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Dienstag, den 10. Januar 1893.

20. Jahrgang

MaerWZcitllng

Sonn« «ad Feiertage auSgenoonne». — Inserate kosten die einspaltige Zeil« oder deren Raum 16 Pf„ dei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vier1«j-Hrlichrr Abonnementlpreit ohne Bringerlohu und Bestellgeld mit der belletriktischen Änntaqsbeilagr .Sterne und Blumen' in Fulda und auSwürls l Mark 60 Pfennig.

Deutsches Keich.

Berlin, 7. Januar.

• Der Kaiser und die Kaisei in begaben sich heute Nachmittag aus Anlaß des Sterbetages der Kaiserin Augusta nach dem Mausoleum zu Charlottenbuig und verw utm daselbst in stiller Andacht. — Der Kaiser wird $ur Theilnahme an den BermählungSfeierlich- keitrn m Sigmaringen am Montag Nachmittag 1 Uhr dortselbst erwartet. Der Kaiser gedenkt big zum Mittwoch früh in Sigmaringen zu verbleiben und als« daun über Karlsruhe nach Berlin zuröckzukehren.

* Der Kronprinz va« Schwede« ist heute ftüh 7*/t Uhr in Berlin ein getroffen und hat im königl. Schlöffe Wohnung genommen. Dort stattete der Kaiser dem höh« Gaste bald nach seinem Eintreffen eine« Besuch ab. Heute Abend IO1/« Uhr wird der Kron­prinz von Schweden Berlin wieder verlaffen, um nach Stockholm zurückzukehrm.

* An dem gestrigen Diner beim Reichskanzler, Grafen Caprivi, welchem auch der Kaiser beiwohnte, nahmen im Ganzen 45 Personen Theil. Rach Auf­hebung der Tafel verweilte der Kaiser noch bis gegen Mitternacht in der Gesellschaft.

* Das preußische Staatsministerin« hielt heute eine S'tzang ab, welcher der Reichskanzler Graf Caprivi beiwohnte. Gegenstand der Verhandlung dürfte in erster Linie der Ausstand der B.ergarbeiter im Saarrevier gewesen fern.

* Der.ReichSavzeiger' schreibt: „Die hiesige Zeitung .Vorwärts' hat in ihrer Nummer vom 31. Dezember v. IS. unter dem Titel „Hundert Quittungen des Welfeufonds" den angeblichen I chatt von Quittungen über verschiedene Beträge veröffentlicht, welche an eine größere Zahl von Persönlichkeiten innerhalb der Jahre 1868 bis 1890 auS den gedachten Fonds gezahlt worden sein sollten. Rach Inhalt der nachstehend veröffentlichten amtlichen Korrespondenz ist die Reichs- regierung bereits im Frühjühre deS vorigen JahreS mit der Angelegenheit befaßt gewesen. Sie ist dabei von Anfang an der Ueberzeugung gewesen, daß es sich um eine Täuschung handelte, wobei dahin gestellt bleiben muß, ob und wie weit die eine oder andere der in jener Korrespondenz genannten Personen sich dessen bewußt war. Bon anderen Gründen abgesehen, ging die Gewißheit, daß hier eine Fälschung vor­liege, schon aus dem Umstande hervor, daß bezüglich der Verwendung von Welfenfondsgeldern zu geheimen politischen Zwecken die Empfangsbescheinigungen deS Reichskanzlers, bezw. deS von ihm bevollmächtigten Beamten die ausschließlichen kassenmäßigen Beläge bildeten, daß diese Bescheinigungen jeweils nach er- theilter Decharge verbrannt wurden und Quittungs­formulare der in nachstehender Korrespondenz bezeich­neten Art niemals existirt haben." — Die vom .Reichsanzeiger' reproduzirte Korrespondenz ist sehr umfangreich; der Inhalt derselben ist in dem nach­stehenden Erlaß des Reichskanzlers (in Vertretung: Staatssekretär Frhr. v. Marichall) an die Kaiserliche deutsche Botschaft in Paris kurz zusammengefaßt.

„Berlin, den 30. Mai 1832 Euere Excellenz beehre ich mich auf den gefälligen Bericht Nr. 127 zu erwidern, daß bei dem Kaisei lichen Gesandten in Bern im April dS IS. der vor­malige Hauptmann a. D. Miller erschien und sich dem Ge­sandten gegenüber erbot, die als Anlagen zu der Broschüre bestimmten über 100 Quittungen in Gemeinschaft mit dem mit Herausgabe der Schrift betrauten „Sohne eines P ofefforS Lunge in Zürich" zu verbrennen. Der Gesandte v. Bülow sandte demnächst ohne diesseitige Ermächtigung einen Kanzleibeamten nach Zürich, welchem Miller in seiner Wohnung ein angeblich 115 Ociginalquittungen umfassendes Tonvelut und von diesen angeblichen Quittungen die oberste unter Verdeckung der NamenS- unterlchrist vorzeigte nnd demnächst den Akt der Verbrennung des Conveluts vornahm. Bei diesem angeblichen VerbrennungS- akte befand sich der diesseitige Beamte zwar in dem betreffenven Zimmer anwesend, vermied es indessen, der vom Gesandten v. Bülow ertheilten Weisung gemäß, selbst dem Akte zuzu­schauen. Der Hauptmann Miller theilte demnächst dem Ge­sandten v. Bülow mit, daß 115 Quittungen verbrannt seien und die Broschüre nach Verhandlung mit dem Verleger Cäsar Schmidt wenigstens vorläufig nicht erscheinen solle. Weitere Verhandlungen mit dem Hauptmann a. D. Miller und dem jungen Lunge wurden von dem Gesandten auf diesseitige Wei­sung abgelehnt, da wir alle Beranlaffung haben, die Angelegen­heit für einen Schwindel der schlimmsten Art zu halten." —

Dieser Erlaß hübet die Antwort auf einen Bericht nnsereS Botschafters in Paris vom 25. Mai 1892, wonach in Paris Versuche gemacht wurden, die Welfen- fondsbroschüre dort verlegen zu lasien. — Erwähnt fei noch, daß die 'Frankfurter Zeitung' von der Buchhand­lung Cäsar Schmidt in Zürich, in deren Berlage die WelfmfondSdroschüre erscheinen sollte, folgendes Schreib« erhalten hat: „Da mein Name im Zusammen­hang mit der Veröffentlichung deS .Vorwärts', betr. die Welfenfonds-Quirtungen, auch wieder genannfwirb, so theile ich Ihne« hierburch mit, daß Dasjenige^ wa­ber .Vorwärts' veröff ntlichte, wörtlich ber s. Z. von mir angekündigten, bann aber doch nicht herauSgegebe- nen Broschüre entnommen ist. Bekanntlich verzichtete ich auf die Herausgabe, weil bet Verfasser ber Bro­schüre mir die Originale der Quittungen nicht zeig« wollte oder konnte. AuS dieser wörtlichen lieberem» st'mimung geht hervor, daß entioebet der Verfasser jenes Manuskriptes dem .Vorwärts' die betreffenben Seiten zum Abdruck übergeben hat, ober daß die Veröffent­lichung durch den .Vorwärts' auf einem VertrauenS- mißbrauch beruht."

• Die Sperrgelder-Kommission für daS BiSthum Ermland hat 63 Anträge auf Auszahlung von 937,097 Mark Sperrgelder anerkannt und 9 Anträge abgelebnt. Die Auszahlung wird demnächst stattfinden.

* Im Saarrevier sind heute 8784 Mann ange- fahr«. Es giebt diese Zahl kein ausreichendes Bild von der Gefammtlage, weil gestern Feiertag war, heute die Löhnung auSgezahlt wird und morgen wieder Feiertag ist. Berwanget, der verhaftet werden sollte, ist flüchtig. ES stehen ber Haftbefehl gegen Berwanger und die Verhaftungen WarkenS, Bachmann'S und Kron'S in keiner Beziehung zum AuSstand, sondern ist die Verfolgung derselben wegen Unterschlagung von Vereinsgeldern ein getreten. Die Deputation, welche sich zum Oberpräsidenten nach Koblenz begeben soll, besteht dem Vernehmen nach auS dem Rechtsanwalt Heyder-Metz, Frx-Eggelborn, Andrs-Schwalbach nnd Schäfer-Hirzweiler. — Aus Dortmund wird gemeldet,

baß ber Bergmann Schöttker, ber in ber gestrigen Bergarbeilerversammlung eine zum Streik aufreizende Rebe hielt, fofod verhaftet würbe.

* Saarlouis, 7. Im. Die pfälzische Regie­rung verbot zwei gesternbeabficht'qte Versammlungen in pfälzischen Orten. M-hrere Versammlungen be- i schlossen, weiter zu ftnten, in anberen herrschte gerin­gere Strik'stimmung. Die beabsichtigte Versammlung in Kleinr^steln ist aufgegeben.

M * Köln, 7. Jan. An ben Vorsitzenden ber Sperr- gelder-Kommission für die Erzdiözese Köln ist am 3 d. die Nachricht gelangt, der Minister habe die An­weisung zur Auszahlung der Sperrgelber an bie RegierungS- Hauptkaffe zu Köln ertheilt.

Ausland.

* Kriegsminister Fr.ycinet scheint boch nicht so rein zu fein, wie er sich ben Anschein gibt. Der ehemalige französische Minister Bachant hat zwar keine genügenbe Aufklärung hinsichtlich veS ihm angeblich auS ben Panamagelder« überwiesenen Checks im Betrage von Ve Million gegeben, dagegen soll Blonbin, ber ver­haftete Angestellte des „Cedit Lyonnais" betäubet haben, baß diese halbe Million Baihaut im Jahre 1886 überwies« Word« sei, damit er dm ungünstigen Bericht des an Ort und Stelle gesandt« Ingenieurs Rousseau über ben Fortgang ber Panamakanal arbeit« geheimhalte. Nun aber war zu ber Zeit Freyciuet Ministerpräsident, und muß daher dieser, stell« sich die Angaben BlondinS als wahr heraus, jcht beweisen, daß er von ber Geheimhaltung jenes Panamaberichts keine Kmntniß gehabt.

* Im Beisein des Königs von Jtalim wirb in Rom am 24. September 1893 ber 11. Internationale medizinische Kongreß eröffnet werden: Am 25. S piember werden die Arbeiten sowohl in dm allge­meinen Sitzung«, als in denen der Sektion« beginnen. Gleichzeitig wird eine internationale medizinische und hygienische Ausstellung in Rom ftatifinben, bie alles bas in sich begreifen wirb, was in ber Praxis Aerzte unb Spezialisten interefftren kann.

* Vergangene Nacht fanb zu Genna in ber ita­lienisch-amerikanischen Ausstellung em großer Brand statt, durch welch« mehrere Abthe'lung«,. besonders die amerikanischen, zei stört wurdm; Opfer an Mmschen- leben sind nicht zu beklagen.

* Mgerzug in s hl. Land.

Der Palästina-Verein der Katholiken Deutschlands veranstaltet in diesem und eventuell auch in den folgen- den Jahren einen kurz nach Ostern beginnend«, von Köln abgehend« Pilgerzug in’8 heilige Land, an welchem sowohl Männer wie Frauen theilnehm« können. Derselbe ist auf die Dauer von vier be­ziehungsweise sieben Wochen bemessen. Pilger au8 Süddeutschland und ber Schweiz können sich in Mainz, Straßburg, Basel, 'Luzern, Mailanb oder Genua der Karawane anschließen.

lag in der Dämmerstunde auf ihrem Gemache, träumend, die

an den geliebten Mann gewiß

Was er wohl denk«, wozu

Signora Constance dem niedrigen Divan in Arme verschränkt.

Jetzt war ihr Brief schon in seinen Händen.

er sich entschließen würde. Es war ja gar nicht ander- denkbar, als daß er ihr Gehör schenken, ihr wenigstens eine Zusammenkunft mit ihm gewähren mußte. Hatte sie nicht alle jme warm«Töne der Liebe angeschlagen, die in feinem Herz« die verwandt« Saiten vlbrir« lasf« würden. Früher bot sie seinem Flehen, sein« Bethenemngen Trotz; durch ihre Launen hatte sie ihn erst gereizt und gekränkt; allein es war mehr ein Schmollen und Neck«, em Bersteckspiel mit Gefühl« deS zärtlichsten Liebespaares gewesen. Und wie köstlich waren die Scenen der Versöhnung. Diese auszukostm lohnte es sich, einen artigen Zank vom Zaune zu brech«.

Daran dachte Constance und an alle die lang« Jahre, Monden und Wochen ihrer Trennung von ihm. Ob sie nicht gealtert war in ber Zeit.

Sie erhob sich schnell und setzte die Klingel in Be­wegung; Brigitta schob ihren grau« Kopf durch dm Thürspalt.

„Licht, entzünde den Armleuchter!" bat Constance. Gleich darauf stand sie vor dem Spiegel und forschte in ihren Zügen wie ein junges Mädchen, das zu einem Balle geschmückt, ihr Spiegelbild muftetn würde.

Lächelnd trat sie zurück Etwas bleicher als früher war sie allerdings; gelitten hatte sie um ihn; mochte er es in ihren Zügen les«. Ernst und Schwerrnnth thronte aus ihrer Stirn, das Paßte zu seiner schwer-

hervor. Scheinbar blätterte er, um etwas Bestimmtes zu finden. Aber Benno durchschaute ihn; er wollte ihm seine innere heftige Aufregung verbergen.

Wie er doch an dem Kinde hing. „Armer Mann, armes Kind," dachte Benno voll Theilnahme. Dann sagte er:

„Ich sollte dann eigentlich meine jetzige Arbeit ruhen lass«; wenn ich direkt in die Stadt gehe, be­halte ich noch Zeit, in der Villa meinen Besuch zu machen. Ob ich angenommen werde, ist die Frage. Allein ich will's versuchen. Der AuSgang steht in Gottes Hand," sagte er ernst und mit Nachdruck. Der Andere nickte und schloß das Buch geräuschvoll. Er schob eS an seinen Platz und schritt im Zimmer auf und ab.

Benno verabschiedete sich.

„Morgen früh erwarte ich Sie, nehmen Sie die Festung mit Sturm!" scherzte er. „Oder nein, spielen Sie den Diplomatiker, und beißen Sie den Künstler heraus; mit Speck fängt man Mäuse, ha, ha, ha!"

12 Kapitel.

Um den Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(20. Fortsetzung.)

Benno schlug ein. Es wurde ihm seltsam um's Herz. Wer konnte ermessen, waS er veranlaßt hatte. Doch es war zu spät. Sein Versprechen band ihn, aber wie, wenn die Mutter es nicht zugab, daß er ihr Kind auf die Leinwand brachte. Die Sache wollte wohl erwog«, klug eingefädelt sein.

Als Benno sein Bedenken in dieser Hinsicht äußerte, lächelte der Hauswirth fast ironisch.

„Dann kennen Sie die mütterliche Eitelkeit schlecht, mein Freund," rief er. „Geschmeichelt wird sich die Dame fühlen, sobald Sie ihr diese Bitte vortragen. Darum keine Zeit verloren! W-r weiß, wie lange die Familie sich hier im Norden aufhalt« wird. DaS Klima bekommt ihnen gewiß nicht auf die Dauer. Wie fatal, toenn Sie das Bild nicht nach dem Original ausführen könnten. Ich wünsche Ihnen Glück dazu! Hoffentlich geben Sie mir morgen gleich Nachricht, ob Sie Erlaubmß haben, das Kind zu malen. Sie schauen mich so fragend an, als ob Sie nicht wüßten, daß man das Eisen schmieden muß, so lange eS heiß ist," fuhr der Baron fort, indem er Benno dm Rücken wandte. Er trat an dm Bücherschrank und zog einen Folianten