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i. Jahrgang

Samstag, den 21. Januar 1893. 20.

uldaerMZeitiing

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W- Das soziale Wirken der Franziskaner in Nordamerika.

i.

Jahrzehnte hindurch predigte der „Liberalismus" fort und fort in allen Tonart«: Die Geistlichen, vor Allem aber die Mönche, find die größten Feinde der Wohlfahrt des Bottes. Die Vertreter der radikalen Sozialismus haben fich des Wortes ebenfalls bemächtigt; auch sie wiederholen in allen Versammlungen, in Büchern, Broschüren und Zeitungen fort und fort: Die Kirche, die Religion, die Geistlich«, vorab aber die Mönche sind Feinde des Volkes. Sie fiellm sich jedem Fortschritt, jeder Berbesierung des LooseS der arbeitenden Klaffen hindernd und feindlich in den Weg. Nirgends find im Laufe der Geschichte die Geistlichen und Mönche als Anwälte der Volker aufgetreten. Immer standen sie im Dienste der Mächtigen und der Kapitals, um die Menge des darbend« Volker zu kuechteu und in der Sklaverei zu halten.

Ist diese Behauptung richtig? Läßt fie sich ge- schichtlich beweisen? Nein, die Geschichte beweist daS gerade Gegentheil.

Bor mir liegt eine kürzlich erschienene Schrift: .Die Franziskaner in bett Bereinigten Staaten Nordamerikas. Bon der Entdeckung durch Columbus dis auf unsere Zeit. Bon P. Bona­ventura Hammer, Köln, I. P. Bachem 1892." Jedes Blatt dieser intereffanten und lehrreichen Bucher zeigt uu», daß die verachtete« und verhaßten Mönche sich immer und überall der armen und verlassenen Volker annehmen. Wem gebührt denn ein ganz vorzüglicher «utheil an der Entdeckung Amerikas? Einem Franzis- kaner-Möuche. Obschon Columbus von dem Erfolge feiner beabsichtigten Entdeckungsreise vollständig über­zeugt war, unb biese seine Ueberzeugung sich auf sehr schwerwiegende Grünbe stützte, konnte er boch nirgends bie Mittel zur Ausrüstung einer kleinen Flotte finden. An beu Höfen von Portugal unb Spanien wurde er mit seinen hochfahrenden Plänen abgewiesen. Columbus stand, oller Mittel entblößt, in allen seinen Wünschen unb Hoffnungen getäuscht, tiefgebeugt unb rathloS ba. Er bat an bet Pforte beS gastlichen Franziskaner- klosterS La Rabiba um ein Stück Brod und Obdach für fich und feinen Sohn. Richt dloS Nahrung wurde ihm für den Leib, sondern auch sein Geist wurde wieder belebt. Er durfte auf die Ausführung feines Vor­habens hoff«. Denn der Obere des Klosters, P. Perez, ließ fich von ColumbnS die Gründe für feine Pläne auSeinanderfetzen unb überzeugte fich rasch von ber Richtigkeit berselben. Alsbald richtete P. Perez ein Schreiben an die Königin Isabella und empfahl ihr dringend, dem ColumbnS durch ihre kräftige Unter­stützung seine Entdeckungsreise zu ermöglichen. Die- geschah. So verdanken wir die Entdeckung Amerikas dem genialen ColumbnS, der Königin Isabella unb betn FranziSkaner-Mönche P. Perez.

Mtznche waren eS, welche alsbalb nach dem neuen Welttheile eilten, um dem Botte mit der Religion die

Segnungen ber christlichen Kultur zu bringen. Wo immer, sagt Hammer, er bett Franziskanern in New- M.xcko gelang, ein Kloster ober eine Kirche zu grünben, begannen sie alsbalb, die Jnbianer int Ackerbau unb in Handwerken zu unterrichten. Sie führten Pferde und Vieh ein, errichteten Spinnereien und Webstühle, unterrichteten die Jugend im Lesen, Schreiben, Singen und Spielen musikalischer Instrumente und bildeten sie später zu Schreinern, Maurern, Steinhauern u. s. w. heran. (S. 40.) Zur Bewässerung des Landes ließen die Mönche lange Strecken von Wasserleitung« Her­stellen. Tie ehemalige La Puriffima - Mission der Franziskaner in Kalifornien, ist m Folge der Ver­treibung der Mönche heute verfallen. Als Zeuge der früher«, vou ben Mönchen dorthin verpflanzten Kultur steht noch ein Gart« von Birnbäumen, ungefähr 600 Fuß im Geviert, in doppelter Reihe ringsum so an­gepflanzt, daß ein Raum von 50 bis 60 Fuß da­zwischen ist. (S. 103). Neben den Anzeichen des Klostergartens sind aber noch die Spuren der ehe- maltgen Wafferleitnng zu erkmnen. (S. 103.) Die angeblich jeder Kultur feindlich« Mönche haben also die arm« Indianer durch Wort und Beispiel im Ackerbau, Gartenbau, in der Anlegung von Waffer- leitungm u. s. w. unterrichtet. Als tüchtige National­ökonom« sorgten die Mönche für dm Austausch der Produkte und suchten daS Volk durch weise Vorsichts­maßregeln vor der HungerSnoth und der« schrecklichen Folgen zu bewahren. Im Jahre 1842 fchneb Mo- fraS, Mitglied der französischen Gesanotschaft in Mexiko über daS Wirk« der Franziskaner in der Mission S. LuiL Rch u. A.: „Wenn die Häute, der Talg, daS Getreide, der Wein unb daS Oel gute Preise brachten, wenn ausländische Schiffe anliefen, vcrtheilten die Mönche Taschentücher, Kleidungsstücke, Tabak und Schmucksachen unter die Indianer und verwandten das Uebrige auf die Ausschmückung der Kirchen, den An­kauf von Musik • Instrumenten u. s. w. Immer be­hielt« fie aber einen Theil der Ernte in dm Bor­rathskammern, um auf eine Mißernte vorbereitet zu fein."

Deutsches Keich.

Berlin, 19. Januar.

* Der Kaiser beglückwünschte die Kardinale Kopp «vd Aremeutz in besonders leutseliger Weise telegraphisch zu ihrer Ernennung, beauftragte gleich­zeitig Herrn von Bülow, sich beim Papste in seinem Namen für die den beiden Kirchenfürsten erwiesme Hohe Ehre zu bedank«.

* Ueber die Anwesenheit der Kardinale Kopp und Krementz in Rom schreibt man der ,Köln. Bzlg.' von dort: DaS geheime Konsistorium, in welchem die bekannt« vierzehn Kardinäle ernannt wurdm, war wider Erwart« kurz, obschon außer den Kardinals- Ernennung« auch noch BischofS-Provistonen vollzogen wurden. Um 12‘/s Uhr langten nach demselben die päpstlichen Beamk« im Collegium Sermanicum an.

Schon vorher hatten sich zahlreiche Vertreter der deutsch« Kolonie in Rom eingefund«. AuS Deutsch­land war Fürst Salm-Dyck anwesend. Msgr. Ragl, Msgr. de Waal, Msgr. Wilpert, Dr. ChseS, Direktor deS Historisch« Institutes der GörreSgesellschast, Herr Kaufmann, Priester der Erzdiöcese Köln unb Kaplan in Santa Maria dell' Anima und noch viele andere warm anwesend. DaS gesammte beim h. Stuhle be­glaubigte diplomatische Corps, die Gmeräle und Assist«- ten aller Orden, die oderst« Hofcharg« und viele an­dere wechselt« ihre im bum« Bilde ab, nm dm Nm - Erwähltm Glückwünsche barzubringen. Der heuttge Empfang dehnte sich bis über 1 Uhr aus und morgen folgt von 11—1 Uhr ein zweiter Empfang. Außer den Mitgliedern deS beim h. Stuhl beglaubigten diplomatischen Co ps hat auch GrafS o l m S, der Botschaf­ter Deutschlands beim Quirinal, sich persönlich in dar BesuchSver zeichn ß bei dm Herr« Kardinäle« Krementz unb Kopp eingeschrieben. Beim Empfang beS Herrn KarbinalS Kopp trugen bie Bedienten des Her« Kar­dinals LedochowSki bie Galalivreen, welche früher vor­geschrieben waren, aber seit 1870 außer Gebrauch gekommen find, weshalb man sie sonst nirgenbwo mehr zu seh« bekommt.

* Windthorst's Geburtstag würbe Heuer zum zweit« Male begangen, seit unser großer unvergeßlicher Führer nicht mehr unter unS weilt. Sein Leib ruht aus unter bm Hallen ber schönen Marienkirche, welche bie Katholiken für sein unb Anberer Seelenheil unb zu seinem Gedächtniß als Stätte frommer Gebete schon zu sein« Lebzeitm errichtet. Sein Geist aber, man darf es in Wahrheit sagen, lebt und wirkt unter unS weiter. Und wenn das katholische Deutschland wie bei der Marienkirche in Hannover Hilst, dann wird auf schönem freien Platze im kirchenarmm West« Berlins bald auch die jetzt im Bau begonnene Lud­wigs (Windthorst-Gedächtniß-) Kirche fich er­heben zum würdigen, Jahrhunderte überdauernd« äußeren Andenken an unfern groß« Führer Ludwig Windthorst, zur Hilfe für bie himmelschreiende Berliner «irchennoth und als Stätte des Gebete- auch für die Parlammtarier, welche daS katholische Deutschland zu ost so schwerem Werke hierher smdet! Auch nach seinem Tode stiftet unser großer Führer Gute« durch Anregung zur Nachfolge im Gut« und zu guten Thal«!

* Der Reichstag trat hmte in die 1. Berathung der Börsensteuernovelle ein. Staatssekretär Frhr. vou Maltzahn-Gültz führte aus, daß auch diese Borlage, wie die beiden ander« Eteuervorlagm nur eine finan­zielle Bedeutung habe. Nachdem die Konsummten deS BierS und der Branntweins herangezogen werd« sollen, sei eS nur gerechtferttgt, daß auch die Interessenten de« Börsengeschäftes, die zu den bester Sitnirten gehörten, schärfer herangezogen werden. Der Aufgabe der Börsm- Enquete-Kommission werde durch diese Vorlage nicht vorgegriffen. Redner bestritt, daß die Börse die Steuer­erhöhung nicht trogen könne. Abg. Dr. Siemens (bfr.) erklärte sich Namens seiner Freunde gegen bie Vorlage, weil burch dieselbe der Verkehr eingeschränkt werde.

Um den Lorbeer.

Roman vou I. Saudhage.

(29. Fortsetzung.)

Als ihm von dem fremd« Mann zugeredet wurde, brach er in Thränm aus.

„Ich will zur Mama und nicht hier schlafen. Ich »ill nicht!" Er stampfte mit dm Füßm.

Der hohe Mann ober wurde ernst unb finster. „Sei ruhig," gebot er. „Renne mich Papa, ich bin er; bie Mama ist fern, Du kommst nicht zu ihr. Ganz artig, mein Kind."

„Mein Papa?!" Der Knabe blickte ihn lange starr an, er schien sich auf etwas zu besinnen. Endlich brach eS trotzig von feinen Lipp«: „Ich will Dich nicht zum Papa. Brigitta hat gesagt, mein Papa brächte die gute, schöne Mama in'S Grab. Du bist auch nicht lieb und schön unb gut wie Mama."

Konrad wandte sich ab; er knirschte mit den Zähnen, seine Hand ballte sich.

„ES wat die höchste Z-ir! Gut, daß eS so ge- komm«," brummte er in ben Bart hinein. „Sie alle waren auf bem besten Wege, mir beu Sohn zu ent* fremden, das Gift bösen VormtheilS gegen mich in fein junges Herz einzuflößen." Unb unter dielen Ge­danken verflüchtigte sich die letzte Spur von Reue in ihm, Constance ben Knaben entführt zu haben; war

eS doch die höchste Zeit gewesen. Es war eine finstere stürmische Nacht. Kem Stern am Himmel; im Schlöffe war Alles zur Ruhe. Auch in der Gefiudestube war e« «blich tobtmstill. Hier war man bis tief in bie Nacht im lebhaften Geplauder gewesen, wie eS unter ben schwerfälligen Leuten so selten geschah. DaS Kind hatte ben Baron „Papa" gerufen, hatte Marttn er­zählt, ber bis zuletzt bie Beiden im Schlafzimmer be- bient hatte. Dieses Wort hatte wie Zunder gewirkt. Jitzt gab es ein Für unb Wider, gab eS zwei Par- teien im Erdgeschoß der alten Burg. Die eine be­hauptete, die Mutter beS Knaben lebe in Renten unb fei gerichtlich geschieden vom Hemm. Die andere Partei bestritt bie Scheibnng unb prophezeite einen baldigen Einzug ber Gemahlin; o, ba« würde ein Fest geben.

Jetzt herrschte Grabesstille int ganzen Schloß. Aber Bmno fand den Schlaf nicht. Er konnte kaum ben Morgen erwarten, damit er forteilen und die Signora beruhigen, sich von ihrem Verdacht gegm ihn befreien konnte. Mit Haß unb Wuth gedachte er be« alten „Fuchs", wie er ben Maestro in feinen Rachtzedanken nannte, ber ihn so zum Besten haben konnte, so ihn auszunutzen verstanden.

Auch ber Baron lag schlaflos in seinem Bette. Der Knabe war endlich, von Müoigkrit überwältigt, einge- schlummert. Im Schein des Nachtlichtes sah Konrad eS deutlich, daß dicke Thränen auf den rosigen Wangen

perlten. Die kleine Hand lag zum Fäustchen geballt auf dem fpitzmbefetzten Deckbettchm. „Mama." war fein letztes Wort nach dem Abendgebetchen gewef«, daS er gelallt _ t ,

„Mama," klang eS jetzt wieder, Konrad fuhr empor, «ar"fein Gedanke laut geworden, oder sprach das Kind im Traume? Er setzte fich aufrecht unb starrte auf ben kleinen rosig« Schläfer hin. Wie fanft er fd}lunmerte, fein Kind, fein EmS unb Alles; in feiner Nahe, in feinem Schutz! Die Vergangenheit würbe lebendig tn feinem Geiste; eS hielt ihn nicht länger ans dem Lager. Er erhob sich; fort mit bm unnützen Erinnerungen. Die Vergangenheit ist unb bleibt tobt! ,

„Mama!" Wieder ber Name, wann wtrd daS Kmd ihn vergess« hab«? <x.,_ 8f,in,

Konrad schaut empor unb erschrickt, »er Rleine sitzt aufrecht im Bett. -Ich will in Dem Bett hebe Mama; o, nimm mich doch zu Dir. Ich will ganz lieb, ganz artig sein", schluchzt der Knabe mit ge­schlossenen Augen; bie HänbchenZ gefakm, er bait sie blttßonrab°bieibt wie gebannt von dem Anblick. TaS Herz thut ihm weh. Er spricht nn Traum, ber Kleine; also, baS Herz, fein Sinnen und Trachten güt bet Mutter. Was wird das geben, wenn er sie nickt bald vergiss-n lernt. Ein Heimweh kann töbtlich tu..tat Auch er, Konrad, hat ja als Knabe auf bem Eymna-