestern im Buggmhagen'schen Lokale über 3000 Personen ein, in der sicheren Ueberzeugung, nun die toten zu hören zu bekommen. Held Ahlwardt erschien wieder nicht! Nach langem Harrm Seitens der Versammlung nahm endlich statt seiner der Redalleur Wilberg dar Wort um eine fade Schilderung der bttdm letzten ReichStagSfitzungm zu geben und sich in wüsten Schimpfereien gegen Eugen Richter und den Finanzminister Miquel zu ergehen. — Die demagoischen Anttfemitenführer verwögen eS gar nicht mehr zu verhehlen, daß sie selbst nichts- dieBe- wriSllaft der „Allen" glauben. Trotzdem aber for- der« sie die Versammlung auf, der Sache AhlwardtS treu zu bleiben, wenn es auch nicht gelinge» sollte, aus den immfm „toten" seine Anklage zu- erhärt«.

Der alte Squire war acmz erstaunt ob dieser Schreibens gewesen. In dieser Weise hatte ihm 618 dahin noch Niemand von seiner Enkelin gesprochen.

Diese junge Schlange hat Lord Chilton ganz be­zaubert," dachte er. „Wenn ich nur wüßte, wo sie sich befände, so würde ich nicht zögern, er ihr zu sagev: denn sie ist keine Frau, welche für einen Vicomte paßt; ich möchte diese Verbindung nicht zu verantworte« haben."

SlS er den Bries schon wrglege« wollte, fiel fein Blick auf die Sdresie, welche in der Nachschrift angegeben war.

„Er ist also bei Miß Norney auf Beechmont zu Besuch. Sollte dies etwa eine Verwandte meiner ver­storbenen Frau fein? ... Mein Schwager, der General Norney, welcher sich lange m Indien “»ge­halten hat und dort gestorben ist, hat eine Tochter hinterlasien, welche Stell) heißt, wenn ich irre. Wenn allo die neue Eigenthümenn von Beechmont Sicily Nornky heißt, dann »st sie meme Richte ober vielmehr diejenige meiner Frau. Ich möchte sie doch wohl gerne besuchen, ehe ich England auf immer ver­lasse und wenn sie eine Verwandte von mir ist, will ich ihr meine Güter hinterlasien. Ich will mich also nach Beechmont begeben, ehe ich wieder auf den Commmt zurückkchre, daS steht fest."

Verbannt.

Rach dem Englischen von I. Rüttgers.

(41. Fortsetzung.)

4.

Begeben wir uns jetzt wieder zn Herrn Morkham, welcher wie wir wisien, von seiner achtzehnjährigen Reife wieder heimgekehrt ist. Sein Besuch fremder Länder und Gegenden hatte auf sein Gemüth nicht dm heilsamen Eirflnß anSgeübt, wie dies gewöhnlich daS Reisen zu chun pflegt: nach seiner Heimkehr war er wie es schien, ebenso bekümmert unb sorgenvoll, wie zuvor. Orkni y, sein Verwalter, legte ihm seine Rech­nung vor; er sah sie flüchtig durch und gebot ihm Stillschweigen, als er ihm von der jimgm Dame an- fangen wollte, der Intrigantin und der Kokett«, für welche er sie wenigstens hielt, welche währmd seiner Abwesenheit auf Lonemoor erzogm worden war. Der SreiS hatte von derselben indeß bereits genug gehört, um fest überzmgt zu sein, daß Aller, was sie thue, eitel Bosheit und Blendwerk sei, und geschworm, daß sie niemals mehr die Schwelle seines Hause- betreten werde.

Rach Verlauf von einigen Wochm schloß der Greis sich in sein Kabinet ein und ließ Niemanden vor. Seine allen Rachbam und ehemakigm Frmnde wurdm

unerbittlich zuiückaewiesen, wenn sie etwa vorsprachm, um ihm ihr« Besuch abzustattm. Eine- Tage- theitte er der Dienerschaft mit, daß er ouf'S Reue auf Reism gehen werde und dm Rest seiner Tage im Auslände beschließen wolle.

Seine Rückkehr nach Hause hatte auf feinen Ge­sundheitszustand keinen sehr wohllhätizen Einfluß auS- geübt. Nicht einen einzigen Augenblick lang hatte er sich der Erinnerung an die Vergangmheit mtschlagm können. Seine Tochter, welche er so zärtlich geliebt hatte, hatte in einer einzigen Stunde sein Leben zu einem Leben der Qual und des Jammers gemacht — sie, die einst seine Freude und sein Stolz gewesen war. Deshalb war ihm auch der Gedanke an sie so sehr verhaßt. Und doch glaubte er der Abends, wmn er sich auf seinem Zimmer allein befand, daS Geräusch ihrer Schritte auf der Treppe zu vemehmm. Dieses HauS, welches sie durch ihre Gegenwart verschönert hätte, wahr ihm nunmehr verhaßt; niemals betrat er mehr den Salon, desien Zierde sie gewesen war. Und ihr Schlafzimmer, — eS war dasjenige, wo Gwmdo- littc daS Licht der Welt erblickt hatte!

Zwei Tage nach feiner Heimkehr nach Lonemoor hatte er den Brief Lord ChittoS empfangen, welcher ihn bat, ihm ihre Adresir mitzutheilm und gleichzeitig ihre Schönheit, Anmuth und ihre Geistervorzüge rühmte.

„Wenn die katholischen Einwohner auf den Vorschlag des MagistratS, ihre Kinder in die dortige Volksschule zu schicken, wo für katholischen Religionsunterricht gesorgt wird, nicht ent« „eben wollen, so mögen die Kinder in der katholischen Schule bleiben und die Eltern die sämmtlichen Unterhaltungskosten allem aufbringen." , _ , .,

Später allerdings — die langen Verhandlungen will ich übergehm, sie dauerten seit 1887, jetzt hab« wir 1893 — am 1. Dezember 1892 hat das Kultus­ministerium geantwortet, daß die Regierung beauftragt sei, mtt der dortigen Stadtgemeinde zu verhandel«; von dem Ergebniß dieser Verhandlungen hänge e8 ab, ob die Einleitung des ZwangSversahrmS auf Grund des Gesetze- von 1887 erfolge.

Ich möchte nun doch dm Herrn Minister bitten, zu erwägm: wmn einmal ein Gemeinderach erklärt hat, er errichte keine katholifche Gemeindefchiile, bann kann man wohl nicht mehr die Hosimmg hegm, daß weitere Verhandlungen mit demselben Gemeinderach zu einem befriedigmdm Ergebniß führm und man muß befürch­ten, solche Berhandluugm würben nur zm Berschlep- pung der Sache beitragen. Ich möchte dm Herrn Mini­ster bitten, doch möglichst bald auzuordnm, daß auch im pommerschm Stargard der uöthige Antrag an dm Kreisausschuß gestellt wird. ,

Es ist auch auffallmd, daß nicht eine einheit­liche Praxis in dieser Frage stattfindet: für 38 eöan« attische Kinder in Hochheim wird der Antrag gestM, für 41 evangelische Kinder in Rimbeck wird der An­trag gestM und vom Provinzialschulrath auch bejaht; in Eberswalde allerdings hat man einmal von ©eiten der Regierung auch für 40 katholische Kinder dm An­trag gestM, aber der Provinzialschulrath hat chn ab- gelehnt; später bei 80 Kindern in Schöneberg, bei 100 Kindern in Rummelsburg wird der Antrag nicht gestellt.

Grund des Gesetzes vom 26. Mai 1887 die betreffen- ben Anträge beim KreiSauSschuß zu stellen. In an- deren Punkten sind nicht vom Ministerium, ober von König!. Regierungen wesmtllch andere Gmndsätze befolgt.

In Melchendorf bei Erfurt hat die Regiemng für 12 evangelische Kinder die Errichtung einer kon­fessionellen Gemeindeschule verlangt, und zwar hat ber Landrach auf Auftrag der Regierung erllärt, „daß sich daS Bedürfnis einer evangelischen Schule herauSgestellt habe. Darum solle die polttische ©emeinbe einen Be­schluß fassen, wie sie die Soften aufbring« wolle."

Für 12 evangelifche Schulkinder! Allerdings ist diesem Anttage keine Folge gegeben worden. Wohl aber in Rimbeck, wo nur 41 evangelische Kinder waren. Nachdem die Gemeinde ttnenkZuschuß zu geben sich ge­weigert hatte, habm die bärtigen evangelischen Fami­lienväter sich an dar Kultusministerium gewandt und dasselbe hat am 23. April 1889 eine Verfügung er- lasim, auS welcher ich doch einen Satz vorlesen muß:

„ES würde in diefem Falle vielmehr an die polttische Se« meinde die Anforderung gestellt werden müssen, aus Kommunal« Mitteln eine besondere evangelische Kommunalschule emzurrchten und zu unterhalten. Diese Forderung würde aus Grund deS Se« setzeS vom 26. Mai 1887 auf dem in diesem Gesetze vorgeschrre- benen Wege zur Durchführung zu bringen sein. Die Gememde wäre vor die Atternative zu stellen, entweder eine voll ausge« stattete evangelische Schule aus Kommunal-Mitteln zu errichten, oder freiwillig die evangelische Schule durch dauernde Zuschüsse oder Uebernahme der Kafien-Defizits zu unterstützen.

In Folge dieser Weisung find beim auch bie nöthigm Anträge gestellt worben; eS hat zwar ba8 Kultusmini­sterium nicht angetanen, aber bie Regierung hat sogar am 17. Juni 1889 bm Antrag gestellt: falls bie beiben Gemeinden Rimbeck und Scherfelbe (welche bei einander liegen) sich nicht einigen sollten, für 41 evangelische Kinder in Rimbeck und 9 evangelische Kinder m Scher- felbe eine gemeinschaftliche evangelische Schule zu errichten, daun möge angeorbnet werden, „eine beson­dere Schule für jede der beiden ©emeinben" — also für die 41 Kinder eine besondere und für die 9 Kinder eine besondere. Dem letzten Theil des An­trages ist allerdings nicht Folge geleistet worden: eS ist nur eine Schule bekehrt worden, aber doch für 41 evangelische Kinder.

In Hochheim bei Erfurt ist für 38 evangeüsche Kinder eine besondere evangelische Schule veranlaßt wor­ben. TS hatte allerdings schon im Jahre 1877 der Gemeinderath erklärt, daß die Unterhaltung der Schul- wesmS Kornmunalsache sein solle. In bie Praxis trat dieser Beschluß nun dadurch, daß die Sönigl. Regie­rung zu Erfurt am 12. Juni 1883 erklärte: „Nach eingehmder Prüfung der obwaltmdm Berhältnisie habm wir daS Bedürfnis zur Errichtung einer besonderen evangelischen Schule festgestellt." DaS war für 38 evangelische Kinder!

Meine Herrm, in Stargard m Pommern find 91 katholische Kinder in einer katholisch« Privatschule und außerdem sind noch 12 katholische Kinder dort, welche eine evangelische Volksschule besuch«. Dort hat bie Regierung Anfangs abgttehnt, bm Antrag zu Pel­len, baß bie Privatschule auf b« Kommunal«Etat über­nommen werbe, indem sie erklärte:

Deutscher Dilgerzug nach Dom.

Die Kundmachung deS WallfahrtSkomtteeS vom 22. er. wird hiermit durch nachstehende Bekanntgabe ergänzt:

Rach neuester Bestimmung im Vatikan ist die auf den 15. April festgesetzte Audienz speziell sür die Oesterreicher bestimmt, jedoch werden auch deutsche Pllger freundlichst zu derselben zu- gelaffen. Eine spezielle Audienz für die Deutschen, bei welcher die Adresse überreicht wird, findet in den Tagen zwischen 8. und 15. Mai statt; diejenigen deutschen Pilger, welche sich für den Aprilpilgerzug gemeldet haben, aber eben fo gut im Mai ab- kommen können, werden daher hiermit dringend erfucht, ihre Anmeldung unverzüglich für den Aprilzug zurückzunehmen und sie für den Maipilgerzug, bezüglich besten daS Nähere alsbald oekann t gegeben wird, zu erneuern.

Haid, Frankfurt a. M-, den 26. März 1893.

Das Wallfahrts-Komitee:

Karl Fürst »» Löwenstein, Vorsitzender. Die Centtalstelle: Dr. v. Steinte.

Ungleiches Verfahren

.gegmüber katholischen und evangelischen ©chnleu. I.

In ber Sitzung beS Abgeordnetenhauses am 23. Febmar b. I. sagte ber Abgeordnete DaSbach:

Meine Herrm, bei diesem Titel unb bei einigen späteren werben unvermögend« Schulverbändm Fonds

Mfen für daS Stelleinkommm ber Lehrer unb innen bewilligt. Ich möchte nun dm Her« er bitten, zu erwägm, ob er nicht au8 diesem Fonds ober auS einem ber später genannten Beihilfen geben kann für katholische Schulen, welche nicht auf bm Smieinbe-Etat übernommen worben fmb, in ber Umgegend von Berlin.

In Schöneberg gibt e8 eme katholische Schule, welche 80 katholische Kinder hat. ES hat bie Regie­rung zuPotSbam am 8. November 1890 eS abgttehnt, S beantragen, daß die Gemeinde diese Schule auf ihrm at übernehme; sie sagt:

„Mit Rücksicht auf die Fürforge für eine gedeihliche Ent­wickelung des UnterrichtSwesenS könne diesem Anttage zur Zett nicht stattgegeben werden .... Die Kinder vettheilten sich auf die 6 aufsteigenden Klassen der OttSschule und deshalb würden sie eine erhebliche Verschlechterung in Bettest deS Unterrichtes erleiden, wenn sie in eine einklassige Schule vereinigt würden; auf der andern Seite werde den konfessionellen Bedürfnissen durch Ertheilung von katholischem Religionsunterricht gebührend Rech­nung getragen."

Der Gemeinde RummelSbnrg gegenüber, wo er 100 katholische Kinder gibt, hat laut Mittheilung beS Lanbrath- die Regierung ebmfallS eS abgelehnt, aus Grund deS Gesetze- vom 26. Mai 1887 dm An­trag zu stell«, daß vom KreiSauSschuß festgestellt werde, bie Gemeinde fei zur Uebernahme der kathotischm Schule verpflichtet; eS wird gesagt, „daß btt der dort zur Zett verhältnißmäßig geringen Anzahl katholischer Schulkin­der daselbst vorläufig die Errichtung einer katholischen Semttndeschule sich nicht ermöglichm läßt." Bei 100 katholischen Kindern! Allerdings wäre eS mir lieber, Wenn e- mir gelänge, dm Herrn Minister zu beweg«, daß er nachträglich noch bie Regierung anweift, auf