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JW 298 Mittwoch, den 28. Dezember 1892. 19. Jahrgang

FiildilkrWZcitiiiig

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A. Die holde Weiblichkeit" auf der „rotheu" Agitation.

Die „Genossen- sind bemüht, sich alles mtb jedes für ihre Agitation dienstbar zu machen, auch die Frauen, jedoch haben sie damit, so weiter sich über­sehen läßt, bisher nicht gerade sonderliche Erfolge er- ziät. lieber die Frauenfrage war sich die Sozial­demokratie überhaupt nie klar, wenigstens nicht nach der wirthschastlichen Seite hin. Während man bis in die Mitte der achtziger Jahre großen Theils das Ver­bot der Frauenarbeit in Fabriken verlangte, hat man sich in neuerer Zett zu dem Extrem bekehrt, daß man, mtsprechend der verrückten „Emanzipationsbewegung“ rxaltirter bürgerlicher Frauenkreise, für die Frau das gleiche, volle Recht und die gleiche volle Pflicht mit de« Manne, wenigstens theoretisch, verlangt. Die deutsche Sozialdemokratie hat einige Agttatorinnen ge­wonnen, die von Ort zu Ort ziehen und bei „Ge­nossen" und „Genossinnen" für Aufklärung sorgen wollen, aber viel Glück hatte sie mit dieser „holden Weiblichkeit" biSherau nicht.

Im vorigen Jahre hat mau in Berlin versucht, mindestens eine« Stand der Frauen zu „organisirm", d. h. sozialdemokrattsch zu machen und zu Beiträgen für die Parteikasie zu gewinnen, nämlich die Kellnerin­nen, aber man hatte damit entschiedenes Pech, sogar mit de» Agitatorinnen. Anfangs „zogen" die Wer- sa««l«vgm besonders des „Radaus" halber, dann zeigte eS sich, daß die Kellnerinnen für die „großen Ideale" der Sozialdemokratie kein Berständniß hatten, schließlich lamm in die Kellnerinuen-Versammlungen nur mehr „Herren", und diese nicht gerade von der feinstm Sorte. Mit einem Knalleffekt von klobigen Schimpfwörtern über die „verlorenen Geschöpfe" wurde vom sozialdemokratischea Centtalorgan die so hoffnungs­voll begonnene Bewegung feierlich zu Grabe getrogen und die Agitatorinnen svrmttch geachtet, öel^e dieselbe noch fortzuführen suchte«. Die Hauptvertteterin der­selben, Fra« Denoch, wurde später „von »egen Fi­nanzen" aus der Partei auSgeschloffen, Fra« v. Hof­stetten hört man nicht mehr nennen und Fräulein Wabnitz weilt im Jrrenhause. Die Agitatorinnen, welche bald hier, bald dort auftauchen, vermögen fetten mehr, al» einen Neugierde- oder Heiterkeitserfolg zu erringen; was sie zum Besten geben, ist «eisten» recht sGvach und wird als solches selbst von den „Genoffen" bezeichnet, sodaß die sozialdemokratischen Vereine schon eine gewisse Gänsehaut empfinden, wenn ihnen so eine zungenfertige „Genossin" auf den HalS geschickt wird. Im Frühjahre 1892 tauchte z. B. eine Frau Lina Vogel auS Gera am Rheine auf und veranstaltete mehrere Versammlungen, die sämmtlich außer im „Ulk" wohl keine Wirkung gehabt habm. Bon ihrer „Klarheit" gibt schon die Thatsacke eben prächtigen Beweis, daß sie in Crefeld am 8. Aprtt in einem Athem darüber klagte — und mit Recht — daß die in den Fabriken beschäftigten Arbeiterfrauen sich so wenig mit der Erziehung der Kinder beschäftigen könn­ten, und trotzdem gegen jedes Verbot der Frauenarbeit MMSSWSSMSSSSSSSSSSSSSSWWWSWSSSSSWWSS

Um den Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(11. Fortfetzung.)

War nicht seine Absicht gut? Constance war Künst- lerin und fand nur wahrhaft Befriedigung in der Aus­übung ihrer Kunst.

Ideale Naturen paffen nicht in die Ehe hinein. Waren Raphael, Beethoven, Michelangelo, ColumbuS verheirathet? Constance hatte sich kopfüber in die Ehe gestürzt; sie hatte schwer gebüßt. Einzig die Ge- nugthuung wünschte sie, daß der Gatte sein Unrecht erlernten und Abbitte leisten sollte. That er eS nicht — und daran war unter diesen Umständen nicht zu denken — so blieb die Scheidung bestehen, zu ihrem Glück, zum Segen der Kunst, dem Maestro zur Freude, zum wohlverdienten Lohn. Ein Helles Kbderstimmchen weckte den Alten aus seinem Brüten aus. Schnell fuhr _er sich mit einem zierlichen Taschenkamm durch sein Stirnhaar, pflückte ein Fäserchen vom Rock und begab sich zur Signora.

", - 3m Flur stieß er auf den Knaben. Dieser ging scheu aus dem Wege. Meistens sah ihn der Alte gar mailt an; er hatte ja den Kopf stets voll von musi­kalischen Ideen. So entschuldigte Brigitta die kühle Abwehr des Bruders gegen ihren Liebling. Constance

in den Fabriken sich mit aller Entschiedenheit auS- sprach. In Aachen hatte sie ihr Pensum schlecht aus­wendig gelernt und langweilte die Zuhörer in hohem Grade. In Zwickau bezeichnete eine ebenfalls aus Gera stammende Fran Farnheim den Satz, daß die Frau ins HanS gehöre, als „abgedroschenen Kohl" und bewies damit glänzend, daß sie von der Art und Weise, wie Kohl tn der Küche behandelt wird, die genaueste Keuntuiß hatte; an Heiterkeit fehlte eS denn auch nicht.

Sozialistische Arbeiterinnenvereine existiren aller­dings hier und da in gewerkschaftlicher Form, aber sie führen ein nur schwach vegetirendes Dasein und die geringe Beachtung, welche die Partei ihnen scheust, beweist, daß auch sie an dem Erfolge ziemlich ver­zweifelt. Im vorigen Jahre wurde dieser Sport noch ziemlich eifrig betrieben, selbst die Frauen der Berg­leute im Saarrevier suchte man zu „organisiren", aber dort wie anderswo ist es im Lause dieses Jahres merk­würdig still über die ganze „Bewegung" geworden, die Agitatoren sehen ein, daß die „Liebesmühe vergebens" ist und mit de« Agitatorinnen werden die Erfahrungen immer fchlechter, so daß man gegenwärtig augenscheinlich vorzieht, die ganze Sache im Sande verrinnen zu lassen, wenigstens was die „Organisation" betrifft.

Mit „Frauentagen" hat man sich besonders in Oesterreich versucht, aber auch mit wenig Glück. In Lemberg hat im April d. I. der „erste Frauentag" stattgefunden, auf dem polttische Rechte der Frauen, Zulaffung zu allen höheren Schulen und Berufen und bergt gefordert würben, aber schließlich nichts heraus« kam, bbem man sich über nichts Andere» einig werde« konnte, als über das Hoch aus die „internationale Sozialdemostatie." Ein zweiter „Frauentag" sollte zu Pfingsten in Wie« stattfinden, aber eS „wollte sich nicht machen"; derselbe wurde auf unbestimmte Zeit ver­schoben und ist eS bis jetzt noch. Statt seiner fand eine Versammlung sozialistischer Dame« Wiens., statt, , die außer Phrasen auch nichts zn Tage förderte. Muth genug mit dem Munde hatte neuerdings eine der Führerinnen, Frl. Devorschak (Lehrerin), welche ihren Vortrag schloß: „Die Zerttümmerung deS jetzigen ge­sellschaftlichen Systems werden wir im Vereine mit den Arbeitern versuchen, und dabei sollen unS Kanonen und Bajonnette nicht fürchten machen!" Im Okwber d. I. hat man in Wien nochmals die Gründung eine» „sozialdemokratischen Arbeiter innenvereinS" versucht, aber einen Erfolg nicht erzielt, der Verein steht nur auf dem Papier und wird sozialdemokratischerseitS schon als nicht lebensfähig angesehen.

Auf fozialifttschen Kongressen wird daS „Recht der Frau" mit Vorliebe betont, aber was man eigentlich daraus machen soll, darüber ist man jfich noch recht untior. So brachte am 5. September b. I. bet fran­zösische Sozialistenkongreß in Tour» folgenben toiber» spruchsvollen Beschluß zu Stanbe: „Die Frau muß eine Löhnung gleich der des Manne» erhalte«, die Der» heirathete Frau ist vo« der Werkstatt auSzuschließe«, aber ihre Rechte werden diejenigen deS Mannes sein und sie ist polittsch zu emanzipiren." Wenn die Frauen

war allein; sie schien in einem Buche vertieft, denn erst als der Alte sich laut räusperte, fuhr sie in die Höhe.

„Maestro?!" sie lächelte ihn fo freundlich an, wa­rum gab eS ihm plötzlich em Stich iu'S Herz? — Seufzend schrttt er näher.

„Ich komme, Signora," rief er, „in einer Geld­verlegenheit. Wir find mit unserer Kasse bei MathänS am Letzten angelangt. WaS [nun? Mich dünkt, ich schreibe unserm Agenten Walferi, daß wir uns zu ei­ner neuen Tournee entschloßen haben. Sonst weiß ich mir keinen Rath, Madame."

Constance war während seine» Berichtes sichtlich erschrocken. Ihre Stimme zitterte leise, als sie sagte: „Ist daS der einzige Weg? Ich denke, es gibt noch einen anderen."

„Und der wäre?"

„Ich besitze einen Ueberfluß an Schmuck. ES sind werthvolle Steine darunter. Was sollen mir diese tobten Schätze? Wechseln wir sie in baareS Gelb um. Nicht hier," setzte sie schnell hinzu, ben GesichtsauS- druck des Alten auf ihre Weise deutend. Sie ahnte ja nicht den Grund seiner Enttäuschung; sie kannte aber jeden Zug seines Gesichtes. Er war unzufrieden mit ihr. Sie glaubte deshalb, weil er eine Blöße fürch­tete beim Verkauf ihrer Juwelen.

aber prakttfch gleiche Rechte for dern, dann heißt es bei ben „Genoßen" alsbald: „Ja, Frau, das ist ganz was anderes!" Zum Erfurter Kongresse verlangten die Hamburger „Genossinnen" daS Recht, ihrerseits Dele- girtbnen wählen zu können, darauf erwiderte aber sofort mit logischer Gliederverrenkung der ,Vorwärts':

„Das wäre also eine Sp ezial-Berttetung, eine Rücksicht­nahme auf das Weib, weil eS Weib ist, welche uns nicht ge­fallen kann. Wir sind der Ansicht, daß es unter Sozialdemo­kraten einen solchen Dualismus gar nicht mehr geben sollte. Ueberlaffe man denselben doch dem Bürgerthum, das die Gleich­heit von Mann und Weib noch nicht begriffen hat. Nicht weil sie Weib ist, wählen wir eine Dame, sondern weil sie ihre Pflichten als Parteigenoffe eben so gut erfüllt wie jeder Andere. Wir fragen nicht nach dem Geschlecht, das ist dabei ganz egal. Nicht einen Fortschritt, sondern einen Anachronismus in Bezug auf die sozialdemokratische Weltanschauung können wir daher in der Spezial-Berttetung — und nut von dieser sprechen wir — erblicken."

In einer Beziehung ist die „Frauenbewegung" innerhalb der Sozialdemokratie, so wie sie von ben Agitatorinnen betrieben wirb, ber „männlichen Sozial- bemokratie" ebenbürtig: in ihrem Religionshasse. Die Rebnerinnen, welche daS Laub durchziehen, prüfen« tiren sich sämmtlich als radikal ungläubig und be­schimpfe« das Christenthum, wie sie nur tonnen. Diese Christenthumsseindschaft findet sich übrigens allgemein in der von der Sozialdernokratte protegirten Frauen­bewegung, und ebenfalls in derjenigen, welche, ohne bewußt sozialdernokrattfch zu sein, die sogen. „Eman­zipation" anstrebt. So schrieb Ende 1890 ebe Fra« Livermore für die ,North American Review4 einen Aufsatz: „Zur Frauenbewegung in Nordamerika", b dem er heißt: „Wenn heute in Boston kein Buch «lehr mit ausgesprochen katholischer Tendenz geduldet wird, und wenn die sanitären und hygienischen Berhättniße New-IorkS bedeutend beffer geworden find, so sind daS Errungenschaften, die den von den Frauenvereinen be­triebene« Agitationen zu bunten sinb." Die Zusammen­stellung ber .Bücher mit ausgesprochen katholischer Tendenz", mit de« sanitären und hygienischen Ver­hältnissen" ist jedenfalls fomoS. UebrigenS habe« die Sozialdemokratinnen diese Religionsverachtung von ben „Bourgeois" gelernt. In seinem letzten Werke betont z. B. ber verstorbene Ernst Renan, bie Religion sei für bie Masse nöthig, um sie im Züyel zu halten, der. Gebildete bedürfe ihrer nicht, und die ,Wiener HauS-, franenzeitung', ein „Bourgeoisblatt", schrieb laut .Vor­wärts' vom 6. Jan. 1892: „Der Hochgebildete bedarf keiner Verbildlichung jenes Begriffes, welchen da» Kind und die Menge unter der Bezeichnung eines all­weisen und allmächtigen Gottes erfaßt; er kann der gewohnten Form entbehren, deren Gehalt längst in sein innerfteS Wesen, sein Fühlen und Denken übergegangen." — Wenn der »Vorwärts' daraus ferne Schlüße zog, kann der Bourgeois-Liberalismus eS ihm verargen?

WaS die religionSfeindliche Arbeit Seitens der Agitatorinnen anbelangt, fo ist dieselbe {ebenfalls ernst genug gemeint, aber sie ist nur ein Theil ber anti- christlichen Strömung, welche in zahlreichen Zeitschriften für die Frauenwelt sich Monat für Monat oder Woche für Woche über das Land ergießt, und zwar durch gv-

„Kann eine Künstlerin sich so leicht von jedem An- benten an die schönsten Stunden ihres Lebens kennen?" fragte er in schmerzlich erregtem Tone. Er zog die Achseln und begann langiam auf- und abzugehen. Constance trat an ihren Sekretär und zog ein, zwei, drei Schubfächer auf. Sie entnahm ihnen einige Kasten und Etuis und stellte sie auf den Tisch. Durch einen Druck mit den Fingern flog der Deckel einer Schatulle auf; blitzend, tn köstlicher Farbenpracht hob sich ein prachtvolles Geschmeide von dem lila Sammet- futter des Ebenholzkastens ab. Ein bleicher Sonnen­strahl, der schräg in'S Zimmer fiel, spiegelte sich in dem Brillanten der Herrlichen Agraffe und nun funkelte er wie Feuer; ein Sprühen und Blitzen wie Thau- tropfen im Sonnenschein. Minutenlang weidete« sich Beide an dem kostbaren, prächtigen Anblick. Dann nahm Constance em anderes Geschenk in die Hand, drückte auf die Feder und — „Ah" — ein wunder­barer Schatz, in ganz anderer Form, lag futikelnb vor ihnen. So oft ein anderes Futteral an die Reihe kam, bot es neuen Anblick, neues Staunen.

Die Auswahl bei dem, was zu entbehren, was zu verkaufen fei, war schwer und wurde bei längerer Be- ratijung immer schwerer.

Natürlich, der Maestro widersetzte sich dem Ver­kaufe «och immer mit aller Energie und einem Auf-