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JW 43 Mittwoch, den 22. Februar 1893. 20. Jahrgang

FuldaerKZtitlliiis

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Gladstones Home Kule-Kiü.

* Die Home Rule-Vorlage, um die in Großbritan­nien und Irland bei den letzten Parlaments - Wahlen so hart gekämpft worden ist, und um die nun im Par­lament selbst ein noch härterer Kampf entbrennen wird, hat endlich dar Licht der Welt erblickt. Von der mini­steriellen Majorität mit jubelnden Zurufen begrüßt, legte der 88jährige Gladstone die Blll, mit deren Durch- sührung er seine lange staatsmännische Laufbahn krönen und abschließen zu können hofft, auf den Tisch des Unterhauses nieder. Die Bill ist geeignet, Irland die zur Sanirung der Verhältnisse nöthige Selbstständigkeit unter voller Wahrung der Suprematie des Reiches und der Krone zu gewähren. Sie trägt sowohl den histo­rischen Rechten als den praktischen Bedürfnissen Irlands Rechnung. In der Rede, mit welcher Gladstone die Bill begründete, sagte er, wie schon kurz erwähnt wurde, U. A. Folgendes:

Eiu ständiges Zwangs-Gesetz für Irland sei unmöglich. Bei der Errichtung der Union seien Irland gleiche Gesetze wie England versprochen worden; diese- Versprechen sei jedoch nie­mals erfüllt worden. Fünf Sechstel der irischen Abgeordneten seien Nattonalisten. Er wolle gegen England keinerlei Drohung richten; aber wenn dasselbe gegen die irischen Forderungen ewigen Widerstand leiste, werde es seine Kräfte erschöpfen. In der im Jahre 1886 eingebrachten Vorlage seien fünf unabänderliche Haupt­grundsätze aufgestellt worden, an denen festzuhalten die Regierung bestrebt sei. Der Zweck der jetzigen Vorlage sei die Errich­tung einer gesetzgebenden Körperschaft mit dem Sitze in D u b l i n für die legislativen und administrativen irischen Angelegenheiten. Die Regierung wünsche nichts zu thun, was mit der Reichs-Einheit unvereinbar sei. Sie wünsche vielmehr dieselbe durch die Ausdehnung der lokalen Selbstverwaltung zu stärken. Für die Suprematie des Reichs-Parlaments werde in der Einleitung zur Home Rule-Bill Sorge getragen, indem dort ausdrücklich gesagt sei, daß die Bill eingebracht werde, um ein irisches Parlament zu errichten, ohne die Oberherr­schaft des Reichs-Parlaments zu beeinträchtigen oder zu beschrän­ken. Die irische legislative Körperschaft wird aus einem legis­lativen Rath und einer legislativen Versammlung bestehen. Der Bizekönig wird auf 6 Jahre ernannt und kann durch die Krone abgefetzt werden. Dem Bizekönig wird die volle Exekutiv- Gewalt übertragen; ferner wird ein Exekuttv-Komitee des gehei­men Rathes von Irland ernannt, welches das Kabinet des Bize- könias bildet. Auf den Rath des Komitee's wird der Bizekönig die Bills genehmigen, wobei er jedoch von der Königl. Instruk­tion abhängig bleibt. Der legislative Ra!h wird der Minderheit in Irland Gelegenheit zum Ausdruck ihrer Meinung bieten und aus 48 gewählten Mitgliedern bestehen. Stimmberechtigt ist Jeder, welcher mindestens 20 Pfd. Sterl. Jahresmiethe entrichtet und jeder Wähler ist nur in einem Wahlbezirke stimmberechttgt. Die legislative Versammlung soll auf den Zeitraum von 6 Jahren von den jetzigen Wählern gewählt werden und aus 103 Mitglie­dern bestehen. Die Mitglieder, welche unabsetzbar sind, werden von der Krone ernannt. Finanz-Bills sollen in der legislattven Versammlung ihren Ursvrung haben, aber nur auf Anregung der Bizekönigs. Die Polizei geht von der alten auf die neue Auto­rität über. Die irischenLokal-Behörden sollen allmählich in den Lokal-Distrikten eine neue Polizeimacht errichten und die jetzigen Konstabler allmählich zurückziehen. Die irischen De- putirten sollen in dem Reichs-Parlament sitzen, ihre Zahl indeß von hundertunddrei auf dreißig herabgesetzt werden, für welche Neuwahlen auszuschreiben seien. Die Stimmsähigkeit der irischen Abgeordneten im Reichs-Parlament ist beschränkt; sie sind aus­geschlossen von der Abstimmung über Vorlagen, die ausdrücklich auf Großbritannien beschränkt sind, über auf Großbritannien be­schränkte Finanz-Bills und über Kredite für andere als Reichs­zwecke. Gladstone schließt, Irland würde billigen Antheil an den Reichs-Ausgaben tragen. Die Zoll-Einnahmen Irlands werden als gerechter Beitrag Irlands für Reichs-Ausgaben betrachtet.

Verbannt.

Nach dem Englischen von I. RüttgerS.

(11. Fortfetzung.)

12.

Miß Gwendoline befand sich fast ohne zu wissen vor dem alten Kastell, so angenehm hatte sie mit ihrem neuen Begleiter und Beschützer während deS Weges geplaudert. Sie standen vor der HauSthüre. DaS junge Mädchen ersuchte Herrn Chilton nicht einzutreten, grüßte ihn jedoch, während sie ihm die Hand zum Abschied reichte, mit vollendeter Anmuth. Nur ungern entfernte stch der junge Jäger, mit dem B'lde der reizenden Miß Winter im Herzen, fest entschlossen, sie, sobald eS ihm möglich sei, wieder zu sehen.

Nachdem Gwendoline ihr Zimmer betreten, ließ sie sich aufs Kanapee niederfallen und versank in tiefe Träumerei. Ihr erster Gedanke galt begreiflicherweise ihrer Begegnung mit Herrn Chilton. Sie sagte sich, daß sie nie einen Mann gesehen, der solch feine Manieren besitze und so liebenswürdig sei, wie er. Dann überdachte sie Alles, was Edward Orkney ihr gesagt und schauderte zusammen.

„Ob er die Wahrheit gesprochen hat?" dachte sie bei sich. „Aber wer bin ich denn, wenn er wahr ge­sagt? Mir welchem Rechte befinde ich mich denn in

Die Accise-Ausgaben werden von der Reichs-Behörde bestimmt und werden in Händen der irischen Behörden sein. Falls die Bill genehmigt würde, würde das neue irische Parlament mit einem Ueberschuß von einer halben Million beginnen: die Bill würde die Stärke, die Größe, den Ruhm und die Einheit des Reiches erhöhen und mehren. Er bitte dringend, durch die An­nahme der Vorlage die Vergangenheit vergessen zu machen.

DaS Gros der Iren, von deren Haltung das Schicksal der Bill ja vor allem abhängen wird, ließ durch den Abg. Sexton die Fundamentalbestimmungm als annehmbar bezeichnen, doch behielt er gegenüber den Einzelvorschlägen, namentlich so weit sie das finanzielle Arrangement zwischen Großbritanien und Irland betreffen, sich seine Stellungnahme vor. Die gladstonianischen Preßorgane in England und Schott­land zollen dem Vorgehen Gladstones selbstverständlich lebhaften Beifall und geben der zuversichtlichen Er­wartung Ausdruck, daß im Lande wie im Unterhause sein warmer Appell zu Gunsten des Entwurfs einen lebhaften Widerhall finden werde. Daß die Bill dessen ungeachtet in dieser Session nicht zu Stande kommen wird, wiffen sie wohl, denn ohne die Zu­stimmung des Oberhauses kann Home Rule in Irland nicht eingeführt werden, und die Mehrheit der Peers ist zunächst noch fest entschlossen, ein kräf­tiges Nein zu sagen. Um ihren Widerstand zu be­siegen, dürfte eine andauerde und ungewöhnlich kräftige Pression von nöthen sein. In der Provinz findet die Vorlage übrigen» zunächst noch eine sehr kühle Aufnahme, und in Wales, dar sonst gut gladstoniamsch ist, erklären selbst die regierungsfreundlichen Blätter, daß die liberalen walisischen Vertreter im Unterhause für Home Rule in Irland nur dann sich entscheiden könnten, wenn ihnen ausreichende Garantieen dafür geboten feien, daß gleichzeittg auch die von ihnen so nachdrücklich geforderte EntstaatlichungderKirche von Waler zur Thai werden solle, ein Zeichen, daß man nicht gesonnen ist, sofort den Wünschen der Re­gierung nachzugeben. Die unionistifchen Blätter, die konservativen wie die liberalen, unterziehen Gladstone'S Vorschläge natürlich der schärfsten Kritik. Der,Standart', dar tonangebende Organ der ,TorieS', bezeichnet das Projekt als unausführbar und unmöglich, die Morning Post' gesteht zwar zu, daß die gegenwärtige Vorlage im Vergleich zu dem Entwurf von 1886 einige Ver­besserungen enthalte, sie tadelt jedoch gleich der ,Times', daß eS an jeder Klausel zum wirksamen Schutz der loyalen protestantischen Minderheit fehle und daß die wichtige Frage der Agrargesetzgebung zunächst bei Seite geschoben werde. DaS ,Cityblatt' erklärt, daß die Bill eine endgültige Lösung des Streites nicht bringen werde, und empfiehlt schon aus diesem Grunde ihre Ablehnung. Der,Daily Telegraph' bemerkt, Gladstones Unternehmen sei wunderbar als physische und intellektuelle Leistung, allein er habe keinen staatsmännischen Geist offenbart, noch die entfernteste Aehnlichkett zu irgend etwa-, war dieser Namens werth sei, verrathen. Der ,Daily Chronikle' feiert dagegen Gladstones Leistung als einen Triumph, für welchen eS angesichts des hohen Alters deS Premiers und der Wichtigkeit des Gegenstandes keine Parallele finden könne im Leben der Gesetzgeber

diesem Hause? Ich muß dies wissen, koste eS, was es wolle."

Lebhaft sich erhebmd, stieg sie die Treppe hinab und begab sich in das Zimmer der Madame Ouillet. Diese war eben mit der Näharbeit beschäftigt und sah über die Brille hinweg, als die Thür sich öffnete. Beim Anblick der verstörten Gesichtszüge des jungen Mädchens wurde sie nicht wenig erstaunt — neugierig fragte sie dieselbe, was dieS zu bedeuten habe und ob sie vielleicht ein geheimes Anliegen Vorbringen wolle. „Sollten die Diener es etwa an der schuldigen Ehr­furcht Ihnen gegenüber haben fehlen lassen?" fing sie.

„Durchaus nicht; wenn ich in dieser Hinsicht zu klagen hätte, so würde ich sie sofort entlassen."

Madame Ouillet warf Gwendoline einen seltsamen Blick zu.

„Ich würde ja das Recht haben, so zu handeln, nicht wlchr, meine liebe Freundin? Ich bin ja Herrin hier, bis mein Vormund und Beschützer zurück­kehrt?"

Einen Augenblick lang schwieg die Haushälterin. Dann sagte sie: „Wer hat Dir die Rechte streitig machen wollen, welche Du hier in diesem Hause hast? Wer hat überhaupt von bieten Dingen gesprochen?"

„Ich bin mit Herrn Orkney jun. auf dem Felde zusammengetroffen", antwortet- sie, „und er hat mich

alter und moderner Zeiten. Der liberalen ,Dally News' erscheint der neue Entwurf im Vergleich zu der früheren Bill sowohl annehmbar für Irland, als auch geeigneter, bei dem britischen Volke Sympathie und Anklang zu finden. DaS Blatt tadelt jedoch ebenso wie die ,TimeS' den Mangel jeder Klausel zum Schutz der Minorität der Protestanten und die Vertagung der Agrargesetzgebung.

Wir hegen die Ueberzeugung, daß die Vorlage Gladstones geeignet ist, die schon so lange schwebende irische Frage zu lösen. Ist eS doch auch ein Zeichen der Gerechtigkeit Irland gegenüber, ihm Selbst­verwaltung zuzuerkennen, die z. B. in Preußen jede Provinz hat. Freilich wird mancher Cultnrkämpf er in ben englischen Parlamenten wieder gegen die Vorlage losziehen, damit den über 5 Millionen ka­tholischen Irländern nur nicht wieder ihr voller Recht werde, dessen sie nun schon seit ihrer Unterwerfung durch Heinrich n. im Jahre 1171 entbehren mußte. Hoffen wir aber, daß diese wichtigste Vorlage Sroß- britanienS feit mindestens einem halben Jahrhundert durchgehen wird. England, Irland und Gladstone könnte man bann mit Recht beglückwünschen.

Deutsches Keich.

Berlin, 20. Februar.

* Das Kaiserpaar trifft am Donnerstag zum Besuch beS grotzherzoglichen Paares in Neustrelitz ein. Gestern Mittag fuhr ber Kaiser beim ReichS- kanzlerpalaiS vor unb nahm einen kurzen Vortrag beS Grafen Caprivi entgegen.

* Beim Staatssekretär v. Bötticher findet am Freitag ein Herrenabend statt, zu bem Mitgliedern des BundeSrathS und deS Reichstages geladen sind. Der Kaisri beabsichtigt daran theilzunehmen.

* Vom dentsch-rnsfischen Handelsvertrag muß man berichten, schreibt die ,Köln. Vztg.', wenn man einen Ueberblick über die Thättgkeit deS Deutschen Reichstags und des Preußischen Abgeordnetenhauses während der ^gelaufenen Woche geben will. ES hatte den Anschein, als ob auf der politischen Tagesordnung außer diesem Handelsverträge unb feiner Einwirkung ans die Landwirthschast überhaupt nichts stände, was von irgend welchem Belang wäre. Der Etat, mit welchem beide Häuser sich eigentlich beschäftigen sollten, trat ganz in den Hintergrund. Vor Allem gingen von konservativer Seite Angriffe auf das bevorstehende Handelsabkommen mit Rußland aus, verstärkt durch Angriffe auf den Handelsvertrag mit Oesterreich und die deutschen Unterhändler, welche denselben zu Stande {gebracht. Die Erbttterung auf konservativer Seite ging o weit, daß einer der Sprecher dieser Partei genau entsprechend den neulichen Ausfällen gegen den Land- wirthschaftsminister v. Heyden, der jetzigen Regierung das Vertrauen aufkündigte und die Zeit unter BiSmarck zurücksehnte, wo die Konservativen mit der Politik ber Regierung einverstanden gewesen seien. Das Abgeord­netenhaus kam am Donnerstag endlich mit ber lanb» wirthscbaftlichen Debatte glücklich zu Enbe, indem der

sehr beleidigt . . . Dann hat er mir gesagt, daß ich kein Recht habe, auf Sonemoor zu wohnen. Verhält sich das fo ?"

Gwendoline fuhr fort: „Ist meine Herkunft wirklich in ein Dunkel gehüllt? Antworten Sie mir, ich bitte inständigst darum, Madame Ouillet! Der rechte Augen­blick ist gekommen, unb es barf mir nichts verborgen bleiben. Ich habe ein Anrecht barauf, Näheres zn erfahren. Bin ich eine Berwonbte Herrn MorkhamS« ja ober nein?"

Die gute Alte schüttelte den Kopf ohne zu ant­worten — sie errinnerle sich des Versprechen-, welches sie ihrem Herrn gegeben hatte, das verhängnißvolle Geheimuiß zu bewahren.

„Wenn ich nicht eine Verwandte des Herrn Mork- ham bin, bin ich denn sein Mündel?" frug Gwen.

Madame Ouillet schüttelte abermals ihr Haupt.

DaS junge Mädchen wurde immer bleicher.

„Weder seine Verwandte noch sein Mündel", mur­melte Madame Ouillet.

„Ich muß somit annehmen, daß er meine Eltern gekannt hat und daß er auS Freundschaft gegen sie meine Erziehung übernommen hat . . . Aber sie aut- »orten ja nicht, Madame Ouillet? hat Herr Morkhom meinen Vater gekannt?"

„Nein", antwortete die Haushälterin, „er hat Deinen