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JW 300 Freitag, den 30 Dezember 1892 ! 19. Jahrgang

FilldlikrWZkitiliig

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E. Zwei Stückchen protestantischer Meran; (!) aus der Schwei;.

In Erlenbach, Kanton Zürich, war in diesem Jahre eine alte protestantische Kirche, die außer Gebrauch stand, zum Verkaufe ausgeschrieben. Die Katholiken wollten sie kaufen. Da lehnte eS aber die protestantische Gemeinde mit 162 gegen 6 Stimmen ab, die alte Kirche um 15,000 Frc. dem Herrn Dr. Pestalozzi- Pfyffer zu verkaufen und in eine katholische Kirche umwandeln zu lasim, und verkaufte dieselbe um den Preis von 10,000 Frc. an eine Gesellschaft von Ge­meindebürgern mit der Verpflichtung, sie zu keinem kirchlichen Zwecke zu veräußern. Also lieber einen zum dritten Theil niedrigeren Kaufpreis, als die Kirche den Katholiken zu überlassen! „Bon seinem Denkmal in Zürich", so hieß es damals m den Züricher Blättern, „erhebt Zwingli drohend seinen Finger und ruft den Bewohnern Erlenbachs zu: Lasset das HauS des Herrn nicht zu einer Stätte der Aberglaubens werden." Hin­gegen scheint Zwingli seinen Finger nicht erhoben zu haben, als wenige Wochen darauf, am 13. Sept. 1892, am Kirchweihfeste, in der gleichen Kirche ge- wirthet wurde. An der Außenseite der Kirche stand die Inschrift: „Wirthschaft zur Kirche." Ein Skandal, der selbst die gläubigen Protestanten der Schweiz mit heiliger Entrüstung erfüllte, so daß die protestantische .Allgem. Schweizer Zeitung' schrieb: „In einem Gebäude, wo Jahrzehnte hindurch alles Volk getauft und konfirmirt, wo noch vor ganz kurzer Zeit das Wort Gottes verftindigt wurde, da richten anständige Leute nicht eine Wirthschaft ein. Uns ge­reicht es zur Befriedigung, daß in der Presse fast aller Schattirungen die ftivole Kirchenentweihung von Erlenbach Mißbilligung fand, und daß auch ein nach­träglicher Rechtfertigungsversuch grundsätzlich die Be­rechtigung zu dem allgemeinen Tadel anerkennen muß “ Und die öen Katholiken nichts weniger als freundlich gesinnte Züricher .FreitagS-Zeitung' bemerkte zu dem Skandal:

„Was für eine erhabene Entrüstung ging durch die Reihen unseres protestantischen Freisinns, als die Katholiken sich bereit zeigten, das alte Kirchlein von Erlenbach anzukaufen und zu Kultuszwecken zu verwenden. Diese „Entheiligung" wurde denn auch glücklich abgewandt, worüber man männiglich eine aufrich­tige Befriedigung empfand. Nun aber am letzten Sonn­tag ward in Erlenbach Kirchwech gehalten, und da prunkte am Gotteshaus die Inschrift: „Wirthschaft zur Kirche", und drinnen ertönte Musik und Becherklang. Wir meinen, ein ebenso rühmlicher Kulturkampf, als die Verbannung der Römischen auS einer ver­lassenen protestantischen Kirche, wäre eS, diese Schän­dung und Profanirung der geweihten Raumes zu ver­hindern, in welchem so lange das Wort des Lebens verkündigt wurde."

Nun ein zweites Stückchen. In Nr. 221 vom 20. Sept. l. I. des Schaffhauser ,JntelligenzblatteS' steht

Um den Lorbeer.

Roman non I. Sandhage.

(13. Fortsetzung.)

„D mein Gott, auch das noch!" rang es sich heiser auS ihrer Kehle hervor. „Auch das noch! WaS habe ich Ihnen gethan, mich so zu verfolgen? Muß ich Ihnen sogen, wie unerhört ich Ihr Betragen mir gegen­über finde? Gehen Sie, wenn mein Ruf Ihnen lieb ist. Ich, ich weiß keinWort für Ihre Handlungsweise. Bitte, bitte! verlassen Sie mich — Herr Baron von Wüllesen!" stammelte Malve, mit der Hand auf die Thür deutend.

Kurt sah, wie sie zitterte; kaum daß sie sich auf­recht halten konnte, als sie nach dem Fenster schwankte. Sie wollte ihn nicht mehr sehen. War er ihr so ver­haßt? WaS hatte er ihr gethan — ? Du lieber Him­mel, träumte er — ? Kalter Schweiß trat chm auf die Stirn. Er wollte sprechen, um Aufklärung bitten, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, lfvein Blick M in den Spiegel über der Konsole, wo er stand. SSie fahl und verzerrt er aussah. Wie ein alter Mann. Ah, das war eS! Der Altersunterschied. Wie hatte "nur auf Gegenliebe hoffen können. Du? junge blühende Mädchen an der Seite eines alten, unschönen LandwrrtheS, war kein bezaubernder Anblick für die Welt des Scheines, in der Malve sich bewegt. Selbst­verblendung war eS, sich von Malve geliebt zu glau-

wörtlich zu lesen: „Am Bettag soll während des Gottesdienstes Ruhe sein. Dar ist ein Gebot der Polizei und der Schicklichkeit. Wer hat nun gestern, nachdem der Gottesdienst begonnen, die Sonntagsstille lärmend unterbrochen? Die katholische Versammlung mit einer fortwährenden, empörenden Bimmelei ihrer Kirchen­glocken. Schaffhausen ist eine protestantische Stadt und wird eS bleiben. Es gibt nur zwei öffentliche Gottes­dienste hier: der protestantische und derjenige der Christ- katholrschm (Altkatholiken). Dieser muß geschont und berücksichtigt werden. Wenn einer mit Wagengerassel an der Kirche vorüberfährt, so wird er gebüßt; diese fteche, unverschämte Bimmelei soll ungestraft bleiben?" DaS ist die Sprache protestantischer Toleranz gegen­über den 4000 Katholiken von Schaffhausen. Man hat bei dieser Gelegenheit an die katholische Stadt Frei­burg (Schweiz) erinnert uno gesagt: In Freiburg haben die Protestanten volle Freiheit, mit allen ihren Glocken zu läuten, wann sie wollen und so oft sie wollen, selbst am Charfreitag. Und doch ist Freiburg eine katholische Stadt und wird es bleiben!

Freilich sind nicht alle Protestanten so. Namentlich unter den orthodoxen Protestanten finden sich ganz edelgesinnte und tolerante Männer, die wohl einsehen, daß nicht die Katholiken ihre Feinde sind, wohl aber die abgefallenen Glieder ihrer eigenen ReligionSgesell- schaft, d. i. diejenigen, welche den Glauben an die Gottheit Jesu abgeworfen haben. Pestalozzi, Pfarrer am Großmünster in Zürich erklärte int August in einer zahlreichen Versammlung: „ES ist klar, daß Prote­stanten und Katholiken einen großen werthvollen Besitz gemeinsam haben, den wir um jeden Preis schützen müssen. Rom erscheint mir wichtig als aufhaltende Macht gegen die Gottlosigkeit und Liederlichkeit, und es widerstreitet mir, gegen eine Kirche Front zu machen, die auch noch rege Glaubens- und LiebeSkräfte enthält, und hnhei mit Gvtt-rlsuzrurn 'ufan"n«rzuzehs«." De-» Redner tadelt dann die einseitige Beurtheilung des katholischen Wesens und Lebens und hebt die groß- arttgen Leistungen der katholischen Kirche in Kunst, Wissenschaft und in ihrer Missionsthätigkeit hervor und sagt, daß der Kampf gegen den Katholizismus aus­schließlich den Gottesleugnern zu gut komme. Pesta­lozzi fügte zum Schrecken der meisten Anwesenden auch noch bei, daß er seit Jahren schon mit dem Jesuiten« pater Alexander Baumgartner in Korrespondenz stehe.

Deutsches Keich.

Berlin, 28. Dezember.

* Allgemein ist hier daS Gefühl vorherrschend, daß diesmal daS Weihnachts-Geschäft daS schlechteste seit Jahrzehnten gewesen ist und daß die Folgen bald in zahlreichen Konkursen und außergerichtlichen „Arrange­ments" zu Tage treten werden. Selten ist die ver­minderte Kaufkraft der breiten Massen so sehr zu Tage getreten, als beim diesjährigen Weihnachts-Geschäft. Freilich gibt es in Berlin auch viele reiche Leute, die

ben. Der Marchese bot ihr ein glänzenderes Loos und Tante Mechthild hatte wirklich Recht mit ihrer Be­hauptung : Die meisten Frauen wählen den Mann nur nach den Urtheilen ihrer Freundinnen. So absurd dieser Ausspruch ihm bis dahin erschienen, heute fand er seine Bestätigung.

„Ja, ja, so ist es," sagte er dumpf vor sich hin. „Hätte ich nur eher daran gedacht. Ein Tropf warst Du, also gehen wir! Lebewohl!"

Ein Z ttern lief durch seine Gestalt. Aber noch einmal erwachte sein ManneSstvlz. Hoch aufgerichtet stand Kurt auf der Schwelle, sein Auge flammte, feine Lippen bebten^ er bezwang sein Herz mit Allgewalt.

„Wohlan! Ich gehe aus Nimmerwiederkehr, Fräu­lein Walter! Aber so, wahrlich so, habe ich es nicht um Sie verdient. Ein treuer ehrliches Herz, die Hand eine- Sie heiß liebenden Mannes weisen Sie von sich; mögen Sie es nie, niemals bereuen! Ade!"

Schnell wandte er sich zum Gehen. Ach, daß er nnr noch einen Augenblick gezögert, daß er nur noch einen Blick an, Malve geworfen hätte. Wie ein Stein­bild lehnte sie da. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Gesichte gewichen, daS sich unter ihrer Aufregung vor­hin langsam gefärbt hatte.

Hörte fierecht? Treu, ehrlich hatte ere8 gemeint? Sie stand wie vernichtet. — Aber nein, nein! Ob er die Wahrheit gesprochen? Wenn sie an den Abend zurückoachte, an sein angeregtes Geplauder mit Corne-

zu Weihnachten einen raffinirten Luxus zu entfalten pflegen, aber diese Leute sind nicht ausschlaggebend. Eine gewisse Gedrücktheit macht sich hier in allen Verhältnissen geltend und ist wohl eine Folge der all­gemeinen unsicheren und trüben wirthschastlichen Lage. Die gepreßte Stimmung ist auch in den Festartikeln der hiesigen Blätter mehr oder weniger zum Ausdruck gekommen. Mehrfach sind es melancholische Bettach- tungen, welche ein Gefühl der Bangigkeit vor dem herannahenden Ungewissen verrathen. Die nächste wich­tige Frage, mit der sich nach Neujahr unsere parlamen­tarischen Körperschaften und die Verwaltungen der großen Städte zu befassen haben werden, ist die Frage der Arbeitslosigkeit, die in allen Staaten mit moderner Produktion immer brennender wird und durch die bevorstehende Absperrung Amerika'- gegen die euro­päische Auswanderung noch mehr verschärft werden dürste. Der kommunalen Sozial-Politik erwachsen hier große neue Aufgaben, während dem Staat die Aufgabe zufällt, mehr als bisher Landeskultur-Arbeiten verrich­ten zu lassen. Es will uns scheinen, als ob in letzterer Beziehung Manches versäumt worden wäre, und daß auch manche Verwaltungen unserer großen Städte sich noch nicht zu der sozial-politischen Einsicht aufgeschwun­gen hätten, die neuerdings in England zu Tage tritt. Es ist jedenfalls ein bemerkenSwertheS Zeichen der Zeit, daß in England, Frankreich und der Schweiz die Sozial-Reform neuerdings mehr becentrattfirt und der Schwerpunkt der sozialen Fürsorge vom Staate auf die Gemeinden verlegt wird.

* DaS neue preußische Wahlgesetz, welcher gegenwärtig im Kabinette deS Kaisers liegt, scheint wirklich ein Prachtexemplar von Reform-Gesetz werden zu sollen. Daß der Vorschlag, für die verschiedenen Klassen einen bestimmten Prozentsatz von Wählern fest­zusetzen, keine Beachtung finden werde, war schon vor eisiger Z-ll offiziös aiigetünbigt worden. WaS jetzt über daS fertige Gesetz mitgetheilt wird, bestätigt daS. DaS Wesentliche an der Reform ist, wie schon er­wähnt, daß in Zukunft nicht allein die Staatssteuern, sondern auch die Gemeinde-, Kreis- und Provinzial­steuern bei der Eintheilung in Klassen berücksichtigt werden sollen. Daß durch diese Neuerung daS lieber« gcwicht des Geldsacks gegenüber dem Grundbesitze und dem Gewerbe ctwaS zurückgedrängt werden kann, ist zuzugeben. Andererseits kann sie unter Umständen aber auch das Uebergewicht des Geldsackes noch erhöhen. Die ,Berl. Pol. Nachr.' versichern, mit der einen Neu­erung seien die Bestimmungen des Gesetzes noch keines­wegs erschöpft. Unsere Neugier wird da sehr rege, wenn wir weiter lesen, eS müßten zur Vermeidung von Ungerechtigkeit auch die in anderer Form als in Steuern für öffentliche Zwecke aufgebrachten Leistungen berücksichtigt werden. Sehr richtig! Aber wie ist es gemeint? Den Inhabern von Gutsbezirken soll das Wahlrecht ihren Leistungen für Wege-, Schul-, Armen- re. Lasten entsprechend erhöht werden, daß sie den Wahlberechtigten in Gemeinden gegenüber nicht zu kurz

lia. Hatte die Stadträthin ihr nicht auch triumphirend erzählt, daß er sie gestern stundenlang draußen auf der Promenade begleitet hatte. Von ihr, der er seine Liebe erklärt, war er direkt mit diesen beiden Damen gewan­dert, stundenlang — sprach es nicht Alle- für die War­nung deS anonymen Briefes? RathloS, ganz ihre« quälenden Gedanken hmgegeben, verharrte Malve in ihrem Versteck, in dem dämmerigen Winkel, in den sie sich, von Herzweh gemartert, vorhin zurückgezogen, während alle Gäste nach und nach das HauS verließen. Einzig Kurt wandelte mutterseelenallein über die hol­perigen Straßen der alten Kreisstadt. Wie taumelnd halte er das Haus verlassen; aber allmählich in der frischen Nachtluft befestigte sich sein Schritt. Er blieb stehen und alhmete einige Male tief auf; er zog die kühle Luft in die Brust mit durstigen Zügen ein und dehnte bie Schultern mit einer Bewegung, als ob er eine drückende Last von sich abschütteln wollte. Rur das dumpfe Gefühl begleitete ihn, daß et mit Kiefer entsetzlichen Welterfahrung an einen neuen LebenS-Ab- schmlt angelangt sei. Mit der Siebe war eS vorbei für alle Zeit.

Sollte er wieder reisen? Er überlegte: die Stadt, daS Kasino mußte er meiden in der ersten Zeit; wie konnte er den Rivalen Satti, der sie ihm abspenstig gemacht, in alter Weise begegnen. Wie er innerlich triumphiren würde, daher den Sieg so leicht errungen; o der, ölte verhaßte, gleißende Italiener. Wie war eS