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20. Jahrgang

Mittwoch, den 25. Januar 1893

JXS 20

illdacrMZcitiliig

Um den Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(32. Fortsetzung.)

Bor Angst wirrte sie im Spind Alles durcheinander. Da horchte sie plötzlich empor. Kam da nicht Jemand k Gottlob, die Thüre wurde behutsam g-öffnet. Lucia schaute sich um. Benno war es. Sie klagte ihm ihre Roth. Nun trat er an den Schrank. WaS ist das? Er zieht einen Brief hervor. Sein Blick überfliegt die Aufschrift. Er schüttelt den Kopf. „An Fräulein Malvine Walter?" Aber wie kommt der Brief an diesen Platz? Ach, offen ist er sogar. Und nun starrt er noch einmal diese langen, steifen, seltsamen Schriftzüge der Adresse an. Er kennt sie ja, wo hat er sie gesehen, wo?! Während er nachsinnt, tritt Tinchen herein. Sie hat die Tropf« auf die Fensterbank gestellt, damit Lucia sie gleich zur Hand habe. Lucia flößt sie dem Kranken ein; Benno und Tinchen flüstern leise mit einander. Sie gesteht ihm, wo sie den Brief gefunden, weßhalb sie ihn geborgen. Malve hat ihn nicht ver­mißt und so ist er vergeffen. Bon dem Inhalt weiß Tinchen nichts. Benno steckt den Brief zu sich. Der Kranke wird schlimmer. Der Athem röchelt schon; das Gesicht erscheint wie auseinander gezogen. Blei­schwer fällt die wachsbleiche Hand ans das Deckbett.

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Malve sollte ihn heute noch zurückerhalten, in einem geschlossenen Couvert, anonym, natürlich!

Unter diesen Gedanken tritt er zu der Mutter in» «immer. Er bringt ihr die Todesnachricht. Sie kam nicht gerade unerwartet. Erst als Mutter und Sohn sich am Frühstückstisch gegenüber sitzen, zreht Bemw den ominösen Brief hervor. Die Wuttn sieht ihnnaher an, hohe Röihe bedeckt ihr Gesicht. „Mein Gott, istS möglich," ruft sie erregt, „die Handschrift kenne ich; gestern noch habe ich sie unter meinen alten vergilbt« Papieren gefunden. Das DankeSschreiben von der Generalin Torrou an Deinen seligen Vater für d°S Bild, ihr Bild, daS er gemalt, jetgt dieselben Züge. Constance Torrou, die Tochter der Generalin, bat den Brief kurz vor ihrer Abreise nach Italien geschrieben. ES ist dieselbe Handschrift. Warte, ich werde Coustau- cen'S Schreiben Holm." Sie huscht hinaus, Benno bleibt, voll innerer Aufregung, zurück. .

Selrsam, wunderbar, wenn die Signora Tortoui mit Constance Torrou identisch wäre. Er denkt an die Aehnlichkeit zwilchen Malve und Lucia und die Lache erscheint ihm immer wahrscheinltcher, seltsam, sehr wunderbar! . .

Die Mutter kehrt wieder, ein vergilbter, in den Falten nur noch lose zusammenhängendes Papier in der Hand. Sie vergleichen die Handschrift der beiden

Deutsches Keich.

Berlin, 23. Januar.

* Man schreibt der .Germania' aus Rom vom 18. dr. Mts.:

„Heute sand im Batikan die Uebergabe des rothen BirettS ex diejenigen der neuernannten Kardinäle statt, welche iu Rom anwesend sind, nämlich: Guarino (Erzbischof von Mes- fina), Mocenni (Erzbischof von HeltopoliS), Malagola (Erzbischof von Fermo), Krementz (Erzbischof von Köln), Perstco (Erz- bischos von Damiette), Logue (Erzbischof von Armagh), Baugban (Erzbischof von Westminister) und Kopp (Fürstbischof von BreSlau). Rach Beendigung der Feierlichkeit, welche der hl. Later in herkömmlicher Weise vornahm, versammelte derselbe die ueuernannten Kardinäle in seinen Privatgemächern und unter­hielt sich mit ihnen noch längere Zeit. Dabei gedachte er mit Hinweis auf die beiden neuernannten deutschen Kardinäle ganz LrsonderS der deutschen Katholiken. Er habe, so führte der hl. Bater auS, diesen durch jene Ernennung einen Beweis geben wollen, wie sehr er ihre GlaubenStteue und Glaubens- stärke ehre, die sie in schweren Zeiten bewiesen hätten. Sie feie» auS dem glorreich bestandenen Kampfe stark und geeint hervorgegangen und seien der ganzen katholischen Welt ein luhmwürdiaeS Beispiel. Wie die deutschen Katholiken hätten sich auch ihre Vertreter im Parlamente durch ihre uner- fchütterliche Festigkeit in der Bertheidigung der Rechte und der Freiheit der Kirche mit unvergänglichem Ruhme bedeckt. Mit nicht geringerer Anerkennung und Freude sprach der hl. Later aber auch von dem deutschen KteruS, besten Opferwilligkeit und Standhafttgkeit, wistenschastliche Bildung und frommen Eifer er besonders rühmte, und aus den er daS Ber- dieust zurückführte, daß unter den deutschen Katholiken daS Gift -eS Sozialismus noch immer mit Erfolg bekämpft werde. Zu­versichtlich hoffe er, so schloß der hl. Bater, daß diese Er­nennung deutscher Kardinäle dazu beitragen werde, die deutschen Katholtten in der Anhänglichkeit an die hl. Kirche und in ihrer bewunderungswürdigen starken Einigkeit zu befestigen.

Zur Ergänzung nuferer bisherigen Berichte über die Vorgänge während der KardinalSernmnungm in Rom wollen wir noch Folgendes hinzufügen: Kardi­nal Dr. Kopp hielt am 19. d. M. den Empfang in den Gemächern des Kardinals LedochowSki; die Trep­pen und die Säle waren reich mit Blumen und Pflan­zen gefchmückt. Mfgr. Moutel las daS Billet der Kardinalsernennung ad, worauf der Kardinal, ebenfalls in lateinischer Sprache, antwortete. Der französi­sche Botschafter war der erste, der bei Kardinal Kopp eintrat, um ihm zu gratulircn. Nach dem Em­pfang gab Kardinal LedochowSki ein Diner zu

gründung der Revision in bürgerlichen Recht-streitig- leiten und bett, den Berrath militärischer Seheimnisie. Wahlprüftingen.

* Die Budgetkommisfio» des Reichstags hat beim Marineetat 535,000 Mk. von den Mehrkosten der Indienststellung und 150,000 M. von den Kosten zur Instandhaltung und Reparatur der im Dienst be­findlichen Schiffe u. f. w. gestrichen.

* Eine gestern Vormittag stattgehabte Metall» arbeiter»Bersammlu«g im Eiskeller mit dem Thema „Anarchismus" wurde bei der Rede des Metallarbeiters Rodrian, der erklärte, „ehe er verhungere, werde er das Eigenthum Fremder angreifm", von dem Über­wachenden Polizeibeamten aufgelöst. ES erfolgt« mehrere Beryastungm.

* Ganz eigenartige Echul-Verhältnisie sind laut ,Eichrf.'auS dem Orte Schierfchwende bei Treffurt, zu bericht«. ES befindet sich hier eine evangelische Schule mit einem evangelischen Lehrer, welcher acht Kinder zu unterrichten hat. Ueber zwei Drittel der Besitzer deS Dorfes sind katholisch und 26 katholische Schulkinder müssen die katholische Schule in Wendehaus« besuchen. Zu den SchnlunterhaltungS- kost« müff« die katholischen Hausväter dm größten Theil entricht«und außerdem auch noch für ihre Kinder austommm. Ein« Antrag der katholischen HauSväter um Anstellung eines katho­lischen Lehrers hat die König!. Regierung a b g e l e h n t In einem ander« Orte unseres Regierungsbezirks, m dem katholisch« Melchendorf, hat die Königliche Re­gierung 12 — zwölf — evangelische Kinder al» genügmd erachtet, um die Gemeinde auszufordern, eine evangelische Schule zu erricht«.

Ausland.

♦ Der flüchtige Direktor der „Banca di Napoli," Cuciniello, der deS Diebstahls von 21/a Million« Lire beschuldigt wird, ist gestem in Rom verhaftet worden. Bei seiner Festnahme trug Cuciniello ein Priestergewand. m

* In serbischen Kreisen wird behauptet die Ver­söhnung des Exkönigs Milan mit der von ihm ge­schieden« Königin Natalie sei erfolgt mit Rücksicht auf die im August nächst« Jahres erfolgende Großjährig- kett des Königs Alexander. Durch die Versöhnung soll die Position Alexanders gefestigt werd«. DaS KönigSpaar hofft, die Skupschtina werde ihm gestatt«, wieder Aufenthalt in Serbien zu nehm«. Wie ver­lautet, ist die Harmonie zwischen Milan und Natalie völlig wieder hergestellt und find Schritte gethan, die kirchliche Zustimmung zu erlangen. Man spricht so- gar davon, daß daS Exkönigspaar bereits am 9. Februar zu kurzem Besuche in Belgrad eiuzutteff« gedenkt.

» Konstantinopel, 22. Jan. Der Patriarch «za- rian wird sich zum Jubiläum deS Papstes nach Rom begeben, um dem Papste den Ausdruck der freund­schaftlichen Gefühle deS Sultans zu übermitteln und als Geschenk'eine goldene, reich mit Brillanten besetzte Tabattore zu überbringen. Der Kardinal LedochowSki

Zum 1. Februar

bietet sich wieder Gelegenhett, die,Fuldaer Zeitung' zu bestellen. Wir wenden uns deshalb von Neuem an unsere Leser und Freunde mit der Bitte, auch jetzt wieder zur weitesten Verbreitung der .Fuldaer Zeitung' thatkräftig durch Empfehlung und Verbreitung von Probe-Numme« — welche man gratis und franko per Postkarte von unserer Expeditton verlangen wolle — mitwirken zu wollen.

Ne» hinznttetende Abonneuteu erhalten gegen Ein­sendung der Postqutttnng die Zeitung bis 1. Februar unmtgeltlich und portofrei.

Ehren deS neuen Kardinals. Dazu waren, außer den zwei Kardinälen mit ihren Sekretär«, auch der Vor- sitzmde des Malteserordens, der Gmeral des Domini- kanerordm», P. Frühwirth, Graf v. Thun und Mfgr. Monte! eingeloben. — Kardinal Kopp hat dm Titel von St. Agnes Fuori le mura erhalten, dessen In­haber Kardinal Lavigerie war; Kardinal K mentz dm Titel von St. CyrysogonuS, deff« Inhaber s. Z. der Papst als Kardinal war; Kardinal Mocenni den Titel von St. Bartholomäus auf der Tiberinsel; Kar­dinal Perfico den Titel von St. Peter in BinculiS; Kardinal Logue den Titel von St. Maria della Pace und Kardinal Guarino den Titel von St. Thomas in Parione.

* Der Großfürst-Thronfolger von Rußland wird am 24. d. M Abends 91/« Uhr in Berlin zu den BermählungSfeierlichkeiten cintreff« und in der mssischen Botschaft Wohnung nehmm.

* Die auf heute Abend anberaumt gewesene Sitzung der Militärkommisfio» der Reichstages ist wegen der Galatafel bei Hofe auf morgen verschob« worden.

* Der Reichstag berieth heute zunächst in 2. Lesung den Gesetzentwurf, bett, die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung. — Die Kommission (Be­richterstatter Möller) empfahl unveränderte Annahme des Entwurfs sowie Annahme einer Resolutton um baldigste Vorlegung eines Gesetzentwurfs zur Abhülfe der Uebelstände, die daran» entstehen, daß mit Ein­führung der Einheitszeit im Osten und Westen der Reiche» vielfach erhebliche Verschiebung« gegenüber den anf Ortszeit berechneten Zeitbestimmung« deS Arbeiterschutzgesetzes hervortteten. — Der Entwurf wurde im Einzelnen gegen die Stimm« der Mehrheit deS CenttumS angenommen, nachdem Minister von Bötticher noch darauf hingewiefen hatte, daß in Baden, Württemberg und Elsaß-Loihringen die neue Zeitbe­stimmung bereits seit dem 1. April v. I. bestehe. — Die Resolution dagegen wurde abgelehnt. — Hierauf folgte die 1. Berathung der Novelle zum Wuchergesetz. — Abg. Dr. Giese (kons.) begrüßte die Vorlage als eine alte Forderung seiner politisch« Freunde, forderte aber eine gleichmäßige Behandlung deS Kredit- und deS Sachwuchers, welch' letzterer ebenso strafbar sein müffe, wie der erstere. Seine Fr«nde würden noch einige Erweiterungen der Vorlage beanttagen. — Abg. Dr. Horwitz (fteis.) bestritt, daß der Wucher dermaß« überhand genommen habe, daß ein neues Gesetz noch- wendig sei. Der Hauptschuldige werde doch nie ge­troffen, wohl aber die Darleiher von vornherein ver- dächttgt, weshalb er gegen die Vorlage stimme. — Staatssekretär im Reichsjustizamt Hanauer erklärte, daß es sich nicht um eine Umgestaltung, sondern nur um eine Ergänzung des bestehend« Gesetze« handle, wodurch daS legitime Geschäft keineswegs getroffen werden solle. — Abg. Frhr. v. Buol (Ctt.) stand auf dem Standpunkt des Entwurfs; er wollte keine Er­weiterungen, habe aber andrerseits gegen den Entwurf selbst keine Bedenken. Die Vorlage bilde eine noth- wendige Ergänzung deS Wuchergesetzes. — Weiterbe- ratbung morgen. Außerdem Vorlagen, bett, die Be- Roch ein paar schwere Athemzüge, bann sinkt das Haupt zurück, er hat auSgelittm.

Betend, schluchzend sinken die Frau« vor dem Lager nieder. Benno eilt hinaus; im Hausflur begegnet ihm Kerner, er sieht ernst, verstört aus.

„Ich wollte zu Dir, Benno," flüstert er.

„Warne StadttathS vor Marchese. Willst Du? — eS ist schade um Cornelia." Er stotterte eS in Ab­sätzen hervor.

Benno erzählt ihm, daß Hermann tobt ist.

„Wie kann ich Stadtraths warnen," meint er bann. Schau," bricht er ab, „dort lehnt Cornelia am Fenster, geh' selbst zu ihr. Du hast einen Vorwand mit der TodeSbotschast."

Im Trauerhause ist Benno überflüssig. Hastig eilt er die Stiege hinan. Er muß der Mutter den Brief zeigen. Er weiß es jetzt, auf der Adresse an Baron Konrad v. Wüllesen hat er dieselben Schriftzüge ge­sehen. Dieses Schreiben an Malve rührt von der Signora Tortoni? WaS mag der Inhalt sein? Benno denkt an Malven'S GemüthSverstimmung der letzten Reit, konnte sie nicht mit dem Briefe zulammenhängen? Schwer kämpft er mit feiner Neugierde, den offenen Bttef zu les«. Doch nein, eS ist Unrecht- nicht mit unzarter Hand an dem Briefgeheimniß deS Nächsten freveln Wollte er sich von Tinchen beschäm« lassen?