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«amstag, den 14. Januar 1893

20. Jahrgauq

gekommen. — Abg. Frhc. v. Stumm (Rp.) veruttheiite in scharfer Weise bie Agitationen der Sozialdemokratie und daS Treiben des R-chtssch tz - Vereins im Saar- Revier, macht aber der Berg-Behörde zum Vorwurf, daß sie nicht rechtzeitig und energisch genug diesen Agi­tationen entgegenaetreren sei. Die Streik-Proklamation hätte mit einer Bekanntmachung beanlwo tet werden müssen, dahin gehend: wer nicht binnen 3 Tagen die Arbeit wieder aufaimmt, ist entlassen. Das Arbeiter- schütz Gesetz könne nur dann günst g wirken, wenn zu­gleich die sozialdemokratische Agitation niede? gehalten werde. — Der preußische Handelsminister Frhr. v. Berlepsch führte den Streik im Saar - R vier auf das Bestreben des R chrschutz Vereins zurück, die Herrschaft über die Bergleute, die ,hrn zu entgleiten drohte, durch eine große Aktion wieder zu erlangen. In unglaub­lichem Leichtsinn seien die Leute der verbrecherischen Verführung gefolgt. Der Streik sei ebenso unbegrün­det wie aussichtslos. Bter der Hauptführer des Recht« schutz-Bereins hätten wegen Unterschlagung von Vereins» gelbem verhaftet werden müssen. Etn Vorgehen gegen den Rechtschutz Verein werde erwogen, die Koalitions- Freiheit aber nicht angetastet werden. Das von v. Stumm vorgeschlagene Verfahren hätte dazu führen können, sämmtliche 30 000 Arbeiter definitiv zu ent­lassen, während heute schon 16 000 wieder bei der Ar­beit seien. — Abg. Frhr. v. Pfetten (Cmtr.) erkannte daS Vorhandensein einer NothstandeS in der Lrndwirth- schaft und im Kleingewerve an und befürwortete dem­gemäß die Centrums-Anträge zur Gewerbe - Ordnung. — Weiterberathung morgen.

Um den Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(24. Fortsetzung.)

14. Kapitel.

Malve Walter saß mit einer Näharbeit am Fenster deS Wohnzimmers und schaute träumend in den sonnigen F ühlingstag hinein. Ja, der Lenz kam, dort stolzirte schon eine Dame im Sommerstaat vorüber. Malve schaute schärfer hinaus. Sch, das war die Sladt- räthin. Wre eilig sie eS hatte. Aber, was war das? Steuert sie nicht direft auf unser HauS zu? Richtig. Da schrillte schon der Ton der Hrasklinqel durch den Flur. Es klopfte. „Herein!" Ma ve erhob sich. Die Stadträthtn trat lächelnd über die Schwelle. Sie strahlte förmlich, es mußte ihr erwaö sehr Angenehmes auf dem Herzen liegen, was sie je -h-r, je besser anzu- bringen suchte. Malve bat sie, Platz zu nehmen. Und sie ließ sich recht bequem im Sopha nieder. Offenbar wollte sie sich die Zeit nehmen, sich gründlich auszu- breiten.

.Liebes Fräulein", begann sie pathetisch. .Cornelia schickt m'ch wegen ein s Stickmusters. Sie haben im vorigen W nter eine so reizende Schlummert olle ange­fertigt. Der Marchese war ganz entzückt von der Ar­beit Ihrer Hände," betonte sie schwungvoll. „Cor­nelia möchte sie sich sehr gerne einmal näher an­schauen."

Deutsches Keich.

Berlin, 12. Januar.

* Die Militärkommisfion hielt heute Abend ihre erste Sitzung, welche ausschließlich von einer zwei­stündigen Rede des Reichskanzlers ausgefüllt wurde, die sich auf dem Gebiete politisch-militärisch- strateg scher Erwägungen bewegte und des thatsächlich Neuen wenig bot. Der Reichskanzler hob besonders hervor, daß er die Verantwortung für die Folgen des etwaigen Scheitern- der Vorlage ablehnen muss ■. Nächste S tzung übermorgen. Es finden 2 Lesungen statt; zu­nächst wird in die Generaldebatte emg-treten.

* Gat h-im geleuchtet bat der kurhesfische Kabiuets- rath a. D. Herr A. Schimmelpfeng dem.Bertrner Tageblatt' aus d.ss'n Insinuation, daß er die angeb­lichen WelfeufondS Quittungen nach Zürich übermittelt h ibe, durch folgende dem Blatte zugesandte Erklärung: In der gestrigen Abendnummer des ,Berliner Tage­blattes' werde ich, obwohl mein Name nicht genannt ist und nur von einem hohen Kanzleibeamten des Kur­fürsten von Hessen gesprochen wird, doch kenntlich genug mit den angeblichen WelfenfondS quittungen in Verbindung gebracht, und es wird dabei bemerkt, daß ich durch meine echt welfische Gesinnung bekannt und zur Einfädelung derartiger Jntriguen geeignet sei. Ich beschränke mich hierauf zu erklären: Wären mir die fraglichen Belege von irgend einer Seite angeboten worden, so würde meine Antwort gewesen sein, daß ich von veruntreuten Papieren unberührt bleibm wolle; wären sie mir aber ohne Weiteres zugeschickt worden, so würden sie von mir den berechtigten Jntereffenten, Seiner Königlichen Hoheit dem Herzog von Cumber­land und den Erben Seiner Königlichen Hoheit des Kurfürsten zu direkter Auseinandersetzung mit der preußischen Regierung zur Verfügung gestellt worden sein.

* Das neue Wahlgesetz, welches dem Abgeord­netenhaus« zugegangen ist, beruht auf dem Grundge- danken, daß an dem bisherigen Wahlystem nicht gerüttelt werden darf, sondern nur die Verschiebungen des Wahlrechts durch hie Steuerreform auszugleichen find. Die Regierung erkennt ein Bedürfniß noch einer grundsätzlichen Aenderung überhaupt ntchi, jedenfalls zur Zeit nicht an. Auch für den Erlaß eines d'fiui- tiven Wahlgesetze-, wie es Artikel 72 der Verfassung in Aussicht gestellt hat, halt sie den Zeitpunkt noch nicht für gekommen, weil die Wirkung der Steuer­reform sich noch nicht übersehen lasse. Daß ein neues Gesetz kommen soll, sobald dies der Fall.ist, wird natürlich auch nicht gesagt. Der Entwurf nun be­stimmt, daß bei der Klassenbildung für die Abge­ordnetenwahlen die direkten Staats-, Gemeinde-, Kreis-, Bezirks- und Provinzialsteuern in Anrechnung gebracht werden sollen. Dies war schon bekannt. So- dayn w'rd bestimmt, daß von der Gesammtsteuer- summe 8/18 auf die erste, */i» auf die zweite, 3/ia auf die dritte Abheilung fallen tollen. Die ganze Vlenbt=

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* Im p eußischen Abgeordnetenhanse legte heute Finanzmimstr Dr. Mqaet den Etat pro 1893/94, nebst da- Etats-Gesetz, sowie di« allgemeine Rechnung pro 1889/90 und die U»brsicht der Staatr-Einnabmen und Ausgaben pro 1891/92 in einer längeren Rede vor. War den Staat» Hane yaltsetat pro 1893/94 an­langt, so ergebe derselbe ( : Eninabme — 1,835 490 460 Mak und Ausgabe — 1 894 097,460 Mark:) leider einen Fehlbetrag von 58,600 000 Ma k, weicher durch « ne Anleihe gedeckt werden müsse. Dieser Fehlbetrag ist vor Allem auf den Einnahmeausfall bei dm Eisen­bahnen zurückzuführen. Wir dürften uns aber nicht entmuthigen lassen, da wir nach gewissen Anzeichen hrffm dürfen, den Höhepunkt der wirthschaftiichen Krisis überwunden (?) zu haben. Der Minister erläuterte dann die einzelnen Neupositionen deS Etats. So be­fände sich in demselben eine Vermehrung der Lotterie« loose um 30,000 Stück; für das Polizeipräsidium, die Gendarmerie und das Just'zrissort seien höhere Beträge eingestellt, auch 11 Dmk oren und 66 Richter mit dem nöthtgen Subaltern- und Unterbeamter personal fü den neuen Senat bei den Oberlandes- und Land­gerichten wären neu vorgesehen, während andererseits zum Bedauern der Regierung die Aufbesserung der Be­amtengehälter nicht stattfinden konnte. Bei den V-r-

„Ich weiß es noch nicht beftimmt", erwiderte Malve mit einem matten Lächeln." Sie verstand die erregte Frau nur zu gut und hatte Muhe, nicht in ein Helles Lachen auszubrechen.

„Ich werde verreism nach C . . . bad. Papa be­gleitet mich. Meine Gesundheit ist nicht dre beste; Sie sehen, ich bin mit der R'isetoilette beschäftigt. Ganz einfach, meine alten Kleider. Sie sollen nun modernisirt werden. Tinchen hilft mir. Heute war sie leider verhindert; der Bruder ist recht schlimm krank."

„Ach so! Schade, ich meine natürlich Sie und nicht den Kranken. Schade, wenn Sie nicht auf das Fest zugegen wären. Mir scheint, daß diese Fete noch etwas Besonderes zu bedeuten hat. Wer weiß, ob er nicht seine Verlobung feiern will "

„Und die Braut? Man hat ja noch nichts Näheres gehört", fragte Malve. Sie wollte die Anspielung der Stadträihln durchaus nickt verstehen. Diese aber be­harrte darauf, heute schon über Malve zu triumphirm. Dies- stolzen Walter'- sollten doch endlich eingestehen, daß man ihnen ebenbürtig war; denn wo als bei ihnen, Stadnalhs, suchte ein Marchese Baiti sich als Hausfreund zu behaupten. Innerlich Gift und Galle, äußerlich eitel liebenswürdig, fuhr sie fort:

„Von dem märchenhaften Schmuck, es ist ein Familien-Eldstück des Herrn Marchese, haben Sie wohl auch noch nichts gehört? Nein?! Selbst He

ungen des Noihgesetzes von 1891, wonach für jede nicht zur Einkommensteuer veranlagte P-rson 3 Mark in Ansatz zu bringen sind und für jeden Urwahlvezirk besondere AbtheilungSlisten aufzustellen sind, bleiben bestehen. — Das Wahlrecht hat sich im Lmfe der Zeit immer mehr zu Ungunsten der minder wohlhaben­den Klassen verschlechiert. Namentlich seit die indirekten Steuern im Reiche derart erhöht worden stad, daß auf den Kopf der Bevölkerung 13 bis 14 Mark ent­fallen, können wir es nicht mehr als gerecht ansehen, wenn den Wählern davon nichts angerechnet wild. Endlich wird auch die weitere Steuerreform roch wohl erhebliche Verschiebungen des Wahlrechts bringen, ins­besondere, wenn die Gemeinden erst anfangen, ihre eigenen Steuern, namentlich die indirekten, „auSzu- bauen". Diese Wirkungen haben bei der Vorlage nicht berücksichtigt werden können. Ihre schönen Berechnungen verlieren dadurch vollends allen Werth. Das Gesetz, wie es ist, befriedigt daher nicht. Swe weitere Bestimmung ist die schon osfiz'ö- angekündigte zum Bortheil der Inhaber von Gutsbezirken: wo direkte Gemeindesteuern nicht erhoben werden, sollen die vom Staate veranlagten Grund-, Gebäude« und Gewerbe­steuern bei der Bemessung des Wahlrechts angerechnet werden. Das wird den Beifall der Konservativen finden; andere Leute werden eS „agrarisch" nennen. Bei den G e m ei n d «-Wahlen, welche nach dem Maß­stabe der direkten Steuern stattfiaden, sollen künftig ebenfalls alle diretten Steuern angerechnet werden. Die Bestimmung zu Gunsten der Gutsbezftke und die Vorschrift, daß alle direkten Steuern bei der Bildung der Abtheilungen zu berücksichtigen sind, soll erst in Kraft treten mit dem Gesetze über die Aufhebung direkter Staatssteuern. Dar ist selbstverständlich. Aber wann soll der übrige Tbeil des neuen Gesetzes in Kraft treten? „Mit dem Tage seiner Verkündigung." Demnach scheinen die nächsten Landtagswahlen noch nach dem bisherigen Gesetze statifinden zu sollen. Dem können wir indeß nicht zustimmen.

* Der Reichstag verhandelte heute über die Roth« stands-Frage, und zwar auf Grund einer von Sozial­demokraten eingebrachtenJnterpellation, in welcher Reichs- h lfe gefordert wurde. — Abg. Liebknecht (Soz.) be­gründete die Interpellation und suchte namentlich auch den Bergarbeiter-Streik zu rechtfertigen. — Staats­sekretär v. Bötticher widersprach dem von Liebknecht entworfenen düsteren Bilde der Lage des Landes, be­stritt nicht, daß lokale Nothstände hier und da vorhan­den seien, wohl aber das Vorhandensein eines allge­meinen NothstandeS, der ein Eingreifen deS Reiches er­forderlich machte. Uebrigens zeige die wirihschaftliche Lage der letzten Monate manche Momente der B'sse-

„Jch bedauere", verfitzte Malve kühl, „die Arbeit war ein Weihnachtsgeschenk; ich besitze sie nicht mehr."

„Schade! W ss-n Sie schon, daß der Herr Batti am nächsten Dienstag fein erste Gesellschaft in seiner Eremitage geben w ll? Ich hab-mir eine schwere, aber doch süße Bürde aufgeladen, seine Dame Patron« ß zu sein. Ich werde die Stelle einer Hausfrau dort über­nehmen. Er b;t mich so dringend; man konnte es nicht ablehnen. Absolut nicht Man hat alle Hände voll zu thun. Sehen Sie!" Sie zog ein reizendes Notizbuch von Juchtenleder hervor und blätterte darin.

„Sehen Sie das neueste Bild vom Herrn Marchese; Cornelia hat zwei Exemplare von ihm bekommen. Dieses schenke ich Ihnen, Iie6e8 Herz. Em inter­essanter Kopf, nicht wahr? Ein charmanter Herr, so nodel. Em jeder Zoll ein König, ein Cavalier," schmunzelte sie, in der Meinung, etwas sehr Geist­reiches gesagt zu haben. Ihre kleinen unruhigen Aeug- lein blickten fortwährend an Malvens Gesicht h-rum. Wie vornehm kühl sie die Rede der glücklichen Mutter aufnahm. Ob ihr nicht das Herz vor N-id klopfte. Aber warte Du nur, es kommt noch bess r. „Haben Sie schon von der eleganten Ausstattung seiner V lla gehö.t? ES soll ganz Rocvcco fein; und diese Pracht der Palsterbezüge; alles schwere Damastseide; die T-ppiche direkt aus Persien, fürstlich, sage ich. Sie werben Augen machen, Malvchen, denn Sie kommen doch, nalürlich."

rung besteht hier also barm, daß die erste Abtheilung i rang. Der Streik der fiskalischen Bergarbeiter im fortan Via der Steuersumme mehr und dafür die dritte S ar-Revier sei der frivolste Streif, der jemals vor- 712 weniger aufzuw-iien hat, als bisher. Der Bor- ' ~ '

schlag, für jede Küss; einen bestimmten Prozentsatz von Wählern vorzuschreiben, wird zurückgewiesen, weil damit dar „System" verlassen würde. Die Bestimm-