20. Jahrgang
Samstag, den 28. Januar 1893.
llldaerWZeitiing
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Deutscher Keich.
Berlin, 26. Januar.
♦ Der Kaiser nahm heute Morgen den Vortrag deS KnegSministers entgegen. Um 12 Uhr nahmen Se. Maj. mit Sr. Kaiser!. Hoheit dem Großfürsten- Thronfolger von Rußland an einem Frühstück bei dem Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Theil. Bei dem Frühstück brachte der Kaiser folgenden Toast aas:
Gestatten Euer Kaiserliche Hoheit, daß Ich als ältester Kamerad des Regiments, altem Herkommen gemäß, das erste GlaS auf Euer Kaiserlichen Hoheit Allerdurchlauchtigsten Herrn Bater leere. Uns Allen hier beim Regiment sind noch die gnädigen Worte iu lebendiger Erinnerung, mit welchen Seine Majestät der Zar Sein Regiment beglückte bei Seinem Besuche im Jahre 1889. Die vielfachen Gnadenbezeugungen und daS rege Interesse, das Seine Majestät Seinem Regiment allezeit gewährt hat, sowie die steundschaftliche Antheilnahme an den festlichen Ereignissen Meines Hauses, welche in der Sendung Euer Kaiserlichen Hoheit zu der eben stattgehabten Feier gipfelte, verpflichten Mich zu »ärmstem Danke. Wir Alle fehen in Ihrem Kaiserlichen Bater nicht nur den hohen Chef deS Regiments, nicht nur unfern vornehmsten Kameraden, sondern vor Allem den Träger altbewährter monarchischer Traditionen, oft erwiesener Freundschaft und inniger Bande intimer Beziehungen zu Meinen Erlauchten Borgängern, deren Erfüllung in früheren Zeiten russische sowohl wie preußische Regimenter aus dem Schlachtfelde vor'm Feinde mit ihrem Blute besiegelten. Erheben Sie die Gläser und rufen Sie «ns vollstem Herzen: Seine Majestät der Zar Hurrah!
Hierauferwiderteder Großfürst-Thronfolger:
Ich danke Euer Majestät für die warmen Worte, welche Sie soeben auf Meinen Bater gesprochen haben und teinte aus das Wohl Euer Majestät. Hurrah! Ich trinke auf das Wohl unseres braven Alexander Garde-Grenadier-RegimentS. ES lebe hoch!
* Der »Reichs- und Staatsanzeiger' schreibt vom 25. d. M.: Heute fand in Gemäßheit der Allerhöchsten Bestimmungen die Feier der BermLhluug Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Margarethe von Preußen mit Seiner Hoheit dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen statt. Nachdem um 4 Uhr Nachm. im Palais Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Friedrich die Unterzeichnung der Ehepakten erfolgt und «nmtttelbar darauf die Ehe de» hohen Brautpaars vor bem die Funktionen des Standesbeamten für die Mit- glieder der Königlichen Hauses wahrnehmenden Minister de» Königlichen Hauses von Wedel geschloffen war, wurde gegen 5 Uhr in der Kapelle des Königlichen Schlosses die kirchliche Einsegnung der Ehe durch den General-Superintendenten Dr. Dry ander vollzogen. Dieser kirchliche Akt, sowie die daran sich anschließende Festlichkeit haben überall nach denjenigen Allerhöchsten Anordnungen stattgefunden, welche in dem darüber aufgestellten Programm schon früher zur öffentlichen Kenntniß gebracht worden find. (Nähere Mittheilungen über die Hochzeitsfeier der Prinzessin Margarethe folgen in der nächsten Nummer. D. R.)
* Der Entwurf eine- Gesetze-, betreffend „Rnhe- gehaltsklaffen für die Lehrer und Lehrerinnen <m den öffentlichen Volksschulen", ist dem Herrenhause zugegangen; er enthält im wesentlichen folgende Bestimmungen: Behuf- gemeinsamer Bestreitung de-
Um den Lorbeer.
Roman von I. Sandhage.
(35. Fortsetzung.)
Da» dem Menschenherzen angeborene Bedürfniß, in schwierigen Fällen da- eigene Urtheil demjenigen eine- Anderen zu unterwerfen, wollte fein Recht in ihm. Nie hatte er e- so empfunden, al- in dieser Stunde. Als ob er eine Last von sich abgeschüttelt, fühlte er sich; obschon die Tante nur eine einsilbige Zuhörerin gewesen.
In der Morgenfrühe bestellte sie den Wagen. Sie fahr in der gelben Staatskutsche nach Kenten. „Man maß doch einmal nachschauen, wie e- dem alten Retter unseres Kinde- ergeht," hat sie zu Kurt gesagt, der Konrad Gesellschaft leistete.
„Pudelnaß hat man ihn, der in Ohnmacht gefallen, nach Hause getragen. DaS konnte schlimme Folgen haben. Damen denken gleich an Alles und treffen gleich da» Richtige," meinte Kurt, zu Konrad gewandt. .Tante Mechthild wird nebenbei ein Plänchen im Kopfe haben."
20. Kapitel.
„Mein Bruder fiebeit stark; er phantasirt, und der Arzt erklärt: eS wäre.-die Lungenentzündung," so be- richtete Brigitta der Matrone in schwarzer Seide, die in der gelben Kutsche vor das HauS gefahren war.
durch dm Staatsbeitrag nicht gedecktm TheilS der Ruhegehälter der Lehrerinnen an den öffmtlichen Volks- schulen wird für die zur Aufbringung verpflichteten Echulverbände (Schulsozietäten, Gemeinden, Gutsbezirke,) vom 1. April 1893 ab in jedem Regierungsbezirk eine Ruhegehaltsklaffe gebildet. Die Verwaltung der Kaffe erfolgt durch die Bezirksregierung. Die Kassengeschäfte werden durch die Regierungshauptkaffe und die ihr unterstellten Kaffen unmtgeltlich besorgt. Die Jntereffen der SchuluvterhaltungSpflichtigen an der Kaffe sind von einem, am Sitze der Bezirks- regierung wohnenden Kass en an walt wahrzunehmen. Der Kaffmanwalt wird von dm Borständm der Schulverbände (Schulsozietäten, Gemeinden, Gutsbezirke) nach näherer Anordnung der Bezirksregierung mittelst schrift- licher Abstimmung für je 6 Rechnungsjahre gewählt. Für jede der Kaffe angehörende Schulstelle wird eine (Stimme geführt.
* Die Regierungsvorlage über dm Haufirhaudel läßt ungewöhnlich lange auf sich warten und wird wahrscheinlich im Laufe der gegmwärtigen Session nicht mehr an den Reichstag gelangen. Die offiziösen ,Berl. Poln. Rachr.' bereitm darauf in folgmder Weise vor: „Ob dec Reichstag noch in der laufenden Tagung Gelegenheit erhaltm wird, sich mit einem vom BundeS- rathe ausgehenden Sefetzmtwurf über den Haufirhandel zu beschäftigen, ist, selbst unter der Voraussetzung, daß der BundeSrath mit den hierauf bezüglichm Erörterungen in naher Zeit zum Abschluß kommen sollte, vomehmlich im Hinblick auf die Fülle von gesetzgeberischen Auf- gabm, beten Lösung bem Reichstage noch zusteht, kaum wahrscheinlich. Als ziemlich gewiß barf eS jedoch an- gesehen werdm, daß, nachdem einmal die Frage der Abänderung deS deu^ Gewerbebetrieb-is.
betreffenden Titel- der Gewerbeordnung zur Anregung gebracht ist, dieselbe auch eine gesetzgeberische Erledigung finden wird."
* Die deutsch-freisinnigen Abgeordneten Dr. Baumbach und v. Bar haben beim Reichstage eine Er- gänzung der Gewerbeordnung zu Gunsten der Zu- laffung der Frauen zur ärztliche» Praxis ein- gebracht.
♦ DaS Abgeordnetenhaus erledigte in der heutigen Sitzung zunächst den Etat deS Justizministerium-. Beim Kapitel „Oberlandesgerichte" befürwortete Abg.Goeß- mann die Errichtung eine» Landgerichts in Fulda und die Wiedereinführung der Berufung in Straf- fachen. Abg. Boediker lenkte die Aufmerffamkeit de» Justizministers darauf, daß zwei katholische Fei«tage in de» neuen Provinzen von der Allerhöchsten Ordre von 1832 nicht berührt würden. Der Kommissar deS Justizministers erklärte, daß dies bisher der Justizver- waltung nicht bekannt gewesen sei, und dankte für die Anregung. Beim Kapitel „Landgerichte und Amtsgerichte" wurdm von verschiedenen Seiten Wünsche über die Gehaltsaufbesserung für die mittleren und unteren Beamten vorgebracht. Sodann trat daS HauS in die Berathung deS Etats der Forstverwaltung. Derselbe wurde in längerer unerheblicher Verhandlung
ebenfalls erledigt. SamStag: Etat deS Ministeriums deS Innern.
* Im Reichstage begann heute die Spezialberath- ung deS ReichShauShaltSetatS für 1893/94. Beim Etat deS Reichstages wurde der Mangel einer vollständigen Katalogs der Reichstagsbibliothek zur Sprache gebracht. Ein neuer Katalog, von dem der erste Band bereits erfchimen ist, befindet sich in der Bearbeitung; dieselbe hat jedoch durch die Erkrankung des Bibliotheks- Assistenten Dr. Blömcke eine Verzögerung erfahren. Beim Etat deS Reichskanzlers und der Reichskanzlei brachte Abg. Dr. Barth (dft.) die Handelsverträge zur Sprache, um die neuerlichen Angriffe gegen dieselben im Abgrordnetmhause zurückzuweism. Von agra- rischer Seite habe man eS so darzustellen versucht, al» ob der laudwirthschastliche Rothstand auf den Gipfel steigen würde, wenn eS noch zu einem deutsch-russWm Handelsverträge kommen sollte. Die Bertheidigung de^ HandelSverttäge fei im Abgeordnetenhause eine so schwächliche gewesen, daß über den Eindruck derselbm im Lande Besorgniß entstehen rnüffe. Um jedoch eine solche Auffassung nicht auftommen zu lassen, werde die Regiemug gut daran thun, hier ihre Stellung klipp und klar auszusprechen. Redner polernisirte dann gegen die Klagm über die Nothlage der Landwirthschaft und gegen einen in der ,Kreuzzeitung' veröffentlichten Auf- ruf deS GmeralpächterS Ruprecht in Ransern bei Breslau, welcher sogar dm Agrariem empfehle, einmal unter die Sozialdemokraten zu gehm und gegen die Regierung Front zu machm. Demgegenüber rechne die Handelswelt darauf, daß die Regierung sich nicht ein« schüchtern, sondern die Politik der HandelSverttäge weiter fortsetzm laffe. — Graf Kanitz (kons.) be- -fcauett, daß Angriffe imf das Abgeordnetenhaus, das „nur in beschränktem Maße als die BolkSverttetung anzusehen sei", im Reichstage geduldet »erben. Was bie Freisinnigen von ben Reichstagswahlen zu erwarten hätten, das lehre ArnSwalbe und Liegnitz. Redner sucht nachzuweisen, daß die Handelsverträge für Industrie und Landwirthschaft nur ungünstige Folgen gehabt haben. — Staatssekretär v. Marschall: Welche Zollpolitik die Bereinigten Staaten und Frankreich ein« schlagen, das ist Sache dieser Länder, unsere Sache ist, daraus die Konsequmzm zu ziehen, die wir in unserem Interesse für richtig halten. Die Wirkungen der Handelsverträge sind noch nicht überfehbar. Redner schildert, warum der Uebergang zu einer gernäßigtm Schutzzollpolitik nothwmdig gewesen sei. — Rickert (freis.) vertheidigt bie Handelspolitik der Regierung und polemisirt in längeren Ausführungen gegen Graf Kanitz und deffen Parteigenoffen im Abgeordnetenhause, von denen der kons. Abg. Kroecher sogar den Land- wirthschaftsminister znrn Rücktritt aufgefordert habe. Rach längerer Debatte wird um 51/, Uhr die Diskussion über bie HanbelSverträge geschloffen und bet Erat beS Reichskanzlers bewilligt. SamStag: Fortsetzung der EtatSberarhung.
* Arnsberg, 25. Jan. Eine Vertrauensmänner- Versammlung der CentrumSpartei aus dm Krei-
Wie schön und edel von der Dame, sich persönlich nach dem Befindm deS Krankm zu erkundigen.
Sie saßen im Mufikzimmer, Tante Mechthild, Lucia und Brigitta. Nebenan lag der Maestro in seinem Schlafzimmer.
Man tonnte ihn deutlich in seinen Fieberträumm belauschen. Gellmd laut schrie er nach Otto, dessen Tod er beklagte. Dann rief er Constancen'- Namm und schrie, daß er auch sie getödtet habe. Dazwischm nannte er bie Namen seiner Ellern und ost betete er: Gott möge ihm verzeihen, ihm ein gnädiger Richter sein.
„War da- Phantasie?" Lucia fühlte ein Grausm, so oft sie am Krankenbette verweilte. Aber seltsam, sobald sie sich ihm nahte, wurde er ruhig; legte sie ihm die kühle feine Hand auf den Scheitel, auf die Stirn, so lächelte er und schlief ein. Ihre Nähe wirkte wahrhaft beruhigend auf sein Nerveniystem, da- bestätigte der Arzt und knüpfte eine Phrase daran, Lucia aber machte ihre eigenen Gedanken. Sie fühlte sich mehr und mehr in der Einsicht bestärkt, daß sie Beruf zur Krankenpflege habe. Dann war ja beim Tode ve- Maestro'S der Weg zum Glück für sie gefundm. Diese Erkenntniß hob sie über alle- sonst Widerwärtig- der Gegenwart hinaus. Brigitta jammerte wie nn hilfloses Kind. Sie war eine rechtschaffene treue Natur, aber sie verstand nur zu schaffen in mechanischer Arbeit; ; sie verstand zu sparen, zu erhalten.
In Fällen wie hier fehlte ihr der Kopf, daS Genie zum Beherrschen der Situation. Hier bewährte sich die bevorzugte Natur des jungen talentvollen Mädchen. Lucia zeigte sich ihr jetzt an praktischem Verstand sogar weit überlegen. Nicht bie Jahre allein bilden da- Vorrecht höherer Einsicht, wenn auch die Summe von Lebenserfahrung mit in die Wagschale gelegt wird. Angeborener Scharfsinn mit Energie und Thatkrast gepaart, ersetzm in begnadeten Naturen, auch »m ingettd- lichen Alter schon, ein Kapital von praktischer Er
fahrung.
Brigitta sandte Lucia zu dem Kranken, als er wieder zu phantasiren begann. Jetzt war sie mit der Dame allein. Tante Mechthild'- Blicke, geseffttt von Luc-a'S anmuthiger Erscheinung, warm ihr, bis sie ver- schwanden, gefolgt. Brigitta^sah eS und eufzte
„Das arme junge Ding , nef sie, den Zipfel der Schürze an ihre Augen führend, „reibt sich vor der Zett auf. Das Unglück verfolgt uns auch förmlich feit Jahren schon. Aber gnädige Frau sind mit dem Herrn Baron verwandt und hegen auch vielleicht ein Bor- urtheil gegen uns — sonst" ste stockte.
O, nein, gewiß nicht, gutes Fräulein," nef Tante Mechthild, die ihre Aufgabe zu lösen hergekommen war und nun kein anderes Verlangen kannte, als Brigitta dieses ehrliche Geschöpf, zum Reden zu bringen. ES hatte bi» jetzt den Anschein, daß eS ihr gelang. Brigitt