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20. Jahrgang

Mittwoch, dm 1. Februar 1893.

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Deutsches Keich.

Berlin, 30. Januar.

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht folgenden Dankerlaß des Kaisers:

„Im Anschluß an die freudige Feier der Bcrmählung Meiner geliebten Schwester, der Prinzessin Margarethe von Preußen, hat sich Mein diesjähriger Geburtstag durch die An- weienheit vieler, Meinem Herzen nahestehenden Erlauchten Fürst­lichkeiten zu einem besonders frohen Feste gestaltet. Die herr­lichste Freude aber, welche Mir aus Anlaß dieser festlichen Tage geworden, bilden die Kundgebungen der Treue und Anhänglich­keit Meines Volke», welche Mir in den mannigfaltigsten Formen und in ungewöhnlich großer Fülle aus allen Gauen des Reiches und auch von außerhalb wohnenden Deutschen zugegangen sind. Bor Allem hat es Meinem Herzen wohlgethan, so häufig dem Ausdruck einer opferbereiten Baterlandsliebe und des Vertrauens in Meine aus des Vaterlandes Sicherheit gerichteten Bestreb­ungen begegnet zu sein, wodurch Meine Zuversicht bestärkt wird, daß diesen Meinen Bemühungen unter Gottes gnädiger Führung der Erfolg nicht fehlen werde. Ich bezeuge daher gern aus diesem Wege Allen, welche Meiner an Meinem Geburtstage so liebevoll gedacht haben, daß der Zweck ihrer Aufmerksamkeiten, Meine Festesfreude zu erhöhen, in vollkommener Weise erreicht worden ist und Ich Mich zu wärmstem Danke verbunden fühle."

* Das neu vermählte Paar Prinz und Pnn- zefsin Friedrich Karl von Hessen hat gestern Berlin verlaffen. Auch die meisten fürstlichen Hochzeits- und GeburtStagSgäfte find von hier abgereist, so im Laufe deS gestrigen Tages die großherzoglich badischen Herr­schaften, die Großherzöge von Sachsen und Oldenburg, der Prinzregeut von Braunschweig nebst Gemahlin, der Fürst zu Schwarzburg, der Herzog und die Her- zogin von Connaught u. A. Der Großherzog von Hessen gedenkt noch kurze Zeit in Berlin zu bleiben, ebenso haben Prinz und Prinzessin Heinrich von Preu­ßen ihren hiesigen Ausenrhalt auf Wunsch der KaiferS noch kurze Zeit verlängert.

* Das Abgeordnetenhaus setzte heute die zweite EtatSberathuag fort und erledigte zunächst den Rest des Etats deS Staatsministeriums ohne weitere Debatte. Ferner gelangte der Etat deS Ministeriums des Innern zur Annahme. Bei Berathung desselben entgegnete der Ministerpräsident auf die vor gebrachten Wünsche auf Vorlage einer neuen Landgemeindeordnung für die Pro­vinz Hessen-Nassau, dann auf Abänderung der Gesetz- gebuug dahin, daß in Hessen-Nassau gewisse Be­amtenkategorien nicht mehr ohne Weiteres zur Dispo­sition gestellt werden können, endlich auf Abänderung der Kreisordnung für Posen, sowie auf die Abstellung von Mißbräuchen im Versicherungswesen einzelner Ge­sellschaften und Agenturen: daß die Vorbereitungen für eine neue Landgemeindeordnung m Heffen-Naffau im vollen Gange (eien, daß für dm zweiten Punkt die Dringlichkeit nicht nachgewiesen und daß eine Ambe- rung der KreiSordnung für Posen ohne bleichzeitige Amverung in der Vertretung der Landgemeinden nicht thunlich fei. Auf die Versicherungsgesellschaften würde die Regierung ein wachsames Auge haben. Eine längere Debatte führte die vom Abg. Papendieck (bfr.) hervor­gebrachte Bekrittlung des BestätigungSrechtS, welch' Letztere« parteiisch gehandhabt werde, herbei. Minister­präsident Graf zu Eulenburg legte seinen Standpunkt dar, indem er erklärte: ES gäbe überall Männer, die sich in eine qew ffe Parteileidenschaft hineinarbeiten; er

- Die Kreuzkapelle am Lahuberg.

(Zur Geschichte der Pfarrei Schröck.)

Man höret oft im fernen Wald Bon oben her ein dumpfes Läuten. Doch Niemand weiß woher es hallt. Und nur die Sage kann es deuten. Bon der verlornen Kirche soll Der Klang ertönen mit den Winden.

(Uhland.)

DoS katholische Marburg glich in den Tagen des Mittelalters einer Festung des GebeteS- Um das Grab der lieben heiligen Elisabeth reihten sich im Bezirke der Stadtmauern 12 Kirchen, Kapellen und Klöster, deren Glöcklern die Bewohner zum geistigen Waffen- dienste riefen. Draußen in der weiteren Umgebung bildeten di« Klöster zu Hachborn, C al der n, Wetter u. s. w. die vorgeschobmen Forts, während auf den Höhm des LahnbergS und den Ausläufern deS Wester- waldeS Kapellen und Klausen al» Wachtpoftm sich dar- stellen. Außer dem sogen. Esilsgruud, (Einsiedlersgrund) erwähnen wir von dm Kapellen deS LahnbergS: Die Kapelle des Bruders Konrad (capella fratris Conradi), von OrdenLmeister Konrad von Thüringen an der Stille erbaut, wo Konrad von Marburg bei Beltershausen erschlagen worden war. Sie stand unter

werde, so lange er an dieser Stelle stehe, einen Mann nicht zur königlichen Bestätigung empfehlen, von dem er nicht mit gutem Gewissen überzeugt sei, daß er sein Amt zum Wohle der Kommune führen werde; er werde nach diesem Grundsätze bei Männern jeder Partei ver­fahren. Auf eine bezügliche Anfrage deS Abg. Francke- Tondern (natl.) erwiderte der Ministerpräsident Graf zu Eulenburg, daß die Cholera-Epidemie deS letzten Jahres die Regierung zu einer neuerlichen Erwägung der F.age der fakultativm Leichenverbrennung veran­laßt habe; das Ergebniß derselben sei aber auch hier wieder gewesen, daß die Leichenverbrennung nicht zu gestatten sei. Abg. Dauzenderg (Ctr.) sprach gegen die Leichenverbrennung aus religiösen Gründen. Mittwoch: Etat der landwirthschastlichen Verwaltung.

* Die Kommission deS Reichstages zur Vor- berathung der Entwurss eines Gesetzes, betrifftnd der Ergänzung der Bestimmungen über den Wucher, besteht aus dem Abg: Dr. v. Bar, Bödiker, Branden­burg, Büsing, Frhr. v. Buol-Berenberg, Vorsitzender, Dr. von DziembowSki-Pomian, Frhr. von Gültlingen, Schriftführer, Hitze, Graf von Holstein, Stellvertreter des Vorsitzenden, Dr. Horwitz, Letocha, Dr. v. Mar- quardlen, Munckel. Rmtelev, Freiherr v. Schleinitz, Dr. Schneider (Nordhausen), Stadthagen, Schrift­führer, Träger.

* Eine gestern in Berlin abgehaltene Anarchisten- Bersammluug von etwa 200 Personen wurde poli­zeilich aufgelöst, als ein Redner ausführte, daß der Selbsterhaltungstrieb zum Diebstahl zwinge. Vorher hatten sich mehrere Redner über die Anarchistenhetze beschwert, die auch von Sozial - Demokratm betrieben werde.

* Das .Militär-Wochenblatt' kommt auf seinen vielbesprochenem und vrekangefochtmen Aussatz über die „Militärische Jugenderziehung" zurück, indem eS dem Einsender einer Zuschrift das Wort gewährt, welcher dm Vorschlag, „gut gedienten Unteroffizieren nach Ablegung eines Examens ein: Bestallung als B ollö­sch ull ehr er auf dem Lande zu gewähren", als un­praktisch und undurchführbar, sogar als und iSkutir- bar bezeichnet. Der Einsender macht aber dafür einen anderen Vorschlag, nämlich den, den Lehrern ohne Unterschied eine intensivere militärische Ausbildung zu Theil werdm zu lassen. „Ich bin — so schreibt der­selbe — der Ansicht, daß nicht allein die militärische, sondern die Jugenderziehung überhaupt wesentlich ge­fördert werden könnte — physisch tote ethisch —, wenn unsere Lehrer selbst ohne Unterschied eine intensivere militärische Ausbildung erhielten. Jetzt dienen die Volks­schullehrer nur sechs Wochen. Sie lernen auf diese Weise eigentlich nur die Schattenseite einer kurzen militärischen Dienstzeit kennen. Sie selbst erfahren nicht die körperliche und moralische Stärkung, die mit einer längeren Dienstzeit verknüpft fein würde, und sind deshalb auch nicht im Stande — beim besten Willen nicht —, aus ihrer kurzen Dienstzeit da» in ihren Beruf mit hinüberzunehmen, was unserer Jugend­erziehung allgemein und militärisch zu Gute käme. Warum solle« allein die Lehrer, denen daS Volk sein Liebstes, seine Kinder, anvertraut, nicht den Ehren­

der ganz besonderen Obhut deS Deutschordens (oergl. darüber Lyß, hessische Urkunden I) und wurde erst vor ganz wenigen Jahren vom jetzigen Hofbesitzer abge- brochen. Berühmter wurde die Kreuzkapelle, sanctas crucis hinfet des Loyneberges, in der Nähe von Schröck, am jetzigm St. Elifabethbrunnen.

Schröck ist einer der ältesten Orte deS Heffen- landeS. Schon der Name führt uu» in die graue Vor­zeit. In dm ältesten Urkunden wird daS Dorf Ccrikede, Scrickede, Schrickede genannt, und Schrighede im 13.—15. Jahrhundert. Der Name wird von acric, Erhöhung, und der verallgemeinernden Silbe ede abge­leitet, so daß er etwa „hügelige Gegmd" bedeutet.

In der Nähe von Schröck führte die uralte „Heer­straße" ans der Wetterau nach Westfalen vorbei. Sie theilte sich hier in zwei Arme. Der eine setzte bei Anzefahr (Furt der Ansm, Götter, Riesmstraße), über die Ohm in» Thal der Edder; der andere führte an der Amenebnrg vorbei über Langenstein zur Schwalm. In der sogen. Schnappox zwischen Roßdorf und Schröck hat sich noch eine sichtbare Spur erhalten. Der hl. Bonifatius kam auf dieser Straße ins Hessenland und erreichte den benachbarten Königshof Seliheim (Seelherm). Damals war das Ohmthal bereits kultivirt. Die Kirchenruinm von Breitenbrunn, einem

dienst in Waffen hinlänglich kennen lernen? Sie würden dadurch sicher noch mehr befähigt werden, ein wahrhaftes und ein wehrhaftes Geschlecht heranziehen zu helfen. Ein wahrhaftes Geschlecht brauchen aber der Staat und die Gesellschaft, ein wehrhaftes die Armee und die Ration!" — Auch dieser Vorschlag wird wenig Sympathie finden, noch weniger aber die Begründung desselben. Bon der „moralischen Stärkung", die daS Soldatenleben in und außerhalb der Kasernen herbeiführen soll, haltm wir äußerst wenig, und die Schullehrer selbst werden auf diese Wohlthat „mora­lischer Stärkung" gern verzichten; es wird ihnen auch ohne dieselbe wohl gelingen, „ein wahrhaftes und wehr­haftes Gefchlecht heranziehen zu helfen." Der Bor- fchlag läuft eigentlich darauf hinaus, den Militärdimst der Volksfchullehrer als einen ptakfifchen Seminar- kurfus, als eine Art Fortbildung und Vollendung der Erziehung des BolkSichnllehrerS aufzufassen. Wir können unS dieser Auffassung nicht anschließen. So wenig, wie wir den Unteroffizier befähigt halten zum Volksschullehrer, ebensowenig können wir die Kaserne als ein Schullehrer-Seminar ansehen.

* Die Denkschrift, betreffend die Verwendung des „Afrikafonds" ist dem Reichstage zugegaugen. Der ÄsrikafondS wird als Beihilfe zur, Förderung der auf Erschließung Central-AftikaS unb anderer Länder­gebiete gerichteten wissenschaftlichen Bestrebungm ver- wendet. Zur Verfügung standen in der Sollausgabe der Rest ans dem Etatsjahr 1891/92 mit 119,124 M. 85 Pf., der Etatsfonds für 1892/93 mit 200,000 M., zusammen 319.124 M. 85 Pf.

* Pater Hörne, der hochverdiente, frühere Supe­rior dec MissionSstation Mrogoro in Deutschostafrika, ist am 24. Januar im Studienhaufe bet Väter vorn hl. Geist in Beauvais nach kurzer Erkrankung cm Lungenmtzündung gestorben. Pater Hörne war gebür­tig in Niederzeuzheim (Nassau), trat in die Kongrega­tion der Väter vom hl. Geist, war zuerst in West­afrika, bann in Ostafrika, zuletzt in der Station Mro­goro tijätig, welche von den berühmtestm Afrikareisenden Wißmann, Smin Pascha, PeterS, Junker u. A. als eine Musterstation gepriesen wurde. Im vorigen Jahre hielt Pater Hörne auf Veranlassung des AirikavereinS in einer Reihe von deutschen Städten VortiSge über MifstonSthätiakeit in Afrika.

* Die Württemberger Regierung scheint ein ausgebildetes Wahlbeeinfluffungssystem zu befolgen. Die Minister nehmen es als ihr gutes Recht in An- fpruch, ihre Hand bei den Wahlen mit im Spiele zu haben, was schon ans dem klastischen Umstand hervor­geht, daß der beeinflußte Oberamtmann die Gebühren für die mit den Regierungsparteien in der Wahkan- gelegmheit gewechselten Telegramme auf Staats­kosten verrechnet, als gehöre dieser Verkehr zu seinen Berufsgeschästen. Besonders geht es hervor au» einem Wahlerlaß deS früheren Finanzministers Renner. Dieser an die Finanzbeamten gerichtete Erlaß lautet nämlich wörtlich:

Vertraulich, Euer rc. -rc. bitte ich aus Anlaß der bevor­stehenden Wahlen für die Kammer der Abgeordneten fich mit den Oberamtmännern Ihres Amtsbezirks in Verbindung zu setzen, dieselben in ihren Bemühungen zu unter-

in der Geschichte des hl. BomsatmS genannten Dorfe in der Nähe des heutigen Holzhausen, und einige Mauerreste von Häusern sind heute noch vorhanden. Adalgeruz schenkte die dortigen Güter nach Mainz (bei Schannat und Dronke). Ebenso erscheint Eil oha, jetzt Ela, Wüstung beiRoßdorf, ErfrateShnsen (Er- furtshansen). Werfloh (Würfel bei Kirchhain, jetzt Wiesenfläche), in den damaligen GüterschenkungS- Verzeichnissen. ,

In Schröck hatte eine uralte adelige Familie ihren Stammsitz. In den Schenkungen an das Marburger Deutschhaus erscheinen häufig im 13. Jahrhundert die milites de Scrickede, Ritter vonSchröck, al8 fromme Schenker. Besonders häufig sind genannt: Ritter Albert, Berthold und Konrad von Schröck, Sibodo oder Stbido, Adelheid und Mechtild von Schröck. Auch die hewfche Familie von Gilsa war in Schröck begütert. (Wyß, Urkundenbuch.) Im Jahre 1220 verkaufte em Ritter Rudolf von Sch-öck nebst anderen Erben Güter an das Kloster Haina. Später verlegte die Familie der Ritter von Schröck ihren Wohnsitz auf den benach- barten Frauenberg, dessen Name von dem durch Sanbgräfiti Sophie erbauten Schlöffe herstammt, und noch später nach Ho Izh aus en. Sie änderte mit dem Wohnsitze jedesmal auch den Namen und ist noch jetzt

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