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Samstag, den 25. März 1893. 20. Jahrgang

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Erscheint tjglich, 8mm- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zelle oder deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Bimtkljilhrlicher AbounementSprciS ohne Brrugerloh« uud Bestellgell» mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen" in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Hierzu eirre Beilage.

MW- Wegen des Festes Mariä Berkün- dignng gelangt die nächste Rnmmer ds. Bl. erst am Montag znr Ausgabe.

Auflösung des Reichstages?

* Die Militärkommisfion des Reichstages hat be­kanntlich zum zweiten Male Alles abgelehnt. Die nächste Sitzung der Kommission zur Feststellung des schriftlichen Berichts wird zwischen dem 15. und 17. Schrll statt finden, die zweite Lesung im Plenum ist vor dem 1. Mai, d. h vor der Rückkehr deS Kaisers auS Italien, nicht zu gewärtigen. Daß dar Plenum die Entscheidung der Kommission bestätigt, ist zweifellos. DaS Ganze wird nicht bewilligt; das Bennigfen'fche Angebot eben so wenig. Für den Vorschlag deS Cm- trumS würde sich wohl eine Mehrheit finden, wenn die Regierung einwilligte; nach ihrer bisherigen Haltung ist daS undenkbar, uud so wird fie eben von diesem MichStage nichts erhalten. Daß eS so hat kommen «Affen, will uns nicht einleuchten. Die Regierung hat offenbar in den ganzen Verhandlungen nicht die rich­tige Stellung einzunehmm gewußt. Aller oder nichts, aus ben Standpunkt hat sich in der Regel nicht einmal Fürst BrSmarck gestellt, der doch einen ganz anderen Einfluß aus den Reichstag auSübte und bei Rmwahlm ganz anders in seinem Sinne nach­zuhelfen wußte, als die jetzige Regierung. Wenn er nicht grundsätzlich auf eine ReichStagSausläsung hin­arbeitete, fo hat er immer eine Verständigung mit der Mehrheit zu erreichm gewußt, indem er etwas nach­gab. Ob er daS, was er preiSgab, als gewiegter Handelsmann von vornherein vorgefchlageu hatte, um es sich abhandeln zu laffen, thut nichts zur Sache. Die jetzige Regierung aber, bezw. Graf Caprivi meint Wunders was gethau zu haben, wenn er auf alle An- ftagen ausführliche Auskunft gab. Nichts ist wider­legt worden, meint er noch heute. Daß daS Geforderte „unbedingt nothwenbig" und „daS Mindeste" fei, war zur Sicherheit deS Vaterlandes verlangt werden muffe, hören wir nun schon seit zwanzig Jahren, aber der Eindruck hat sich, zumal durch ben Mißbrauch des KriegSschreckenS beim SeptermatSrummel, abgestumpft. Jebe andere Verwaltung muß es sich gefallen laffen, baß chr von ben Forderungen gestrichen wird, die fie für „unbedingt nothwendig" erklärt. Rur die Herren von der Militärverwaltung erheben den Anspruch, keinen Widerspruch zu dulden, fich als alleinige Autorität auszuspielm und bei der übrigen Mensch­heit nur den beschränkten Unterthanenver- stand vertreten zu sehm. Wenn jede Verwaltung auS chrer Spezialität einen Sport machen wollte, der un­bekümmert um alles andere nur bei fich ben Gipfel bet möglichen Vollkommenheit zu erreichen strebte, wir toätben in schöne Zustände hineingerathen. Alle Ber- waltnngSzweige weiden sich mit Recht sagen können, daß bei ihnen noch manches WünschenSwerthe und

Verbannt.

Rach dem Englischen von I. RüttgerS.

(38. Fortsetzung.)

Der MarqaiS hörte diese Erzählung mit tiefem Unwillen an und schalt ben Diener auS, während er ihm zugleich bemerklich machte, daß er Allen verbiete, fich weiter mit dieser lächerlichen Geschichte zu befaffen. Rach dem Frühstück erkundigte er fich, ob Pietro wieder da sei. Auf die vejahmde Antwort, welche er erhielt, ließ er ihn zu sich in fein Robinet kommen.

„Wo bist Du den ganzen Nachmittag gewefen?" frug der Ma, quiS streng.

„Ich komme von den Rainen, Signor . . . Weil Sie die Idee gehabt haben, in dem großen Saale des alten Schlosses einen Ball zu veranstalten, so habe ich das Gesinde überwacht, welches Aller in Ordnung brachte."

„Hast Du auch von dieser dummen Gespensterge­schichte gehört, welche die Knechte und Mägde einander erzählen sollen?"

„Ja, schon vor einigen Wochen."

„Weißt Du, woher dies Gerede stammt?

„Allerdings. Es kommt von den Besuchen her, welche ich vor einigen Monaten den unterirdischen Räumlichkeiten Allgestattet habe. Es wird wohl Je-

Rothwendige fehlt, nur die Militärverwaltung aber be­ansprucht, Alles gleich zu haben, was sie auSheckt.

UebrigenS hat der Reichstag die Militärverwaltung mit chren Forderungen nicht rundweg abgewiesen. DaS Centrum hat sehr viel geboten. Hätte die Re­gierung fich entgegenkommend gezeigt, so hätte eS die Konsequenzen seines Angebots auch nicht so enge ge­zogen. Statt anzunehmen und bei fich zu denken: „ein andermal mehr", hat Caprivi jede Verständigung ab­gelehnt. Er wird nun wohl zur Auflösung deS Reichs­tages schreiten. Herr von Bennigsen hat ihm die Folgen eindringlich vorgehalten: es würde ein Wahlkampf von nie dagewesener Heftigkeit entbrennen. Die Regierung hat allein die Kouservativm für sich. Ob aber biefe auch ihre Wähler für fich haben? Bis vor Kurzem warm sie noch bie heftigsten Gegner bet Vorlage unb es ist boch recht fraglich, ob bie Wähler bie plötzliche Schwenkung mitgemacht haben. Die Antisemiten »erben unter ihnen eine reiche Ernte machen. Von ben Ratto- nalliberalen hofft ber Reichskanzler, daß mit ihnen ein Konflikt nicht anSbrechen werbe. Aber wie will bie Regierung fich benn bei ben Wahlen zu ihnen stellm, uachbem fie ihr Angebot abgelehnt hat. Die „Oppo- fitionSparteien" habm chre Wähler hinter sich. Sollten biefe „fallen", so ist viel eher zu erwart«, baß sie ber Sozialbemokratie in bie Hände fallen, als ber Re­gierung.

Das jetzige Berhaltm beS Reichskanzlers hat viel­fach, und es wirb bas auch schon offen auSgesprochm, benGebankm erregt, Caprivi „wollesterben", wolle mit ber Borlage fallen. Aus welchen Srünben, mag man sich selbst auSmalm, fie lägen nahe genug. Wenn ber Reichskanzler gerade vor einem Jahre, am 18. März 1892, .alsdas SchulL^fetzgestürzt für dasselbe unerschütterlich eingetreten und im Falle seiner Zurückweisung mit dem Gesetze gesallm wäre, daS wäre ein schöner, ruhmvoller, politischer Tob ge­wesen, nach einer Kanzlerschaft von nur 2 Jahren, ober ohne Niederlage nur mit reichen Erfolgen gekrönten Jcchrm! Und ber Fall beS Kanzlers wäre ein Weck- unb Mahnruf geworben, unb vielleicht kehrte Caprivi bann schon halb, unb zwar mit befestigter 's für seine Regierung zurück. Jetzt fallen zu wollen, o bie Reichspolitik in eine Sackgasse geführt ist unb baS nächstliegende Mittel ber Rettung daraus, bie ReichStagSauflöfung, gerabezu unabsehbare Konsequenzen habm kann, wie Bennigsen mit Recht so emst auSsÜhrte, baS würde dem Kanzler nicht ge­stattet sein, unb wir glauben bahn, er bmkt auch nicht baran. Er muß ohne Reichstagsauflösung einen Weg auS ber Sackgasse heraus finden, unb es gibt beten ja sogar noch mehrere. Wie uns büntt, hat fich Graf Caprivi in ber ganzen Angelegenheit bisher mehr als Kriegsminister, bmu als Kanzler, als ber politische Führer ber Nation benommen. Wenn er selbfi ober auch persönlich für bie Auflösung des Reichs­tags wäre, so habm dabei boch sämrntliche deutsche Regierungen, einschließlich ber preußischen, mitznsprechm. Die beiben größten Bundesstaaten, Preußen und Boyern hobm aber keinen Anlaß in diesem Jahre eine zwei- manb das Licht der Lateme gesehen habm, welche ich bei mir trug.“

„Und seit wann bist Du nicht mehr dort gewesen?“

„Ich bin gestern Abend noch dort gewesen, da Sie befohlen hatten, mich zu vergewissern, ob Alles in Ordnung sei. Ick möchte Sie dennoch darauf auf­merksam machen, Niemand in die untettrdischm Räume einzuloffm; denn wenn eine von den Damen zufällig den Schrei irgend einer Bogels hörte, so würden alle in Schrecken geraden, unb dies könnte vielleicht zu Nachforschungen Anlaß geben . . ."

„Ich werde dte Kellerräume abschließm unb bie Schlüssel verbergen," sagte Lorb Darkwoob lebhaft. „Ich habe einen tödlichen Schrecken ausgestanden, als meine Tochter mit chrer Gouvernante in ben Ruinen waren, denn damals lag die Leiche noch auf bem Koben, so wie wir fie damals nieberlegt halten . . . Jetzt aber ist sie beerdigt, nicht war Pietro?"

„Sechs Faß tief unter ber Erde, Mylord. TS War feine leichte Arbeit, wirklich! Ich habe mehrere Nächte arbeiten muffen, denn ich mußte noch die Steine wegschaffm, ehe ich eine Grube machen konnte, und eS scheint mir, als ob Sie bie hundert Psund, welche Sie mir^verfprochen habm, wohl verdoppeln könnten?"

„Einverfianden", sagte ber MarqutS. „Jetzt, wo jebe Spur verschwunden ist, kann ich frei aufathmm",

malige Wahlkampagne (für Landtag und Reichs­tag) abgesehen von zahllosen Stichwahlen zu wünschen. Im Sertrauen auf diesen Umstand, sodann im Ausblick auf das voraussehbare Ergebniß der Reichs- tagswchlm überhaupt, darf zunächst daran festgeholtm werben, baß eS zu einer Reichstagsauflösung nicht kommen wirb. Die jetzigen Drohungen halten wir baher einstweilen für Schreckschüsse. Es bleibt also barm übrig: entweber bie Bilbung von ca. 135 Stimmen auS ben beiben konservativen Fraktionen, National­liberalen unb Polm, welche bei Stimmmmtholtung ber CentrumSsraküon für eine Majorität ausreichend märe, ober ein Zurückziehen ber Vorlage mit bem Vorbehalt, fie in ber nächsten Session mit andern Teckungsvor- fchlägm wieder einzubringen. DaS einzig Richtige scheint uns, das Angebot desCentrumS anzunehmen etwa mit bem Vorbehalte, bei nächster Gelegenheit mehr zu »erlangen.

Deutsches Keich.

Berlin, 23. März.

* Der Fürstbischof von Breslau, Kardinal Kopp, ist hmte nach Breslau zurückgereift. Heute Vormtttag gab ihm bet Ministerpräsident Graf Eulenburg ein Frühstück, an dem auch der Reichskanzler Graf Caprivi, ber Staatssekretär von Marschall unb bie Minister Dr. Bosse unb Dr. Miquel sich bethefligtm.

* Die Militärvorlage wirb bem .Hannov. Courier' zufolge nicht vor bem 1. Mai, b. h. nicht vor ber Rückkehr deS Kaisers ans Italien, zur zweiten Be- rathung im Plenum des Reichstags gelangen.

* Fürst Bismarck hat Besuchern ber letzten Zett erklärt, daß er btt einer Neuwahl beS Reichstages ein Manbat nicht mehr annehmen werde.

* Die Einführung der mitteleuropäischen Zeit für dar öffentliche Leden der Hauptstadt wird am 31. März zwischen 4 und 7 Uhr Nachmittags vorge­nommen. Die von der Sternwarte auS regutirten Normaluhren werden bann um 6 Min. 27 Sek. vor­gestellt.

* Im Kultusministerium fanb heute unter bem Vorsitze beS Direktors ber Mebizinalobtheilung Dr. Bartsch eine Konferenz von Vertretern ber be» theiligten Ministerien statt, um wieberum Maßregeln für den Fall des Wiederausbruches der Cholera zu berathm und insbesondere Grundsätze über die zur Abwehr der Seuche etwa erforderlichen Kosten zu ver­einbaren.

* In kurzer Frist werben die Vertreter des katho- lischen Volkes im Reichstage die Wiederzulaffuug der Jesuiten fordern. Darob großes Gezeter und Geschrei in ben Reihen b 8 evangelischen Bundes. Diesen gruselnben BnnbeSseelen, empfehlen wir folgende Worte unserer verewigten Führers Windthorst zur ge­neigten Betrachtung: „Es ist in ber Thal eine auf­fällige Erscheinung, baß alle großen, wirklich begabten Geister' bis auf Heinrich Heine unb Humboldt herab niemals eine Sorge gehabt haben in Bezug auf bie Jesuiten, daß aber ber ganze Troß ber mittel- buchte er bei sich, „unb jetzt steht kein Hinderniß mehr zwischen mir und ber schönen Secily ..."

„Du kannst gehen, vergiß inbeß nicht, bie Keller- räume zu schließen nnb die Schlüssel zu Dir zu fiecken."

Lord Darkwood vollendete seine Toilette unb ging bann in ben Salon hinab, um seine Gäste zu erwarten. Lady Georgina nebst Mabame Dover erschienen eben­falls nach einigen Minuten — bie Letztere sollte bie Stelle Gwenboltnens einnehmen, welche man nicht ge­loben hatte.

Letzteres hatte ber Stolz unb die Eifersucht Geor- gina's zu Wege gebracht, und chr Vater hatte ihr schließlich willfahrt, daß Gwenboline auf ihrem Zimmer bleiben solle.

3.

Die Gatte von Schloß Beechmont Iahten gegen 4 Uhr an. Miß Norney in Begleitung R-nald Chil- ton's traf erst eine Stunde später ein. Sie trat dem Kapitän mit einer eisigen Höflichkeit entgegen. AlS fie sah, daß bie Gouvernante nicht im Salon sei, konnte fie eine Geberbe ber Enttäuschung nicht Ger­ber gen.

„Und Miß Myier?" frug fie ©rorgina. „Ist sie krank?"

„Nein, ihr Arm schmerzt sie inbeß noch immer,