20. Jahrgang
Mittwoch, den 8. Februar 1893
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italienischen Anarchisten erwartet. Der Kongreß will eine Verständigung aller revolutionären sozialistischen Elemente zu einem gemeinsamen Handeln in Agitation und Propaganda für ihre Ideen zu Stande bringen.
* Die Subkommission der Militärkommisfion, welche aus Antrag des Abg. Richter eingesetzt worden ist, stellte in ihrer Sitzung am Freitag Abend sest, daß schon die vollständige Kasernirung der vorhandenen, noch nicht kasernirten Truppen der preußischen Kontingents eine neue, bisher im Etat noch nicht in Anschlag gebrachte Aufwendung von 20 Millionen Mark erheischen würde. — In der gestrigen Sitzung erhielt die Subkommission Mittheilungen über die Gestaltung deS ExtraordinariumS. Damit ist ihre Aufgabe erledigt; sie erstattet durch Hinze Dienstag Bericht in der Kommission.
* Das Abgeordnetenhaus erledigte in der heu- tigen Sitzung den Etat der Bauverwaltung, welcher zu einer Reihe verschiedenartiger Erörterungen führte, u. A. über eine systematisch durchzuführmde Vertiefung deS Rheinstroms, über promptere Erledigung der Hand- werkerrechnungen Seitens der-ftdatlichen Bauverwaltung, über den Dortmund-EmS-Kanal, über Verbesserung der Lage der Baubeamten, über die GroßschifffahrtSanlage in Breslau u. s. w. Beim Extraordinarium dieses Etats riefen einzelne Positionen, wie die Nachregu- lirung der größeren Sttöme und die Vergrößerung deS Hafens in Gechemünde, sowie die Anlage einer Kettenbrücke über die Weser bei Hameln, längere Erörterungen hervor; diese Forderungen wurden indessen bewilligt, während die Forderung für die Ausschmückung der Langen Brücke in Potsdam mit Bildwerken 73,200 Mark entsprechend dem Beschlüsse der Budgetksmmisstoa abgelehnt wurde, obwohl Minister Thielen diese Forderung mit dem Hinweise auf die Sommerresidenz des kaiserlichen Hauses in Potsdam nochmals begründete. Morgen Interpellation des Abg. Grafen Limburg- Stirum, Petttiomn und kleine Vorlagen.
* Der Reichstag beschloß auf Antrag des Abg. Singer die Einstellung deS gegen Abg. v. Münch von dem Stuttgarter Landgerichte wegen Beleidigung schwebenden Sttafverfahrens. Darauf wurde die Berathung der Etats deS Innern und damit die Sozialisten-Debatte fortgesetzt. Abg. Bebel vertheidigte in zweistündiger Rede die Bestrebungen der Sozialdemokratie gegen die von dm Abgeordneten aller übrigen Parteien erhobenm Angriffe. Die Bedeutung der Sozialdemokratie als Kultur - Faktor sei in kaiserlichen Proklamationen und Thronreden, sowie in Reden BiSmarck's anerkannt und bekunde sich in der Thatsache, daß heute schon die Sozialdemokratie die stärkste Partei im Lande sei. Allerdings sei sie nicht seit 30 Jahren auf einem Punkte stehen geblieben. Ebenso wenig wie in der Wissenschaft könne es in der Politik einen Sttllstand geben. Die Entwickelung fei nicht von den Personen, sondern von den Verhältnissen abhängig, weshalb sich auch kein Bild von dem ZukunftLstaate geben laffe. Die Ursache der wirthschasttichen Krisen sei die kapitalistische Produttions- mafie,' nicht, wie Richter meine, die schlechten Erntm. Die Richter'sche Schrift sei von dm Kapitalisten in Massen verbreitet, von den Arbeitern aber als Maku-
Jmmerhin danken wir es dem oberhessischm Fürsten Ludwig, daß er in frommem Sinne und nach feinem Geschmacke seine Ahnmutter, unsere liebe heilige Elisabeth, zu ehren suchte. Es war eine Sühne für dm Abbruch bVs Kirchleins.
Die Kreuzkapelle am Lahnberg, St. Elisabeth'- liebes Kirchlein, ist schon lange verschwundm. Die Andacht an diesem Platze ist gebliebm. Der Ott ist ein Platz deS Gebetes. Eigenthümlich erscheint darum die Aufforderung, welche in der altm Steintafel oberhalb der Brunnenmündung eingegrabm ist. Sie lautet:
„Sei rein; entweihe und beschmutze mich nicht durch schamlose Wotte oder Handlungen. Mein Gestein und meinen Hallmdau verletze nicht! Wenn Gluth Dich plagt, so entflieh' ihr hlerh^. Stille Deinm Durst und wasche Dich! Gemeße des murmelnden WaffergerieselS und der mannig- fachm Anmuth, und preise Gott meinen Schöpfer!" Der Platz wird gar viel von Spaziergängern aus der benachbarten Stadt besucht. Studenten lagern sich hier an schönen Tagm und feiern ihre Feste. Darum ziehen sich die Beter meist an das verborgmere „kleine Börnchen" zurück oder gehen bis zum „Ellsabtthfuß- trappen". Dott ist regelmäßig an Sommersonntagm eine Schaar Beter aus den umliegenden Orten vuscm
befaßt. Dieser, die politische Führung der Centrumspartei in Aachen darstellende Verein beschloß einstimmig, nachstehmde Resolution an den Vorsitzendm der Centrumsfraktion des Reichstages, den Herm Grafen v. Ballestrem abzusenden:
„Die heutige Generalversammlung des katholischen Bürgerund Wahlvereins „Constantia", des leitenden politischen Vereins der Centrumspartei in Aachen, erklärt aus Anlaß der Kundgebung des Provinzial-Ausschusses der Rheinprovinz, betreffend die Militärvorlage: Im Gegensatz zu dieser Kundgebung, welche als ein die Kompetenz des Provinzialausschusses in jeder Hinsicht überschreitendes und daher der Berechtigung entbehrendes Borgehen erachtet wird, richtet die Generalversammlung an die Mitglieder der Centrumssraktion im Reichstage, insbesondere an die Vertreter der rheinischen Centrumswähler, die Bitte um Ablehnung der gedachten Vorlage, indem sie zugleich der Centrumssraktion ihr vollstes Vertrauen zu ihrer bisheriger Haltung dieser Vorlage gegenüber ausdrückt."
Diese Erklärung läßt an Deutlichkeit und Bestimmtheit nichts zu wünschen übrig, und sie wird um so mehr Eindruck machen, als sie eine direkte Abweisung der, übermäßigen Forderungen der Militärvorlage enthält. Dringend zu wünschen ist es, daß das Beispiel des rheinischen Prv- vinzialausschusses keine Nachahmung bei anderen Korporationen, deren Thätigkeit aus nichtpolitischem Gebiete liegt, ftnben möge. Die Erörterungen über die Militärvorlage werd«! m demselben Maße an Sachlichkeit verlieren , je mehr solche Korporationen das Wort dazu ergreifen, welche die Sache nichts angeht.
Die KreuMpelle am Lahnberg.
(Zur Geschichte der Pfarrei Schröck.)
(5. Fortsetzung.)
Am traulichen Orte bei der St. Elisabethen-Kapelle erhebt sich heute ein mächtiges Brunnengebäude, welches weit in die Gegend hinaus sichtbar ist. Landgraf Ludwig IV. von Oberhessen, welcher in Marburg residirte, ließ es zum Gedächtniß seiner Urahne, der hl. Elisabeth 1596, errichten. ES ist eine Art griechisches Tempelgebäude nach dem Sttle der damaligen Zeit. Zn einer schwülstigen Inschrift steht feine Absicht auf den Steinen eingegrabm. Der Brunnen redet darin «ach Justi'S Übersetzung den Wanderer an':
Forschest Du, Wanderer, wer ich sei oder was ich trage?
Ich bin der heiligen Elisabeth Quell,
Mit milder Fluth tränkend mein Mutterland, Welchem Buchen, Elchen, Fruchtbäume, Getreide Und zahllose Kräutergeschlechter entsteigen, Dadurch erquickt trinken Hirsch und Wild mein Wasser, Dadurch gestärkt löschen Vögel aus mir ihren Durst. Doch was genieß' ich besten für Vortheil?
Der Lieblichkeiten Fülle!
Denn was ist schöner wohl als jenes Anblicks Herrlichkeit,? Was behaglicher als diese Schaltung?
Was wonniger als diese Luftmilde?
Was endlich süßer als der Vögel Wettgesang?
—DasAlles, steh'! bringt desDankes preiSwürdigesMvstermirdar.
Erscheint täglich, Son»- mtb Feiertage ausgenommen. — Ins
»wtteljichrlicher «bonnementsyrei» ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsberlage ,Sterne und Blumen m Fulda und auSmärtS 1 Mark 50 PfemttA
* Der rheinische Drovinzialausschuß hat bekanntlich in einer vertraulichen Sitzung den ein« stimmigen Beschluß gefaßt, an den Reichstag die Bitte zu ridjten, der Militärvorlage „möglichst zu entsprechen", und gleichzeitig die Erwartung ausgesprochen, daß insbesondere die Vertreter der Rheinprovinz im Reichstage zur Erreichung dieses Zieles beitragen würden. Die osfiziöse Presse beeilte sich natürlich, diese Kundgebung zu Gunsten der Militärvorlage nach Kräften auszunutzen und auch von höchster Stelle wurde den Mitgliedern deS Provinzialausschusses dafür Dank gezollt. Wie nämlich aus Aachen gemeldet wird, hat der Kaiser denselben seine große Befriedigung über üjren Beschluß aussprechen lassen.
Andererseits ist diese Kundgebung nicht ohne Widerspruch geblieben und zwar nicht nur Seitens der unabhängigen Presse. Frhr. von Solemacher-Antweiler, bis vor wenigen Wochen Mitglied des Provinzialausschusses, erläßt gegen den Beschluß eine scharfe Erklärung. Nachdem er sich zunächst als Freund bet unveränderten Annahme der Militärvorlage bezeichnet, weist er darauf hin, daß gesetzlich dem Provinzial- auSschuß lediglich die Verwaltung von Angelegenheiten der Provinz zusteht; und fährt dann fort:
„34 kann in dem Schritte der Herren des Ausschusses nur eine bedenkliche Kompetenzüberschreitung erblicken, um so bedenklicher, da ebenso gut wie dieses Mal Annahme, ein anderes Mal auch Ablehnung von Regierungsvorlagen empfohlen werden könnte. Dem Provinzialausschuß hat es während seines einundzwanzigjährigen Bestehens, zur Zeit des Kulturkampfes, bei Beilegung desselben, bei den Septennatswirren usw. wahrlich nicht an Gelegenheit gefehlt, politisch hervorzutreten; derselbe hat aber bisher sich prinzipiell stets nur darauf beschränkt, innerhalb der ihm gesetzlich zugewiesenen Befugnisse, unbekümmert um politische oder religiöse Fragen, unparteiisch die Angelegenheiten des Provinzialverbandes zu verwalten; er hat dieselben in den blühendsten und allgemein als muster- giltig anerkannten Zustand gesetzt, und muß im Interesse unserer geliebten Heimathsprovinz dringend gewünscht werden, daß auch in Zukunft der ProvinzialauSschuß sich mit dieser bescheideneren, aber für die Provinz um so nutzbringenderen Thätigkeit begnügen möge!"
Daß dieser Standpunkt deS Herrn v. Solemacher korrekt ist, kann nicht bezweifelt werden, und eS läßt sich nichts Haltbares dagegen Vorbringen. Der ProvinzialauSschuß ist mitfammt der Provinzialverwaltung und dem Proviuziallandtag kein politischer Faktor, kann daher an politischen Fragen keinen Antheil haben, wie es sich denn auch ohnedies auS vielfachen Gründen empfiehlt, daß er der Politik entrückt bleibt, wie eS der Erklärung des Herrn v. Solemacher zufolge bisher der Fall war.
Die Provinz- wie Gemeindeorgane werden um so segensreicher ihres Amtes walten, je mehr sie auf dem Boden ihrer Bestimmung und ihrer gesetzlichen Aufgaben bleiben. Sie werden denn auch um so eher von dem Vertrauen aller Bewohner der Provinz bezw. der Gemeinde getragen werden.
Die Auslassung des rheinischen Provinzial-AuS- schuffeL hat auch sonst weithin Befremden erregt und auch schon manche abfällige Beurtheilung gefunden. Neuerdings hat sich am Mittwoch in Aachen die Generalversammlung deS dortigen katholischen Bürgerund Wahlvereins „Constantia" mit der Kundgebung
Deutsches Deich.
Berlin, 6. Januar.
* Die Debatte über den sozial-demokratische« Zukunftsstaat irn Reichstage, die sich nun schon über drei SitzungStage erstreckt und noch keineswegs beendet ist, bedeutet für die Sozial - Demokratie eine vollständige Niederlage, eine politische Bankerott- Erklärung. Da^die Sozial - Demokraten selbst das nicht zugeben wollen, ist erklärlich, aber es ist sehr bezeichnend für die „Ehrlichkeit" der Sozial- Demokraten, daß „Genosse" Frohrne sogar zu behaupten wagte, man erweise mit dieser Diskussion über den Zukunftsstaat den Sozial-Demokraten den allergrößten Gefallen. Heute wird die Debatte fortgesetzt werden, und zwar durch den gewandtesten Redner der Sozial- Demokraten, den Abg. Bebel, der aber die Niederlage unmöglich mehr aushalten kann.
* Ein internationaler Kongreß revolutionärer Sozialisten und Anarchisten wird von den unabhängigen Sozialisten und den anarchistischen Kommunisten als Konkurrenzkongreß zu dem in diesem Sommer in Zürich ftattfinbenben sozialdemokratischen internationalen Arbeiterkongreß vorbereitet. Die Anregung hierzu geht von Hans Most aus, der diese Frage unter Zustimmung der amerikanischen Anarchisten in seinem in Newyork erscheinenden Blatt ,Die Freiheit' aufs Tapet gebracht hat. Das Organ der hiesigen Unabhängigen, ,Der Sozialist', steht auf Seiten dieses Planes, ebenso der Führer der holländischen revolutionären Sozialdemokratie, Domela Nieuwenhuis. Es wird eine Beschickung des Kongresses durch die französischen, spanischen und
Diesem füg’ ich bei des Wassers Köstlichkeit Und schmeichelndes Wellengeriesel.
Darum preist man mich als eine der ersten von Hessens Quellen. Allein was noch mehr?
Mich genießet jeder Bewohner Hessenlands, Nicht niedres Volk allein, sondern jeder Sprosse Aus königlichem, fürstlichem, gräflichen, adligen Geschlecht, Und die in hohem Ruhme strahlen.
Unter diesen kam vormals oft zu mir Die heilige Elisabeth, Ungarnköniges Tochter, Landgraf Ludwigs Ehegemahl, mildthätig gegen die Armen, Gütig gegen Alle, demüthig und duldend, Glühend von inbrünstigem Gebet zu Gott, Dankend Gott, der Natur und mir, Erbaute sie neben wich eine Kapelle, Schmückte mich zuerst, nach ihrer Zeiten Sitte, Mit schlichtem Bau und nannte mich Elisabethborn.
Unter Vielen ihrer glorreichen Entstammten
Hat nachmals der erlauchte und mächtige Fürst Ludwig, Jenes großen Philipps, des Hessen-Mazedoniers Sohn, Hier seinen Geburtstag mit seinen Edlen Heiteren Antlitzes oft gefeiert, Genießend meiner Anmuth, UI ZU
Und dessen zum Gedächtniß, feg ML J
Der Ahnmutter lobsamer Weise treu,
An meine Mündung ein Steinbccken und festes Gebäude, Nach dorischer und jonischer Säulenart errichten lassen Im Jahre Christi 1596.
Das schöne Brnnnengebaube kann uns fremd) bte Stiftung bet hl. Elisabeth, bte Kapelle, nicht ersetzen.