zücht treiben. Und nicht bloß die rohe Arbeitskraft hinaus; eS gibt in den Trübten auch so viele überschüssige Intelligenz, die ein besseres Loos verdiente, als zwischen Mauern unnütz zu verkommen oder gar gemeinschädlich thätig zu sem. Hinaus mit ihr in die freie GotteLnalur! Auch das Bauernthum braucht gescheidte Köpfe; ja em Bauer, der gemischte Wirth- schaft tüchtig betreiben will, muß in seiner Art mindestens so viel gelernt haben und verstehen, wie irgend ein „Studlrter" in der Stadt.
Ader wie ist es zu machen? Was soll geschehen, auf daß ein wohlihätiger Rückzug beginne von der Stadt auf's Land? Mit den Sommerfrischen, dem Tvuristenwesen, von dem man sich erneutes Jnterrsse und Vortheil für den Bauernstand versprochen hatte, ist es nichts. Das ist nur so eine Art Spielerei mit dem Bauernthum, schadet diesem, besonders moralisch, weit mehr, als eS nützt. Die landwiithschaftltchen Schulen machen auch Nicht alles aus; für den Bauer ist die Schulbank, wenn er sie zu lange diückr, über- «haupt mit einer gewissen Gefahr verbunden, besonders zu einer Zeit, wo eS jeder, der etwas gelernt zu haben glaubt, für eine Schande hält, körperlich zu arbeiten. Körperlich arbeiten muß aber der Bauer, und dagegen hilft keine Gelehrsamkeit und kein Hochmuth, es kommt nur darauf an, daß er es merkt und empfindet, welch' em Segen und Genutz auch in der körperlichen Arbeit liegen kann.
Aber was ist zu machen, daß der Rückzug beginne von der Stadt auf's Laib? Ihr Stautöleiter und Gesetzgeber, es ist die höchste Zeit darüber nachzudenken! Ich habe schon darüber nachgedacht und bin zu dem Schlüsse gekommen, daß nut Zeitungsartikeln und Bankettreden nichts gethan ist, daß die Menschen für diese wichtige Sache sich persönlich einsetzen müssen, so tapfer unb opferfreudig, wie man sich gegen den Feind einsetzt für's Vaterland Das Opfer wäre ja nicht so groß. Wenn ich ein kräftiger Stadtbürgerlohn wäre mit einem kleinen Vermögen, ich würde damit kein Geschäft anfangen weder im Gewerbe noch im Handel, ich würde mir draußen m einer schönen Gegend des Landes ein Bauerngut kaufen. In gesunder Luft, bei köstlichem Wasser, der nahrhafter einfacher Kost würde ich abwechselnd fleißig arbeiten und behaglich ruhen, würde mit meiner Familie leben, meinen Kindern eine glückliche Jugend auf dem Lande und ein selbständiges Daheim schaffen. Fernab von dem unheimlichen Treiben der modernen Welt würde ich im ländlichen Frieden ein echter uud rechter Mensch sein können.
Und wenn mir das auch Andere nachmachten, Viele uachmachten, brave und gescheidte Söhne der Stadt, würde es allmälig anfaugtn als etwas sehr Wackeres, Patriotisches, Aristokratisches zu gelten, wenn sich junge Leute dem altehrwürdigen Bauernthum widmeten, und dann wäre es ja gewonnen. Das dienende Volk würde schon selber folgen. Und so wie sonst das städtische Menschenmaterial durch Bauerndlut aufgesrischt zu werden pflegt, so müßte das alte zu Grande gegangene Bauernthum durch ein aus gebildeten Schichten stammendes junges, zeitgemäßes ersetzt werden. Der historische, in vieler Beziehung so ehrenwerthe Bauernstand wäre freilich dahin, aber in dem jungen Bauernthum würden sich vermöge der veredelnden Einwirkung von Arbeit und Natur allmälig wieder die Tugenden dieses Standes ausbilden. Einfachheit, patriarchalischer Sinn, Liebe und Treue zur angestammten Erde, zu der Väter Sitte und Verehrung Gottes, diese erhaltenden Mächle gehen aus der Scholle hervor und sind des Baiietn- itandes Hort. Der menschliche D.ang nach gesitteter Freiheit, nach einer festen Heimstätte für sich und die Nachkommen, nach dem natürlichen Adel, der sich in der erblichen Ständigkeit, in dem treuen Festhalten an dem Berufe seines Geschlechtes begründet, ist ja doch noch nicht ganz verloren, so daß uns wenigstens die seelische Eignung und Fähigkeit nicht abgeht, daS älteste gotlgeheiligte Erbe der Menschheit wieder anzutieten.
Das Üebrige müssen unsere Staatsmänner, Volks- oertieter und Volksfreunde besorgen. Und wenn sie in der Großstadt geweckt werden von dem Lä m des Proletariats, das durch die Straße stürmend mit drohenden Geberden nach Arbeit, nach Brod und nach Anderem schreit, mögen sie sich daran erinnern, daß der historisch-konservative Staat keinen mächtigeren, treueren Freund hat als einen starken Bauernstand. Emen solchen müssen sie schaffen um jeden Preis, denn von diesem angeblich so ungebildeten Stande hängt der Fortbestand unserer Gesittung ab.
Stadt, Provinz und Uachdargediet.
Fulda, 29. Dezember.
* In der zu Breslau erfcheinenden .Schlesischen Volksztg.' lesen wir heute: „Der Hochmürdigste Herr Fürstbischof Georg empfing tn den letzten Tagen der vorigen Woche zugleich mit dem Kölner Oberhi ten das offizielle, vom 21. d. M. dutirte Billet des Staatssekretärs Sr. Heiligkeit, durch welches zur Kenmniß gebracht wild, daß Papst L o Hochdenselben in dem auf den 16. Januar k I. a beraumten geheimen Konsistorium zur Würde des Kardinalats erheben werde. Das öffentlich; Konsisto ium, in welchem der Kardinalshut überreicht und die Titelkirche angewiesen wird,
soll, wie schon früher rnitgetheilt, am 19. Januar stattfinden. Beide Kirchenfürsten sind zu den Konsistorien zum persönlichen Erscheinen nach Rom berufen, um dort die Insignien ihrer neuen Würde in Empfang zu nehmen. Unser Hochw. Herr Fürstbischof wird demnach gegen den 10. Januar die Romfahrt antreten."
* Wie aus Kassel gemeldet wird, fi den Verhandlungen mit Herrn Regierungspräsidenten Rothe wegen Uebernahme der Stellung des Unterstaatssekretärs im landwirthschaftlichen Ministerium statt. — Wie das ,Kass. T. u. 81.' vernimmt hat der Herr Regierungs-Präsident Rothe die Berufung in das Ministerium in Berlin angenommen. Zu welchem Zeitpunkt derselbe von Kassel fortgeht und in das Ministerium in Berlin eintritt, ist noch nicht definitiv bestimmt.
* Wie das heute hier eingetrofferc Amtsblatt der Kgl. Regierung zu Kassel meldet, ist Herr Landrath Fliedner mit der St>lle des landesherrlichen Kommissars bei dem israelitischen Vorsteheramt Hierselbst beauftragt worden. Der im besagten .Amtsblatt' enthaltenen „Personal-Chronik" entwhmen wir außerdem noch Folgendes: Herrn Dberbürgermeifter F Rang wurde die V rwaltrwg und Rechnungsführung der Scholasten Gran'schen Familrenst ftung Hierselbst übertragen und Herr Ober-Stenerkomroleur Bode in Fulda zum Steuer-Inspektor ernannt
* Der Zweigverein Fulda des Rhönklnbs hielt am 23. d. M. feine Haupt-Versammlung im Ballhaussaale ab. Nach dem vom Vorsitzenden Herrn Baumeister Wegener erftatieten Jahresbericht betraut die Zahl der Mitglieder gegen madig 663, gegen 669 im Utz-en Jahre. Der seitherige Schatzmeister Herr Ad. Schultheis berichtete über den Staad der Kffse, wonach bei Mk. 1811.02 Einnahmen und 1319 70 verbleibt. Bei den schließlich vorgenommenen V-istands- wahlen wurden die Herren K. Wegener als Voisitz-nder unb Fr. Hartung als Schriftführer wiedeigewählt. Für den die Wiederwadl entschieden ablehnenden Herrn Ad. Schultheis wurde Herr Ph. Siebert als Schatzmeister gewählt. (F. K.)
* Die Königliche Prüfungskommission der Lehrer an Mittelschulen und der Rektoren ist für das Jahr 1893 aus folgenden Mitgliedern zusammengesetzt: Provinz'ulschulrath Kannegießer in Kussel, Vorsitzender, Geheimer Regietungs- und Schulrath Hasse in Kassel, Geheimer Regierungs-, Schul und Äonsistvrialrath Risch in Wiesbaden, Seminarbirektor Lotz in Dillenburg, Realschuldirekwr Dr. Quiel in Kassel, Seminarober- lehrer Franke in Homburg. Die Prüfungskommission tritt in Kassel zusammen. Die Prüfungstermine werden Seitens des Königlichen Provinzialschulkollegiums veröffentlicht werden.
* Aus der Rhön, 27. Dez. Das Eisenbahn- Komitee, welches für Erbauung einer normalspurigen Bahn Mellrichstadi-Ostheim v. d. Rh.-Fladurgen schon seit vielen Jahren thätig ist, war unlängst im „Wet- marischen Hos" in Ostheim versammelt. Daselbst ergab sich die erfreuliche Tatsache, daß die Gründer - werbungskosten von 82,130 Mk., welche dem königl. daher. Ministerium nach einem im Jahre 1881 ausgearbeiteten P ojekt zur Beifügung zu stellen sind, nicht nur voll gezeichnet sind, sondern gar noch für etwaige Mehrkosten ein Uebertdmfc voiHänden ist. Die Enklave Ostheim zeichnete 27 500 Mk. unb zwar Ost- Heim 20,000, Sondheim 4000, Stetten 2500 und Urspring-n 1000 Mk. Die Stadt Fladungen bewilligte 10,000 Mk. Oberfladungen, welches den Bahnhof nur 10 Minuten entfernt bekommt, leider nicht mehr als 1000 Mk Das ganze, dem Komitee zur Verfügung stehende Aktenmaterial soll zu Beginn des neuen Jahres in München einlaufen. Die Verhandlungen zwilchen dem kgl. bohr, und dem Sachsen-Wei- marischen Ministerium werden ebenfalls nicht lange auf sich waiten lassen, so daß die Vorlage schon den nächsten Landtags-Versammlui'gen kann unterbreitet werden. Die Herren Bezlrksamtmann Gößwald in Mellrichstadt, Graf v. Soden in Neustädtles haben sich des Projektes warm angenommen. Es ist zu hoffen, daß die Bezirke des oberen Stienthales und der Vor- derrhön mit ihren Reichthümern an Holz, Kohlen, Vieh, Getreide und sonstigen Rhönprodukten die so sehr v'rmißte Bahnverbindung recht bald bekommen.
* Kassel, 28. Dez. Der Reichsrath a. D. von Meibom ist gestorben.
H Frankfurt a. M, 27. Dezbr. Vor einigen Wochen wurde hier im Auftrage der Stadt die Umpflasterung des Roßmaiktes, der besonders stark mit Wagen befahren wird, vorgenommen. Als Unternehmer für die Arbeiten trat u. A. der Ingenieur Löhr von hier auf, der auch Auftrag vom Ttesbau- amt erhielt. Er wend'te sich nun behufs Lieferung von Mosaiksteinen aus Hartbasalt an den Bezirksver- bauf von Hessen, welcher in Ramsthal unwett Salmünster Steiubrüche besitzt Es wurde zunächst eine Probe hierher geschickt und der betreffende Baumeister, welcher im Auftrage des Lanbesbireborwms die Unter« handlungi n führte, th.ilte Löhr nrt, daß der Kubikmeter der fraglichen «Steine 200 Mk koste. Es wurden nun mehrere Briefe gewechselt, Löhr schickte vor der definitiven Bestellung einen 93erti eter nach Salmünster, und diesem'wurde gesagt, daß sich die Steine sehr theuer stellen würden, worauf der Vertreter erwiderte:
„Mehr als 60 Mark darf der Kubikmeter nicht kosten." Ohne daß nun nachher noch Weiteres über den Preis vereinbart worden wäre, bestellte Löhr 6'/, Kubikmlr nach Probe. Sie kamen hier an, doch wollte Löhr den Preis nicht bezahlen und stellte sie zur Beifügung. Es kam schließlich gegen ihn am Landgericht zur Klage. Der Bezitkiverband verzichtet auf jeglichen Verdienst und klagt nur die Selbstkosten, 1100 Mark ein. Der Anwalt deS Beklagten bestreitet, daß überhaupt eine definitive Bestellung nach Probe erfolgt sei und daß die Preise angemessen seien; sein Mandant wolle für die Steine vergleichsweise 200 Mk. bezahlen. DaS Gericht erkannte, Beklagter habe 1100 Mk. zu bezahlen und die Kosten zu tragen. Die Begründung besagt, es handle sich um bestellte und gelieferte Steine, ob der Beklagte sie verwendet, fei gleichgiltig. Da über die Preirfestsetzurig nichts vereinbart worden sei, müsse diese dem Bezirksverband überlass n bleiben. Beklagter habe gewußt, daß die Steine sehr theuer seien unb könne sich nicht darauf berufen, daß sie anderwäns vielleicht billiger zu Haden seien!
* Limburg, 27. Dez. Der frühere Polizeisergant Störrn.r von hier, welcher vor mehreren Jahren nach Amerika aurwanderte, war dort bet einer Eisenbahn- gef Üschaft eingetreten. In diesem Dienst verunglückte St, sodaß ihm ein Fuß umputirt werden mußte. Aus diesem Unfall entwickelte sich ein Prozeß Störmer's (ygrn die Bahngesellschaft. St. hat diesen Prozeß gewonnen und die Bahngesellschaft ist verurtheilt worden,. demselben 20,000 Dollar [83,000 Mark) Entschädigung zu zahlen. Stürmer hat feiner von ihm hier zurückgelassenen Familie Geld und Fahrkarten gesandt und ist dieselbe heute zu dem nunmehrigen Rentier «Stürmer nach Amerika abgereift.
* Lauterbach, 27. Dez. Vorigen Donnerstag kam ein R h in mächtigen Sätzen an der Cent zur Stadt herein. Es gerrett) daselbst in solche Angst, daß es mehrere Male so heftig widerrannte, daß eS zusammen- ftürzte. Allmählich sammelten sich auch vi-le Menschen, welche die Verfolgung deS geängstigten ThiereS aufnahmen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, eS fistzuhallen, wobei sogar eine Vertreterin des schönen Geschlechts einen unfreiwilligen Ritt auf demselben mitmachm mußte, stürmte es in das offen stehende HauS des Färbermeisters Prstorius. Jedenfalls hatte es das gutmütige Gesicht dies« s Thierfreundes hinter den Scheiden erblickt und suchte nun vertrauensvollen Schutz bei ihm. Es war auch an die richtige Adresse gekommen, denn daselbst wurde eS eingefangen und an's Forstamt geliefert, woselbst eS nun die kalten Tage in geschützter Behausung verlebt. (2. 81.)
Vermischtes.
* Das Jahr 1893 ist ein gemeines Jahr von ' 365 Tagen oder 52 Wochen unb 1 Tag. JahreSregenti ist ber Merkur. Im Jahre 1893 finden zwei Sonnen« ‘ finstermsse'statt, eine totale am 16 April unb eine ringiö mige am 9. unb 10. Oktober. Eine Mond- finster «iß findet im Jahre 1893 nicht statt. Die beweglichen christlichen Feste fallen auf folgende Tage: Oftersoimtag 2 April, Christi Himmelfahrt 11. Mai, Pfingstsonntag 21. Mai, das Trinitatsfest 28. Mai, erster Adventionntag 3. Dezember. Aschermittwoch fällt auf den 15. Februar.
* Karlsruhe, 26. Dez. Nach der ,Karlsr. Ztg' ist der beim Leib-Grenadierregiment ausgetretenen Genickstarre ein weiterer Grenadier zum Opfer gefallen, so daß bis jetzt drei Mann der Krankheit erlegen sind.
Die beiden Konkurrenten.
(Ein zeitgemäßes Lied.) Ich halt' einen Konkurrenten, Einen ärgern find'st Du uit, Ging ich im Preis herunter So that er's auch ganz munter Im gleichen Schritt und Tritt. Die Bestellung kam geflogen: Gilt sie mir oder gilt sie Dir? 's gilt ihm! O, welches Grauen! Ich könnt' in's Blaue schauen Und das betrübt mich schier. Da lief ich bei den Kunden Im ganzen Land herum, Off'rir zu schund'gen Preisen — Drum ging auch er auf Reisen, Stahl mir das Publikum. Die Lieferanten tobten, Es tobte die Fabrik: Sie fordern ohn' Gedulden Dann ein die alten Schulden Und zwar den Augenblick! Und als das Jahr verflossen, Da macht' ich die Bilanz. ,
Ach, was ich da gewahre! 1
/ Es stehen meine Haare
i Mir in die Höhe ganz! E
t Mein Konkurrent desgleichen,
/ Er prüft sein Inventar, 11
Das mußt' er leider finden, v;
Daß er trotz allem Schinden n
Auf den Hund gekommen war.
So gaben wir denn beide ,'jß*
t Ein un'sre Insolvenz.
i Jetzt geh'n wir Arbeit suchen,
\ Wir schimpfen und wir fluchen,
' Und treiben Temperenz.