Mittwoch, den 18. Januar 1893.
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Deutsches Deich.
Berlin, 15. Januar.
* Gestern wurde das Krönungs- und Ordensfest im königlichen Schlosse in der herkömmlichen Weise begangen. Dasselbe begann in den braunschweigischen Kammern mit der Verleihung der Orden u. Ehrenzeichen an die neu dekorirten Persönlichkeiten. Um ll’/ä Uhr versammelten sich die aktiven Staatsminister im Rittersaale, die königlichen Prinzen und Prinzessinnen im Kurfürstenzimmer, die Hofstaaten und das Gefolge in der boisirten Galerie, während alle anbereit zur Feier Geladenen um 12 Uhr in der Schloßkapelle zum Gottesdienst anwefend waren. Nachdem im Rittersaale dem Kaiser und der Kaiserin d,e neuernannten Ritter und Inhaber von Orden pp., im Königinnen-Gemach die neudekorirten Damen des LuismordenS und des Verdienstkreuzes vorgestellt worden waren, begab sich der Hof im geordneten Zuge in die Schloßkapelle zum Gottesdienste, der von dem Hof- und Domprediger Bieregge abgehalten wurde. Nach 1 Uhr fand alsdann im Weißen Saal und den angrenzenden Gemächern die Galatafel statt, zu der 800 Einladungen ergangen warm. Die Tafelmusik gaben die Kapellen des Kaiser Alexrnder-Garde-Grmadier-Regimmts und des Garde- Füstlier-RegimmtS. Zu Seiten des Kaisers und der Kaiserin speisten die Prinzen und Prinzessinnen des königlichm Hauses. Gegen Ende der Tafel trank der Kaiser auf daS Wohl der alten und der neu ernannten Ritter. Alsdann verließen Kaiser und Kaiserin den Saal, um in den inneren Gemächern Cercle zu halten. Der,Reichsanzeiger' enthält die vollständige OrdenSliste.
♦ AuS Rom wird der „Pol. Corr." gemeldet: Fürstbischof Kopp überbrachte dem Vatikan die friedlichsten und freundschaftlichsten Versicherungen der Berliner Regierung.
* Ueber den Bergarbeiterstreik verlautet: Im Gelsenkirchener Revier kann der Ausstand als beendet angesehm werden; heute ist daselbst Aller angefahren. Der Vorsitzende der Bergarbeiterverbandes, Schröder, wurde verhaftet. — Am gestrigen Sonntag sollte in E s s e n in einer Bergarbeiterversammlung über die Fortsetzung der Streiks beschlossen werden. Als aber bei Eröffnung der Versammlung Mittheilung von der am Sonnabend erfolgten Verhaftung der StreikführerS Ballmann gemacht wurde, erklangen die Rufe: „Pfui! Steckt nur Alle ein!" worauf die Versammlung sofort polizeilich gefchlossen wurde. Unter Hohngelächter und dem Rufe: „Weiterstreiken!" ver« ließen dann die Bergleute dm Saal. — Erfreulich ist dagegen die Meldung aus Essen, daß daselbst in einer Versammlung des „Christlich patriotischm Bergarbeiter- Vereins" am Sonntag Abend vom Bergmann Rosenkranz und Anderen gegen dm Streik gesprochen worden ist. — Die Zahl der Ausständigen im Dortmunder Oberbergamtsbezirk ist auf 8500 Mann gesunken. Der Bergarbeiterstreik hat jetzt schon eine Ueberfüllung
Um den Lorbeer.
Roman von I. Sandhage.
(26. Fortsetzung.)
15. Kapitel.
Maestro Antonio war von seiner Reise nach Kentm zurückgekehrt, aber ohne den antiken Schmuck, der Lucia gehörte. Verstimmt und grämlich faß er im Musikzimmer vor dem Flügel. Lucia kam immer noch nicht; Brigitta hatte ihm, dem Maestro, schon eine derbe Standrede gehalten, daß er Lucia überanstrenge. Die Kleine gehe, nein schleiche, einsilbig im Hause umher. Die Nerven feien überreizt vom ewigen Musizirm. So dürfe das nicht länger weitergehen. Vier Wochen früher hätte Brigitta diese Einmischung in Dinge, die über chren Horizont hinauSgingm, nicht wagm dürfen. Aber vier Wochen, ja oft schon vier Tage, vier Stunden genügen, eine innere Umwandlung im Menschen zu vollziehen. Antonio fteilich schien aus Stahl und Eisen zusammengesetzt. Stets unveränderlich, so lange Brigitta denken konnte; derselbe, von seinen Idem und Komposttionm, von seinen Plänen und von seiner Musik-Narrheit wie besessene Träumer. Nur Eines unterschied ihn von anderen Genies, er war praktisch und bequemte sich der Welt an und war mit den irdischen Dingen in allen Fällen vertraut. Sie wunderte sich daher nicht wenig, als er so verdrießlich von feiner Kmtener Reise heimkehrte. Sr schimpfte auf
der Zellen des Dortmunder Gefängnisses zur Folge. Auch heute wurde wieder ein Trupp junger Leute, die an- einandergeschlossm über die Sttaßen geführt wurdm, in das Gefängniß abgeliefert. Sie sollen sich daran betheiligt haben, ihre Kameradm durch Bedrohungen von der Arbeit abzuhalten. Heute wurde bereits ein Transport hiesiger Gefangener nach auswärtigen Ge- fängnisfen überführt; in der nächsten Woche wird ein zweiter folgen. — Im Saarrevier sind nunmehr noch 2900 zBergarbeiter ausständig. In Bildstock, Püttlingen, Schwalbach und Guichenbach wurde zwar gestern in Versammlungen noch beschlossen, weiterzustreiken, doch sei die Stimmung aümthalben eine sehr gedrückte.
* Der ,Reichsanzeiger' bringt einen Erlaß des Ministers des Innern und der Finanzen wieder in Erinnerung, der die stärkere Heranziehung der Realstenern bei Aufbringung der Kommunallasten empfiehlt, wie sie dem gegenwärtig vorliegmdm Entwurf des GemeindesteuergesktzeS zu Grunde liegt. Im Anschluß daran theilt der.Reichsanzeiger' eine von denselben Ministern aus Anlaß eines Spezialfalles erlaffene Verfügung vom 28. Oktober v. Js. mit, in der auSgeführt wird, daßprogresfiveKommunal- steuerzuschlüge für Einkommen über 900 Mark zulässig seien. ES heißt darin, „daß eine Abstufung der Zuschlagsprozente zu der Staatseinkommensteuer nicht deshalb als gesetzlich auSgeschlosien zu betrachten ist, weil das Einkommensteuergesetz vom 24. Juni 1891 im § 74 nur hinsich lich der mit Einkommen bis zu 900 Mark versehene Personen die Heranziehung mit einem geringeren Prozentsätze als bei höheren Einkommen Vorsicht. Es steht vielmehr an sich nichts im Wege, wo besondere Verhältnisse dies erfordern, mit Genehmigung der zuständigen Behörde auch bei den Einkommen über 900 Mark eine Abstufung der kommunalen Zuschlagsprozente eintreten zu lassen."
* Bon Berlin aus ist ein neuer Steuer-Versuchsballon aufgelassen worden. Wie ein Berliner Korrespondent der »Schlesischen Zeitung' meldet, habe die Regierung im Falle des Scheiterns der Militärvorlage und nach Ablehnung der Brau-, Branntwein- und Börsenfteuergesetze die Einführung des Branntwein- Monopols in der Form der RohspirituS-Monopols bestimmt in Aussicht genommen. Warum dieses Monopol gerade für den Fall der Scheiterns der Militärvorlage ins Auge gefaßt wird, ist schwer zu begreifen; für den umgekehrten Fall wäre er eher verständlich. Die Presse will denn auch an dies neueste Steuergeschenk nicht recht glauben. Die .Nationalztg.' meint, daß der Berliner Korrespondent nur Wünsche von Spiritusbrennern wiedcrgibt. Aber auch die .Kreuzztg.' glaubt an die Meldung nicht recht. Ein solches Monopol, so meint sie, wäre ein ungeheurer Plan, gegen den das Liqueurmonopol der Schweiz ein Zwerg sein würde.
* Der Reichstag begann heute die 1. Lesung der Novelle zum Branntweinsteuergesetz. — Staatssekretär
den Schneckengang der alten Postkutsche; er sei wie gerädert an allen Gliedern. Das sei keine menschenwürdige Fahrt gewesen; aber für diese faulen Grönländer wäre Alles gut genug.
Er verwünschte lauter Aeußerlichkeiten, um Brigitta den wahren Grund seines UnmutheS zu verbergen. Heger und Sohn, diese spitzfindige Finna, diese Geld- rnenschen waren cS, die ihn auf'S Aeußerste erstaunt und empört hatten. Der früher gesandte Schmuck, daS war ja eine fatale Geschichte mit ihm. Man fahnde schon feit langen Jahren auf den Dieb der fürstlich D.'schen Familiengeschmeide. Der kostbare Schmuck wäre beim Tode der alten Prinzessin abhanden gekommen. Siu gewisse Leonie auS Neapel habe durch eine Flucht damals bösen Verdacht auf sich geladen. DaS sei allerdings lange her. Aber man habe bei dem kolossalen Werth dcS gefloßenen Schatzes an alle in» und ausländische Juwelenhandlungen. Zeichnungen gesandt, und dieser gesandte Schmuck passe der Form und Einfassung nach ganz auf eine der vorliegenden Zeichnungen.
Wie ein Sturzbad kalten Waffers auf den Kopf, so hatte dieser Bericht den Alten jählings getroffen. Er stammelte ein paar zusammevhangslose Worte. Sie schienen keinen Eindruck zu machen. Der Alte fühlte sich belauert, beargwöhnt sogar. Er hätte sich vor Scham und Aerger in dm Boden verkriechen mögen. Eiligst lief er davon und war froh, daß man ihn nicht als
v. Maltzahn-Gültz erklärte, daß mit den Steuervorlagen keine Aenderung der Grundlagen der bestehenden Steuergesetze, geschweige denn eine Steuerreform im großen Style beabsichtigt sei. Ohne finanzielles BedUrfniß wäre die Regierung an die Vorlagen nicht herangetreten. Die Branntweinsteuervorlage, welche eine noth- wendige Ergänzung der Braufteuervorlage sei, verspreche einen Mehrertrag von 12^ Millionen, womit nur gerade das erreicht werde, worauf man Anfangs bei der jetzigen Branntweinsteuer rechnete. Man solle die etwa aufgekommene Befürchtung bezüglich einer geplanten Reform im großen Style ruhig fallen lassen, denn er habe in seiner Erklärung dem Reichstage „reinen Wein" eingeschenkt. — Abg. Siegle (natt.) lehnte die Vorlage ab, weil dieselbe, ebenso wie die anderen Steuern, die auf nothwendigen Bedarfsartikeln beruhten, als Kopfsteuer wirke. — Abg. Dr. Witte (dfr.) forderte gründliche Umarbeitung des 1887er Branntweinsteuergesetzes und Befeitigmig der „Liebesgabe" in der Höhe von 40 Millionen an die Branntweinbrenner, wodurch man die Mittel zur Durchführung der zweijährigen Dienstzeit ohne jede Steuerhöhung gewinnen würde; man lasse das Brennereigewerbe sich frei entwickeln. — Bayrischer Finanzminister v. Riedel hob hervor, daß ein Rückgang des Branntweinkonsums infolge dieser Vorlage nicht zu befürchten sei. Die angebliche Liebesgabe an die Brenner käme nicht diesen, sondern bett Industriellen, die steuerfreien Spiritus verbrauchen, zu Gute. Wollte man an den Grundlagen des Branntweinsteuergesetzes etwas ändern, so würde man zahlreiche Existenzen, zumal aus dem mittleren und kleineren Brennereigewerbe in Bayern vernichten, weil sich dieselben nach dem 1887er Steuergesetze unter großen Kosten — auf die nunmehrige Stettgkeit der Verhält- niffe bauend — vielfach neu eingerichtet hätten. Redner bat, an den Grundlagen des BranntweinsteuergesetzeS nicht zu rütteln und diese Vorlage möglichst unverändert zu lasten. — In demselben Sinne sprach der württembergische Gesandte v. Moser zu Gunsten der württembergischen Brennereien. — Abg. Holtz (Rp.) bat nicht störend in die neuen Verhältnisse, mit denen sich die Brennerei einigermaßen abgefunden habe, einzugreifen und beantragte Berweifung der Vorlage an die Militärkommission, welchem Anträge sich Abg. Fchr. v. Gagern (Ctr) ebenfalls anschloß. — Abg. Wurm (Soz.) sprach gegen den übermäßigen Kartoffetban, durch den die Bolksernährung verschlechtert werde; durch daS bestehende Gesetz »erde die Nahrung der Menschen schlechter, als die des Rndviehs und der Schweine. Redner verlangte völlige Aufhebung der Branntweinsteuer; möge sich das Reich nach anderen Einnahmequellen umsehen. — Nachdem noch der bayrische Finanzminister von Riedel begründete, daß der für industrielle Zwecke verwandte Spiritus durch daS bestehende Gesetz verbilligt werde, wurde die Weiterberath- ung auf morgen vertagt. Außerdem steht auf der morgigen Tagesordnung noch die Interpellation Brömel (steif) betr.: Amtliches Waarenverzeichniß.
Hehler festzunehmen trachtete. Er begab sich mit einem anderen Geschmeide der Signora schnell zu einer zweiten Handlung. Schnell verließ er den ominösen Ort; der Boden brannte ihm fast unter den Sohlen. Im Post» toagen, der langsam des Weges kroch, behielt er Zeit, über seinen verunglückten Feldzug nachzudenken. WaS sollte er der Constance sagen? Die Wahrheit durfte sie ja um keinen Preis erfahren. Die feingearleteFrau würde vor Angst vergehen. Denn man mußte doch wvhl die Spur des sauberen Leonie längst wieder ent» deckt haben. Constance scheute das Andenken an den Elenden wie die Pest. Also einen Vorwand mußte er ersinnen, wenn sie ihn wegen des Schmuckes zur Rede stellen würde. .
Rum Glück hatte er für die anderen Steine em gutes Kapital gelöst. Sein Schiff war wieder flott gemache, aber auf wie lange?!
Es blieb ihm nichts übrig, er mußte feine Anstal- ten zu einer Sonnte, und tote er für gut hielt, nach Skandinavien treffen. Und je eher je beffer wollte er hinaus nach Hans Landsbeck und Baron v. Wüllefen reinen Wein in Bezug auf die Erziehung feine« Soh- nes einschenken. Ans dem eiger willigen Buben wurde in den Händen dieser schwachen Frau rein gar nichts. „Äffenliebe, verdorben, total, für immer verdorben wird er," brummte der Alte. „Alle sind sie gleich thöricht und albern vor lauter Abgötterei mit dem Schlingel. Ein Gewaltstreich vom rechtmäßigen Vater als Gebieter