20. Jahrganq
Freitag, den 20. Januar 18S3.
uldlitrWZkitnliil
des
Mainz, 6. Januar 1893.
Aas deutsche Komitee zur Vorbereitung der Feier Kischofsjubiläums Papst Leo XIII.
i. A. dessen Borstand:
X Die Ea^taf eine Eigenart jüdischen j Erwerbslebens.
Au die Katholiken Deutschlands!
Anläßlich des goldenen Bischofs jubiläurns unseres glorreich regierenden hl. Vaters Papst 2eo XIII. werde» ous allen Landern Gläubige nach Rom eilen, um dem hl. Barer persönlich ihre Siebe und Verehrung zu bezeugen und in althergebrachter Weise als Wallfahrer bei den großen Heiligtümern der Haupt- stadr der Christenheit für die Anliegen der Kirche zu beten. Der hl. Vater hat, um das fromme Vorhaben der Pilger zu unterstützen, die ihm unverrrauten Gnadenschätze geöffnet und das Jahr 1893 vom Tage feines Jubiläums ab als Jubiläumlfahr ausgeschrieben.
Damit auch unser Vaterland bei dreier großartigen katholischen Kundgeoung würdig vertreten fei, veranstaltet das unterzeichnete Komitee gemäß dem von ihm stüher ousgegebenen Programm eine
Deutsche Pilgerfahrt nach Rom.
Um auch weniger Bemittelten dieRomfahrt zu er- möglichen, werden zwei getrennte Pilgerfahrten, eine II. und eine solche III. Klaffe eingerichtet werden. Beide Züge werden durch bewährte Führer geleitet und treffen in Rom zur gemeinsamen Audienz beim heil. Vater und zu gemeinsamem Besuche der Gnadenstälten daselbst unter Führung eines Deutschen in Rom ge- bildeten Komitee's zusammen. Die Rückreise erfolgt, wie auch seither, einzeln oder in selbstgebildeten Gruppen. Die Pilgerzüge werden, über Loretto und Asfisi geführt, die dortigen Heiligthümer besuchen.
AlS Tag der Abreise ist in Rücksicht auf die hoch- würdigen Herren Geistlichen vorläufig ab München Montag, 17. April er.
s^Der hl. Vater wird voraussichtlich während der Anwesenheit der deutschen Pilger in Rom in St. Peter eine hl. Messe lesen, bei welcher diese zugegen sein werden und sie jedenfalls in Audienz empfangen.
Die Pilgerreise III. Klasse kann mit einem Kostenaufwande von Mk. 250 unternommen werden.
AlleS Nähe ist aus dem „ Pilger führer nach Rom" zu ersehen, welcher gegen Einfendung vom 50 Pfg. in Briefmarken durch ben unterzeichneten Dr. A. v. Steinle, Frankfurt a. M., große Pfingstweidstraße 9, vom 15. Februar er. ab zu beziehen ist.
Wir laden unsere Landsleute zu recht zahlreicher Betheiligung an der Romfahrt ein.
Karl Fürst zu Löwenstein, Borfitzender. Freiherr Felix v. Lo«, I. stellvertr. Borsitzender. R. v. Rochow, II stellvertr. B-rfitzrnder.
Dr. v. Steinle, Schriftführer.
P. P. CahenSly, Kasirer.
Frecher Dael v. Koeth.
Dr. Schmitt.______________
Um den Lorbeer.
Roman von I. Sandhage.
(28. Fortsetzung.)
Vielleicht verstand ihn dieses treue einfältige Weib lchne Worte. War doch auch sie Mutter gewesen; eine glückliche und eine arme beklagenswerthe nachher. Solche Seelen, die im Leid gestählt find und die Freude kaum als TageSgast kennen gelernt haben, entwickeln in Glücks- und Unglücksstunden staunmSwerthe Fühlfäden.
Aus diesen Gedanken heraus sagte er: „Sorgen Sie, daß die kleine Bettstatt von oben herunter in mein Schlafzimmer gebracht wird. Wir erhalten dauernd von heute an einen kleinen Gast. Haben Sie ihn ein bischen lieb, gute Lehnert. Wollen Sie! ?“
„Ach, du lieber gütiger Himmel, gnädiger Herr," stammelte die Frau, mit der Schürze über das runzelige Gesicht fahrend. „Weich' eine Freude für uns Alle; solch' ein liebes junges Blut, wer sollte es nicht gern haben? Seien der gnädige Herr nur ganz unbesorgt, wir wollen ihn auf Händen tragen. Aber er wird eine Bonne gebrauchen? Oder bringt er eine mit? Nicht?! Ach, um so besser; die westfälischen Dienstboten sind hingebend und treu und vertragen sich auch länger und bester aus die Dauer mit ihren eigenen Landsleuten. Jetzt will ich gehen, gnädiger Herr! Du liebe Zeit, nein, diese Freude mit dem Kindchen, sie
anderen Agenten (desselben Bankhauses) freilich gegen Provision und einige härtere Zinsbedingungen, speziell aber gegen ganz kurze Kündigungsfristen und mit Konventionalstrafen bei Zinsrückständen. Diese Kündigungsfristen und die Konventionalstrasen bieten ein bequemes Mittel, um den unglücklichen Bauer zu erwürgen. Doch das thut auch dieser Agent noch nicht. Er ist zwar nicht so brav, wie der erste Agent, er muß ja den Bauer nöthigen, immer neue Wechsel mit neuen Pro- i Visionssummen wegen der schuldigen Zinsen und Kon- i ventionalstrafen zu unter schreiben. Ader er läßt ihn ! ans dem Hofe. Erst wenn der Viehstand vollständig 1 geplündert, die Früchte auf dem Felde g pfändet, der ! ganze Hof abgeschwendet ist, wird der letztere größere ; Wechsel an irgend ein entferntes Mitglied der Razzren- gesellschast, z B. in Fürth ober Wunsiedel, verkauft, welcher die Austreibung des Bauern und die Versteige- rung des Anwesens betreibt. Das ist dann der fremde „schlimme Jude", welcher aber kommt und alsbald wieder verschwindet, während der „brave Jude" bereits wieder ein zweites und drittes Opfer in der Arbeit hat.
Diese Razzia auf den bayerischen Bauernstand ist durch wohlbekannte Bankhäuser in größeren Städten in i geschilderter Form organisirt. Diese Organisation mit ' Vertheilung der Rollen bringt eS inst sich, daß die (Staatsregierung behaupten kann, eS gäbe gar keinen Wucher in Bayern, während der Bauernstand thaisachlich anSgewuchert wird. Der Chef des Bankhauses ist ein großer Ehrenmann, ist bei allen WohlthätigkeitS- ArrangementS dabei, zählt zur „Blüthe" der Nation und bringt eS wohl auch zum Kommerzienraih. An einen solchen Ehrenmann wagt sich die „Verleumdung" des Wuchertreibens gar nicht hinan oder es tritt «xem- plansche Bestrafung ein. Das Gericht hat die volle Unschuld aktenmäßig festzustell-n. Der erste Agent aber ist ein so braver Mann, daß selbst der Bauer ihn lobt. Nur konfessionelles Borurtheil kann solche Ehrenmänner verdächtigen. Der zweite Agent ist ein genauer Geschäftsmann, aber auch er steht tadellos da. Für Darlehens-Vermittelungm seien Provisionen selbstverständlich. Die Konventionalstrafen seien durchaus am Platze und gerechtfertigt, da die Bauern als säumige Zahler bekannt seien. Man müsse sich gegen solche Säumigkeit durch Konventionalstrafen schützen. DaS vierte Glied in der Razzia endlich, der vierte Jude, welcher in weiter Ferne einen Wechsel kaufte und durch Versteigerung des Anwesens sich bezahlt machte, sah zur Subha- station sich genöthigt, da eS kein anderes Mittel zur Befriedigung feines Guthabens mehr gab. Der Bauer war anSgewuchert durch vier jüdische Ehrenmänner, von > denen keiner eine Handlung begangen hat, welche durch : das Wuchergesetz getroffen werden kann. Dies macht , die Organisation mit der schlauen Vertheilung der Stollen und mit dem gemeinschaftlichen Betriebe der Razzia, i dieses beliebten Mittels jüdischer Erwerbs art - Wer auf dem flachen Lande gelebt hat, kennt dürfe , Razzia-Organisation sehr genau, nur die StaatSregre- rung weiß offiziell keine Silbe davon. Privatim aber, lagt der Autor, hat ein RegierungS-D,rektor unS
ist mir wahrhaftig in die Füße gefahren. So etwas, nein, nein!" _ . t
Damit trippelte sie fort. Martin war der erste, dem sie biefe Freudenmär im Fluge zuraunte. Bald darauf lief die Kunde durch das alte Schloß, daß ein kleiner Prinz heute hier feinen Einzug halte. Darum das fck öne Kinderbild als Vorspiel. ES hing im Herrn feinem Zimmer. Darum die Visiten von Tante Mechthild und Herrn Kurt von Wüllesen-Romberg. Der Maler spielte auch feine Rolle mit. Darum wurde der Wagen heute hinauSgefchickt. „
So flüsterte und staunte man tn allen Winkeln des weitläufigen Hauses. Jeder aber freute sich um bei armen $errn willen. Eine rege Geschäftigkeit begann. Der Baron suchte in alten Wandschränken nach Kinder- spielzeug. Die Bibliothek gab Bilderfibeln her. Er schleppte eine ganze Fracht von altem Ballast auf feinen Armen herbei, als gelte eS, eine ganze Klem- kinderbewahranstalt mit Spielfachen, mit Lesefutter ans- zustatten. Lehnert stand, mit Wischtüchern und ertaub« be en hantirend, im Schlafzimmer DaS Bettchen prangte im neuen WichS neben der Lagerstätte des BaronS. Alle paar Minuten trat der Hausherr herein und schaute prüfend nach, ob AlleS in Ordnung fei. eeine innere Aufregung theilte sich den Anderen mit. Jeder konnte den Zeitpunkt kaum erwarten wenn die ^gestrichene Kutsche über die Brücke raffeln wurde. Es dämmerte
schon und noch immer kein Wagen in Sicht. Die Spannung wuchs. Konrad lief, von feiner pemlicheu Unruhe wie gehetzt, hinaus auf ben Weg nach Kenten. Verstohlen f(baute ihm Alles im Haufe nach. Du liebe Zeit, biefe Sehnsucht des sonst so kaltblütigen, schwer- müthigen Herrn, kurioS, wunderbar! ES gab zu denken, und der Eine laS dem Anderen die innersten Gedanken auS den Augen: Kein Zweifel, eS ,st sem Kind.
Bei ihnen Allen stand eS fest, dieses Kind müßte man hüten, wie seinen Augapfel. Seltsam, daß es ww unter Einwirkung gemeinsamen bangen ^nungSgeM^ zur Sprache kam. Ob der Genius deS Hauses vielleicht dm Schleier der Zukunft ein wmig lüstete?
Unterdeß eilte Konrad flüchtigen Fußes in den Abend hinaus. Endlich blieb er horchend stehen. Sem Lerz schlug stürmisch, sein Athem stockte. Das dumpfe Gepoltn, rührt eS vom Wagen her? Richtig . Aber wie langfam er schleicht. War das nicht ein böses Omen9 So schwankt ein Todtenwagen und nicht em Triumvbaefährt dahin. Wie er nur auf ben wunderlichen Vergleich geraten ist. Abergläubisch auch noch." Alter Thor!" schilt er sich und verfolgt wieder lang- fam seinen Weg. Endlich besinnt er sich. Auf offener Landstraße feinen Sohn erwarten? O, welch' em Ungestüm, was werden die Untergebenen denken. Maß halten in allen Dingen, pflegte Tante Mechthild zu
Bei Rudolf Abt in Pofsau erschien gegen Ende des vorigen Jahres unter dem Titel „Jüdisches Erwerbs- . leben. Skizzen aus dem sozialm Leben der Gegenwart. I Von Dr. Robert Waldhausm," ein Schriftchen, welches trotz einer Auflage v.rr 3000 Exemplaren in 14 Tagen vergriffen war. Der Name des Verfassers, Waldhausen, wird sicherlich pseudonym sein. In diesem ! Schriftchen wird u. Ä. eine Eigenart des Judener- । werbeS behandelt, die man Razzia nennt; es ist bieS \ der planmäßige, wohl vorbereitete, einheitlich geleitete Ueberfall, eine EewerbSart, welche außer bei ben Juben | nur noch bei ben Aradern sich findet. Irgend ein ! Unterm Hiner organisirt z. B. den Mädchmhandel. Der | eine Theil der Razzienbande hat nun Opfer anzuiocken, ein anderer Theil hat sie zu verfch'.eppen, der dritte Theil übernimmt die Verkuppelung, wie bieS in einem gi oßartigen Kuppelei Prozesse konstatirt würbe, welcher im Oktober 1892 vor dem Schwurgerichte zu Lern- berg sich abff)teile, wobei der angeklagte Jude Schöffen- stem sich m t den Worten vertheidigie: „Ob ich mit Kleidern. Südfrüchten oder mit — Mädchen handle, das geht den Gerichtshof nichts an." Der Wirkungskreis der Razzienbanden ist immer nicht bloß in der Thittigkeit, sondern auch lokal genau abgegrenzt. Ein Bankhaus in München z. B. übernimmt die Razziirmn beS Bauernstandes in Oberbayern. DaS Bankhaus vertheilt die Rollen genau abgegrenzt nach Bezirksämtern und Amtsgerichten. In jedes Bezirksamt werden fünf bis fechS Agenten geschickt. Ein Uebergreifen tn ein benachbartes Bezirksamt oder Razziengebiet ist ihnen strengstens verboten. Diese Agenten haben die Aufgabe, die Bauern auszuplündern. Um bieS zu können, muffen sie mit allem Möglichen handeln. Sie taufen Getreide, Gerüche, Werkzeuge, Bieh, Schmuck für Frauen. Sie laufen ganze Bauernhöfe zum Zertrümmern und Baargeld liefert in jeder beliebigen Summe das Bankhaus. Die Zertrümmerung ist eines der bequemsten Mittel, um ben Bauernstand zu rui- niren. Dieser und jener Dorfbewohner findet, daß irgend ein Acker, eine Wiefe, ein Holztheil so paffenb an einem Grundstück deS eigenen Hofes liegt, daß der Erwerb wünfchenSwerth erscheint. Dazu kommt der Landhunger, welcher besonders die Söldner und kleinen Bauern beherrscht, sowie der Stolz, in der Zahl der Tagwerke hinter ben anberen Nachbarn nicht zurückzustehen. Erwirbt ein Nachbar 6 neue Tagwerke, so kauft der andere Nachbar gleich 10 Tagwerke. Baargeld ist nicht röthig. ES werdm nur 5°/0 ZinS und aflenfaflfige Verzugszinsen bedingt, welche der Käufer leicht aufzubringen hofft. Es kommt der Verfalltag, der Bauer hat aber den ZinS nicht aufgebracht. Der Jude schweigt. Er schweigt auch beim zweiten und dritten Verfalltage, eS ist ja der „brave Jude." Plötzlich hat dieser brave Jude ein großes Geschäft vor, und braucht nothwendig die ganze Summe. Er ist aber entgegenkommend und vermittelt daS Geld bei einem