20. Jahrgang
Freitag, dm 27. Januar 1893.
uldlicrWZeitiliig
Erscheint tS-lich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. AterteljLhrlicher «bounemeatrpreis ohne Bringerlohn und
Zum Geburtstage des Kaisers.
Heil Wilhelm Dir! Die Hellen Glocken rufen Es jubelnd zu Dir Deutschem Kaiserpaar;
ES steht Dein Volk an Deines Thrones Stufen Und bringt Dir freudig feine Wünsche dar.
Dein treues Volk - wie einst in bitt'rem Leide, Als in dem Sarg Dein Heldenvater lag, So weilt es heute froh an Deiner Seite Und feiert mit den hohen Freudentag.
Im Norden weh'n und fern im Süd' die Fahnen, Ein einig Volk, so steht All-Deutschland da, Die hehren Geister unsrer taps'ren Ahnen, Sie sind dem schönen Bund der Söhne nah!
So reichet heute denn zur Freuden-Feier Ihr deutschen Brüder euch die Hand, Hell tönt des Volkes Wunsch und hell die L.yer: „Dem Kaiser Heil und Heil dem Vaterland!"
Um dm Lorbeer.
Roman von I. Sandhage.
(34. Fortsetzung.)
„Mache einmal, wie der Maestro thut," sagt jetzt die Bonne zu dem kleinen Schelm. Sofort setzt er sich Positur, kreuzt die kleinen patzigen Händchen auf dem Rücken und marschirt mit weitousholenden Schritten auf und ab. Wie gravitätisch der Schäker dabei auS- fieht. Alles lacht; aber dann verweist Tante Mechthild der Bonne, daß sie ihm solche Kunststücke, b'e sich nicht schicken, erlaubt.
Artig muß er werden und Niemandem, auch tm Scherz nicht, nachäffen," belehrt sie dar Mädchen. Mit einem Kuß wird Otto entlassen
Auf dem Teiche in der Nahe des Forstes gleiten ein paar Schwäne auf und nieder. Otto füttert sie täglich. Das Mädchen führt ein Buch in der Tasche bei sich, in dem es heimlich liest, wenn es sich von dem klugen Knaben unbeobachtet weiß. Es ist gerade bei einem sehr spannenden Kapitel angelangt und sehnt sich, ein wenig an ihrer Lektüre naschen zu können. Da steht sie den Fremden auf der Bank.
Er winkt ihr; sie fetzt sich zu ihm. Otto hat kaum den Alten erkanrt, als er, wie mit der Peitsche gehetzt, von dannen flieht. Der Alte schmunzelt. Laß ihn
laufen, daS verkörperte Kreuz meines Lebens, denkt er. Er hat das Mädchen so Vieles die kreuz und quer zu fragen. Die Bonne ist plaudersüchtig. Sie erzählt, daß sie aus Kenten sei und neber grobem Bauernvolk auf dem Schlosse diene. Der Knabe sei eigenwillig und schwer zu leiten, zu hüten. Wenn der Lohn nicht so groß und Fräulein Mechthild nicht so gut wäre, so halte sie es nicht länger au«.
Antonio hörte Alles gleichgiltig an; er wollte sich erheben und fortgehen, da bannte ein entsetzliches Geschrei seinen Fuß. .
Die Bonne fliegt von ihremSitze empor. Sie wird von Angst gepackt. Wenn der Junge m den Teich ge- fallen wäre! Gestern schon wollte er durchaus mit dem lecken Boote fahren, das an der Kette am Ufer lag. Solch' ein Waghals von Buben. So rast sie dahin ; ihr nach mit fliegendem Haar der Alte. Auch er wettert und knurrt vor sich hin über den dreisten Schlm- gel. Aber wenn daS Unglück geschehen /st, wer tragt daran die Schuld? Hätte er die fatale Schwatzen» nur nicht angehört, sie nur mit kemem Auge geschen. Er kann den Gedanken mcht abschütteln, daß bet Tod deS Knaben auf seine Seele kommt; der Junge lief seinem Anblick davon und — „ES ist gräßlich. mur
Ach"und er kann nicht weiter; die Füße sind ihm
» DaS preußische Abgeordnetenhaus genehmigte heute die Etats deS Auswärtigen, dkS Krlegsministeriums, der Gestütsverwaltung der Herrenhauses und des Abgeordnetenhauses ohne erhebliche Debatten und trat dann in die Berathung deS Justizetats etn. — Abg. Bödicker ((Str.) beklagte den im Gerichtsverfahren zu Tage getretenen Subjektivismus, der die nothwendlge Objektivität vollständig verdränge. Man sei in einer Anzahl größerer Prozesse in der letzten Zeit, von vornherein darüber klar gewesen, tote der Richter über Schuld oder Nichtschuld des Angeklagten denke. In einem Falle seien ganz unpassende und beleidigende Bemerkungen Seitens des Vorsitzenden gefallen. Die öffentliche Meinung sei darüber beunruhigt, ob unser gesetzliches Verfahren dem Angeklagten genügende Garantie für eine unparteiische Verhandlung gebe. Eme entscheidende Stellungnahme des Justizministers dazu sei dringend röthig. — Justizminister v. Schelling erwiderte, er habe e8 lebhaft beklagt, daß die Rechtspflege zum Gegenstand leidenschaftlicher Parteierregungen gemacht worden sei. Er habe eine Verfügung an die Oberlandesgerichtspräsidenten erlcssen, in welcher auf die Nothwendigkeit einer ruhigen objektiven Verhandlung hingewiesen wird, die sachliche Erörterung unter Vermeidung sarkastischer Bemerkungen empfohlen und die Hoffnung ausgesprochen wird, daß man zur Ernennung von GerlchtShofvorsitzknden nur solche Personen Vorschlägen werde, welche durch ihr Vorleben die nöthige Gewähr für die Erfüllung dieser Forderungen geben. Der Minister theilte unter dem Betsill des Hauses den Wortlaut dieser Versüqung mit. — Nach längerer Debatte, in welcher die Bersügung des Ministers gebilligt, die Nothwendigkeit einer Vermehr- ung der Richterftellen betont und über zu hohe Ge- bührensätze und die Handhabung der Kleiderordnung bei den Gerichten Klage geführt wurde, wurde die Weiterberathung auf morgen vertagt.
* Der Reichstag beriech heute Anträge aus dem (Saufe. — Angenommen wurde der Antrag Rintelen (Centr ) auf Aufnahme nachstehender Bestimmungen m das Reichs - Strafgesetzbuch: „Die Verjährung ruht während der Zeit, in welcher auf Grund des Gesetzes eine Strafverfolgung nicht begonnen oder mcht fortgesetzt werden kann. Das Fehlen des in den Strafges. tzen selbst vorgeschriebenen Erfordernisses des Antrags auf Strafverfolgung oder der Ermächtigung zu derselben hindert nicht den Beginn der Verjährung." Dagegen stimmten nur die Sozialdemokraten, nachdem Stadthagen ausgeführt, daß mit diesem Anträge in die Rechte des Reichstags eingegr fsin werde, eine Auffassung, welcher die Redner aller übrigen Parteien entschieden entgegen traten — Dann begründete Abg. Ackermann seinen Antrag auf Vorlegung eines Gesetzentwurfs, welcher den Konsum-Vereinen die Abgabe von Waaren an Nichtmitglieder schlechthin und unter Strafandrohung verbietet, während Abg. Hitze den vom Centrum einge- brachten Gesetzentwurf empfahl, welcher den Waaren- Berkauf der Konsum-Vereine an Nichtmrtglreder mit 150 Mark Geldstrafe bedroht und die Konsum-Vereme bezüglich des Ausschanks von Bier, Branntwem rc.
Deutsche» Deich.
Berlin, 25. Januar.
* Am hiesigen Hofe hat heute die Vermählung der Prinzessin Margarethe, jüngsten Schwester des Kaisers, mit dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen in Anwesenheit der sämmtkchen zur Zett in Berlin weilenden Fürstlichkeiten programmmäßig statt- gefunden. Die Neuvermählten begaben sich Abends nach Potsdam, von wo sie morgen wieder nach Berlin kommen. Hier nehmen sie vor ihrer Abreise nach Philippsruhe noch kurze Zeit im Palms der Kaiserin Friedrich Wohnung.
* Der Kaiser hat dem GroßfürstenThronfolger von Rußland die Kette vom Schwarzen Adlerorden ÜCri*e^Bi'c Eentrumsfraktionen des Reichstags und der preußischen Abgeordnetenhauses hatten bekanntlich bei der Windthorst-Gedächtnißfeier am 17. Januar an- läßlich der unmittelbar voraufgegangenen Ernennung der Hochwürdigsten Herren Erzbischof Dr. Kremertz und Fürstbischof Dr. Kopp zu Kardinälen an die- selben eine BegrüßungS- und Huldigungskundgebung gerichtet. Darauf sind nun an die Vorsitzenden der Eentrumsfraktionen von Rom aus folgende telegraphische Antworten eingetroffen: ,
Der Centrumsfraktion des Reichstags sprechen ihre dankbare Freude für die Gesinnungen treuer Anhänglichkeit und ihr Vertrauen auf die Umsicht und Weisheit derselben aus , _
Kardinal Krementz. Kardinal Kopp.
Mit besonderer Freude bauten der Centrums- ftaktion des Landtags für den Ausdruck kirchlicher Anfänglich grentfn$ Kardinal Kopp."
* Der General der Infanterie z. D. Wilhelm v. Grolman, vormaliger kommandirender General des XI. Armeekorps, Ritter deS Schwarzen AdlerordenS, ist gestern in Barzdorf bei Striegau gestorben.
konzessionspflichtig macht. - Diese Anträge wurden vom Abg. Frhrn. v. Stumm befürwortet, von den Abgeordneten Clemm (natl), Stolle (Soz), Dr. Schneider und Schenk (dfr.) aber bekämpft, worauf Weiterberathung vertagt wurde. — Morgen Etat.
* Dem Kaiserlichen Gesundheitsamte vom 21. bis 24. Januar Mittags gemeldete Cholerafälle : Regierungsbezirk Merseburg: In Nietleben (SaalekreiS) bis einschließlich 22. d». insgesammt 83 Erkrankungen und 31 Todesfälle. — Regierungsbezirk Schleswig,: In einem Oct des Kreises Pinneberg 1 Erkrankung.
* Münster, 24. Jan. Ueber die zum 5. und b. Februar Hierselbst bevor stehenden katholischen Versammlungen, über welche seither schon das Eine oder Andere in die O ffentlichkeit gedrungen ist, kann letzt Folgen- des mitgetheilt werden. Sonntag, 5. Februar, Nachm. 3 Uhr beginnend, findet in der Festhalle vor dem Neu- thor eine öffentliche Volksversammlung der Münster - schen Abtheilung des Bolksvercins sür das katholische Deutschland statt. Hervorragende CentrumSredner, die Hr. Dr. Lieber, Dr.Porsch, Dr. Schädler und Land- lichter Gröber haben ihre Mitwirkung dazu bereits zugesichert. Die Versammlung soll zugleich für Münster und das Münsterland als öffentliche Einleitur gsfeler zum bevorstehenden Golbenen Bischofsjubiläum unseres heiligen Vaters dienen, weshalb voraussichtlich die erste größere Rede dem hl. Vater gelten wird. Nach Schluß der öffentlichen Volks-Versammlung findet eme gesellige Abend-Unterhaltung in dm Räumen der Gesellschaft „Eintracht" statt, zu welcher alle Fchtheilnehmer Zu- tritt haben. Montag Morgen, 6. Februar, 11 Uhr beginnend, folgt sodann auf dem großen RathhauSsaale die jährliche G e n e r a l - B er s a mm l u n g des bekanntlich in M -Gladbach domizilirten und um dre sozialen Angelegenheiten sehr verdienten Verbandes „Arbeiter- wohl", dessen Generalsekretär der in dm sozialen Fragen so hervorragend bewanderte Landtags- und Reichstags-Abgeordnete Hitze ist. Zu dieserVersamm- lung wird besonders und persönlich emgeladm; die Einladung zur Theilnahme an der. öffentlichenVer- sammlung des Volksvereins wird demnächst durch offent- lichen Aufruf erfolgen.
Ausland.
* DaS gestrige Galadiner in der Wiener Hofburg zu Ehren des Brautpaares verlief auf das Glänzendste. Die Höfe von Oesterreich und Württemberg treten durch diese Vermählung deS württem- bergischen Prinzen mit der österreichischen Erzherzogin in nahe verwandtschaftliche Beziehungen, was denn auch in den Toasten des Kaisers von Oesterreich und dis Königs von Württemberg in warmen Worten zum Ausdruck kam. Der König von Württemberg bezeichnete in seinem Toast die in Wien verlebten Tage als unvergeßlich und sprach den Wunsch aus , der Kaiser möge dem württembergischm KönrgShause ferner- hin seine unwandelbare Gunst, wie bisher bewahren.
* Die französische Diputirienkammer bewilligte gestern das Ordinarrum des Budgets des Kriegsministeriums. Bei dem Kapitel „Geheime Ausgaben er- wie gelähmt. Aber dort blinkt ihm ja der Teich schon in (entern bleifarbenen Gewässer entgegen. Die Bonne steht schreiend am Ufer. Nirgends em Kind zu sehen. Bluttoth wird er dem Alten vor den Augen. Ihn schwindelt. Aus's Gerathewvhl stürzt er sich m s Wasser. Dort schwimmt etwas. Richtig, fitzt taucht em Kcpf, nun ein Arm hervor. Wie wahr sinmg steuert er torouf zu. Jetzt hält er es, nein, noch nicht. Aber nun, nun Lt «r ea erfaßt Mit übermenschlicher Kraft, dm K--iM ch °» fich OT-.61, «Mt« M bereite dem Teiche heraus. Naß, voll Schlamm kriecht er an S Ufer Aus dem Gebüsch bricht es hervor, Mann sür Ln; die Bonnk hM sie 4-^» dmch ihr Geschrei. Einer der Holzknechte recht den Knabm an sich , herunter Er schüttelt sich erschauernd. Eisige Kalte ■leine Adern. Als ob er klafterttef in der Erde säße, so liegt eS ihm in den Gliedern. Die Leute bedauern ihn, staunen ihn an; er hört nur em Brau- fen ein fernes, dumpfes Gemurmel. Seme Sinne schwinden ihm. Er bricht leblos zusammen.
»u sich gekommen, b. findet er sich m seinem Bette. Brigitta lehnt am Fußende. Wie ist er nur n ich Hause