JV 55
Mittwoch, den 8. März 1893.
20. Jahrgang
lüdaerWZcitilng
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♦ Der „Kund der Landwirthe".
Der „Bund der Landwirthe" hat sich bekanntlich konstituirt und am 18. Febr. in Berlin unter riesiger Theilnahme und großer Begeisterung eine erste Versammlung abgehalten, welche sich unzweifelhaft zu einer imposanten und geschickt geleiteten Kundgebung gestaltet. So sehr wir diese erfreuliche Thatsache auf der einen Seite begrüßen, so können und wollm wir auf der andern Seite auch nicht verhehlen, daß wir gegen die Art und Weise, in welcher dieser Kampf um die bäuerlichen Interessen jetzt geführt werden soll, schwere Bedenken hegen. Zunächst müsien wir konstatiren, daß die ganze Versammlung gut biSmarckisch war und ihren Zorn und Unwillen über die ganze Wirth- schaft der „neuen Kurses" zweifelsohne gern auch äußerlich unzweideutigen Ausdruck gegeben hätte. Die Leitung zeigte allerdings das kluge Bestreben, diesen bismärkischen Zug der Bewegung nicht zum Durchbruch kommen zu lassen; aber trotzdem brach die Versammlung an manchen Stellen bei Erwähnung des Exkanzlers in nicht mißzuverstehende Hochrufe auf denselben aus. Wir hoffen zwar sicher, daß die Masse der deutschen Landwirthe sich nicht zu einer biSmärckischen Jntrigue mißbrauchen laßen, sondern mit dm bewährten Vertretern der christlichen Sozialreform auch auf landwirthschaftlichem Gebiete zusammengehen wird. Aber man wird eS uns nicht verargen tonnen, wenn wir einstweilen abwartm wollen, bis sich die
Bewegung in dieser Hinsicht geklärt hat. Brich erscheint unS weiter die Thatsache, daß eigentliche Bauern auf der Versammlung gar nicht zu Wort gekommen sind. Den meisten Theilnehmern an der Versammlung gebricht vorerst eine behagliche Existenz noch nicht, und gerade die Wortführer kennen der Landwirthschaft Roth doch wohl nur vom Hörm- sagm. Die Grafen Mirbach und Kanitz werden fobald nicht verhungern, und Graf Kanitz wird daheim wohl kaum „mühsam sein Strohdach st ckm". Man gebrauchte auf der Versammlung mit Boi liebe die Bezeichnung „Bauern", und eS waren auch leibhaftige Bauern da, aber nur aus der Umgebung Berlins. Die meisten andern waren „Bauern" wie Herr Hofprediger a. D. Stöcker. Man hat die „Bauern" auch gar nicht zu Wort kommen lasten. Sprecher waren dieselben Großgrundbesitzer, die in den Parlammten die Noch- läge der Landwirthschaft so ausgiebig behandelt haben. Daß aber zwischen Großgrundbesitzern und Kleinbauern dasselbe Berhältniß besteht, wie zwischen Großindustrie und Kleingewerbe, — das brauchen wir wohl nicht erst zu beweism. Die Versammlung hat sich auch indirekt für die Militärvorlage ausgesprochen, jedenfalls ein sprechender Beweis dafür, daß eigmtliche Bauern sehr wenig vertretm warm, oder aber, daß man sie nicht zu Wort kommen ließ. Die würden vermuthlich ein ganz anderes Liedchen in dieser Hinsicht angeftimmt haben. Bor Allem aber scheinm unS die norddeutschen „Agrarier" über daS berechtigte Ziel einer gleichmäßigen Berücksichtigung der Lebms- interesien aller Erwerbsstände bedenklich hinauSge-
Verbannt.
Nach dem Englischen von I. Rüttgers.
(23. Fortsetzung.)
In diesem Augenblicke kam Miß Georgina, herein.
„Georgina, sagte ihr Vater zu ihr, „ich stelle Dir Deine neue Erzieherin, vor, Miß Myner."
„Ich kenne sie bereits, wir sind schon Freundinnen und werden eS noch mehr »erben, denke ich."
Sorb Darkwood zog die Mugenbrminen in die Höhe.
„Georgina," sagte er, „Du bedienst Dich Ausdrücke, welche mm gar nicht gefallen wollm. Miß Myner wird bte Güte haben, darüber zu wachen, daß Deine AuSdruckswetse nicht so gewöhnlich sei . . . Ich hoffe, daß Du binnen Kurzem den Ton, wie er in der Gesellschaft üblich ist, kennen wirst."
Lady Georgina lachte laut auf und sprang ungestüm durch das Zimmer herum.
„Erlauben Sie mir, Mylord, mich mit meiner Schülerin zurückzuziehen, ich fühle mich ein wenig abgespannt," sagte Gwendoline rasch, als sie auf den GkfichtSzügen des Marquis ein Unwetter Heraufziehen sah.
„Entschuldigen Sie, Miß Myner," antwortete der Marquis, „ich hätte Sie nicht so lange zurückhalten sollen."
schossen und eine einseitige Bevorzugung der Landwirthschaft, noch dazu in einzelnen Provinzen, verlangt zu haben. Der Krieg Aller gegen Alle müßte mit Naturnothwmdigkeit entbrennen, wenn einzig und allein das Eintreten für eine einseitige Jnterestmwirthschaft die Aufstellung und Wahl eines Kandidaten bedingen würde. Seit mehr als einem halbm Jahrhundert hat das unselige Manchesterthum auf wirthschaftlichem Gebiete seine unumschränkte Alleinherrschaft ausgeübt und der Macht des Kapitals Tausende von Einzelexistenzen ausgeliefert, und mit Recht wurde und wird noch gegen diese rücksichtslose, brutale Jnterestmwirthschaft angekämpft. Wie aber erst, wenn nicht mehr daS Interesse und das Wohl der Allgemeinheit, sondem daSjmize einzelner Jnteressen-Gruppen die Richtschnur für die Stellungnahme der Vertreter deS Volkes sein wird, wenn die Vertreter der Großindustrie, der Landwirth- schast, deS Kleingewerbes, deS KleinbürgerthumS und der Arbeiterschaft, deren Interessen und Wünsche doch so grundverschieden sind, sich feindlich gegenüberstehen und sich bis aufs Blut bekämpfm, anstatt gemeinsam und gewissenhaft am Wohle der Gesammtheit zu arbeiten? Eine einseitige, die Gesammtwohlfahrt und daS moralische Gesetz „Leben und lebm lasten" außer Acht lastende, ausschließlich agrarische Inter- estmpolitik wäre der Ruin unseres deutschm Vaterlandes.
Auffallend ist eS auch, daß keiner jener großen Bauern-Bereine, die anerkannter Maßen für die deutsche Landwirthschaft und chre Hebung so segensreich und erfolgreich thätig find, daß weder der westfälische noch der rheinische, weder der ttierische noch der hessische Bauern-Berein bei der Agrarier-Versammlung in Berlin vertreten warm.
WaS nun die Stellung der Centrums-Partei zum „Bunde der Landwirthe" anlangt, so hätte dieselbe sicherlich leinen Grund, eine Bewegung zu unterstützen und zu fördern, die int tiefsten Grunde biSmarckisch ist und auf den Sturz oder die Unterjochung der jetzigm Regierung auSgeht und die von dm Settern in das konservative Parteifahrwasser zu führen gesucht wird. Indessen ist es falsch, wmn behauptet wird, daS Centrum stehe der gauzm Bewegung von vom herein feindlich gegenüber. DaS ist unrichtig. Man übersieht, wmn man diese Behauptung aufstellt, daß sowohl die .Germania' alk auch die »Kölnische Volks- zettmig' eigentlich nur ben biSmärckischen Charakter, den die Bewegung im Augenblicke hat, und ihre Einseitigkeit und Exclusivität bekämpfm, daß aber im Uebrigen daS Centrum nicht weniger als die Konservativen sich durch sein Programm seit Jahrzehn- tm verpflichtet hat, für die Förderung der land- Wirth sch ast liehen Interessen mit allem Nachdrucke und mit allen gesetzlichen Mitteln einzutreten. Wenn es gelingt, die agrarische Bewegung von ihren politischen und wirthschastlichen Schlacken zu reinigen, dann wird und muß daS Centrum sich ihr anschließen. Wenn eS aber nicht gelingt, dann wird daS Centtum zwar die Uebertreibun-
Damit geleitete er Miß Myner höflichst zur Thür des Kabinets.
„Wie schön sie ist!" murmelte er vor sich hin, als er allein war. „Diese Myner müssen eine vornehme, seine Familie fein: waS ich jedoch nicht begreifm kann, ist die Aehnlichkeit mit den Charteris, der Familie meiner Mutter . . . Welch' ein Unterschied zwischen ihr und meiner unglücklichen Tochter! . . . Diese Aehnlichkeit ist sonderbar — auch Madame Dover hat dieselbe ja bemerkt ... Ich muß darüber Gewißheit haben; morgen werde ich die Gemälde-Galerie besuchen und auch alle Portraits der Charteris genau besehen . . ."
Er klingelte, worauf Pietro erschim.
„Hast Du die neue Gouvernannte Lady Georgina'S gesehen? frug er ihn.
„Ich habe eine fremde Dame in dem Hausflur getroffen ; aber ihr Auftreten ist zu fein, als daß sie eine Gouvernante fein sollte. Ist sie eS denn?"
„Allerdings, eS ist Miß Myner."
Lord Darkwood faßte den Malteser scharf ins Auge. „Sollte er auch diese Aehnlichkeit mit dm Charteris bemerkt haben."
Der Schloßbksitzer von Dunholm plauderte noch einige Augenblicke mit dem Diener und entließ ihn dann.
gen der Agrarier nicht unterstützen, wohl aber alle vernünftigen, die Interesien aller Produktivstände gleichmäßig berücksichtigenden und eine einseitige Begünstigung der Jndu'lrie bekämpfenden Bestrebungen mitmacbm.
Deutsch« Keich.
Berlin, 6. März.
* Der Kaiser empfing hmte den ans Rom von den Feierlichkeiten znm Bischofsjubiläum des Papstes zurückgekehrten General v. Loö, welcher ein Antwortschreiben deS Papstes überbrachte.
* Die dem Gesandten des dmtschen Kaisers, General v. Los, bei Ueberreichung eines Glückwunschschreibens ertheilte Antwort des hl. BaterS, welche wir im Wortlaut mitgethellt haben, ist von hoher Bedeutung nicht nur in politischer, sondern auch in kirchm- politischer Beziehung. Daß der Gesandte des dmtschm Kaisers erklären konnte, der Kaiser wolle seine Glückwünsche mit dmen seiner katholischm Unterthanen vereinigen, wird von allen deutschen Katholiken mit lebhafter Freude und mit innigem Danke aufgenommen werden. Nicht minder aber sind wir dmtschen Katho- fiten dem hl. Vater dadurch zu freudigem Danke verpflichtet, daß er abermals in milden Worten seiner Friedensliebe Ausdruck gegeben hat, daß er im Anschluß an sein früheres Wort vom „Zugang zum Frieden" seiner „Bemühungen" um die Herstellung des religiösm Friedms gedachte, gleichzeitig aber als danach zu erreichende Ziel hinstellte: „Die Verwirklichung der gesetzlich berechtigten Wünsche, dm Gewissensfrieden und das Wachsthum deS christlichen Geister in der edlen deutschm Nation." Der hl. Vater spricht hier von seinen Bemühungen, die er fortzusetzen verspricht, um das von ihm in kurzen Zügen angedeutete Ziel zu erreichen, und daS ist dasselbe Ziel, welches auch daS Centrum im Reichstage und Landtage erstrebt: „Verwirklichung der geschlich berechtigten Wünsche" (Abschaffung aller Ausnahmegesetze, welche als Ruinm der Maigesetze noch fortbestehen), in Verbindung damit „GewisimSftiede" (Freiheit der Religionsübung und der Kirche, wie solche in dm aufgehobenen BerfasiungS- artikeln garantirt war) und schließlich „WachSthum deS christlichm Geistes" (ein christliches Volksschulgefetz und Wahrung deS ChristrnthumS auch auf höheren Schulen und im öffentlichen Leben). Die Antwort des hl. Vaters bildet zugleich eine glänzende Rechtferti- gung für daS Centrum, dem eben erst eine frieden- störmde Tmdmz zum Vorwurf gemacht wurde, als eS bei der Berathnng des Kultusetats seine Beschwerden und Wünsche wieder vorbrachte und nicht zugeben wollte, daß das „Ziel", der vollkommme Friede, bereits mdgiltig erreicht sei. Anderen wird diese Antwort des hl. BaterS freilich nicht ganz genehm sein, nament- sich benen nicht, welche durch eine Versumpfung deS Kulturkampfes die gesetzlich berechtigten Wünsche der Katholikm im Sumpf untergehen lasten möchten.
* Aus dem Militärpreßbureau wird der ,Post' geschrieben, daß man in den maßgebenden Kreisen der
11.
Am folgenden Morgen begab sich Lord Darkwood seinem Vorsätze gemäß zur Gemälde-Gallerie. An der einen Seite hingen die Familimportraits. Lor den zwei letztm derselben blieb er stehen; das eine stellte seinen Oheim, das andere seinen Covsia dar, destm Erbe er geworden war. Eine Zett lang studirte er die regelmäßigen, feinen und edlm Züge der beiden Gesichter, aber er fand schließlich, daß die Aehnlichkeit, welche er bei Miß Winter zu mtbeckm geglaubt habe, nur in feiner Phantasie existire.
„Welch' einen unsinnigen Gedanken ich da gehabt habe!" murmelte er vor sich hin; „wahrfcheinlich rührte eS daher, daß ich fo oft an diese Tochter Morkham'S denke, deren Dasein für mich eine wahre Gefahr bildet!" Er kehrte auf fein Zimmer zurück unb blieb eine Zett lang in tiefes Nachsinnen versunken. „Wenn ich wüßte , buchte er, „daß dieser Pietro, dem nicht mehr zu trauen ist, nach Yorkshire sie suchm gegangen wäre, anstatt seinen Bruder zu besuchen, wie er mir angegeben hat. Oh, so würde er eS mir theuer bezahlen, der Elende! . . . Er schreibt so oft an feinen Binder; ohne Zweifel hat er ihm auch foeben geschrieben, denn er hatte noch die Finger voll Dintenflecken. In diesem Fall; muß sein Brief wohl noch nicht weg sein, sondern sich noch in dem Kasten im Hausflur befinden, welchen der Bries-