JV 24
den 29. Januar 1893.
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Deutsches Keich.
Berlin, 27. Januar.
* Wie die .Norddeutsche Allg. Ztg.' vernimmt, verschob der Großfürst-Thronfolger seine Abreise bis morgen Abend.
* General der Kavallerie Freiherr v. Los, komman- direvder General der 8. Armeekorps, wird die Glückwünsche des Kaisers znm Jnbilänm des Papstes als Spezialgesandter nach Rom überbringen.
* Die Militär-Kommission arbeitet nach dem Grundsatz: Immer langsam voran, immer langsam voran, damit der Kompromißmacher nachkommen kann. ES wird eine große Generaldebatte geführt ganz im Stil der ersten Lesung im Plenum, und obendrein pflegt man sich von jeder Sitzung stets erst ein paar Tage zu erholen, bevor da? Redeturnier fortgesetzt wird. Der nationalliberale „Staatsmann" Herr v. Bennigsen hat einen Kompromißvorschlag gemacht, der seinen Mannen ungeheuer weise dünkt: er will statt 60,000 nur 40,000 Mann mehr bewilligen. Da aber auch damit der Grundsatz der „allgemeinen Wehrpflicht", wie die Regiemng sie versteht, anerkannt wird, so ist der Bennigsen'sche Vorschlag als erster Schritt auf einer schiefen Ebene zu bezeichnen. Glücklicher Weise bat der Vorschlag keine Aussicht auf Annahme. Dar Centrum verharrt auf der Erklärung, nicht über die bisherige Friedenspräsenzstärke hinauSgehen zu wollen. ES will in eine Vermehrung der Rekruten nur so weit einwilligen, als die zweijährige Dienstzeit dies bei einer Beibehaltung der gegenwärtigen FriedevSpräsenzstärke nothwendig macht, und eS will dies auch nur dann bewilligen, wenn gleichzeitig die zweijährige Dienstzeit gesetzlich festgelegt wird. In der vorletzten Sitzung der Militärkommisfion hat namentlich der Abg. Dr. Lieber diesem unveränderten Standpunkte des Cm« IrumS abermals und in sehr präziser Weise Ausdruck gegeben. Der Reichskanzler Graf Caprivi hat aber sofort auf Lieber'« Rede, und dann wieder in der Kom- misfionSsitzung ebenso bestimmt erklärt, daß daS Aner- bieten des CentrumS für chn einfach „unannehmbar" sei. Da die Freisinnigen bis jetzt geschloßen die rstlffaffung des CentrumS theilen, so ist eine Verständigung über die Mllitärvorlage nicht mehr zu erwarten.
* Die Budget-Kommission der Reichstages nahm die Resolution Richter'S mit 19 gegen 2 Stimmen an, welche den Kohlenbezug der Marine-Verwaltung auS England billigt. Rur Hammacher und Möller stimmten dagegen.
* Ja einer kürzlich erschienenen Schrift „Scharfe Taktik und Revue-Taktik im 18. und 19. Jahrhundert" spricht der preußische Oberstlieutenant von MalachowSki von militärischer Jugenderziehung und empfiehlt bei dieser Gelegenheit, „gut gedienten Unteroffiziere» nach Ablegung einer Examens die Anstellung als BolkSschullehrer, insbesondere auf dem Lande, zu gewähren." DaS .Militär - Wochenblatt' empfiehlt diesen Vorschlag mit vollem Ernste zur Verwirklichung folgendermaßen: Vom militärischen Standpunkt aus
Um den Lorbeer.
Roman von I. Sandhage.
(36. Fortsetzung.)
Sie gingen hinaus. Tante Mechthild lud den Bürgermeister zu einer Spazierfahrt nach HsuS Lands- deck ein. Allein er lehnte eS ab. Er habe einen Gast, den Staatsanwalt Helweg, eS gebe Allerlei zu thun. Sie schieden. Wie trieb eS die Tante jetzt nach Hause zu dem unglückseligen Konrad. Was würde er sagen? Vorsichtig mußte sie ihm die Freudenpost übermitteln. Dieser stolze Gemüth würde mit der Erkenntniß seiner schreienden Unrechter gegen seine Frau den Todesstoß empfangen. Als die Dame auf Haus LanbSbeck angelangt war, zog sie sich mit chrem Reffen Kurt v. Romberg in ihr Kabinet zurück. Stundenlang währte die Unterredung mit ihm, so daß dem armen Konrad die Zeit dieser geheimen Sitzung schier zu lang wurde. War hatten sie nur zu berathen? Wie ernst die gute Tante bei ihrer Heimkehr drein gesehen hatte. Von Unruhe gepeinigt, lief er in seinem Zimmer auf und ab.
Ihm war allmählich zu Muthe, als ob die Verhandlung im grünen Kabinet sich mit ihm befaßte. Endlich hielt er er nicht länger auS. Er klopfte an die Thür und begehrte Einlaß. Man hatte sich abgeschlossen sogar. ES wurde immer unheimlicher. Welcher Ge-
betrachtet, würde damit dem fühlbaren Mangel an Unteroffizieren abgeholfen werden können, da manchem Unteroffizier eine Stelle als BolkSschullehrer begehrens- weither sein werde, als die ihm jetzt offenstehenden Stellen als Schutzmann, Steuerausseher rc. Die Tauglichkeit der meisten Unteroffiziere für den Volksschullehrerposten stehe außer allem Zweifel. An Pflichttreue, Gewissenhaftigkeit und innerer Reife stehen sie im Durchschnitte der von den Seminarien entlassenen jungen Leute gewiß voran. Die „prattische Pädagogik, die sie Jahre hindurch geübt haben", sei „zweifellos mehr werth als ein theoretischer Kursus darüber". Die Gewöhnung an Gehorsam, Zucht, Ordnung könne auch die Kirche allein nicht mehr leisten, daS vermögen nur Lehrer, die zunächst selber zu gehorchen und dann in richtiger Weife zu befehlen gelernt haben. „Auch das Maß der Kenntnisse dürfte bei den Unteroffizieren in den meisten Fällen genügen. Die Leistungen der Regiments- und Kapitulantenschulen sind höchst bedeutend und werden in Civilkreisen wohl vielfach unterschätzt oder kaum gekannt. Schon Friedrich der Große habe ja seine ausgedienten Unteroffiziere zu Schullehrern gemacht." Was zunächst die Gegenüber- stellung der Unteroffiziere zu den Lehrern betrifft, so bedeutet daS so viel, als eine Degradatton der Lehrer- zum Korporal. Im Uebrigen kann ein Vorschlag, der mit einer solchen Impertinenz begründet ist, nur von einem Königl. preußischen Samaschenreiter kommen. SS ist höchste Zeit, daß sich das Bürgerthum gegen die Ueberhebung der Militarismus erhebt. Die ,Frkf. Ztg.' nennt mit Recht den „Vorschlag" v. MalachowSki ungeheuerlich und eine unerhötte Beleidigung veS Volkes — er ist auch eine unwürdige Herabsetzung des LehrerstandeS.
* Bresla», 26. Jan. Kardinal-Fürstbischof Georg wird voraussichtlich noch am 3. März, als dem Krö- nungStage des Papstes, in Rom verweilen. Demgemäß ist der Einzug in Breslau erst nach dem 3. März zu erwarten.
* Trier, 26. Jan. Die Sperrgelder der Diözese Trier werden von der Regierungshauptkaffe nach heute erfolgter Ermächtigung ausgezahlt.
* Bochum, 25. Jan. Die Zahl der gemaßregelten Bergleute im Ruhe-Revier wird auf 4600 geschätzt- ES wird beabsichtigt, an allen Orten des Bezirks Lokalversammlungen zu Gunsten der Gemaßregelten abzuhalten und eine große Versammlung aller Reviere für den 2. Februar vorzubereiten.
Ausland.
* Lüttich, 26. Jan. Die Ueberschwemmung nimmt zu; die Lüttich-L-mburger Bahn ist gänzlich überschwemmt und stellte den Dienst ein. Zahlreiche Häuser stehen unter Waffer, mehrere Gebäude sind eingestürzt. Auch in verschiedene Kohlen - Bergwerke ist dar Waffer eingedrungen.
* Petersburg, 27. Jan. Zur Feier der Geburtstages Kaisers Wilhelm fand bei dem Zaren ein Familienfrühstück statt, wozu der deutsche Botschafter
heimniß beschäftigte die Beiden? „Nehmt mich als Dritten im Bunde zu Eurer Konferenz!" rief er halb lachend, halb grollend. Da, die Thür öffnet sich. Blaß, verstört steht Kart vor ihm. Die Tante hat verweinte Züge. Er ahnt Schreckliches. Diese Spannung ist ihm unerträglich. Er leidet Folterqualen der Angst. Besser ein offenes Geständniß, als diese nagende Zweifel ertragen müffen. Mag auch die Offenbarung einer schrecklichen Thatsache ihn zerschmettern, er will e8 wissen, war sie vor ihm zu verbergen streben. Er fällt von qualvoller Erwartung wie gebrochen auf den Stuhl hin. Wie todeSttaurig die Beiden ihn ansehen. AIS ob sie im Begriffe stehen, ihm sein TodeS- urtheil zu verkünden. Hat er sein Weib gelobtet? Oder waS kann es sonst sein?!
Endlich findet die Tante den traurigen Muth, diese lange, unheimliche Pause zu unterbrechen. Sie erzählt ihm Wort für Wort, schonend, theilnahmSvoll, aber ohne mit einem Hauch sein Unrecht zu beschönigen, waS sie heute Alles erfahren hat von Brigitta, was ihre eigenen Ohren an Selbstanklagen von den Lippen des fiebernden Kranken gehört und was schließlich noch der zufällig hinzugekommene Bürgermeister ihr bestätigt hat.
Konrad sitzt da wie ein -zum Tode Berurtheilter, der seinen Richterspruch vernommen hat. Die Augen
Werder geladen war. Kaiser Alexander brachte die Gesundheit Kaiser Wilhelms auS.
* Rom, 25. Jan. In der Sala Ducale feierte Pa pst Leo heute früh 8Uhr das hl. Meßopfer. Dan« empfing er den Pilgerzug der Lazaristen und der Fille» de Charit«, bestehend auS 700 Pilgern. Nach der DanksagungS-Meste verlas der General der Lazaristen, P. Fiase, eine Adresse. Die Antwort des Papstes wurde von Msgr. Rudini - Tedeschi, dem Präfidenten der Jubiläums-Kommission, verlesen. Der überreichte Peterspfennig betrug über eine halbe Million Franks aus allen Welttheilen. Darauf fand die Aufstellung der Pilger in den Loggien statt, in denen der Papst im offenen Tragsessel die Reihe entlang getragen wurde. Außer Kardinal Kopp warm noch anwesend die Kar- dinäle Krementz, Malagola und Guarino. Zum Schluß fand der Empfang von Abordnungen auS Modena und Fermo statt. — Obschon die auswärtigen Kardinäle sich nicht in der Weise an den Arbeit«, der römischen Kongregationen betheiligen können, wie die Kardinäle in ouria, so werden dieselben doch ver- schiedenen Kongregationen zugetheilt, in welchen sie Sitz und Stimme haben. Der Kardinal-Erzbischof von Köln gehört zu den Kongregationen der Propaganda, der Ritm, der Ablässe, der Disziplin und der Bischöfe und Regularen. Kardinal Kopp ist Mitglied der Kongregationen der Propaganda, der Studien, der Abläffe und deSKonzilr. KardinalGuarino vonMessina istMitglied den Kongregationen der Regularm, der Riten, der Index und der Ablässe, Kardinal Vaughan denjmigen der Propaganda, deS Konzils, des Index und der Zeremonien und Kardinal Logne denjenigen der Propaganda, des Konzils, deS Index und der Zeremonien und Kardinal Logue denjenigen der Propaganda, der Abläffe, der lauretanischen und der Cerernonien zugetheilt worden. — Die als JubiläurnS-Geschenk für dm Papst bestimmte JoachimSkirche in dem neuro Stadttheil Prati del Castello, deren Grundstein tm Oktober 1891 gelegt wurde, wird bis zu den Jubiläum-- Festen noch nicht vollmdet fein. In dm jüngsten Tagen wurde allerdings die letzte Säule aufgerichtet, was unter gewissen Feierlichkeiten vor sich ging, aber unter Dach dürste die Kirche erst gegen Ostern kommen und ihre Vollendung ist vor dem Frühjahr 1894 nicht zu erwarten. Gleichwohl gedenkt man in den nahm Ju- biläumstagen dort einen Festgottesdienst zu halten, ver- bnndm mit einer kleinen Ausstellung in dem anstoßen- den Garten. Die Kirche soll mit allen technischen Ber- vollkommnnngm der Neuzeit versehm »erben, mit elektrischem Licht, Auszügen nach dm oberen Galerien u. f. w. Die Art der Ausstellung im Jnnem hängt noch von der Höhe der »eiteren Gaben ab; inzwischen stiften manche Diözesen statt deS Geldes Marmor» und andere ©orten Steine für die innere Ausstattung.
* Der italienische Finanzskandal, welcher durch die ,Banca Romana' veranlaßt ist, wird nun doch noch die parlammtarifchen Wogen hoch gehm lasten. 8S sind deshalb nicht weniger als siebm Anfragen und 8 Jnterpellattonen bei der Kammer eingegangen, bereit Berathung nunmehr begonnen hat unb sich längere
blicken starr wie in einen fchaurigen Abgrunb, bei sich zu feinen Füßen jählings geöffnet hat. Alle Farbe ist auS feinen; Antlitz gewichen; ein Zittern fchüttelt ferne Gestalt. Der starke Mann ringt mit einer Ohnmacht. Dann plötzlich stößt er einen Schrei auS und nun stür- zm bie Thränen hervor, unaufhaltsam. — „Gottlob! er ist gerettet," schluchzt Tante Mechthilb in ihr Spitzen- tuch hinein.
„Ich fürchtete, er könne wahnsinnig werben," raunte Kurt ausathmend ihr zu. ,
Ja, er war gerettet. Aber körperlich brach er zusammen. Ein Nervenfieber streckte ben schwer geprüft« Mann wochenlang auf'S Krankenlager. Tante Mechlhilb würbe aus Haus LanbSbeck unentbehrlich. Für Kurt aber begann eine aufregende Zeit. Schon am folgenden Tage traf auf Haus LanbSbeck die Todesnachricht von Kmtm ein. Antonio war nicht mehr. Aber er hatte Brigitta beaufttagt, den Jrrthum, daß Lucia Constan- cm'S Tochter fei, bei Konrad von Wüllefen aufzukiärm. Kurt war dann zum Bürgermeister geeilt und hatte dort von dem Briefe erfahrm, der die Urfache eines MißverständnisteS zwischen ihm und Malve geworden. O, man mußte die Zeit nur walten lasten, beim Gott, bet über beit Wolken thront und die Schicksale der Erden- kinder leitet und lenkt, führte gewiß Alles zum Gutm. Durch Nacht zum Licht, durch Kampf zum Sieg! War