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Dienstag, den 7. März 1893.
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Der Streit um das Apostolikum im deutschen Protestantismus.
Die orthodoxen und die liberalen protestantischen Theologen sind im Streite um das Apostolikum, d. i. im Streite um die theologische Würdigung und praktische Geltung des sogen, apostolischm Glaubensbekenntnisses wieder einmal hart an einander gerathen. ES besteht aber auch zwischen beiden ein schlechthin unversöhnlicher Gegensatz. ES sind nicht mehr zwei Schulen, die einander gegenüberstehen, sondern, wie von orthodoxer Seite schon häufig gesagt wurde, zwei verschiedene Religionen. Der immer vorhandene, zuweilen latente, d. i. nicht immer offen zu Tag tretende Gegensatz entzündet fich an konkretm Bor- kommniffen immer von Neuem.
Die feste Burg der Orthodoxen sind bekanntlich die Konsistorien. Unter orthodoxer Aussicht stehen deshalb die Dimer am Wort, steht Vie gesammte in dm geist- lichm Aemtem praktisch thätige Geistlichkeit. Die Liberalen dagegen habm weitaus die meisten Universitäts- Lehrstühle inne und bilden die studirmde Jugend. Da aber diejenigen, welche heute Diener am Worte sind, einst Universitätshörer waren, und die heute die Hörsäle besuchen, einst Diener am Worte sein werden, gäbe eS nur einen Weg zu gesichertem Frieden zu gelangen, nämlich: der Uebergang von der Universität zum Amte müßte zugleich ein Uebergang vom liberalen zum orthodoxen „Glauben" sein; bei der „Ordination" müßte der Ordinand seine Vorbildung zur Ordination abschwörm; um die evangelische Wahrheit lehren zu können, nachdem er sie gelernt hat, müßte er zunächst einen Religionswechsel vornehmen. Die zwei Religionen können noch weniger in zwei Kirchm aus- eiuandergehm, sie find durch praktische Rücksichten an einander geschmiedet. Da man nun beisammen bleiben muß, können Konflikte zwischm den von der Universität bezogenen religiösen Ueberzeugungm und den Amtshandlungen nicht auSbleiben, und daraus entstehen die „Fälle.
Der junge Prediger geräth zunächst in einen inneren persönlichen Zwiespalt. Er hat z. B. von Hamack gelernt, daß bte Idee vom Gottmenschen nichts weiter ist, als die Vorstellung eines „CentanrS" — der mythologischen Doppelgestalt von Mann und Pferd —, eines „BockhirscheS", also eine Chimäre, und soll nun anS der Fülle solcher Ueberzengungen von der Erlösung durch dm „Herrn Jesus" predigen. Er hat gelernt, daß die heilige Schrift kein „vom Himmel gefallenes Buch" ist, sondern gleich anderen Büchern Mmschen- schristen enthält; daß Interpolation (Einschiebung) und legliche Art von Verfälschung sich darin angehäuft hat. Nun aber soll er mit der Bibel Luthers in der Hand das „la u t e re Evangelium" preisen. Der Dienst am Wort muß ihm zur Qual werden. Am hohen Weihnachtsfeste kommt er sich vor wie ein Gaukler, der im tiefsten Brustton heiliger Ueberzeugung die Gemeinde mit „Märchen" bedient; auf der Universität hörte er ja, daß der evangelische Bericht über das Festgeheirnniß und der christliche Glaube daran eine „plastisch gestaltete Sage", ein „gnostisches Fundlein"
b. i. eine dem krankhaften Streben verflossener Jahrhunderte, mit dem Christenthume fremde philosophische und Religionssysteme, besonders orientalische, zu verschmelzen, entsprossene Dichtung, eine „gynäkologische — auf weibliche Zustände sich beziehmde — Phantasie" ist. Jedes Sonntagsevangelium bringt chn zur Verzweiflung, Wunder über Wunder! Auf der Uni* versität, in der „christlichen Dogmatik" heißt es aber: „Wunder? — Sind nicht!" Der Ostertag bringt ihm erst recht keine Erlösung. Sein christliches Gefühl drängt ihn, etwa den Text des heiligen Paulus zu Gmnd zu legen: „Wenn Christus nicht erstanden ist, so ist eitel unsere Predigt, eitel auch nun Glaube. Er- funden werden wir als falsche Zeugen." Schöpft er nun aus seiner Vorbildung, um eine begeisternde Osterpredigt abzuhalten, so bleibt ihm nichts übrig, als dm Heiland entweder mit v. Hase nicht sterben, oder mit Hamack nicht auferstehm zu laffm. Da hält es fürwahr schwer, an „eitler Predigt", „eitlem Glauben", ^falschem Zmgniß" vorbeizukommen.
Wenn nun einer von dm beklagenswerthen Su- baltemm an denen der innere Widerspruch des Protestantismus sich so grausam rächt, einmal aufschreit und nicht mehr mitmachen zu können erklärt, dann muß man Schanden halber einerseits einschreitm, anderseits zu Hilfe eilen, und der „Fall" ist fertig. Das Publikum hört dann eine Zeit lang erregte Reden; in Flugschriften und Zeitungsspalten werdm Schlachten geschlagen; Protestversammlungm da, LandeSkirchmkon- fermzm dort; endlich, wenn eS feierlich zugeht, die würdevolle Erklämng eines Konsistoriums, welche am betten nach dem alten Rezept abgefaßt wird: „Wasch mir dm Pelz und mach ihn nicht naß." Dann pflegt man in dm alten Geleisen zu fahren bis zum nächsten Fall und Zusammmstoß.
ES ist also eine alte Geschichte in neuen und sogar unveränderten Auflagen, denn nur Nebensächlicher wechselt, nämlich die Namm der Kämpfer, und der nächste Anlaß zum Streit. Und nicht bloß eine alte Geschichte ist eS, sondem auch ein nothwendiger Prozeß. Die Orthodoxen Wollen zweifellos ein ächt protestantisches Prinzip vertreten, die Liberalm vertreten ein mindestens ebenso zweifellos protestantisches. Es sind einander bekämpfmde Prinzipim, und so muß es zwischen deren Vertretern zum Kampfe kommen. Was aber dem Streite seine besondere Schärfe gibt, ist nicht bloß der Umstand, daß eS diametral entgegmgesetzte, durchaus unvereinbare Prinzipien sind, sondern vorab, daß ihre erzwungene Bereinigung gerade daL Wesen des Protestantismus ausmacht. Man ist an einander geschmiedet und Scheidung gibt eS nicht. Seltsam erscheint eS nur, wie das Volk der Denker so lange braucht, um einzusehm, daß man auf zwei einander ausschließende Grundsätze eine Kirche nicht aufrichten kann, nicht einmal eine „unsichtbare."
Freie Forschung und Bekenntniß sind die zwei aneinander geschmiedeten Prinzipien. Die Univer- sitäts-Proftssoren kämpfen wider die Orthodoxen nicht anders, als im Namm der freien Forschung. Tausendmal wird diese als gutes Protestantmrecht gepriesm, und abertausmdmal als hehres Palladium der Refor-
mation, und wieder tausmdmal als der unabweisbare Rechtstitel der forschenden UniversttätS - Professoren. Die Orthodoxen halten den Schild der Bekenntnisses dagegen. Ohne Bekenntniß, sagm sie, kein GlaubmS- bestand, keine Kirche, keine Gemeinde — weder sichtbar noch unsichtbar, kein äußeres und kein inneres Band. Die Religion wäre durchaus „Privaffache" und freie Meinung, wie die Ansichten über Kaltwasserkuren und Zukunftsmusik.
Die freie Forschung sprengt nun bei gegebener Gelegenheit jedes Bekenntniß, ja sie schließt die- Möglichkeit eines Bekenntnisses aus. Macht man hingegen mit dem Bekenntniß Ernst, so hört die fteie Forschung auf und umgekehrt. Aus diesem Konflikt ist protestantischer SeitS nicht herauSzukommen. Ganz anders gestaltet sich die Sache im Katholizismus. Nach katho- lischem Prinzipe hat Christus die Verkündigung, Ber- breitung und Bewahrung feiner Religion ausschließlich einem immerwährenden Lehramt übergeben und anvertraut, dazu eS eingesetzt und beglaubigt; eS ist das apostolische Lehramt. Nun lehrt dieses Lehramt, die bestrittene Wahrheit sei christliche Wahrheit und göttliche Offenbarung. Folglich ist sie eS. Die Verbreitung und Bewahmng der Lehre Jesu vollzog sich auS- schließlich durch daS Lehramt, als ber einzig dazu befähigten und befugten Ursache; deshalb kann die wahre Lehre Jesu nicht anders gefunden, noch anders bewiesm werdm, als vermittelst des apostolischen Lehramtes; ohne apostolisches Lehramt — kein apostolisches Be« kmntniß.
So lange die protestantische Orthodoxie diese Aufstellung eine« apostolischen Lehramtes als papistischm Trug verabscheut, so lange steht sie ohne Möglichkeit einer Abwehr dem Ansturm der freien Forschung gegen» Wer. gh,
Deutsch» Keich.
Berlin, 4. März.
* Der Vorstand des Centrums Graf Ballestrem ist bekanntlich von feiner Romreise nach Berlin zurückgekehrt. Man würde sich um die ganze Reife und die Rückkehr des Vorsitzenden der CentrnmS- Fraktion nicht viel gekümmert haben, wenn nicht vielfach noch die Vorstellung herrsche, daß von Rom aus eine Amderung in der Haltung des CentrnmS zur Militärvorlage erfolgen könne. DaS ist ein Jrrthum. Die auch in einzelnen oppositionellen Parteien allenfalls vorhandene Neigung zu einer Verständigung Wird fruchtlos bleiben. Wenn die Regierung nicht durch starke Herabminderung ihrer Forderungen und durch ein Entgegenkommen gegen Weitverbreitete Wünsche des Volker aus verschiedenen Gebieten des Militärwesens den Wunsch nach einer Verständigung kundgibt und Zugeständnisse macht, die auch dm Wählern werthvoll genug erscheinen, um ein Entgegenkommen der Volksvertreter zu rechtfertigen. Bei den Liberalen ist eS geradezu zur fixen Ide geworden, daß doch noch in letzter Stunde ein „Machtspruch von Rom" erfolgen werde, um das Centrum zur Annahme der Militärvorlage zu bestimmen. Namentlich taucht
Verbannt.
Nach dem Englischen von I. RüttgerS.
(22. Fortsetzung )
10.
Gwmdoline langte spät Nachmittags in Shrews- bmy an und trennte sich hier von der alten Dienerin, »eiche sie begleitet hatte und nunmehr wieder nach House zurückkchrte. Eine elegante Equipage mit dem Woppen des Lord Darkwood erwartete die neue Gouvernante an der Station, inbmt Herr Sultan bie Smnde ihres Eintreffens nach Schloß Dunholm tele- graphisch mitget hellt hatte. Rasch hatte ber Wagen daS Dors Dunholm erreicht und gleich barauf hielt derselbe vor dem Thore des alten CastelS. Givendoline betrat ein glänzend erleuchtetes Vestibül, wo ein Portier ihr entgegenkam nnb ihr mittheilte, daß sie einstweilen Eintreten möge, da der Schloßbesitzer augenblicklich be- i schästigt sei und sie später begrüßen werde. Jm näm- : lichm Augenblick erschien auch Madame Dover, eilte ■ auf Gwmdoline zu und sagte lächelnd zu ihr: „Sie ' siud also wohl Miß Myner, nicht wahr? Lord Daik- Wood, welcher für den Augenblick in Anspruch ge- ; nommen ist, hat mich ersucht, ihn zu vertreten. Ich i bin Madame Dover, Schloßaufseherin. Ich will Sie '
in Ihr Zimmer geleiten und bitte Sie also, mir zu folgen".
Nachdem Madame Dover Gwendoline ihr Zimmer gezeigt hatte, bat die Letztere sie, ob sie nickt einen Augenblick Platz nehmen wolle. „O ja, und dies um so mehr, als ich Sie über die Stellung aufklären möchte, welche ich in diesem Hause einnehme. Laiy Georgina ist ein junges Mädchen, welches noch viel zu lernen hat, und kann deswegen dem Hauswesen ihres Vaters unmöglich vorstehen; dies muß ich allein be» besorgen. Wenn Sie deshalb irgend eine Klage vorzubringen oder eine Bitte auszusprechen haben, so bitte ich, sich an mich zu wenden; ich werde eS mir zum Vergnügen rechnen, Ihnen dm Aufenthalt auf Dun- Holm so angenehm wie möglich zu machen. — Schon large Jahre wohne ich hier auf diesem Schlosse, und ich war schon hier vor dem Tode der Frau Marquise, als der gute Herr, welchen wir soeben verlorm haben, erst ein Kind war . . . Aber, Miß Myner, seltsam genug je mehr ich Sie betrachte, desto mehr glaube ich Ihre Gesichtszüge zu edennen .... Sie haben wenigstens eine auffallende Aehnlichkeit mit den ©liebem der Familie Charteris . . .“
„Allerdings sonderbar", meinte Gwendoline lächelnd; „indeß findet man dies sehr oft, oder glaubt es
wenigstens zu finden, ohne daß man hieraus weitere Schlüffe ziehen könnte."
Madame Dover verabschiedete sich nunmehr von Gwendoline mit dem Bemerkm, daß die Zeit zum Diner herannahe und daß sie sie allein lassen wolle, damit sie an ihre Toilette beuten könne. Gwendoline hatte ihre Toilette kaum vollendet, als in einem anstoßenden Zimmer Schritte vernehmbar wurdm und ein junges Mädchen erschien. Es war dies Lady Georgina Charteris, welche ihre neue Gouvernante neugierig vnd Anfangs ohne ein Wort zu sagen, musterte. Die Schönheit und daS feine vornehme Wesen GwmdolinmS schienen ihr unangmehm zu sein und chre Eifersucht zu erregen; als aber ihre Augen dem sanften, einnehmendem Blicke der jungen Erzieherin begegneten, wurde bie Stimme sogleich freundlicher.
„Sie sind Miß Myner?" ftug sie.
„Ja. Und Sie, Sie find Laty Georgine ChaiteriS, nicht wahr?"
„Gewiß, aber Sie können mich kurzweg Georgina nennen, denn Sie stehen mir recht wohl an; Sie sind nicht viel älter als ich, und ich glaube, doß wir bald Freundinnen sein werden. Wie heißen Sie mit Ihrem Taufnamen?"
„Nennen Sie mich Marianne," antwortete Gwen-