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20. Jahrgang

Sonntag, den 5. Februar 1893

«ldaerMZcitllng

Berlin, 3. Januar.

* Die Sendung des Generals von Los «ach Rom ist von freisinnigen Blättern und Leuten, die sich durch das Centrum gern aus allen Fährlichkeiten der Militärvorlage herausgezogen sähen, dahin ge­deutet worden, als sei ihr geheimer Zweck, den Papst zu einem Druck auf das Centrum zu bewegen. Daß ein solcher nicht zum zweiten Male werde versucht werden nnd daß man von Berlin aus deshalb nicht demonstrativ einen General nach Rom schicken werde, hätten fich diese Zeichendeuter zwar selbst sagen können, aber war wird nicht alles für möglich gehalten, wenn das Centrum in Frage kommt! Auch der Moniteur de gtome' hat sich darin gefallen, dem General den erwähnten Auftrag zuzuschreiben. Dieses Blatt sieht in der Sendung des Generals, wie schon gestern erwähnt, einen Beweis für „die verzweifelten «nd vergeblichen Anstrengungen", die man in Berlin mache, „um die Hilfe des Vatikans für die Durchbringung der Militär­vorlage zu erreichen; der hl. Stuhl habe aber durch­aus keinen Anlaß, sich um das Schicksal der deutschen Militärvorlage zu kümmern; die Hoffnungen, die man in dieser Hinsicht vielleicht auf den Vatikan fetze, seien eitel; es wäre unklug von der dmtschen Regierung, auf ein! Hilfe zu rechnen, die ausbleiben werde." Man weiß, daß der Moniteur de Rome' in den Händen von Franzofen ist, die darin für die Revanchepolittk arbeiten. Mit dem Vatikan steht er in gar keiner Beziehung mehr, wenn er auch behauptet, daß er „das treue Echo der Gedanken und Lehrm der hl. Stuhles" sein wolle. Der beste Beweis hierfür ist feine obige Leistung. Stände das Blatt noch in irgend welchem Verhältnisse zum Vatikan, so wäre ein solcher Artikel einfach unmöglich gewesen. Der hl. Stuhl würde doch nicht auf eine ihm vom deut- fchen Kaiser zugedachte außergewöhnliche Ehrenbezeu­gung mit derartigen Beleidigungen in der „vati­kanisch-offiziösen" Presse haben antworten lassen. Der Artikel hat einfach den Zweck, im Jnterefsr der Revanchepolittk das gute Einvernehmen zwischen dem hl. Stuhle und dem deutschen Kaiser zu stören. Der Reichskanzler that ihm eigentlich zu viel Ehre an, wenn er das Blatt durch die ,Nordd. Allg. Ztg.' in einem hochosfiziösen Artikel gründlich abfertigen ließ. Der Böswilligen und Unwissenden wegen aber mochte die Abfertigung doch immerhin angebracht sein. Der Moniteur' ist gar nicht im Stande-, aus die Katho­liken überhaupt einzuwirken, geschweige denn ihre Stellung zur Militärvorlage zu beeinflussen. Sollte der Artikel der .Norddeutschen' bloß die Auslassungen des .Moniteur de Rome' zum Anlaß genommen haben, um die deutschen Katholiken wegen der Sendung des Generals von 2c e zu beruhigen, so war er ganz über­flüssig. Die Katholiken haben sich mitgeehrt gefühlt, durch die Absicht des Kaisers und wissen ihm lebhaften Dank dafür. Die Ansicht, die Sendung habe Neben­zwecke, ist von der katholischen Presse sofort zurückge­wiesen, und konnte am allerwenigsten da Platz greifen, wo man näher über die Sendung Unterrichter war.

Ritter Kraft von Schweinsberg an den Deutsch­orden. Als die von Merlau dem deutschen Hause die Vogtei des Dorfes Kirchhain verkauften, ist er wiederum Zeuge. Dann sehen wir den Pfarrer Wiegand 1240 mit einer wichtigeren Aufgabe betraut. Die Richter deS Mainzer Stuhles tragen den Pfarrern von ! Schröck und Homberg als „viris discretis“ auf, eine Reise nach Fulda zu machen. In der Streitsache zwischen dem Deutschen Orden und dem Geistlichen Giselbert über das PatronatSrecht der Kirche zu Seelheim sollen sie beim Abt Erkundigungen einz-.ehen. Heber den Erfolg der Sendung liegt ein ausführlicher \ Bericht der beiden Pfarrer vor. Auch Abt und Äon» ' oeut stellen eine Urkunde aus, worin sie dem Mainzer । Stuhle erklären, daß die Vögte zu Seelheim kein Patronatsrecht der dortigen Kirche besäßen; eS stehe vielmehr dem Marburger Hospital zu. Daraufhin ent­scheiden jedoch die Mainzer Richter dem Streit d-finitiv zu Gunsten des von den Vögten präsentirten Giselbert, indem sie mit großem Aufwand von Scharfsinn dessen ! Berechtigung nachweisen. Sie begründen diesen Spruch ! de prudentum virorum consilio“, nach Befragung i kluger Männer. (Wyß, C. c. Nr- 68, 69, 70, 71.) ' Wir werden hierunter den Pfarrer Wiegand zu ver- ! stehen haben.

* Anläßlich des päpstlichen Bischofs-Jubiläums »erben, wie man der ,Pol. Corr.' aus Rom meldet, Kaiser Franz Josef, Kaiser Wilhelm, Königin-Regentin Christine von Spanien, König Georg von Sachsen, Prinz-Regent Luitpold von Bayern, Königin Viktoria von England und der Sultan außerordentliche Bot- fchafter nach Rom entsenden, um dem Papste die Glückwünsche dieser Souveräne zu überbringen. Die französische Regierung wird mit dieser Mission ihren ständigen diplomatischen Vertreter beim h. Stuhle bett Botschafter Lefebvre be Behaine betrauen. — Im Monate April wirb abermals ein päpstliches Con« sistorium stattsinben, in welchem bie Ernennung zweier neuer Karbinäle erfolgen bürste. Anläßlich dieses ConsistorinmS wirb Pronuntins Galimbertt ben Posten in Wien befinitiv verlassen unb nach Rom kommen, um ben Karbinalshut zu erhalten.

• Die Unterschrift „Nemo me impune lacessit (Niemanb reizt mich ungestraft), bie ber Kaiser seinem bent Justizminister a. D. v. Friebberg zum 80. Geburtstage übersanbten Silbe hinzugefügt hat, ver­dankt der ,Post' zufolge einem Zufalle ihren Ursprung. Der Kaiser hat erst an demselben Tage, an dem Fried­berg sein 80. Lebensjahr vollendete, von dem GeburtS- tag erfahren. Als er ihn an demselben Tage an einem Hoffeste traf, redete er ihn daraufhin an und tagte zu ihm: „WaS, Sie sagen das mir nicht einmal, daS muß ich so zufällig erfahren?" und fügte dann mit dem Finger drohend hinzu: „DaS darf nicht un­gestraft bleiben." Die Strafe war die am selbm Tage erfolgte Ueberfendung deS Bildes mit der viel- besprochenen Unterschrift.

* Der Reichstag beschloß auf Antrag deS Abg. Werner(Anttf.) die Einstellung der gegen Ahlwardt wegen Beleidigung schwebenden Strafversahrens und fetzte dann die Berathung deS Etats deS Innern fort. Abg. Bebel (Soz.) antwortete auf die vom Abg. Dr. Bachem am Dienstag an die Sozialdemokraten gerich- tete Anfrage über die Gestaltung ihres Zukunftsstaates, daß sie in ihrem heutigen Entwickelungs-Studium einen Zukunftsstaat überhaupt nicht anstrebten. Sie strebten auf Berbefferung der Lage der arbeitenden Klaffen in dem Rahmen der jetzigen Gefellschafts - Ordnung hm. Die bürgerliche Gefellfchaft, die felbst noch ein neueres Protest, fei aber nicht haltbar und dränge von felbst in naturnothwendiger Entwickelung zur sozialistischen Organisation, welche die Form des Staates nicht be- dürfe, da in ihr der Gegenfatz von Besitzenden und Besitzlosen nicht bestehe. In utopistischer Detailmalerei eines Zukunftsstaates könne sich deshalb seine Partei nicht emlaffen. Der Sozialdemostatie gehöre die Zu­kunft. Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) legte die Roth- Wendigkeit bar, bet von ben Sozialdemokraten ausge­rufenen Gewalt mit Gewalt entgegen zu treten unb gab eine Reihe drastischer Beispiele dafür, wie die Sozialdemokraten alle bösen Leidenschaften aufreizen, um für sich Propaganda zu machen und Hoffnungen zu erwecken, die nie erfüllt werden können. Abg. Dr. Bachem (Centt.) totes Bebel nach, daß er früher selbst die Nothwendigkeit betont habe, sich über den Ausbau deS Zukunftsstaates klar zu machen und daß in den

Bei ihrer Anwesenheit in Marburg im Jahre 1248 muß Pfarrer Wiegand mit ber Lanbgrsfin Sophie von Brabant, Elisabeth's Tochter, bekannt geworden fein. Sophie veranlaßte ben Pfarrer des stillen Dorfes am Lahnberg, feine Pfarrei zu verlassen und ihr Hoskaplan zu werden. Wahrscheinlich bewog sie hierzu das An­denken an ihre heilige Mutter. Wie schöne Züge auS dem heiligen Leben konnte nun Pfarrer Wiegand der Tochter als Augenzeuge erzählen. Zu wie vielen Gnaden- erweisen -sophien'S gegen Marburg und das spuat, die wir in den Urkunden verzeichnet finden, mag WigM- dus die Anregung gegeben haben. Er zog m« auf die Wartburg und nach Brabant. In einer zu Eisenach 1250 ausgestellten Urkunde finden wir ihn genannt: „Wigandus de Scirckede (!) capellanus noster. (Wyss, I. Nr. 97 ) Er war darauf sogar an der heMchen Regentschaft beteiligt Dann zog sich der fromme Mann weltmüde zurück und trat alS bemüthiger Bruder in den Deuttchorden, wo Wir ihn bei Gilterkäuscn des Ordens 1252 und 12o4 nochmals in seiner Unterschrift als frater Wigandus deSchreckede wiederfinoen. (Wyss, 1. c. Nr. 110 121.)

Keyren wir nun zurück zur stillen Kreuzkapelle am ' Lahnberge. Dieselbe lag auf hessischem Boden, dicht ! an der Mainzer Grenze, wo noch heute bie Grenzsteine

* Der mammouistische Zug unserer Zett macht sich immer mehr geltenb; er ist ein lehrreicher Grabmeffer basür, wie weit sich bie moderne Welt von bett Grunbsätzen bes Christenthums entfernt hat. Der Tanz um bas golbene Kalb ist bas Streben weiterer greife; wir sehen bie unersättliche Jagb nach mühe­losem Gewinn, nach bem blanken Golb, um bafür irbische Genüffe in ungezählter Menge zu verschaffen, in allen Formen unb Gestalten; aber wir sinb auch Zeuge ihrer traurigen Konsequenzen unb Ausartungen. Der Panama-Skanbal in Frankreich, bem sich in würbiger Weise baS „Panamino" in Neu­italien mit ber skanbalösen Gebarung ber „Banca Romana" anreiht, sinb wieber einmal grell leuchtmbe Früchte beS mobernen „Giftbaumes", genannt Börse. Alle Welt entrüstet sich jetzt über bie Skanbale, welche in Paris und Rom aufgedeckt werden nnd ein so trau­riges Schlaglicht auf die herrschende Korruption werfen. Man fiügt, wie denn solche Dinge überhaupt möglich find und wie eS kam, daß unter den Augen des Staates, der mit vielen Tausenden von Beamten und Sicher­heitsorganen aller Art strenge über jede Gefetzverletzung wacht, sich solche Massenbetrügereien und Bestechungen en gros abspielen können. Die Antwort wäre leicht gegeben für bett, bet etwas tiefer nach ben Ursachen zu blicken pflegt. Dort, wo baS christliche Sitten- gesetz nicht mehr gilt ober wo man sich, geblenbet von ber Macht bes Goldes, ohne GewiffenSsctupel übet bie Gebote ber Moral hinwegsetzt, wo bas Gewissen abgestumpft ist, wirb ber Arm des Staates gelähmt, sobald die Interessen deS Geldsackes ins Spiel kommen. Die kleinen Diebe fängt man, die Millionendiebe ber Börse aber werden sogar noch ausgezeichnet und haben in ber Politik eine maßgebende Hand. Die Affaire des Juden Herz in Paris, der neben ganz gemeinen Schwindeleien sich auch in der Rolle eines politischen und finanziellen Rathgebers der Republik gefiel, ist der sprechendste Beweis dafür; allein fie weist auf eine Mich ganz korrupte Atmosphäre in dieser Republik hin, sonst würde ein solches Individuum schon früher dahin gewiesen worden sein, wohin es gehört, nämlich ins Zuchthaus. Aber der Einfluß des Goldes blendet, Herz galt als ein „Finanzgenie" und so ward er denn in den leitenden Regierungskreisen der Republik durch Jahre hindurch gerne gesehen, man fragte nicht nach seinen höchst zweifelhaften Autecedentien, fondern schenkte ihm Freundschaft und Berttauen und ließ ihm freie Bahn für feine Börsenschwindeleien. Aber auch in Deutschland feiert die Börsenkorruption ihre Orgien! Man denke an die verkrachten Banquiers in Berlin, Potsdam, Hannover, Frankfurt und Leipzig mit ihren riesigen Depotunterschlagungen! Auch bei uns steht es so, daß die Mittelstände in Stadt und Land von dem mobilen Kapital aufgefressen werden, und doch ge­schieht Seitens der maßgebenden Kreise nichts Durch­greifendes zur Rettung der Produktivstände! Und doch liegt es im eigensten Interesse deS Staates, die beiden Produktivstände: Landwirthschaft und Gewerbe, annoch bie stärkste Schutzwehr gegen ben Umsturz, lebenskräftig unb blühend zu erhalten.

Die KreuMpelle am Lahnberg.

(Zur Geschichte der Pfarrei Schröck.)

(3. Fortsetzung.)

In Schröck hat sich bie Ueberlieferung erhalten, baß bie hl. Elisabeth ben Bewohnern bes Dorfes ver­sprochen habe, sie würben niemals burch eine Feuers­brunst heimgesucht werden. In der That weiß man fich im Dorfe eines Brandes nicht zu erinnern, und schreibt dieses dem Schutze der hl. Pattonin zu, bereit Statue barum über dem Kirchenthore aufgestellt ist.

Der bamalige Pfarrer von Schröck war burch Tugenb unb Gelehrsamkeit berühmt. Sein Name ist Wieg an b. Er hatte gesegnete Wirksamkeit in seiner Pfarrei Schröck und ber Umgegenb; fein Einfluß aber reichte über das ganze Land und die Diözese hinaus. Sowohl der Erzbischof von Mainz als der Abt von Fulda gebrauchten ihn als Vertrauensmann. So unter­zeichnete Pfarrer W-ganduS als Zeuge eine im Oktober 1233 ausgestellte Urkunde, worin Abt und Convent dem Francis cuShospital zu Marburg ihre zum fuldischen Hof in Seelheim gehörigen Güter in Rosdorf nnd Mardorf verkauften. (Wyß, Hesi. Urk. I. Nr. 37, 56, 75.) Bald darauf erscheint er als Vermittler der Uebergabe der Vogtei zu Seelheim burch den