Samstag^den4. März 1893
20. Jahrgang
J\§ 52
MdaerMZeitiliig
von und
„Woher kommst Du eigentlich, Georgine?" frug Tollis seine Tochter, sie Unwille zurück st oneno.
hast Du erfahren, daß ich mich hier befinde? "Wie
„Georgine," schrie ihr Vater, „hast Du mich verstanden ? Antworte!"
„Ich bin gewiß nicht taub. Wie ich Dich gefunden habe? Nun, dies war nicht so schwer. Ich habe in einer Zeitung gelesen, daß Lord Darkwood tobt sei und daß Kapitän Tollis Erbe seiner Titel und seines Vermögens geworden sei."
Der Marquis zog die Augenbrauen in die Höhe. „Ich wiederhole meine Frage," sagte er, „wie hast Du es wagen können, ohne meine Erlaubniß nach England zu kommen?
„Oh, wenn ich hätte warten sollen, bis Du mir Deine Erlaubniß gegeben hättest, so wäre ich wohl niemals hier hin gekommen, denn ich weiß wohl, daß Du mich lieber dort gelassen hättest, wo ich war. . . Nun, Du hast niemals wie ein Vater gegen mich gehandelt. . . Aber jetzt, wo du ein Lord geworden bist und im Uedeiflusse lebst, bin ich auch die Tochter eines
i dienten"
Während Georgine diese Worte sprach, entledigte ■ sie sich ihres Mantels und Hutes, welchen sie auf ein : Kanapee warf. Der Marquis betrachtete das armselige
Anstatt zu antworten, blickte das junge Mädchen verwu"derunqsvoll um sich.
„Mein Gotr!" sagte sie, „was ist hier alles schön und elegant! Welcher Luxus!"
Deutsches Deich.
Berlin, 2. März.
* Die Katholiken Berlins haben das Papstjubiläum durch ein großartiges Fest im Kroü'schen Königssaale am Montag Abend gefeiert. Eine dichtgedrängte Menge füllte den festlich geschmückten Saal und die Gallerten. Zichlreiche Abgeordnete und Geistliche waren erschienen. Nach einem Prolog und Ge- sangSvorträgen des St. Hedwig -Kirchenchors feierte Propst Dr. Jahnel die Bedeutung des PapstthumS. Rach einem lebenden Bilde, welches die Uebergabe der Schlüsselgewalt an Petrus zur Darstellung brachte, verherrlichte der Abgeordnete Dr. Porsch den Jubilar, an den ein Begrüßungs-Telegramm abgesandt wurde. Ein zweites lebendes Bild, in dem die Vertreter aller Stände und aller Völker sich jubelnd um die Kolossalbüste des hl. Vaters schaarten, sowie Ab- fingung der Papsthymne beendeten die Feier.
* Der Tod des Abg. Bödiker hat auf allen Seiten das lebhafteste Bedauern hervorgerufen. Seit langen Jahren der Landtags - Fraktion des Centrums angehörig, war er einer derjenigen, welche die lieber» lieferung der Fraktion am besten tonnten und ver- wertheten. Von großer Erfahrung und klarem Verstände, hat er auf den verschiedensten Gebieten dec parlamentarischen Thätigkeit sich fruchtbar bethätigt. Seit Jahren war er schon im Abgeordnetenhause Berichterstatter der Budget-Kommission für den Justiz- Etat, früher auch mehrere Jahre Berichterstatter der Rechnungs-Kommission. In einer ganzen Reche von
Verbannt.
Nach dem Englischen von I. Rüttgers. (20. Fortsetzung)
« . 8.
Georgine Tollis war ein junges Mädchen etwa fünfzehn Jahren, für ihr Alter sehr klein ziemlich gewöhnlichem Auftreten. Ihre Geisteskräfte waren sehr wenig entwickelt, ihr Charakter, '? leichtfertig als möglich war, ihr Ungestüm welches keine Schranken kannte, ihre gewöhnliche Sprache, ihr ganz ungebildetes Benehmen, hatten nicht wenig dazu delgetragen, ihren Vater ihr durchaus abgeneigt zu machen. Der neue Marquis war begreiflicher Weise nicht wenig erstaunt, als er seine Tochter den Salon betreten sah; sie ließ ihm indeß nicht lange Zeit zum Ueberlegen, denn hastig eilte sie in seine Arme und küßte ihn mehrmals.
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Kräften benutzt, so lange habe ich keine Angst vor der sozialdemokratischen Revolution. Wir sind der sozialdemokrattschen Partei dankbar, wenn sie uns hier hilft, wenn auch nur in negativer Weise, unsere Zustände zu erkennen, wenn sie darlegt, wo Uebelstände sind. Ich erkenne unumwunden an, daß wir aus ihrer Krittk ost gelernt haben, wo der Schuh den Arbeiter drückt, und wo wir einzusetzen haben. Ich gebe zu, daß Sie durch Ihre Kritik die Entwickelung, die wir haben, befördert haben. Aber, meine Herren, diese Entwickelung wäre auch gekommen ohne Sie! Wollen die Herren doch die Entwickelung deS deutschen Volkes seit 1870 gütigst mal ins Auge fassen! Als das deutsche Reich im Jahre 1870 einig wurde, waren wir nicht annähernd der ausgesprochene Industriestaat, der wir heute sind. Dann begann ein gewaltiger Aufschwung, eine gewalttge Entwickelung unserer Industrie; sie ist uns eine Weile vorausgeeilt, aber schon im Jahre 1877 war meine Partei bei der Hand, um nun für diese sich entwickelnden Zustände Wandel zu schaffen. Schon damals haben wir Ihnen unser Programm vorgetragen: das bekannte sozialpolttische Programm des Grafen Galen. Zum großen Theile ist es heute schon in die Wirklichkeit übersetzt. Es ist sodann die Regierung gekommen und hat ein anderes Programm, das Arbeiterversicherungsprogramm, vorgebracht und durchgeführt. Wir haben selbstlos mitgearbeitet und wir dürfen mit Stolz darauf Hinweisen, daß durch unsere Mitarbeit die Versicherung besser geworden ist, als wenn wir nicht mitgearbeitet hätten. Wir werden auch weiter Mitarbeiten. Sie haben bei der letzten Nothstandsdebatte wiederum dar Programm meiner Freundes Hitze gehört, Sie hören heute wieder, daß wir den besten Willen haben, den Arbeitern zu helfen. Ja, meine Herren, weisen Sie zunächst nach, daß alle diese Dinge nicht zum guten Ende führen können. Sie werden uns nicht übertreffen an Liebe zum deutschen Arbeiter, an Aufopferung für sein Wohl, aber wir werden Sie ohne Zweifel übertreffen an Besonnenheit und an ruhigem Fortschreiten auf diesem Wege."
X Evolution oder Revolution?
(Schluß.)
Wir fchließen mit den herrlichen Ausführungen des deS Ab. Bachem. Er jagte:
„Wir können uns nicht der Einsicht verschließen, daß die sozialdemokratische Entwickelung auf eine sehr merkwürdige Bahn gekommen ist. Aus der einen Seite werden Sie immer vorsichtiger mit den Versprechungen des Zukunftsstaates, weil Sie keine Rechnung geben können. Sie werden immer vorsichtiger mit der Revolution, die Sie machen wollen, denn, nachdem die von mir angeführten Aussprüche in der Welt sind, nachdem die zwei Jahre nach dem November 1891 abzulaufen im Begriffe sind, nachdem unser Jahrzeit schon ziemlich vorgerückt ist, nachdem das Jahr 1898 heranrückt, da wird es Ihnen immer unangenehmer, daß Sie den Zeitpunkt der bethörten Maffe die Revolution unb die Einführung des sozialdemokratischen Staates versprochen haben. (Sehr gut!) Früher hat der Herr Kollege Bebel hier auf der Tribüne die Revolution gepredigt — er ist vorsichtiger geworden, er thut es nicht mehr, er hütet sich. Hier hat er uns früher immer den „großen Kladderadatsch" prophezeit — in dieser Debatte haben wir nichts mehr davon gehört. Ich nehme an, daß auch hier wieder eine Folge der sozialdemokratischen Entwickelungsgesetze sich zeigt, daß Herr Kollege Bebel, der frühere Revolutionär, der frühere Freund des großen Kladderadatsches, inzwischen bedenklich geworden ist, und sich auf den Weg begeben hat, den Ihr älterer Kollege, Herr Liebknecht, auch gegangen ist: er wartet ab, daß die heuttge Gesellschaft in die sozialistische Zukunft „hineinwächst". Warten Sie es also ab! Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Meine Herren, auch noch eine andere Entwickelung zeigt sich. Die begeistertsten Anhänger der Sozialdemokratie sind heute junge Leute, die noch gar nicht im Stande sind, unsere heuttgen Verhältniffe zu verstehen und die nicht wissen, wie eS vor 20 Jahren in Deutschland ausgesehen hat. Die älteren Arbeiter in unserem Vaterlande sind schon zum großen Theile bedenklich geworden und werden ohne Zweifel noch viel bedenklicher werden. Ein Arbeiter, der heute 45 Jahre alt und 'sich noch auf diejenigen Zustände besinnen kann, die vor den 70 Jahren waren, wird anerkennen, daß seine Verhältnisse heute im Vergleich zu damals bedeutend gebesicrt sind und wird die Hoffnung nicht verloren haben, daß, wenn wir auf dem begonnenen Wege weiter schreiten, wir zu einer Position für ihn gelangen, von der auch wir von ihm verlangen können, daß er mit chr zufrieden sei — und ich füge sofort hinzu, meine Herren, daß wir bei diesem Verlangen nicht allzu bescheiden sein werden. Wir verlangen viel für den Arbeiter ; wenn wir aber das Nöthige erreicht haben, werden wir von ihm verlangen, daß er zufrieden ist, und ich bin überzeugt, daß wir bei dem älteren und besonnenen Theile der Arbeiter für diese Bestrebungen Berständniß finden. Wir erwarten von dem Arbeiter, daß er fich klar macht: kann es mir im sozialdemokratischen Zuknnssstaate bester gehen als im jetzigen gesellschaftlichen Klassenstaate? Darauf kommt Alles hinaus und darum muß sich der Arbeiter die Frage klar machen: habe ich eS hier besser oder in irgend welchem chimärischen Zukunftsstaate? Heule sind es schon Hmiderttausende und Millionen von Arbeitern, die die Frage zu Gunsten der Alternative beantworten: ich kann eS nicht bester bekommen, und wenn der Staat unter der sozialdemokratischen Leitung eingeführt ist — wie es die Herren wollen —, werden wir es ungleich schlechter haben. Selbst die jungen Arbeiter, die heute noch einen geringeren Lohn haben, werden sich wohl überlegen, ob es für sie sicherer ist, mit uns den Weg zur Verbesserung ihrer Lage zu gehen, oder den Sprung ins Dunkle zu machen, und werden sich beruhigen, wenn wir ihnen die Gefährlichkeit und Verderblichkeit der sozialdemokrattschen Pläne auseinandersetzen. Ich bin gar nicht int Zweifel, wohin die Entscheidung gehen wird. Ihnen, meine Herren Sozialdemokraten, gehört die unbesonnene Jugend, uns gehört der besonnene, einsichtsvolle Arbeiter, die Arbeiter, die denken können. Ich habe schon oft ausgesprochen: wenn der deutsche Arbeiter das Denken verloren hat, ist Gefahr vorhanden, daß die fozialdemokrattsche Republik kommt; so lange er sich aber das Denken bewahrt und den Verstand, den unser Gott ihm gegeben bat, nach besten
wichtigen Kommissionen ist er in hervorragender Weise beteiligt gewesen. Er gehörte unbedingt zu den fleißigsten Abgeordneten und war in dieser Beziehung sowohl seiner Fraktion wie anderen Parteien ein leuchtendes Beispiel. In seiner Htimaths-D'özese Hildesheim übernahm er nach Aufhebung der SperrgesetzeS den Vorsitz der Kommission zur Ver- theilung der Sperrgelder. Wenn ein solcher Mann bis zu seinem Tode einfacher LandgerichtSrath blieb, so ist daS in früheren Jahren eine Wirkung deS Kulturkampfes, in spätem Jahren, als die Regierung seiner Person eine unbefangene Beurtheilung enge» deihen ließ, eine Wirkung seines vollständig unabhängigen Sinnes gewesen. Wohl hat er es früher bitter empfunden, daß er nicht vorrückte. Nachdem er ober ein Mal so lange Jahre einfacher LandgerichtSrath gewesen war, war er mit seinem Amte so eng verwachsen, daß er es einer verspäteten Beförderung zu Siebe nicht mehr aufgeben wollte. Seit Jahren litt er an einem Herzübel; doch machte ihm dasselbe nicht allzu viele Beschwerden und hinderte ihn selten an der Arbeit. Im vorigen Sommer wurde er im Abgeordnetenhause während einer sehr anstrengenden Sitzung plötzlich besinnungslos und stürzte zusammen. Doch am folgenden Tage konnte er wieder im Hause erscheinen. Ich Reichstag hat er zuletzt geredet, als er bei dem Antrag auf Einstellung des Strafverfahrens gegen den neu gewählten Abg. Ahlwardt den alten Standpunkt des Centrums gegen die freisinnige Partei vertheidigte. Am vorigen Freitag noch hat er im Abgeordnetenhaufe das Wort ergriffen. Am Samstag war er nach Hause gereift, noch in gutem Wohlsein. Dort, in Hildesheim, hat ihn nun der Tod so jäh getroffen. Da» Centrum, sein Wahlkreis und das ganze katholische Volk werden ihm ein gutes Andenken bewahren.
* DaS Abgeordnetenhaus setzte die Berathung deS Eisenbahnetats fort. Minister Thielen theilte auf eine Anregung des Abg. Dr. Ritter mit, daß schon jetzt eiserne Schwellen in größerem Umfange im Westen verwendet würden und daß ein bezüglicher neuer Abschluß mit Walzwerken bevorstehe. Elsmschwellen seien dauerhafter als hölzerne. Größere Vorräthe davon anzulegen, empfehle sich aber ans wirthschaftlichen Gründen nicht. Die allgemeinen SubmifsionSbedingungen für Eisenbahnlieferungen feien unter Mitwirkung von Vertretern der Jntereffenten aufgestellt, sollten aber einer Nachprüfung unterworfen werden. Weiter erklärte der Minister die Angaben, wonach eine Herabsetzung der Werkstättenarbeiten um 10 pCt. verfügt sei, für unrichtig; wohl aber fei den einzelnen Direktionen eine Rücksichtnahme auf die Privatindustrie empfahlen. An Schnellzügen der neuen Art sind 24 eingestellt und auf die verschiedenen Routen vertheilt. Der Zuschlag für die Benutzung derselben wird ausnahmslos von allen Reisenden erhoben. Beim Extraordinorium wurde über den schlechten Zustand vieler rheinisch-westfälischen Bahnhöfe geklagt und Abhülfe verlangt. Der Etat wurde angenommen. Morgen: Bergwerksetat.
WWSSSSSSSSSWSSSSSSSSSVSSWSSWSSSWWWSM Kleid, ihre dürftigen Schuhe und Handschuhe und sagte sich, daß er sie in diesem Aufzuge unmöglich seiner Dienerschaft vorstellen könne.
„Georgine", sagte er also, „Du kannst nicht hier bleiben, Du mußt morgen mit Deiner Dienerin wieder .. ."
„Abreisen, nach Valetta, nicht wahr?" brauste Georgine auf. „Nein, niemals. Ich bin hier und bleibe hier. Besonders würde es jedoch gut sein, mich nicht etwa mit Gewalt vertreiben zu wollen, denn ich würde Lärm schlagen." ,, ,,
„Möglich", brummte der Marqms, welcher wohl wissen mochte, daß sie Wort halten würde und daß er mit ihr rechnen müsse, „Du magst bleiben, aber Josephine muß morgen weg, denn ich mag nicht, daß sie mit der Dienerschaft von Dingen spricht, welcye sie nichts angehen."
„Und weiter?" frag sie. .
.Dann werde ich Dir, da ich der Meinung bin, daß "Deine Bildung viel zu wünschen übrig läßt, wie ich gestehen muß, die beften Lehrer zur Seite stellen, welche ich finden kann, sowie auch eine ausgezeichnete Gouvername."
„Wir werden sehen. . . Schon so lange Zeit hindurch folge ich nur meinem eigenen Willen. Es wird mir sehr schwer werden, mich dem Willen eines Anderen zu beugen. Zunächst müßtest Du wohl mit meiner
j Lord und will nicht in Dürftigkeit leben. Ich habe Wie ! also meiner PenfionZlehrerin und meinen Kameradinnen - h , --------. Wie | Adieu gesagt und habe mich auf den Weg gemacht, in
hast Du es mögen können, ohne meine Erlaubniß hier j Begleitung der alten Kammerfrau Josephine. Jetzt hin zu kommen?" . . > sind wir beide da, ich hier, sie unten, bei Deinen Be-