JV 57
Frettag, den 10. März 1893.
20. Jahrgmg
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Für immer!
„So mögen im alten Rom die siegreich heim» kehrenden Imperatoren begrüßt worden sein; in unseren Tagen wird weltlichen Herrschaften solche Huldigungen nicht mehr zu Theil." „Es war ein wunderbarer Moment, als sich die gläubige Menge vor ihrem seg» nenden Oberhirten auf das Knie niederließ und von der Höhe der Kuppel herab aus den Silbertrombm eine ergreifende Symphonie ertönte. Eine Kirche, die derart alle Künste in ihren Dienst stellt, und gleichzeitig auf alle Sinne der Menge zu wirken weiß, wird ihre Herrfchaft über die Menge noch lange ungefchwächt bewahren."
So ein Bericht der .Frankfurter Zeitung' aus Rom über die Jubelfeier des hl. BaterS in der Peterskirche. Bekanntlich bewegt sich dieses Blatt ganz auf materialistischem und atheistischem Boden, aber es liebt, seinem demokratischen Standpunkt halber eine gewisse Toleranz und anerkennt das Gute und Schöne zuweilen auch in der katholischen Kirche, „Jedesmal fügt der Berichterstatter bei, wenn ich einem so glänzenden kirchlichen Schauspiele beigewohnt habe, drängt sich mir der Gedanke auf, daß alles sogenannte Kulturkämpfen Donquixoterie fei."
UnS jedoch, wenn wir derartige Zeugnisie über die kacholifche Kirche lefen, drängt sich der bekannte Vers auf: „Wenn man's fo hört, mag's leidlich fcheinen, steht aber doch fchief darjnm". Oder steht es etwa nicht auSgesncht fchief um ein Zmgniß über die katholifche Kirche, wodurch diese Kirche so hingestellt wird, als ob ihr Einfluß auf die Menfchen weniger im Geiste und in der Wahrheit ihren Grund habe, als in einem „glänzenden Schauspiel , und in der Einwirkung aller Künste auf alle Sinne der „Menge" beruhe. Darin foll das ganze Geheimniß der Macht des Katholizismus liegen, wodurch dieser seine Herrschaft noch lange bewahren werde, und weshalb auch der Kulturkampf eitel Donquixoterie fei??
Wohl ist der Kulturkampf wirklich von Anfang bis zu Ende eine Donquixoterie gewesen. Wie der sinnreiche Ritter Don Quixote von La Mache sich seine vielen Ritterromane in den Kopf gesetzt hatte, so daß er sich berufen glaubte, in kühnen Abenteuern mit Riefen und Drachen den Glanz der romantischen RitterthumS zu erneuern, ähnlich erging er auch dem großen ReichSkulturkämpfer a«S Hinterpommern. Die alten Märchen und Romane vom protestantischen Berufe Preußens, vom evangelifchen Kaiferthum, von deutscher Rationalkirche, vaterlandslosem Ultramontanis- muS, JesuitiSmuS u. f. w. hatten dem edlen Junker das Gehirn bis zum Fiebergrad erhitzt. „Jetzt oder nie", dachte er nach den großenSiegev über Frankreich.
Politisch fteilich erscheint dieser Angriff gegen ein 1800jährigeS geistiger Weltreich die größteDonquixoterie, die heutzutage unternommen werden konnte; aber in einer anderen Hinsicht war der Kulturkampf auch wieder keine Donquixoterie; der Held des Cervantes war ein gutartiger Don Quixote, der Held deS Kulturkampfes machte mit feiner Donquixoterie bitteren blutigen Ernst.
Verbannt.
Nach dem Englischen von I. Rüttgers.
(25. Fortsetzung.)
Bleich und wie erstarrt taumelte er instinktmäßig auf das andere Ende des Zimmers zu, wo er sich auf einen Stuhl fallen ließ und dann das Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Der Kapitän war nicht abergläubisch und glaubte noch viel weniger an irgend etwas Uebernatürliches — aber in diesem Augenblicke war seine Fassung verschwunden. Er glaubte deutlich zu vernehmen, wie daS geheimnißvolle Wesen mit langsamen Schritten auf ihn zukam. Um darüber in's Klare zu kommen, nahm er die Hände von seinen Augen.
In der That war die geheimnißvolle Erscheinung zum Fenster hereingekommen und stand schweigend und gemessen in einiger Entfernung vor Lord Darkwood, welcher an allen Gliedern zitterte und die Hände vor sich hielt, wie nm einen etwaigen Angriff abzuwehren. Endlich ermannte er sich soweit, daß er mit lauter Stimme sagte: „Zurück!"
Die Erscheinung antwortete nicht, sondern that einen Schritt vorwärts.
„Zurück! sage ich Dir. Rühre mich nicht an."
Abermals keine Antwort.
Denn nicht auf dem kantigen Rücken einer Rosinante mit einem alten Spieße bewaffnet und mit einer Barbier« schüffel als Helm ist diefer neue Don Quixote auf feine Thaten ausgezogen, sondern mit dem ganzen Arsenal deS modernen Staates ausgerüstet.
Nein, der „Kulturkampf" mit feinen „Maigefchen", mit dem Gefetz zur Vertreibung der katholischen Kloster- orben, besonders der Jesuiten, mit dem Gesetze der Geldstrafen, Kerkerstrafen, BerbannungSstrafm gegen Priester wegm Spendung der hl. Sakramente und Feier der hl. Messe, mit dem Gesetze der Gehaltsperre gegen die Geistlichen int Großm, die Verfolgungsgesetze und chre brutale Handhabung durch eine polizeistaatliche Bureaukratie, unterstützt durch die Hetzartikel einer aus ftemden Eigenthum besoldeten Reptilienpresse — daS war keine Donquixoterie, kein Thorenstreich eines gutartigen Schwärmers, und die Herrschaft einer Kirche, die einen solchen Angriff aushält, die aus einem solchen Kampfe nicht bloS siegreich, sondern mächtig gestärkt hervorgeht, sie muß auf etwas Festerem beruhen als auf glänzenden Schaufpielen, auf etwas Tieferem als auf der Einwirkung aller Künste auf alle Sinne der Menge.
Warum benützt man denn auf der gegnertfchen Seite dieser angeblich so gewaltige Werkzeug der Herrschaft nicht ebenfalls, oder warum versagt er dort seine Wirkung? Nennt diese Partei sich nicht selber die Klaffe der Bildung und der Besitze-? Gibt eS dort nicht auch Menschen mit fünf Sinnen, empfänglich für Schauspiel und Künste? Ja! dort gibt eS Schauspiele vom Parzifal Richard Wagner- bis zum Pfarrer von Kirchfeld u. f. w. Dort gibt er Kunstwerke vom Reformationsbilde Kaulbachs bis zum Esel vor dem Krautacker und dm Spottbildern eines Klosterschmarotzers auf die gastfreundlichen Mönche. Warum haben diese Schauspiele, diese Künste, die wahrhaftig als eine Spekulation auf die Sinnlichkeit im weitesten Umfange sich kennzeichnen, nicht ebenfalls eine so erhabene und erhebende und dauemde Wirkung? Weil ihnen der Geist und die Wahrheit, daS Gute und ächte Schöne fehlt.
In der katholifchm Kirche findet keine Art von Einwirkung auf die Sinne statt, die nicht aus dem Geist und der Wahrheit katholisch er Grundsätze ihrm Urspmng hätte. Jener „Silbertromben ergreifende Symphonie", die beim Bischofsjubiläum Leo Xin. aus der Kuppel der St. PeterSkirche herniedertönte, war nicht ein blofer Schall, keine Zukunftsmusik wie im Gralstempel des Bayrmther Wagnertheaters, fondem eS war nur eine von den zahllosen künstlerischen AuSdruckSweism der Wahrheit und neunzehuhMdertjährigen Thatsache: „Du bist PetruSundauf diesen Felsen will ichmeine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen."
Die katholische Kirche wird dämm trotz aller Culturkämpfe ihre Herrschaft nicht etwa über eine gedankenlose Menge, sondern über alle für daS Wahre, Gute und Schöne empfänglichen Geister nicht allein „noch lange", sondern für immer bewahrm.
„WeShalb bist Du hier?" fügte jetzt Lord Darkwood mit leifer Stimme.
„Sie fcheinen mich für ein Wesen auS der mtbertt Welt zu halten, Kapitän Tollis", antwortete ber Unbekannte mit leiser Stimme, welche in keiner Weise an baS Grab erinnerte.
Der Marquis zitterte nun noch mehr.
„Sie sehen, baß ich kein Gespmst bin, nicht wahr? Sie empfangen einen Mann fehr sonderbar, welcher nach Hause zurückkehrt, nachdem er Schiffbmch erlitten hat, und der einer Krankheit nahezu erlegen wäre."
„Du lebst also!" heulte Kapitän Tollis mehr als er sprach.
„Du siehst wohl, daß ich lebe, Tollis", sagte er, „laß Seinen eitlen Schrecken fahren, und fange an zu begreifen, daß ich ganz einfach wieder, war mit gehört, in Besitz nehmen will."
Tollis konnte kein Wort hervorbringen, aber allmählich begann er die schreckliche Bedeutung der eben vernommenen Worte zu begreifen. Mit Mühe stieß er endlich die Worte hervor: „Man ... hat gesagt, . . . daß . . . Du . . . tobt . . . seiest . . ."
„Ich bin noch soeben mit heiler Haut davon gekommen. Wahrscheinlich hat Forster Dir die Geschichte meines Schiffbruches mitgetheilt. . . Natürlich mußtest Du glauben, ich sei tobt."
Deutsch« Deich.
Berlin, 8. März.
• Wolle» die Freisinnigen sich brücken? Z« bem Anträge auf Aufhebung bes JesuitengefetzeS bemerkt bie .Freisinnige Zeitung': „Eine FraktiovS- berathung über beit Antrag hat in bet freisinnigen Partei noch nicht stattgefunben. Bei bem Antrag kommen nicht bloS eine, sondern mehrere Fragen von verfchie- bener Art unb Bebeutung in Betracht." Wir meinen, baß hierbei nur eine Frage in Betracht kommen kann: bie Frage ber staatsbürgerlichm Gleichberechtigung gegenüber einem Ausnahmegesetze. Bebarf es beim für eine Partei, bie sich freisinnig nennt, wenn sie wirklich ftei- finnig ist, noch erst einer Fraktionsberathung, um gegenüber einer solchen Frage Stellung zu nehmen? Oder will unS bie.Freisinnige Zeitung'nicht etwa verrathen, welche „mehrere Fragen von verschiedener Art unb Bebeutung' nach ihrer Ansicht gegenüber ber einfachen Frage beS gleichen Rechts und der staatsbürgerlichm Freiheit gegenüber einem Ausnahmegesetze noch in Betracht kommen können?
* Im Abgeordnetenhanse stand gestern, wie fchon kurz erwähnt, der Etat der AnfiedelungS- Kommifsion für Westpreußm und Pofen und m Verbindung damit die Dmkfchrist der Regierung über die AuSfühmng des AnsiedelungSgefetzeS zur Berathimg. Dazu war von dm polnischen Abgeordneten der Antrag gestellt worden, die Regierung zu ersuchen, dem Landtage thunlichst bald, womöglich noch im Laufe dieser Session eine Vorlage zur Beseitigung deS Ansiedelungsgesetzes zu unterbresten. Dieser Antrag wurde vorn Abg. v. CzarlinSki begründet. DaS AnfiedelungSgesetz sei die Krone aller gegen die Polm beliebten AuSnahwernaßregelv und bezwecke nebm der Fördemng deS DeutschthmnS zugleich eine Förderimg des Protestantismus, wenngleich dies von der Regie- rmrg bestritten werde. Die AnsiedelungS-Kommis^ sei nichts anderes als eine Verforgungsanstakt für bankerotte Landwirthe. Niemand sei mit diesem Gesetze zufrieden, auch die Ansiedler nicht. DaS Gesetz sei auch in agrarischer und sozialpolitischer Beziehung verfehlt, von einer rationellen inneren Kolonisation und von einer Seßhastmachung der Arbeiter sei keine Rede. Die Ruffm feien gelehrige Schüler und, ebenfo wie dre Deutschen gegen die Polm vorgehen, gehm die Russen gegen die Dmtschen vor. Abg. Sombart (natl.) lich die politische Seite der Frage unerörtert, erklärte aber seine Zufriedenheit mit den Erfolgen der An- fledelunzSgefetzeS, welches die Gründung deutscher Bauernwitthfchasten im Osten des Landes ermöglicht habe. DaS Rentmgütergesetz verfolge zwar denselbm Zweck, mache aber daS AnsiedelungSgefetz nicht mt- behrlich. Minister v. Heyden erklärte, daß keine Beranlaffung vorliege, die Aufhebung des Ansiedelungs- Gesetzes in Erwägung zu ziehen. Nicht um eine Ausrottung der Polen handle eS sich bei diesem Gesetze, sondern um ein Entgegmwirkm gegen die Entblößung deS OstenS von deutschen Elernmtm. Wenn die Ansiedelungs-Kommission bankerott gewordme Gutsbesitzer
Kapitän Tollis antwortete nicht.
„Nun wohl", fuhr der wirkliche Lord Darkwood fort, „ich habe stundenlang dahingeschwommen; fchon begannen meine Kräfte zu fchwinden, als ein kleiner korsikanifcheS Schiff mich aufnahm. Ich verblieb auf dieser Insel, wo ein hartnäckiges Fieber mich lange Zeit festgebannt hielt, und sobald ich wieder hergestellt war, schiffte ich mich ein, um nach Hause zurückzu- kehren, obwohl ich, wie Du siehst, noch sehr schwach bin."
Kapitän TolliS glaubte in den Boden versinken zu müssen, währmd Lord Darkwood redete. ES war nur zu wahr: sein Cousin lebte, und somit mußte er Aller pteiSgeben, was er bis dahin zu besitzen geglaubt hatte, sein alteS Leben voll Entbehtungm und Schulden begann jetzt von Neuem! Die Zukunft malte sich ch» in den düstersten Farben.
„In Marseille", hob Lord Darkwood wieder an, „laS ich in dm Zeitungen die Nachricht von meinem Tode, und vernahm dort zugleich, daß Du mein Erbe seiest. ES kam mir der Gedanke, Dich zu überraschen, ich reiste also unter dem Namen Charteris. In London wählte ich meinen Anzug in anderer Weise, daß man mich nicht erkennen konnte und machte mich nach Shrews- bmy auf dm Weg. Von dort bin ich zu Fuß gegangen. Ich hatte den Park bettetm und schlich leise