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Samstag, den 11. Februar 1893

20. Jahrgang

ilimrWZkitilng

Derüanut.

Nach dem Englischen von I. Rüttgers.

(2. Fortsetzung.)

Dann wies sie den Gatten an, im Zimmer des jungen Fräulein- Feuer zu machen und ihr Bett in Ordnung zu bringen. Al- die gute Frau sich mit dem Kinde allein befand, welche- sie so sehr geliebt, und nachdem sie ihr die durchnäßten Kleider au-ge­zogen, liebkoste und umarmte sie e- unter heißen Thränen.

„Da- arme, liebe Mädchen!" murmelte sie, „möge der Himmel Erbarmm mit un- haben .... Viel­leicht wäre e- bester gewesen, wenn sie wirklich tobt wäre, als daß sie ein solche- herbe- Geschick trogen muß."

Die wackere Frau drückte die hageren Finger Miß Clara- in ihre schwielige Hand. „Sie trägt keinen Ring", dachte sie bei sich. Ein schwerer Seufzer ent­wand sich ihrer Brust. Inzwischen machte sie alle Anstrengungen, um die arme Obdachlose wieder in- Leben zurückzurufen. Sie hatte bald die Freude, zu sehen, wie sie langsam die Augen aufschlug, die sie mdeß sogleich wieder schloß, al- wäre da- Licht noch zu stark gewesen bei dem Zustande der Schwäche, in welchem sie sich befand.

„Miß Clara", sagte die alte Frau sanft, „sind Sie es wirklich? Wie sehr haben Sie sich verändert, meine

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Die Gründung einer National-Partei schiene dem­nach zu mißglücken. Einstwellen müssen wir die Ent­wickelung der Dinge abwarten. Große Bedeutung wird die Partei, fall- sie zu Stande kommt, nicht gewinnen. Weshalb man derselben übrigen- den Namen National- Partei beilegen wollte, erscheint unS völlig unklar. Unserer Ansicht nach sind alle Parteien, die sozialdemo­kratische in gewisser Beziehung ausgenommen, National- Parteien. Sehr wahrscheinlich ist, daß mit der längst der Schwindsucht verfallenen Allgemeinen Zeitung' und der in allerlei Farben schillernden.Täglichen Rundschau', die neue „nationale" Partei, die elfte Deutschlands, nicht „auf die Strümpfe" kommen wird.

Dir neue Uattoualpartei.

Als Organ der neuen Nationalpartei soll bekannt­lich die Münch. ,Allg. Ztg.' znm 1. April von München nach Berlin verlegt werden. Die Redaktionen sollen Jakobi und Hau- Delbrück übernehmen. Bismarck soll Jakobi wiederholt in dieser Sache zu sich beschieden haben, wenngleich er der Sache finanziell (!) fern­bleibt. Dagegen wird Bleichröder an der Finanzirmig des Unternehmens, für daS2—2^/, Millionen in Form einer Aktiengesellschaft aufgebracht werden sollen, be- theiligt fein. Die Redaktion der ,Allgemeinen Zeitung' dementirt diese Meldung, allein sie ist offenbar nicht in diese Dinge eiugeweiht. Daß die .Allgemeine Zeitung' über kurz oder lang nach Berlin gehen wird, bezweifelt kein Mensch mehr, denn in München kann sie sich un­möglich mit ihrer Politik halten. Auch die .Tägliche Rundschau' scheint in daS Lager der neuen Partei ein- schwenken zu wollen, benn sie hat ihre bisherige Eharakterifirung: „Zeitung für unparteiische Politik", umgeändert in „unparteiische Zeitung für nationale Politik". Die Führer für die neue Partei wären also da; wo bleibt aber daS Heer? Die Partei soll sich vor Kurzem freilich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gebildet haben. Ein Zeichen, daß sie in etwa Fleisch unb Blut annehmen will, ist, wie eS scheint, ein Ein­treten der genannten Blätter für dieselbe. Bisher war über die Ziele der unten Partei nur daS bekannt, daß fie in den Kürasfierstiefeln Bismarcks zu exerciren be- abfichtige. Ueber ihre sonstigen Bestrebungen verlautete nur sehr wenig. Ihre Grundsätze skizzirt nun die,RH. Wests. Zeitung' folgendermaßen:

1. Durch die Männer des „neuen Kurses" ist unsere aus­wärtige Politik in daS Schlepptau von Oesterreich und England gerathen, wodurch unser Berhältniß zu Rußland außer- ordentlich verschlechtert worden ist. Fürst BiSmarck hätte eS dahin nicht kommen laffen, er hätte auch die augenblickliche tröst- lose Zerfahrenheit Frankreichs benutzt, um dessen Beziehungen zu Rußland gründlich zu lockern; Oesterreichs Bestand würde er gegen Jedermann vertheidigen, aber die Balkanfragen würde er denen überlassen, die daran interessirt sind, und für sie würde er nicht die Knochen eines einzigen pommerischen Grenadiers opfern.

2. Die Folge der schlechten Führung unserer auswärtigen Angelegenheiten ist die Militärvorlage, welche dem deut­schen Bolle unerschwingliche Lasten auflegen will, die bei einer bessern Polittk ihm erspart werden könnten. Auch Miquels Steuerreform ist eine Frucht von diesem Baum, auch sie wäre unter Bismarck ebenso unmöglich als unnöthig gewesen.

3. ES gilt, im Reichstage die ganze Lage schonungslos und in aller Schärfe zu beleuchten; sobald das geschieht, wird sich zeigen, daß die weiteste» Kreise der Station gegen die Fort­setzung dieser Politik sind.

4. Bon den jetzt bestehenden Parteien ist nicht zu erwarten, daß sie offen mit der Sprache herausgehen; am wenigsten ist dies von der nationalliberalen Partei zu erhoffen, deren Eintreten für Miquels Vermögenssteuer, deren Liebäugeln mit der Erbschaftssteuer beweist, daß sie bezüglich Steucrbewilligungen jeder andern Partei den Rang abzulaufen strebt und mehr und mehr in einen schroffen Gegensatz zu den wahren Interessen des Volkes hineintreibt; im Westen der preußischen Monarchie ist man mit ihrem Berhalten völlig unzufrieden, ja von ihm ver­blüfft.

Deutsches Keich.

Berlin, 9. Februar.

• Auf der Suche nach Eibeshelfern für bte Mili­tär-Vorlage ist die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung' bereits in der — Türkei angelangt. Ein in Kon­stantinopel in deutscher Sprache erscheinender, in der Oeffentlichkeit kaum bekannte-Blättchen, da- sich,Otto- manische Post' nennt, hat sich bereit finden lassen, einem von den bekannten „geschickten" offiziösen Drückern zu Gunsten der Militär-Borlage Unterschlupf zu gewähren unb voller Freude, als ob sie eine weltbewegende Ent­deckung gemacht habe, tischt die.Norddeutsche' chren Lesern die offiziöse „Weisheit" auf. in der in rühr- seliger Sprache auSgeführt ist, die Militär-Borlage der Regierung mfiffe angenommen werden, damit die „Deut­schen im Auslands sich mit Stolz Deutsche nennen dür­fen" und der deutsche Name dort „geachtet und geehrt" wird. SS ist erfreulich, daß die .Norddeutsche' trotz der Sorge, welche die Aussichtslosigkeit der Militär- Vorlage chr bereitet, daSBerständniß für herzerquicken­den Humor noch nicht ganz Betloren hat.

* Eine Vertag««- des Abgeordnetenhauses wird vollständig unerwartet im,Hamb. Corr, in folgender Form angekündigt: „Im Abgeordnetenhause nimmt man allgemein an, daß eine Vertagung de- Landtag- von etwa Juli bis September stattfinden wird. Die Beranlaffung dazu liegt in der Schwierigkeit, bei normaler, ununterbrochener Ausdehnung der Tagung mit den Steuervorlagen und der Wahlrechtsreform fettig zu werden, zumal da weitläufige Verhandlungen vorauszusehen find, und die langen Fristen bei ben Abstimmungen übet Verfassungsänderungen, wie in der Wahlrechtsreform, in beiden Häusern die Erledigung der Angelegenheiten weit hinausschieben." Die »Germania' bemertt hierzu: Wit haben gegen diese Vertagung nichts einzuwenden, indem wir wünschen und hoffen, daß die Ruhepause im Volke mehr unb mehr die Er- kenntniß zum Durchbruch bringen wird, daß ohne gleichzeitige und ohne ausreichende Reform des Wahlrechts die gegenwärtige Steuerreform nicht angenommen werden kann.

* Ueber das neu einzuführende System bet Ba- rarfentafcntcmcntS wurde in der Subkommiffion

Die Unglückliche schien von dem, was mit ihr ge­schah, gar keine Ahnung zu haben und eben so wenig ihre ganze Umgebung zu kennen.

„Wo mag sie sich nur daS ganze Jahr hindurch aufgehalten haben?" dachte die Haushälterin bei sich. „Wie hat sie ihren Vater in einem so hohen (Stab erzürnen können?"

Draußen tobte daS Unwetter mit ungeschwächter Heftigkeit fort, und der Sturm heulte in ben Bäumen, welche rings um daS HauS herum standen. Der alte Lord schritt in seinem Zimmer heftig erregt auf und ab, vom glühendsten Hasse verzehrt gegen daS atme Geschöpf, welches so Unsägliche- litt unb das et von Grund seiner Seele verfluchte. Und während dieser Zeit erblickte, nicht weit von ihm, ein derartig schwäch­liches Kind daS Licht dieser Welt, daß Madame Ouillet kaum glaubte, daß noch ein Hauch des Lebens in ihm sei unb baß es jedenfalls nicht länger als eine Stunde mehr zu leben habe.

Die Nacht verging und da- Neugeborene, welche- die Haushälterin auf ihrem Schooße hielt, lebte noch. Die junge Mutter war, nachdem sie den Trank zu sich genommen, welchen der von John herbeigeeilte Arzt verordnet, eingeschlummert. Am folgenden Morgen in der Frühe fand sich ein neuer Besucher auf Sone» moor ein.

Et übergab dem Bedienten seine Karte, welcher dieselbe seinem Herrn überbrachte, welcher alsdann

5. Als Ersatz für die verbrauchten Parteien, als Organ der öffentlichen Meinung, welche zur Zeit nirgends im Parlament zu ihrem angemessenen Ausdruck gelangt, muß die National-

> Partei geschaffen werden.

l Wie man hieraus ersieht, läuft die ganze Bewegung 1 auf eine Glorifizirung Bismarck'S und seiner Bestrebungen hinan-. BiSmarck rühmt sich bekanntlich, und auf seiner Wallfahrt über Wien, München, Augs­burg, Kissingen, Berlin nach FtiedrichSruh hat er es oft genug prahlerisch ausgesprochen, er have ein stets bessere- Berhältniß mit Rußland zu erhalten gewußt, als eS jetzt ist. Die Zeiten haben das Gegentheil be­wiesen. Rußland steht uns heute sehr freundlich und friedlich gegenüber und sollte es Caprivi gelingen, durch die projektirten Handelsverträge mit Rußland die kom­merziellen Beziehungen zwischen beiden Reichen zu er­höhen und zu bessern, so wird ein Berhältniß angebahnt fein, das jedenfalls ein besseres ist, als bei Zeiten de- ExkanzlerS, unter dessen Diplomatie ja sogar da-Bünd- niß mit Rußland gelöst wurde. Im Weiteren scheinen die Bestrebungen der neuen Partei keineswegs eine soziale Bedeutung zu gewinnen. ES ist eine eigenar­tige Erscheinung unserer Zeit, daß gerade nur diejeni­gen Parteien, welche in erster Linie Besserung der svzia- len Verhältnisse auf ihre Fahne geschrieben haben und die Ziele auch thatsächlich erstreben, beim Volke Einfluß »tnd Ansehen genießen und lebensfähig find. Bon einem sozialen Programme ist aber in obigen Grundrissen nicht- zu finden. Vielleicht könnte man darauf Hin­weisen. daß die neue Partei aber doch ein Gegner der daS BolkSwohl sehr bedrohenden Militär-Vorlage sein wolle. Aber auch dieser Einwurf ist werthloS. ES ist ja zu bekannt, daß Alle-, was der „neue Äur8" er­strebte, von BiSmarck bekämpft wurde unb so muß eS die im Gänsemarsch hinter ihm herziehm Nationalpartei auch.

Ueber etwaige Aussichten, bet Partei in Süddeutsch- land Anhang zu verschaffen, schrieb unlängst ber liberale »Fränkische Kurier':

„Für Süddeutfchland hat die Werbung zur „National-Par­tei" hauptsächlich in die Hand genommen ein evangelischer Pfarrer Dr. Brecht zu Oberkochel in Württemberg; er ist in journalistischen Kreisen nicht unbekannt als Herausgeber einer auch vielen Zeitungen zugehenden Korrespondenz, die im Namen des Evangelischen Bundes „ultramontanen" Tendenzen entgegentritt. (I) Dieser hat sich mit seiner Agitatton vorwiegend an Nationalliberale und Deutschparteiler gewendet, hier aber mannigfache, bald sein, bald gröber geflochtene Körbe bekommen. Herr v. Fischer, der Generalgewaltige der Stadt Augsburg, soll freilich der Bewegung freundlich gesinnt sein. Die Führer der nationalliberalen Partei in Bayern haben eS rundweg abgelehnt, sich vor den Wagen der Herren v. d. Heydt und Schröder zu spannen. So war denn auch die erste Konferenz, welche die Ver­treter der Nattonal-Partei vor mehreren Tagen in Berlin ab­hielten, wie überhaupt sehr schwach, so aus Süddeutschland, wo die Mafien zur neuen Fahne eilen sollten, fast gar nicht besucht. Kein Parlamentarier» kein Mann von polittschem Ansehen und Einfluß war dabei. Wenn Dr. Peters, müde seiner Thaten in Ostafrika, heimkehrt, findet er vielleicht von der ganzen Gründung seiner Busenfteunde nicht» vor als eine neue, recht überflüssige Zeitung für nationale Begeisterung, Kolonial-Polittk undJnter- effen-Bertretung, die trotz all' des Fiasko'- in Berlin gegründet werden soll."

Thenre! Aber was auch kommen möge, ich werbe sie nicht verlaffen, haben Sie Muth!"

Die Kranke antwortete nicht. Einige Augenblicke barauf kehrte Herr Ouillet zurück unb theilte ihr mit, baß das Zimmer für'S Fräulein bereit fei. Dann trugen sie bas Mädchen borthin.

„Solltest Du Dich nicht getäuscht haben?" bemerke Ouillet; Herr Morkham behauptet, feine Tochter fei nun schon bereits ein Jahr tobt, unb Du behauptest, baß sie ba lebend vor uns sei! Jedenfalls hat sie sich sehr verändert; ich würde sie nicht wieder erkannt haben."

„Sollte icb nicht das Kind kennen, welches ich selbst erzogen habe?" antwortete Madame Ouillet. „Höre John, eS ist offenbar ein Geheimniß bei der ganzen Sache im Spiel, dies kann nicht zweifelhaft fein. Viel­leicht werden wir es nie erfahren, wie die Sache sich eigentlich verhält, aber auf alle Fälle werde ich das treuere Geschöpf nicht verlassen, sondern es unter ! meinen Schutz und Schirm nehmen. Sattle jetzt da- I beste Pferd aus dem Stalle und reite nach Pmstone um einen Arzt . . . Sprich auch nicht den Namen Clara au-, sondern sage nur, daß eine Fremde auf Sonemoor Schutz und Hilfe gesucht hat und daß sie ärztlichen Beistandes bedarf."

Nachdem Madame Ouillet da- junge Mädchen zu Bette gebracht, und mit allem versorgt hatte, überließ sie sich ihren Gedanken.