20. Jahrgang
Dienstag, den 14. März 1893
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Verbannt.
Nach dem Englischen von I. RüttgerS.
(28. Fortsetzung-)
15.
Zwei Tage nach dem Borfalle, welche» wir soeben erzählt haben, finden wir den Marquis Abends einsam in seinem Kabrnete sitzen. ES war bereits elf Uhr und Schloß Dunholm lag in tiefster Ruhe da. Lord Darkwood dachte an diesem Abend immer wieder an diese Miß Winter, welche, wie er meinte, entweder tobt sein oder England verlassen haben müsie; bis dahin hatte er nämlich die gesammte Korrespondenz Pietro'- sorgfältig überwacht und durchlesen.
Noch eine zweite Person wachte inzwischen auf Schloß Dunholm. ES war Miß Winter selbst, welche am Herde ihres kleinen SalonS saß und einen offenen Brief in ihrer Hand hielt. Sie hatte zum zweiten Male das Schreiben gelesen und es dann beantwortet. Es kam von Madame Ouillet, welche ihr die Rückkehr des Herrn Morkham nach achtzehnjähriger Abwefenheit mittheilte. War sie indeß nicht erwähnt hatte, war, daß der Squire sie gar nicht wegen des Kindes seiner Tochter befragt hatte. Ernes Tage- hatte er zufällig in der Küche eine etwas unbeholfene Magd gesehen
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Vereinigten Staate« hat, wie der ,Pol. Kort.' aus Berlin geschrieben wird, vielfach die Hoffnung geweckt, als ob die Tage der Mac Kinley-Bill nunmehr gezählt seien. Jedem einsichtigen Beurtheiler der Situation muß dies als ein etwas voreiliger Optimismus erscheinen. In hiesigen berufenen Kreifen glaubt man weder an einen Wechsel noch an einen tiefgehenden Umschwung der handelspolitischen Verhältniffe. Allerdings ist anzunehmen, daß allmählig ein etwas maßvolleres Schutzzollsystem, wie er in den Traditionen der amerikanischen Zollpolitik von jeher begründet ist, an Stelle des gegenwärtigen partiellen Prohibitivsystems zur Geltung gebracht wird. Man vermuthet, daß die nächsten Tarifherabsetzungm im Hinblick auf die Trust» erfolgen werden, deren entschiedener Gegner Clevelavd von jeher gewesen ist. Jndesfen bei der ausschließlich in Händen des Repräsentantenhauses liegenden Initiative ist auch hier nur ein langsames Borgehen zu er- warten. Nicht ohne Bedeutung erscheint überdies der rein finanzielle Gesichtspunkt, da ein nennenswertheS Sinken der Tarifeinnahmen in Folge der Zollherab- fetzungm doch immerhin schwer ins Gewicht fallen würde. Wie dem aber auch sei, jedenfalls verspricht man sich unter dem neuen Regime eine sich immer gedeihlicher gestaltende Weiterentwicklung der guten Beziehungen zwischen Deutschland und den Bereinigten Staaten.
* Boston, 10. März. Eine Feuersbrunst hat heute Abend einen großen Theil des Geschäft-Viertels zerstört. Das Geschäftslokal der Singer - Whmaschineu - Gesellschaft, sowie ein großer Hotel und andere große Gr- schäftrhäuser sind gänzlich ausgebrannt. Drei Personen find umgekommen und 30 verletzt. Der Schaden wird Ms 3 Millionen Dollars geschätzt.
hauptung Ahlwardt's, daß 60,000 Gewehrläufe von einer Solinger Fabrik geliefert Worden seien, welche die italienische Regierung bereits zmückgewiesm gehabt, sei falsch. Die Läufe seien in der Königl. Fabrik zu Spandau gefertigt. Montag: Postdampfernovelle, Etat.
* Das Befinden des Fürsten BiSntarck ist, wie aus FriedrichSruh berichtet wird, ein ungünstiges. An Versuchen, ihn zu intervivm hat es in letzter Zeit nicht gefehlt; doch konnten die Herren von der Feder nicht vorgeloffen werden.
* Esten, 11. März. Die Strafkammer verur- theilte in heutiger Sitzung die früheren Bergleute Margraf zu sechs Monaten, Schröder zu vier Monaten, Schlicker zu acht Wochen Gefängniß. Werdelmauu, Meyer, Adams, Dammeier, Capelle wurden steige- gesprochen. Es handelt sich um Vergehen bei dem letzten Bergarbeiter-Ausstand im Januar.
Ausland.
* Der Fürstprimas von Ungarn hat dem ungarischen Ministerpräsidentm die Adresse des Mgarischen Episkopats an den Kaiser und die ungarische Regierung überreicht, in denen scharf Stellung gegen das kttchen« politifche Programm der Regierung genommen wird. Der Kaiser wird als Schutzherr der Kirche gebeten, die gefährlichen Neuerungen von der Kirche und dem Baterlande fernzuhalten.
* Paris, 11. März. Justizminister Bourgeois reichte Rrbot ein Entlassungs-Gesuch ein.
♦ In dem Panama'Bestechnngsprozeß find nun auch Floquet, Slentenceau und Freycintt vernommen worden. Die sind natürlich unschuldsvoll unb rein, keine so bösen Sünder, wie der zerknirschte Zöllner Bachant der eine Rührscene zum Besten gab. Für Floquet scheint übrigens die Stimmung im Publikum trotz, seiner Biednmann-miene sehr wenig günstig W sein. Als er so rein gar nichts wißen wollte, wurde das verehrte Publikum ungeduldig und überhäufte Floquet mit Bezeichnungen, die dieser nicht als Ehrentitel auffaflm konnte. Der Gerichtspräsident ließ indeß kurzer $anb ben Saal räumen nnb so ging bann bie Verhandlung bei beschränkter Oeffentlichkeit weiter.
* In Portugal hat sich unlängst ein Treigniß vollzogen, das für ganj Europa von Wichtigkeit ist. Es ist nämlich dort dem Sozialismus zum ersten Male gelungen, in ein Ministerium eines euro» päischen unb monarchischen Staates einen offiziellen Vertreter zu entsmben. Der neue portugiesische Finanz- mittifttr Augusto Fuschini ist als bei einflußreichste und entschloffenste Verbreiter be8 Sozialismus in Portugal bekannt unb bamit man nicht etwa annehme, als Minister würbe er seine Anschauungen bmch sein Amt beeinflußen lasten, erklärte er bfinbig, daß er nach besten Kräften auch in dieser Stellung für bie Verwirklichung seiner politischen unb sozialen Sebanken eintreten werde. Das gänzlich banterotte Portugal konnte einen anbern Finanzminister wohl kaum finben — wer möchte fich noch auf biefe Galeere begeben? — unb dieser Mann wird auch jedenfalls nicht mehr viel verderbm.
* Der Personenwechsel in der Präsidentschaft der unb hatte dann Madame Ouilltt in kurzem Tone gefragt:
.Ist diese daS Mädchen?"
„Rein, es ist die Kuhmagd," hatte Madam Ouillet auf feine Frage geantwortet.
„Ist sie also tobt?"
„Rein, sie lebt noch, er ist, wie Jedermann sagt, eine reizende Dame au8 ihr geworden."
Madame Ouillet hatte absichtlich in dieser Weise geantwortet, indem sie hoffte, vielleicht einige Theil- nähme bei dem Greise für ihre Schutzempfvhlene zu erwecken.
„Eine Dame?" hatte Herr Morkham etwas spöttifch geantwortet.
„Ja ich wußte wer sie war, so hatte ich nicht den Muth, sie in's Findelhans zu schicken oder eine Magd aus ihr zu machen . . . Wir, das heißt mein Satte und ich, haben ihr eine Erzieherin gegeben unb sie bann in einem guten Pensionate untergebracht."
„Ihr habt wie Wahnsinnige gehanbelt!" batte der SreiS hieraus auSgerufen. „Unb wo befinbet sich denn jetzt dieses kostbare Fräulein?"
„Sie bekleidet die Stelle einet Gouvernante in einer reichen und vornehmen Familie."
„Um so bester! Sprechen Sie mir nicht mehr von
Deutsch« tzeich.
Berlin, 11. März.
• Der Fürst unb bie Fürstin von Schwarzburg- Rudolstadt haben sich heute Vormittag von ben kaiserlichen Majestäten verabschiedet und find Nachmittags nach Dresden abgereist, von wo die Rückkehr nach Rudolstadt erfolgen wird. Vor ihrer Abreise legten der Fürst und bie Fürstin in bem Mausoleum zu Chat- lottenburg und zu Potsdam (Friedenskirche) Kränze auf den Särgen des Kaisers Wilhelm I., bet Kaiserin Augusta unb Kaiser Friedrichs nieder.
* In Re gier ungs kreis en, so schreibt die »Post', ist man über ben Ausgang bet ersten Berathung bet Militärkommisfio« um so weniger überrascht, als man denselben lange vorausseden konnte. Man gibt sich bet Erwartung hin, bie positiven Parteien werben sich nunmehr über ein Angebot verständigen, welches von bet Heeresverwaltung als acceptabel bezeichnet werben bars. Andernfalls sieht man einer Auflösung des Reichstages mit Kaltblütigkeit (!) entgegen.
* Die lex Heinze wurde heute von bet Kommission in zweiter 2efluig mit 11 gegen 9 Stimmen an- genommen.
* Der Reichstag, bem der Gesetzentwurf betr. den Schutz bet Waarenbezeichnungen zugegangen ist, nahm einen Antrag auf Einstellung eines gegen ben Abg. Stötzel (Ctr.) schwebenbeu Strafverfahrens an unb -führte bann die Berathung de- Militäretats zu Ende. Mgg. Richter unb Hinze (frf.) sprachen fich gegen bie glänzenden Helme unb bie bunten Uniformen, besonders bet Kavallerie auS. Generalmajor v. Funk erwiberte, bet Helm werbe durch Verwendung von Aluminium noch leichter werden. Derselbe sei lustig und dauerhaft und fange sich nicht beim Regen voll. Die historischen Kavallene-Uniformen erleichterten da» Sammeln und regten durch bie^öäran geknüpften Taditionen ben Geist bet Truppen an, ohne kostspielig zu sein. Abg. HauS- ntann (Bp.) brachte Mißstände im württembergischen Militärgefängnißwesen zur Sprache unb wollte dieselbe vetallgemeinen, war @eneraüieutenant v. Spitz bezüglich bet preußischen Militärstrafanstalten zurückwieS, inbem er zugleich zu einem Besuch bet Spanbauer Anstatt einlub. Es kam babei zwischen bem Abg. Hausmann unb bem Vertreter bet verbündeten Regierungen zu einer Auseinandersetzung über ein Lächeln des Ersteren, welcher Herr v. Spitz für höhnisch gehalten. Daran schloß sich eine Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Richter, der eine Erörterung an den Zwischenfall knüpfen wollte, und dem Präsidenten von Levetzow, Welcher die Sache nach einer Erklärung des General- • lieutenants v. Spitz für erledigt erachtete. Weitere Auseinandersetzungen fanden baim zwischen Abg. Szmula (Ett.), der ben gestrigen Ton als bem Ansehen bet Armee für schädlich erklärte, unb ben Abgg. Richter unb Haußmann statt, die biesen Ton vertheibigten. Auf «ntegmtg bei Abg. Marquardsen wies Kriegsminister v. Kaltenborn bie neulichen Behauptungen Ahlwardt's über bie Qualität bet von bet Firma Löwe gelieferte# Gewehre zurück. Die Waffen feien fo kriegStüchtig als nur immer gewünscht werben könne. Die fernere Be-
Den Namen bieser KrMkhett habe ich etfnnben, aber nicht bie Krankheit selbst. Das neueste Symptom bet Heizsucht-Epidemie ist bie Nachricht, daß ein „geheizte» Kopee" am 1. März b. I. zum ersten Male in ben Straßen Berlin» herumgefahren sei. Für ben geheizten Pferbebahnwagen ist schon lange mit glühendem Eifer agitirt worben; von ba bis zur geheuten Droschke ist nur ein Schritt. Zum 1. April gebente ich ein Patent auf einen geheizten Stiefel zu nehmen.
Ich erinnere mich noch lebhaft meine» Erstaunens, al» meine provinzialen Augen zum ersten Male hier in Berlin vom hohen Dache bet Pettikitche eine kräftige Rauchsäule aufsteigen sah. Bei Conscience tonn man freilich lesen, baß schon in armier Borzeit ein vlämischeS Kunstkinb eine Kirche mit Thurm und Schornstein gezeichnet habe. Auf bie Frage nach dem Warum unb Wozu gab baS kinbliche Genie aber keineswegs bie Antwort, baß bie Kirche geheizt werben soll, sondern bemertt vielmehr in echt realistischem Tone, daß für ben Pfatter doch Essen gekocht werden müße. Als ich in Anlehnung an diese Anekdote die Berliner fragte, für wen denn in der Pettikitche ein Diner gekocht werde, macht man mir blöden Provinzler klar, daß hier bie
•) Nachdruck nicht gestattet.
ihr, unb vor allen Dingen möge sie bie» HM» nicht mehr betreten.“ . .
Gwendoline hatte, wie wir eben bemertt haben, ben Brief von Madame Ouillet zum »weiten Male gelesen und ihn dann in'» Feuer geworfen, wo er bald in Flammen aufging. Dann ftanb sie auf, löschte ihr Licht mt8 unb schritt ohne zu wißen weshalb, auf da» Fenster zu, um hinauSzusehen. Bon diesem F«iftet auS tonnte man bie Ruinen des alten Schlosses übersehen, baß kotz bet Duntelheit immerhin noch einigermaßen zu erlernten war. In diesem Augenblicke schlug eS auf bet großen Standuhr im Hausgange »Wölf.
„Es ist schon seht spät", sagte das junge Mädchen zu sich selbst, „ich Will zu Bette gehm . . . Aber waS sehe ich da drüben? ... Sin Licht an einem da Kenstet des Erdgeschosses! . . . WaS mag dies nur L bedeuten haben? Alle Bedienten sind zu Bette, unb außerdem Würde sich um diese Stunde auch wohl Niemand dorthin wagen. Das Licht erschien bald darauf noch an verfchiedenen Fenstern unb verschwanb schließlich. Gwendoline wachte noch einige Zeit, tonnte aber weder etwa« sehen noch hören.
16.
Nicht weit vom Schlosse Dunholm lag eine zweite derartige große Besitzung: eS war daS Schloß Beech«