20. Jahrgang
Donnerstag, den 9. Februar 1893
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zu der Veränderung sein, welche so zu sagen plötzlich in der ganzen Lebensweise des alten Lord eingetreten war? Welches schreckliche Ereigniß hatte seine Haare in dem Zeitraum von einigen wenigen Monaten gebleicht? Wenn man diese Frage aufwarf, so hieß es jedes Mal, daß die Veränderung des Lords indeß der Kummer sei, welchen dem alten Mann der Tod seiner einzigen achtzehnjährigen Tochter verursacht hatte, em Ereigniß, das etwa ein Jahr vor der Zeit eingetreten war, wo unsere Erzählung beginnt. In der That war Miß Clara der Abgott des alten Lord gewesen; das schöne, geistreiche und liebenswürdige Mädchen, welches mit allen Vorzügen einer Weltdame ausge- stattet war, bildete dm Stolz und das Glück ihres Vaters, um so mehr noch, als sie daS einzige Kind war, welchem er seine Zuneigung und Liebe schenken konnte. Ihre Schönheit, ihre Vorzüge und ihr Vermögen ließen demnach mit Sicherheit erwarten, daß es an fürstlichen Bewerbern um ihre Hand keineswegs mangeln werde. Leider zerstörte ein frühzeitiger Tod alle diese schönen Träume in unbarmherziger Werse. Eines TageS hatte Clara den väterlichen Herd in Gesellschaft einer befreundeten Familie verlassen, mit welcher sie einige Monate auf dem Festlande verbringen sollte. Der Tag, auf welchen Clara ihre Rück- kehr angesetzt hatte, war bereits erschienen, als ihr Vater eine telegraphische Benachrichtigung erhielt, welche ihn unverzüglich nach Brüssel rief, in welcher
zu sprechen, di? er den Armen während der sKreälichen Heimsuchungen der Cholera in Rom bewiesen; jetzt erinnerte man sich» daß der Pmlat zu ihnen gekommen war auf eine nach Rom gerichtete Birte um einen nachsichtigen und milden Statthalter zu Gunsten der unterdrückten, leidenden mittleren und deren Volksklassen.
Die besten ärztlichen Kräfte, w chc Neapel bieten konnte, wurden herbeigerufen aber auch sie konnten nur erklären, ihre Kunst sei hier machtlos; so bösartig gestaltete sich das Fieber und so schnell zeigten sich die Wirkungen seiner zersetzenden Kraft auf eine durch lange und ernste Studien erschöpfte und vielleicht durch zu große ascetische Strenge geschwächte Natur. Mau gab den Kranken als hoffnungslos auf. Unterdessen wurden öffentliche Gebete für seine Genesung in allen Kirchen der Stadt abgehalten. Aber damit gab die feuerige Natur der Südländer sich nicht zufrieden. In einer der Vorstädte Benevent's hegt ein Kirchlein, der allerseligsten Jungfrau Maria geweiht, an welches der Volksglaube der Beneventiner manche Gebetserhö- rung in schweren Leiden und Anliegen knüpft; es heißt zur „Jungfrau der Gnaden". Dorthin zog Die Bürgerschaft von Benevent in feierlicher Prozession, um die Fürbitte der Gottesmutter für die Erhaltung eine« Lebens anzuflehen, welches ihnen im gegenwärtigen Augenblicke so theuer erschien, welches aber — das ahnte wohl damals Niemand in Benevent — für die Kirche der ganzen Welt unendlich wichtiger war.
In Benevent bestand zu der Zeit auch ein Jesuiten- Kolleg zur Erziehung der Jugerd aus den höheren Ständen der Provinz und des Nachbarlandes, welches sehr fegensreich wirkte. In demselben war Monsignore Pecci als ein in den Schulen der Jesuiten erzogener und seinen Lehrern durch die glänzendsten Erfolge so viele Ehre machender Priester nicht unbekannt. Die Bestürzung der Väter war daher groß, als sie ihn in äußerster Todesgefahr schweben sahen. Rektor des Kollegs war damals P. Tessandvri, welcher als echter OrdenSmann mit großer Gelehrsamkeit eine seltene Heiligkeit des Lebenswandels verband. Auch er verewigte seine Gebete mit denen der ganzen Bevölkerung. Ueberdies nahm er seine Zuflucht zu einem der seligen Freunde Gottes, zum hl. Franziskus von Hieronymo (f 11. Mai 1716); seine Fürbitte rief jetzt unter Auflegung seiner Reliouien P. Tessandori für den jungen Prälaten inbrünstig an.
Aus die erste Nachricht von Monsignore Peccr s Erkrankung hatte der Papst große Besorgniß gezeigt. Auch in Rom wurden täglich Gevete für die Wieder- genesung des Leidenden aufgecpfert, und der Papst hatte angeordnet, daß ihm regelmäßig durch den Kar- dinal Gamberini, den Minister für die inneren Staatsangelegenheiten, über den Verlauf der Krankheit berichtet werden folle.
Gewiß ist, daß allen diesen Gebeten unv erhoffte Genesung folgte. „Entgegen allen Erwartungen, ent- gegen dem 'Urtheile der Aerzte ließ das Fieber, als eS auf dem höchsten Punkte angelangt war, fein Opfer
Joachim als päpstlicher Delegat iu Senevent, voa schwerer Krankheit wunderbar geheilt.
(Nach der Festschrift von Dr. Weinand.)
Am letzten Tage der JahreS 1837 erhielt Joachim Pecci durch Kardinal Odescalchi in dessen Privatkapelle die hl. Priesterweihe. Er hatte sich bereits ganz dem Verwaltungsdienste des heiligen Stuhles gewidmet. In den verschiedenen Stellungen und Siem» lern, die er noch vor seiner Priesterweihe begleitete, hatte er sich schon höchst rühmlich hervorgethan, so daß chn Papst Gregor XVI. bereits im Januar 1837 zu einem seiner Hausprälaten ernannte. Insbesondere aber zeichnete er sich aus, als damals die schreckliche astatische Cholera ihren verheerenden Weg auch nach Italien und selbst nach Rom gefunden hatte Dem Kardinal Sala war vom Papste die Oberaufsicht über alle Cholera-Spitäler der Stadt übertragen; Joachim Pecci war beffen rechte Hand und entfaltete nicht nur hohen praktischen Sinn in der Fürsorge für die dringenden Bedürfnisse so vieler Tausende, sondern legte auch eine Furchtlosigkeit in persönlicher Gefahr an den Tag, welche ebenso sehr aus feiner Frömmigkeit und Liebe zu den Armen, als au8 der ihm natürlichen Selbstlosigkeit und Hochherzigkeit entsprang.
Die Kardinäle, unter deren Leitung Pecci wahrend der Prüfungen der Cholerazeit gestanden, müssen dem hl. Vater von der hohen Befähigung des jungen Prälaten für die Handhabung der wichtigsten öffentlichen Berwaltungsgefchäste und von seiner Kunst zu regieren, äußerst günstig berichtet haben: denn kaum zwei Monate nach seiner Priesterweihe unter dem 15. Februar 1838 bestimmte ihn Gregor XVI. zum Delegaten oder Statthalter der Provinz Benevent, mit der Weisung, ohne Verzug auf diesen Posten abzureisen. Hiermit war dem 28jährigm Priester eine Aufgabe anvertraut, an deren Lösung wett erfahrenere Männer von höherer Würde sich vergeblich versucht hatten.
Es kann nicht in unserer Absicht liegen, die politischen, sittlichen und sozialen Verhältnisse zu schildern, die damals in den Staaten Italiens und auch in der päpstlichen Provinz Benevent herrschten, indem wir nur über die wunderbare Heilung von schwerer Krankheit berichten wollen, die den päpstlichen Delegaten Joachim Pecci bald nach seiner Ankunft in Benevent überfallen hatte. Schon am dritten Tage nach ferner Ankunft ward er krank, fei es, daß er dm Keim eine« typhösen Fiebers aus Rom mitgebracht, ober bei der langen ermüdenden Fahrt durch die pontinischen Sümpfe oder etwa durch Ansteckung während seines kurzen Aus- enthaltes in Neapel sich die Krankheit zugezogen hatte.
Der erste Eindruck, den die Bmevmtiner von ihm, seiner Jugend, seiner würdevollen Haltung, der milden Freundlichkeit seines W-senS und feiner anmvthenden Sprache erhielten, war günstig für den neuen Gouverneur. Durch die Nachricht erschreckt, sein Leben schwebe in höchster Gefahr, begann das Volk viel von der Güte
Verbannt.
Nach dem Englischen von I. Rüttgers.
(Nachdruck verboten.)
Erster Theil.
1.
Mitten in einer jener wett ausgedehnten Haideflächen, an welchem die Grafschaft Dork so reich ist, erhebt sich ein weitläufiges Gebäude, durch dessen Fenster, die nicht mit Vorhängen versehen sind, sich an einem Winterabende lange Lichtstrahlen weithin ergießen. In einem Zimmer des Erdgeschosses dieses Gebäudes sinden wir vor einem lustig flackernden Herdfeuer einen Greis mit schneeweißen Haaren sitzen, dessen harte, trotzige Züge.in diesem Augenblicke ganz den Eindruck machen, als ob er die gesummte Menschheit herausfordern wolle. Der reiche Gutsbesitzer M. Morlham — so war sein Name — war Wittwer, lebte allein mit seiner Dienerschaft, empfing niemals einen Besuch und führte überhaupt mit einem Worte das traurigste, eintönigste Leben, welches man sich denken kann. Urb dennoch war es noch nicht ein Jahr her, daß da« alte Castell von Lonemoor von fröhlichem Lachen urb fast ausgelafsener Heiterkeit widerhallte; eine zahlreiche gewählte Gesellschaft fand sich hier zur besseren Jahreszeit ein, und Herr Morkham galt als der höflichste Gastgeber und als der liebmswürdigfie Gentleman der ganzen Grafschaft. Welches mochte die Veranlasfung
Stadt die Freunde mit Miß Morkham verweiltm. In aller Eile begab sich Lord Morkham nach der belgischen Hauptstadt; einen Monat später kehrte er nach Hause zurück, in Trauergewänder gekleidet und derart verändert, daß man ihn fast nicht wieder erkannt hätte. Er brachte die Kunde mit, daß seine Tochter tobt sei, entließ alle seine Bedienten und würdigte die Kammerfrau auf ihre Fragen kaum einer Antwort. Mit Recht mußte man erwarten, daß die sterblichen Ueberrefte Miß Morkhams in ihre Heimuth überführt würden und das Kind feine letzte Ruhestätte in der Familiengruft neben ihrer Mutter finden werde. Das Gerücht ging indeß, daß Miß Morkham einer ansteckenden Krankheit erlegen fei und daß ihr Vatm aus diesem Grunde ihre leibliche Hülle nicht nach England habe bringen lassen wollen. Es war unmöglich, auch nur eine annähernde Gewißheit über die Richtigkeit dieser Angaben zu erlangen, welche von Mund zu Mund gingen, denn der alte Gras verkehrte mit Niemanden und er hatte seinen Dienern auf« Strengste verboten, jemals in seiner Gegenwart den Namen Miß Clara auSzusprechm. Am alle! peinlichsten war dieses Verbot der Kammerfrau; sie hatte Miß Clara schon auf den Armen getragen und liebte sie fast wie ihre Mutter sie geliebt hatte; kein Wunder daß es sie außerordentlich schmerzte, den Namen derjenigen nicht aussprechen zu dürfen, bei welcher ihre Gedanken Tag und Nacht so zu sagen weilten. Sie
fahren. Die Besserung kam ebenso unerwartet, wie das gefährliche Fieber sich eingestellt hatte, und erfüllte das Volk von Benevent wie auch den römischen Hos mit aufrichtiger Freude.
„P. Tessandori, Rektor des Jefutten-Kollegs, ein Mann heiligen Lebens," so lautet eine handschriftliche Notiz im Besitze der Familie Pecci, „hielt am Bette des sterbenden Prälaten mit bewunderungswürdiger Nächstenliebe aus, und unter Auflegung einer Reliquie des hl. Franz von Hieronymo auf den Körper des Kranken flehte er im heißen Gebete um die Gnade einer vollkommenen Genesung. Die Fürbitte des Heiligen erwies sich als wunderbar; aber ihr Geheimniß zu enthüllen, ist uns versagt."
Nach seiner Genesung fügte es sich auffallender Weise, daß sich der erste Akt seiner Thätigkeit nicht auf bem Berwaltmigs-, sondern auf kirchlichem Gebiete vollzog. Auf Erfucheu des Erzbischofs von Benevent, des 80jährigen Kardinals Bussi, damals in Rom, sollte der Delegat den Grundstein zu einer neuen Kirche zur Jungsrau der Gnaden" legen. Die Kirche war bestimmt, an Selle des vielbesuchten, aber in Verfall begriffenen Heiligthums zu treten, nach welchem die Prozession der Bürgerschaft zur Erstehung der Wieder- genefung ihres Gouverneurs gezogen war; es sollte eine Votivkirche werden zu Ehren des menschgewordenen Wortes und Seiner Mutter, die Ersüllung eines Gelöbnisses der Dankbarkeit für die Bewahrung der Stadt vor der Cholera, welche Neapel und die Umgegend im verflossenen Jahre 1839 so furchtbar heimgesucht hatte.
Selbstverständlich benützte Monsignore Pecci diese Gelegenheit, den Beneventinern für die große Theil- uahme, welche sie während feiner Krankheit gezeigt, öffentlich seinen vollen Dank abzustatten; doch ganz besonderen Eindruck machte, was er in Bezug auf feine Stellung zu Volk und Provinz und die ihm obliegenden Pflichten zur Herstellung und Aufrechterhaltung der öfferMchsn Drdrmng fagte. Wie ernst eS ihm mit seiner Ausgabe war, zeigte Der wahrhaft glänzende Erfolg feiner nur 3jährigen Thätigkeit in Benevent. Während dieser verhältnißmäßig nur kurzen Zeit erzielte er mittelst feiner erleuchteten Staatskunst und entschiedenm Wirksamkeit eine Umgestaltung der gesummten öffentlichen Verhältnisse. Nach der Ausrottung des Brigantm- thums, der Austreibung der politischen Verschwörer und Flüchtlinge, Hebung von Ackerbau und Industrie, war es jetzt ein Leichtes geworden, Benevent zu regieren. Jeder Delegat konnte jetzt dort auf ein segensreiches Wirken rechnen in dem Maße, als er in der gewissenhaften Erfüllung feiner Pflichten Ernst zeigte und mehr in dem Sinne des Stellvertreters eines väterlichen Fürsten feine Gewalt ausübte, als eines nur auf die Rechte der Regierung haltenden Bmeaukraten.
Monsignore Pecci wurde plötzlich nach Rom abberufen, wo ihm der Papst die ungleich wichtigere Delegatur in Perugia übertrug; aber bis auf den heutigen Tag steht sein Name bei den Beneventinern in Liebe und Segen. e