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Donnerstag, den 9. März 1893.
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--20. Jahrgang
uldaerMZeitiiiig
Verbannt.
Nach dem Englischen von I. Rüttgers.
(24. Fortsetzung.)
Fabian Tollis theilte also Pietro mit, daß er nach London reisen müßte und daß er ihn nicht zu begleiten brauche. In der Hauptstadt angelaugt, bestieg er einen Zug, welcher chn nach Norden brachte, und war bald in Plimstone eingetrosten, von wo auS er fich sogleich auf den Weg nach Lonemoor machte. Hier frug er einen Knecht, welchen er gerade sah, nach Herrn Morkham. Der Knecht lächelte vielsagend, als er diese Frage hörte und sagte:
„Schon beinahe achtzehn Jahre ist Herr Morkham auf Resten, und bis er zurückkommt, verfließen vielleicht noch ebenso viele . . ."
„Ohne Zweifel befindet sich wohl ein Verwalter hier, an welchen ich mich wenden könnte?"
„Gewiß Madame Ouillet. Treten Sie also ein, ich will Sie anmelden."
Die alte Haushälterin erschien einige Augenblicke später und führte Lord Darkwood in ein Zimmer.
„Ich komme zu Ihnen in einer wichtigen Angelegenheit," sagte Kapitän Tollis, nachdem er sich vor- gestellt hatte.
„Es hat sich hier lange Zeit unter dem Namen
Deutsch« Deich.
Berlin, 7. März.
* Die finanzielle Lage ist jetzt das Kreuz der preußischen Regierung. Nicht daß sie so überaus schlecht wäre, aber man muß sparen, da der Militärfiskus allein alles haben will. Wohin das „Sparen" führen kann, zeigte im Abgeordnetenhaufe bei Berathung des Handels-Etats Minister Frhr. v. Berlepsch. Er klagte verzweifelt, daß wir aus Sparsamkeit unser gewerbliches Unterrichtswesen vernachlässigen müßten, was auf die Dauer einen wichtigen Theil unserer Ausfuhr vernichten müsse. Auch beim Eisenbahnetat ist Sparm die Parole. Die Frage ist nun: was heißt sparen? Wenn man einige Züge ausfallen läßt, so spart man an Kohlen, Wagen, Personal rc. Es kommt aber darauf an, ob nicht der Ausfall an Einnahme, die man hätte, wenn man die Züge einlegte, viel größer ist, als die Ersparniste. Es dürfte ziemlich sicher sein, daß bei der Eisenbahnverwaltung gegen» »artig eine sehr kostspielige Sparsamkeit herrscht. — Beim Etat der indirekten Steuern wurde zum Theil lebhafte Klage geführt über die Veranlagung zur neuen Einkommensteuer. Der Finanzminister ver- urtheilte Mißgriffe bei Ausführung der Gesetzes, nahm aber sonst die Beamten energisch in Schutz. Aus Beispielen, die er von der Selbsteinschätzung in Berlin anführte, ergab sich, daß nach wie vor tüchttg gemogelt wird. 30 Prozent aller Deklarationen wurden beanstandet und eS ergab sich, daß bei s/< der Beanstandungen die Kommission eine richtige Ahnung von der Schweigsamkeit des Steuerzahlers gehabt hatte. Dies Ergebniß wird zur Folge haben, daß fortan noch viel mehr Deklarationen beanstandet toetben; man kann es ja versuch«,. Dcr Finanz Minister hat den Be<- amten einen deutlichen Wink gegeben, nur nuyt zu leichtgläubig zu sein. Es ist allerdings eine Forderung der Gerechtigkeit, daß, wenn die Einen ihr Ein- kommen gewiffenhaft zur Steuer anmelden, man die nicht durchschlüpfen laffe, welche den Verdacht recht- fertigen, daß sie mogeln Wollen. Zunächst wird die Selbsteinschätzung noch Manchen Verdruß bereiten, aber wenn sie sich eingelegt hat, muß man sie als das einzig Richtige anerkennen. Bisher hat sich ergeben, daß früher V/g Milliarden Einkommen sich der Besteuerung entzogen hatten. Wenn der Apparat erst im Zuge ist, endeckt man vielleicht noch eine heimliche Milliarde. Je mehr ober die Einkommensteuer ergibt, um so geringer kann die Ergänzungssteuer und der sonstige Ersatz sein, den der Finanzminister für die Aufhebung der Realsteuern verlangt, vor allem aber ist um so entschiedener auf Erleichterung des Arbeitseinkommens in den unteren und mittleren Stufen zu bringen.
♦ „Wenn man bie Herolde der Militärvorlage hört", so schreibt eine mehreren Centrumsblättern zugehende Korrespondenz, „so ist die deutsche Armee, die wir bisher in unseres Herzens eiteler Einfalt für die beste der Welt gehalten haben, ein ganz trauriges Ding, das ohne eine riesige Vermehrung und gründliche
Umgestaltung zur Vertheidigung Deutschlands absolut nichts taugt. Auch die Armeen unserer Bundesgenossen sind nicht viel Werth. Aber das französische Heer und das russische Heer — ja, Bauer, daS ist ganz was anderes! Man wird nicht müde, uns die fürchterliche Größe dieser Stteitkräfte vorzurechnen; was dort auf dem geduldigen Papiere steht, wird des höheren Effekts halber zur „Effekttvstärke" geschlagen. Zweifel an der Tüchtigkeit dieser ganzen feindlichen Soldatenmasse werden von der Schwelle abgewiesen. Das sind alles vollwerthige Helden, auch die stupiden Russen, die bloß neun Monate, und die flatterhaften Franzosm, die bloß ein Jahr gedrillt find; aber die deutschen Ersatzreservisten, die werden zum Krop p- zeug geworfen, und die deutschen Landwehrleute zum alten Eisen, während man von entsprechenden französischen Jahrgängen mit größter Ehrfurcht spricht. Wohin soll es führen, wenn die Vertreter der Militarismus den allzu kühnen Vorstoß in dieser Weise weiter führen und schließlich Deutschland an Stelle der übermäßigen Stärkung, die sie ihm in fachmännischem Uebereifer zugedacht hatten, einen schwächenden Konflikt erhält?"
* DaS kaiserl. statist. Amt veröffentlicht unter einer Reche von Waarenpreiseu auch bie „Preise von Roggenbrot», Roggemnehl und Rogge« in Berlin in ben einzelnen Monaten ber Jahre 1888 bis 1892". Die Uebersichten entsprechen ben alljährlich von Dr. E. Hirschberg mitgetheilten Zahlen, welche baS stattstische Amt ber Stabt Berlin regelmäßig ermittelt Es ist ersreulich, baß nun auch bie amtliche Reichsstattstik diese wichtigen Tabellen aufnimmt. Vom höchsten Stande ist darnach im Laufe des Jahres der Roggen- preis um 9,37 M. und der Brodpreis um 12,08 M. gefallen. In derselben Z-.it in welch« .S.»r» «in«, - uwjbv.—sp.^xs.... * *fnrr 4 > —-» *—
Brodpreis eine außerordentliche Herabsetzung erfahren. DaS Schlußergebniß ist, daß in Berlin 5 Pfund Roggenbrod, welche im Anfänge des Jahres den hohen Preis von 86 Pfg. kosteten, im Monat Dezember für 56 Pfg. zu haben waren, mithin im Laufe deS Jahres um 30 Pfg. billiger geworden sind. Der für die ganze Roggenbrod konsumirende Bevölkerung sehr inS Gewicht fallende bedeutende Preisfall deS BrodeS ist in erster Linie ber überaus günstigen Ernte zuzuschreiben.
* Der Postasfistenten - Verband mußte kürzlich im Reichstage wieder einmal die Kosten ber Unterhaltung tragen. Bei biefer Gelegenheit — so lieft man in der .Köln. BolkSztg.' — hat ber Abg. Dr. Lingens zu bem Verbände in einer Weise Stellung genommen, welche wir nicht ohne Bemerkung hingehen lassen können. Der genannte, um bie Interessen ber Post-Unterbeamten seit Jahren wohlverbiente Abgeord» nete bemerkte, er habe bie Entstehung unb Entwickelung beS Assistenten-Verbanbes versolgt unb ba gesehen, baß wohl wirthschaftliche Jntereffen verfolgt würben, nicht aber ibeale. Für Religion unb Sittlichkeit zeige ber Berbanb kein Interesse. DaS habe ihm bie Überzeugung beigebracht, daß ber Verband keine Förderung verdiene. Diese Aeußerung läßt den Kernpunkt, um
welchen es sich handelt, außer Bettacht, nämlich die Frage: ob die ReichSpostverwaltung die Zugehörigkeit zum Verbände zu verbieten bezw. durch Maßregelungen aller Art unmöglich zu machen berechttgt ist. Diese Frage muß verneint werden. Die Postasststenten machen lediglich von einem verfassungsmäßigen Rechte Gebrauch, wenn sie sich behufs Wahrung ihrer berufs- genossenschaftlichen Jntereffen zu einem Verbände zusammenschließen. Sie folgen dabei lediglich dem Beispiele anderer Beamten - Kategorien und der weitesten BevölkerungStteise. Auch wenn der Verband auf die Förderung der wirthschaftlichen Interessen sich beschränkt, so ist das kein Grund, gegen denselben sich auszusprechen. Es ist uns nicht bekannt, daß der Ber- band als solcher der Religion und Sittlichkeit jemals zu nahe getreten wäre; etwaige Ausschreitungen einzelner Mitglieder aber Binnen nicht zu einer Verurthei- luug der Verbands - Bestrebungen überhaupt führen; solche kommen auch in anderen Verbänden und Vereinen vor, ohne daß man denselben deshalb die DasemS-Be- rechtigung abspricht.
* Das Abgeordnetenhaus führte heute die 2. Berathung der Etats zu Ende. In die dritte Berathung wird morgen bereits eingetreten. Eine längere Debatte veranlaßte der Etat der Anstedelungs-Kommission bezw. der dazu gestellte Anttag der Polen: Die Regierung zu ersuchen, chunlichst bald, womöglich noch in der laufenden Session, eine Vorlage zur Beseitigung der Anfiedelungsgesetze einzubringen. Für den Antrag sprechen Abgg. v. Czanlinski, Brodnicki (Polen) Rickert (dfr.) und Dr. Bachem (Ctr.), dagegen Ministerpräsident Graf Eulenburg und Minister von Heyden sowie die Abgg. Sombart, Seer, Knebel (ntl.), v. Tiedemann- Bouche (frt) und Frhr. v. Erffel (kons.) Schließlich ««cka-dik-Luttag-abgelehnt; dafür stimmten Pol«, Kommission wurde"angenornmen^kberksN Ter" Etat und daS Anleihegesetz. Morgen: Dritte Etatsberathung.
* DaS Musterungsgeschäft, an welches sich demnächst die Aushebung anschließt, findet gegenwärtig in der Weise statt, daß nach Annahme der Militärvorlage die Rekruten-Einstellung am 1. Oktober d. I. nach den neuen Prinzipien erfolgen kann. Die Ergebuiffe ber Rekruten-Aushebung werben sich genau erst in einigen Monaten übersehen lassen. Wie bekannt, werfen bie Gegner ber Militärvorlage ein, es Wörbe nach den bisherigen Erfahrungen nicht möglich fein, das Mehr von 60,000 wirklich brauchbaren Rekruten aufzubringen. Demgegenüber wird der Ausfall der Musterung bald Gelegenheit wenigstens zu einem ungefähren Ueberblick bieten. Wir glauben schon heute annehmen zu dürfen, daß der Bedarf an Rekruten nach den Forderungen der Militärvorlage nicht nur voll gedeckt, sondern noch überschritten werden wird.
* Arnsberg, 6. März. Zu einer gestern in Fredeburg abgehaltenen Wählerversammlung, welche sehr zahlreich besucht war (etwa 5000 Personen sollen anwesend gewesen sein), war auch Herr Chefredakteur FuSangel erschienen, dem Ovationen bargebracht wurden. Seine im Interesse der Parteidisziplin ange-
Gwendoline Winter eine junge Lame aufgehalten, nicht wahr?"
„So ist'S," antwortete die Frau.
„Mein Besuch Hierselbst har zum Zwecke, Sie um ihre Abresse zu fragen," fuhr er fort.
„Ich weiß, daß sie in London wohnt."
„Dann haben Sie einen vergeblichen Gang gethan, mein Herr," versetzte die Fran, nachdem sie den nichts weniger als einen guten Eindruck machenden Besucher von Kopf bis zu Füßen gemustert hatte.
„Schon vor Ihnen ist Jemand vor einiger Zeit gekommen und hat mich um diese Adresse gefragt, er hat auch nichts erfahren ... Ich kann Ihnen nicht angeben, wo sie sich befindet ..."
„Weil Sre nicht wollen ... Sie thun indessen Unrecht, denn ich bin mit dieser Dame befreundet, und wenn Sie mir ihre Adresse angeben, so soll eS auf fünfzig Pfund nicht ankommen."
„Sie wollen mir Geld anbieten, mir?" rief die Frau roth vor Unwillen aus.
„Sie vergeffen, Herr, mit wem Sie sprechen; es ist dies das erste Mal, daß man mich fo beleidigt."
„Nun, nun, so übel war's nicht gemeint," be» fchwicktigte Tollis; „übrigens habe ich das größte Interesse, daran, zu wtffen, wo Miß Winter sich aufhält !"
„Dann ist eS sehr auffallend, daß Sie so lange damit gezögert haben, fich nach ihr zu ertunbigen!"
Ich konnte es nicht früher thun. Ich bin jetzt m ber Lage, mich ihrer annehmen unb ihr eine gute Erziehung geben zu können. Ich muß sie burchauS auf- ftrtben. Ich habe ihre Mutter wohl gekannt, unb waS ich für sie thun Will, ist nur ein Akt ber Gerechtigkeit 89 »Sie haben bie Mutter Miß Winters gekannt?" frug"Mabarne Ouillet langsam. .
Ja, ich habe sie gekannt unb nicht mmder Sie selbst, obwohl Sie so gut Ihr Geheimniß zu bewahren toiffen. Die Mutter Miß Winters war Ihre junge Jnprrtn "
* Still, sprechen Sie dies Wort nicht hier auS . . . Wann haben Sie benn bie Mutter Miß Winter 8 ge* tOWtt!Bor unb nach ber Zeit, zu welcher man bie Nach- richt" von ihrem Tobe verbreitet hat.
„Sollten Sie bieselbe etwa geliebt haben? frug Madame Ouillet. . t
Ob ich sie geliebt habe?" Wieberholte er. „Ich betete sie an . . ." Dann murmelte er mit leiser Stimme unb fast ohne zu wiffen, daß er sagte: „Wenn ich sie nicht geliebt hätte, würbe sie in diesem Augenblicke leben und glücklich sein."