Freitag, den 13. Januar 1893
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Um den Lorbeer.
Roman von 3. Sandhage.
(23. Sortierung.)
Da trat der Baron hinzu und der Farbenwechsel seines gebräunten maitirten Antlitzes verriech auch ohne Worte seine innere Bewegung. Er verschränkte die Arme k-ampfhaft ineinander. Benno empfand das innigste Mitleid mit dem armen Vater. Er ahnte es; der mußte jetzt allein sein und er nahm einen Vorwand, sich plötzlich auS dem Zimmer zu emfernen. Kaum fand Konrad sich allein, a s er wie gebiochen auf den ersten besten Stehl hinsank. Er schlug beide Hände vor sein G, sicht. Ein Siöhnen drang aus seiner Brust. Heiße Tränen stürzten unaufhaltsam hervor, ein hef- trgeS Schluchzen erschütterte seine Gestalt.
»Mein Kind, ihr Kind, mein süßer Liebling!" rief er m abgebrochenen Sätzen. Wieder sprang er empor, um sich auf's Neue an dem Anblick deS herzigen Ge- sichtchenS zu berauschen. Wie sprechend ähnlich »st dieser Knabenkopf dem Bilde aus seiner eigenen Kinderzeit. Dort, auf dem Wandgemälde, lehnt ein blondlockiger Junge im blauen Tuch-Kostüm mit weit zurückgeschlagenem Halskragen an dem mächtigen lang qestreckten Jagdhund, ein Pracht-Exemplar von einem Thier.
Konrad vergleicht die Züge, kühn gebogene Nase,
Deutsches Keich.
Berlin, 11. Januar.
* Zu dem Krömmgs- und Ordensfeste, das am Sonntag in der heikömmlichen Weise int hiesigen Schlosse stattfinden wird, trifft Prinz Heinrich am Sonnabend Abend hier ein.
* Wie die .Nationalzeitung, eifähit, schließt der preußische Etat für 1893/94, der am 12 d. Mts. dem Landtage vorgelegt wird, mit einem Defizit von 58 Millionen Mark ab. Schöne Aussichten^
* Am Donnerstag tritt wiederum unter Vorsitz des Reichsbankpräsidenten Dr. Koch die Börfeneuguete- kommisfion hierselbst zusammen. Die Berathungen werden voraussichtlich noch längere Zeit in Anspruch nehmen.
* Dem kaiserl. Gesundbeitsamte vom 10. bis 11. Januar Mittags gemeldete Cholerafälle: In Schwerin i. Meckl. ist eine eingeschl,ppte Erkrankung als Cholera festgTst llt. Hamburg: 5 Erkrankungen.
* Der Reichstag setzte heute die 1. Berathung der Braustmervorlage fort. — Abg. Grillenberger (Soz.) lehnte diese Steuererhöhung ab, die ja doch schließlich die minderbemittelten Klassen tragen müßten. Redner bemängelte das Fehlen des Verbots der Surrogate in der Vorlage und beleuchtete dann bayrische Verhältnisse. In Bayern habe der Malzfteuerzuschlag Preis und Konsum des Bieres beeir flußt und in verschiedenen Gegenden die Leute zum Scdnopsgenuß getrieben. Warum besteure man nicht die Krupp'schen Werke, die ja doch großen Vortheil vom Militarismus hätten, warum nicht andere Großbetriebe? Auch eine Einjährig-Freiwilligersteuer sei zu empfehlen, oder sonst hebe man die Liebesgabe an die Schnapsbrenner auf, wenn man die Militait Vorlage bewilligen wolle. Die Sozialdemokraten bewilligten keinen 3Rar.it und keinen Groschen. — Der lnynsche Finanzmimster v. Riedel legte den Ausführungen GrillenbergerS gegenüber dar, daß in Bayern seit dem Malzfteuerzusch ag der Bierkonsum sich gehoben und der Schnapskonsum abgenommen habe. — Staatssekretär v Maitzahn erklärte, daß das Verbot der Surrogate deshalb nicht in die Vorlage aufgerommen sei, weil ein tieferes Eingreifen in die Betriebe selbst vermieden werden sollte. — Abg. Möller (natl.) hielt die Vorlage für sehr oberflächlich abgefaßt, w-lche namentlich die norddeuschen Brerver- hältniffe zu wenig berücksichtige. Er bean,ragte Namens der Nationalliberalen Verweisung der Vorlage an die Mlitairkommission. — Abg. Dr. Bachem (Str.) verlangte, wenn überhaupt eine Erhöhung der Brausteuer nöthig werde, daß dieselbe in einer den Großbetrieb beschränkenden Weise erfolge. Die E-Haltung des Mittelstandes sei dringend geboten, um den Zusammenstoß zwischen Großkapital und Arbeiterschaft zu verhindern. — Abg. Dr. Brömel sdfr) erklärte die mit dieser Vorlage eingeschlagene Steuerpolitik für eine Politik der Wegelagerer, eine Wendung, welche Bz-Präsident Dr. Baumdach als unparlamentarisch rügte. — Abg. Dr. Böckel (Antisemit) erklärte, daß seine Freunde als Gegner der M'litairvorlage auch gegen die Steuervor-
__ 20. Jahrgang
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I ! Die sofortige Entlassung von 442 Mann Hat großen t i Eindruck gemacht. Einzelne Gruben sind heute wieder ■ vollzählig angefahren und auf anderen fehlen nur wenige Mann. Von den rund 30000 Bergleuten ! streiken heute also nur noch etwas mehr als die Hälfte, j während Anfangs voriger Woche nur 4—5000 Mann arbeiteten. — Bus dem Rhein.-Westfälischen Streikgebiet wird gemeldet, daß im Rauxel, wo am Sonn- i abenü die Sprengung deS Eisenbahnq.leises stattfand, vergangene Nacht ein HauS durch Dynamit beschädigt worden sei. — Der Streik hat bis jetzt nickt in der befürchteten Weise zugenommen. Die Mehrzahl der Zechen des Ober-RergamtSbezirks arbeitet. — Endlich wird au« Breslau gemeldet, daß die Arbeiter der i Grube „Deutschland" heute Morgen fämmtlich wieder i angefahren sind. Im ganzen oberschlesischen Revier herrsch- Ruhe.
* Köln, 9 Jan. Die Kölner Centrumspartei hielt gestern M ttaq im großen Saale des Piusbau eine von über 800 Personen besuchte Versammlung ab, in w.lcher gegen die Verfügung des Herrn Polizei- Präsident n vom 3. v. M. betreffend das Verbot - von religiös-wissenschaftlichen (sozial-politischen) Bor- ; trögen durch Mitglieder der Gesellschaft Jesu Protest ; erhoben werden sollte. Zahlreiche Abgeordnete, u A. die Herren Oberlandesgerichtsrath Rören, Greiß, Menken, i Dr. Karl Bachem, von der Acht, Fuchs, Scherben und mehrere Stadtverordnete und Geistliche wohnten der Versammlung bei, welche vom Herrn OberlandeSgerichtS- rath Rören mit einem warmen Nachruf an den vor ! einigen Tagen verstorbenen großen Parlamentarier i P-ter Reichensperger eröffnet wurde. Die Versammlung ehrte das Andenken an den verdienten Kämpen des CentrumS durch Erheben von den Sitzen. Herr Dr. Cardauns verbreitere sich dann in längerer Ausführung über den Kölner Fall, welcher bekanntlich darin be- ; stand, daß die Abhaltung w ssenschastlich-religiöjer Bor- । träge durch Jesuiten als eine Ausübung der Ordens- thätigkeit und daher. als gesetzlich unzulässig erklärt wurde. Gegen diese Verfügung habe daS Kuratorium ■ des St. Josephhaufi s, an welches dieselbe gerichtet war, Einspruch erhoben und den Erfolg abzuwarten. In ein- ! gehender Weise wies der Redner nach, daß hier eine i Ausübung der OrdenSthätigkeit mcht vorliege, und erörterte dann die Ungerechtigkeit des Jesuitengesetzes überhaupt. Als Menschen, als Staatsbürger und Katholiken, im Namen der Menschlichkeit und der Vernunft, im Namen der Gerechtigkeit und der kirchlichen Freiheit müsse man gegen dieses Gesetz und dessen AuS- führungSbestimmunqen energisch protestiren. Es sei ein vernunftwidriger Zustand, daß man die sogenannten den Jesuiten verwandten Orden, deren Wirksamkeit man sich in Ostasrika tn dankbarer Anerkennung gefallen läßt, über die unsere Forscher und Osfiziere voll des LobeS sind, auf deutschem Boden nicht duldet. ES widerstrebe der Gerechtigkeit, daß man diese OcdenSmänner und OrdenSfrauen schlechter behandelte als Sozialdemokraten und Juden. Die Bersamm ung nahm bann einstimmig folgende Resolution an: ’
„Die Versammlung der Kölner Centrumspartei erhebt Einspruch gegen die Verfügung des Herrn Polizeipräsidenten vom Herzen. Dazu meine schwankende Gesundheit. Ich zerbreche mir Tag und Nacht den Krpf, wie eS ichonend genug anzufangen sei, in den Besitz des Kindes zu gelangen."
„Du liebst sie immer noch, und fürchtest ihr wehe zu thun, die Dir Leid, Schmach und nicht- als tödt- liche Wunden zugefügt hat? Seltsamer Widerspruch in einer MauneSbrust? Tu fliehst sie, beklagst Dem LooS, verachtest den Charakter Deines Weibes, das Dich getäuscht, betrogen hat. und kannst eS nicht über Dich gewinnen, sie zu betrüben, wo eS sich um das Wohl Deines KindeS handelt. Sri ein ganzer Mann und handle!" mahnte Kurt herbe mit gerunzelten Brauen.
„Ja, aber wenn den Knaben das Heimweh nach seiner Mutter überfällt, und Heimweh kann lödtlich auf Kindern aturen ein wirken, waS bann? Constat ce war stets eine zärtliche Mutter —"
„Sie de hält ja noch ein Kind", fiel Kurt spöttisch ein. „Du aber bist einsam und haft ein Recht auf Deinen Sohn; ich begreife Dich nicht!"
„Du hast vielleicht nie geliebt, Kurt!" seufzte der Andere und wandte sich ob. Er sah es nicht, wie Kurt Plötzlich erbleichte, welch' ein schmerzliches Zuckm um seine Lippen flog. „Vielleicht verstehe ich Dich bester al- Du denkst", sagte er nach einer Weile.
lagen stimmen würden, gegen die Brausteuererhöhung um so mehr, als dadurch die Landwirthschast schwer geschädigt würde. — Abg. v. Geilach (kons.) konstatirte, daß seine politischen Freunde eine Verständigung über dte Militairvorlage wünschten; sie hofften, daß ein größerer Antheil an den Kosten als bis jetzt vorgesehen, auf die Börse werde übertragen werden können. Die Brausteuer könne nut Konsumsteuer sein. — Darauf wurde die Debatte geschlofs n und die Vorlage an die Militairkommission verwiesen. — Morgen 1 Uhr: Nothstands-Interpellation, Branntweinsteuernovelle.
* Das preußische Abgeordnetenhaus setzte heute die erste Lesung der Volksschul-Vorlage fort. — Abg. Rickeit (bfr.), der nicht gerade prinzipieller Gegner der Vorlage ist, erklärte, erst die Wahlen abzuwatten. ehe ein Schulgesetz angenommen weiden dürfe und befürchtete, daß bei der gegenwärtigen Mehrheit des Hauses keine Aussicht vorhanden sei, daß die VockSschule Preußens auf ihrer bisherigen Höhe erhalten bleibe. — Abg. Dr. v. JalczewSki (Pole) forderte Gleichst, Lung der kathol schen und evangelifchen Schule und Krühttc die Sprachen - Frage, unter ter die polnifchen Kinder zu leiden hü ten. — Dies suchte Kultusminister Dr. Bosse zu widerlegen, indem er erklärte, daß ec auf s, inerInspektionsreise durch Posen gefunden hätte, daß die polnifchen Kinder das Deutsche gut erlernten und v rständen. Das bisherige System könne nicht aufgegeben werden. — Abg Ki ö cke (bfr.) wünschte, trotzdem er Bedenken gegen Einzeihe ten der Verlage hatte, dennoch das Zustandekommen derselben und empfahl Vorderathung in einer besonderen Kommission. — Abg. Würmeling (Centr.) sprach für Vorberathung der Vorlage in der Steuer - Kommission, während Abg. Dr. @nmcceru8 (not. - lib.) die Vorlage atz eine besondere 2-lcr Kommission zu verweisen empfahl. — Dieser letztere Antrag wurde abg>l-hnt und § 1 der Vorlage an dieSteuer- ! Kommission verwiesen. — Dann wurden die
Vorlagen, bett, die Stolgebühcen-Aufhebung in Han- ! notier in dritter, die im Konsiftorial-Bezirk Kassel in 1. uno 2. Lesung de battelos genehmigt. — j Endlich beendete das Haus noch die 1. Lesung d-r Vo:- lage, betr. den Vorsitz im Kirchen Vorstände der kaiho- ■ lischen Kirchcrgemeinden im G ltungsbereiche des rhec- ! nischen Rechtes. — Berneikensweith in der Debatte ! war nur die Erwiderung des Kultukmin-.sterS Dr. Bosse auf den Wunsch des Abg. v. Jadczewski (Pole), die gleiche Einrichtung auch für die Provinz Posen zu schaffen, indem der Minister eine befried-gende Berstän- bigung hierüber mit dem neuen Erzbischof von Posen in Aussicht stellte, nachdem sich bei dem vorigen Erzbischof die Verhandlungen zerschlagen hätten. — Donnerstag : Kleine Vorlagen. Entgegennahme von Vorlagen der Staatsregierung.
* Aus dem Streikgebiet der Saar liegenden ; beute folgende Miltheilungen vor: Heute sind 13316 Mann angefahren, 2145 mehr als gestern. Die gestrige Beifammlurg in Bildstock war von 2500 Personen besucht, uno beschloß weiter zu streiken. Donnerstag Mittag soll die entscheidende Generalversammlung für das ganze Saargebiet in Bildstock stat: finden, stacke Ooerlippe, runde, große, graue Augen und ein Ausdruck von Intelligenz im kindlichen Antlitz; hier wie dort dasselbe Knnbengesicht. Er hört Fußtritte; i schnell enteilt er in's Nebenzimmer. Er muß in dieser ’ Stunde allein, ganz einsam mit seinem Schmerze, mit seinen Erinnerungen sein. Er kann nicht anders. Er muß.
Ein- Stunde später hatte sich Konrad so weit gefaßt, seinen Vetter Kurt c. Wüllesen-Romberg, der sich anmelden ließ, empfangen zu können. Die Beiden blieben lange allein voc dem Bilde stehen. Kurt bc- kräftigte, daß der Kopf ganz sprechend ähnlich sei. Vor ein paar Monden hatte er den Knaben genau betrachtet, weil er wußte, baß er ben Sohn seines Berwanbten vor sich habe. — Seit der Abendgesellschaft bei Wal- i tet'8 war Kurt nicht mehr in Kenten gewesen. Er i war nicht weiter von Hollstein als von Kenten entfernt und brachte nun lieber manchen Nachmittag in dem Nachbardotfe zu.
„Hast Du noch gar keine Anstalten getroffen, Dein Kind zu erobern ?" sagte Kurt vorwurfsvoll dem in den Anblick des Bildes vertieften Vater.
„Ach, schelte nur," gab er zurück. „Ich fühle mich noch nicht stark genug zu einem Kampfe mit ihr. . Schonen möchte ich sie. Die Erinnerung an die seligste I i Zeit meines Lebens spricht zu mächtig mft in meinem 1
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