TV 297 Sonntag, den 25. Dezember 1892. 19. Jahrgang
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Die beste Weihnachtsgabe.
^2^/hristkind, laß ein Strahl der Gnade ■ Bly In die kalten Herzen fallen.
Die, von falschem Stolz geblendet, Richt zu Deiner Krippe wallen.
Sende Deine Engel Jenen, Die in Rächt und Dunkel weilen. Daß sie zu Dir gleich den Hirten Gläubig bei der Botschaft eilen.
Laß ein Stern den Zweiflern scheinen MS des Licht'S, der Wahrheit Fülle, Der zur rechten Bahn sie leitet Und zerreißt des Zweifels Hülle.
Ruf' sie All' zu Deiner Krippe, Daß sie der Verheißung lauschen: „Ehre bringt Gott in der Höhe", Um hier Frieden einzutauscheu.
O, daß diese WeihnachtSgabe Alle zum Geschenk empfinge^ Und in sel'gem Himmelssrieden Dann den Weg durch'» Leben gingen!
Fulda. R. *.
Weihuachtsplauderei.
4? Berlin, 23. Dezember.
Zum Feste willst du etwa« Angenehmer lesen. Ja, wenn nur etwa- Angenehme- in der Welt passirm möchte! Aber greif' nur hinein in'S volle Menschen« leben, und wo Du'S packst, da gibt'- war zum Angern oder wenigsten- zum Kopfschütteln. Schlechte Geschäfte hier und faule Geschäfte dort — war man auf deutsch Skandale und Pleiten nennt. Willst du ein wirklich gemüthlicheS Fest feiern, daun mach' die Thüre zu, zieh' die Gardinen dicht, vergiß die ganze verdrehte und besessene Welt und freu' Dich im traulichen Amilimkreise Deiner und der Deinigm Daseins. — Wer aber keinen warmen Herd hat? Nun, dem kann ■um keinen Rach geben, sondem tmt Mitleid zollen.
Zum Ueberfluß drängt sich unter den Weihnacht-- bäum von 1892 auch noch da- Gespenst der Cholera. E- ist unS amtlich schwarz ans weiß beurkundet Word«, daß sie noch da ist, noch lebendig ist und im nächsten Lenz ihr Geschäft wieder aufnehmen wird. Wer weiß, ob nicht die letzten Dinge viel schlimmer sein werden, al- die ersten! Die neuesten Nachrichten über einzelne Cholera-Erkrankungen hallen wie WarmmgSrufe durch tag Land: Haltet euch bereit! Bereit zum Kampfe gegeu die tückische Krankheit; bereit auch zum Abschiede vou der Welt, wenn Dich da- Loo- treffen sollte. Wer «m Sterben gut vorbereitet ist, braucht deshalb kein schlechter Soldat im Kampfe um'S Dasein zu sein. Im Gegevthell, die innere Ruhe muß ihn widerstandsfähiger mache».
Will man denn bei den schlechten Zeiten noch an Lichterglanz, Freudengesang and GeschenkeauStausch denken? Ist es nicht bester, alle Groschen zusammenzusparen für den Rothfall und in stiller Ergebung und Entsagung abzuwarten, waS da komm« wird? Rein, die Ausgaben für eine häusliche Weihnachtsfeier in angemessenen Grenzen find keine Verschwendung, sondern eine nothwendige und nützliche Anlage. In an- gemeßenen Grenzen: d. h. man muß sich nach der Decke der gegenwärtigen häuslichen Finanzlage strecken; aber ohne zwingende Roth gänzlich zu verzichten auf die gewohnte Festfeier, das wäre eine Wunde für dar Gemüthrleden, die lange fchmerzen würde. So klug wird ja natürlich jeder Hausvater fein, daß er sich bei knappen Sastenverhältnisten mehr auf die sog. „praktischen" Geschenke verlegt, d. h. auf die Befriedigung vou wirklichen Bedürfniffen im Geschenkwege und die Luxur-Srttkel für bestere Zeiten zurückstellt; dabei Vißt sich auch ganz gut in ungestörter Gemächlichkeit Weihnachten feiern; denn die Habgier gehört überhaupt nicht unter den Christbaum, und die Liebe ist genügsam. Aber etwas will auch die Liebe haben, wenn'S mal so landesüblich ist. Sie fordert ein sichtbares Zeichen der Zuneigung von der andern Seite; bleibt es ganz ans, so fühlt sie sich gekränkt. In den rührseligen Geschichtchen, die zu Weihnachten gern auf- getischt werden, findet fich häufig die arme Mutter oder Schwester, die selbst Hunger und Nachtwachen nicht
scheut, um nur ihren Angehörigen ein kleines Bäumchen mit etwas Zathat verschaffen zu können. Bor dem nüchternen Verstände bekommt eine solche Figur nicht gleich Recht; und dock hat sie Recht, denn die Weih- nacht-gabe gehört zum täglichen Brod (genauer auS- gedrückr: zum jährlichen Brod) der GewütheS, wenn eS durch die VolkSsttte an diese Speisung gewöhnt ist.
Natürlich schränken sich viele Kauflustige dieses Jahr ein. In Berlin, wo eine Menge von Gewerbe- treibenden auf das Weihnachtsgeschäft ihr ganzer Sinnen und Hoffen richten, wurden nach dem letzten Sonntage (dem sogen, golden« Sonntage) in den Zeitungen Klagen laut über starke Mindereinnahmen im Vergleich zum »origen Jahr. Ich glaube nicht, daß man sich nach diesen Reporterklagen schon ein UrtheÜ bilden darf. Im Allgemeinen dürste das Geschäft wohl nicht so sehr viel schlechter werden, wie im vorigen Jahr, wo eS freilich auch nicht glänzend war. Der „goldene Sonntag" fiel diesmal sehr früh. Am Mittwoch trat angenehmes Frostwetter ein, das eine ganz sonntägliche Maffe von Schau- und Kauflustigen auf die Straße lockte. Daß am ,goldenen Sonntag" gerade die Läden mit billigen Sachen, besonders die 50 Pfg.- und 1 Mk.-Bazare, bevorzugt waren, versteht fich eigentlich von selbst. An diesem Sonntag überwiegt unter den Käufern diejenige Bevölkerung, welche an den Wochentagen keine Zeit zum Kaufen hat. Je früher der goldene Sonntag fällt, desto mehr halten fich die bester gestellten Elemente an diesem Tage zurück, weil fie an dm folgenden Wochmtagen noch Zeit gmug zu finden hoffen, um ohne drangvoll fürchterliche Enge die Geschäfte abzuwickelv.
Der starke Zulauf zu dm BazarS mit einheitlichem PreiSsatze ist Thatsache. Daß die koukurrirmdm Geschäftsleute fich darüber ärgern, ist begreiflich. Aber gegen diesen „AuSwurf" des GeschäftSeiferS wird fich wohl nichts machen laffen. Man sollte aber allerseits recht unbefangen die Frage prüf«, wo dmn eigmtlich die Anziehungskraft dieser BazarS ihre Wurzeln hat. Dir wirkliche obit eingebildete „Billigkeit" thut eS nicht allein. In Berlin hat man nicht bloS BazarS von 3 bis 25 Pfg. herunter, sondem neuerdings auch solche von 10 Mk. für daS Stück, derm Schaufenster ich immer sehr stark belagert fand. Manche Leute mögen diese BazarS als eine Art Glücksspiel mit Wahlfreiheit betrachten, indem sie so kal« kuliren: „Der Mann hat Waarm, die weniger werch find, als der Einheitspreis, und solche, die mehr werth find; er rechnet so, daß er mit dem Durchschnittswert auf seine Sostm kommt. Ich bin klug gmug, um die m e h r werrhigen Waarm herauSzufindm, deshalb gehe ich hin und kaufe billig. Das wäre ein recht thörichter Feldzugiplan; denn dem Verkäufer fällt eS gar nicht ein, feinen Kundm etwas zu fchenkm. Die fich so als schlaue Wahlkünstler fühlen, fallm am reichtest« auf glänzenden Schund hinein. Bon sehr großer Äe- deutung ist jedoch eine andere Erwägung der Bazarfreunde: „Gehe ich in dm Ladm, wo Alle- gleichviel kostet, fo bin ich sicher, daß der Kaufmann nicht vor- schlägt und mir nicht thmrere Sachm aufschwätzt, als ich habm wollte". Auch diese Erwägung hat ein Loch; dmn man läßt fich in dem glitzernd« Ladm leicht verleiten, hier nnd da noch ein Stück für „lumpige 50 Pfg." hinzuzukaufen, nnd das Ende vom Siebe ist dann doch eine EtatS-Ueberschreitung, den der aufge- kauste KrimSkram nicht rechtfertigm kann. Ein berechtigter Kem steckt aber doch in der Erwägung: Das Publikum will gem dm Preis der Waare kennen, ehe eS sich in Geschäftsverhandlungen einläßt. Darum kauu ich nur die Mahnung wiederholen, die ich schon früher an alle Inhaber der ht Betracht kommenden Geschäfte gerichtet habe: Zeichnet den Preis aus! nicht in Geheimschrift, sondem in offenen Ziffern, möglichst deutlich und sichtbar, nicht bloS an dm Paradestücken im Schaufenster, sondem an allm Waarm im Ladm! Dazu gehört »Mrlich der Grundsatz: Feste Preise!
Wmn wir in Berlin durch die Straß« gehen und vor einem Schaufmster eine außerordentlich große Fülle sehen, so will ich darauf wetten, daß in dieser Auslage die Waarm mit Preisen versehm sind. Die Preis- bezeichnung veranlaßt eine Mmge Leute, des Studiums halber stehen zn bleiben, auch solcher, die im Äugen* blick gar nicht auf einem Kaufgange find. Dieses Studium lostet dm Kaufmann nichts, aber es bringt ihm Bortheil; denn nachher heißt eS zu Haufe: Da und da habe ich daS und da» zn dem Preise ge»
sehm! — womit sich eine neue Kundschaft anbahnt. Ein hinterlistiger Geschäftsmann speknlirt darauf durch trügerische Lockpreise am Schaufenster, indem er dm Leuten, die in dm Ladm kommen, unter allerhand Kunstgriffen theurere Sachm aufreden will. DaS wird ein redlicher Christmevsch nicht mitmachen, und wer nicht bloß nach Augenblickserfolgen hascht, sondem fich eine dauemde Kundschaft such« will, der fährt auch gewiß mit der ehrlichen Off nheit am besten. Um die mißtrauischen und ängstlichen Käufer zu beruhig«, gibt eS aber kein beffereS Mittel, als an vllm Waarm, drinnm and draußen, die lesbare Preisbezeichnung ent- gegmleuchtm zu laffen. DaS gibt auch Demjenigen, der fich wegen Mangel an Sachkmntniß schwach fühlt, die angmehme Gewißheit, daß man ihm nicht mehr abuimmt, als dm geriebmm Knndm.
ES gibt noch in onberen Orten „BazarS", nämlich Geschäftshäuser, die aus dm verschiedmartigsten Gebieten „Alles" führen, und zwar zu verfchiedmm PreiSsätzm. Der „Kaiser-Bazar" in Berlin, der daS System in Pariser Manier großartig durchführen wollte, mußte freilich einen argen Krach erleben. Aber in der Leipzigerstraße hat ein nnternehmmder Kopf ein Haus erbaut, in dem dieses Bazar-Geschäft in etwa- kleineren, aber immer nach großem Maßstabe betrieben wird. Am Mittwoch habe ich behnfS Vorbereitung auf dies« Srttkel mich dem Strom angeschloffm, der da hinein- fiuthet, und ich fand in dm drei Stockwerkm, wo die dilligerm Sachm zu habm find, eine ganz erschreckliche Fülle. Fast leer war eS hoch oben, wo die „Konfektion" für Herm und Damen zu Hause ist. Natürlich geht man wegen dm kostspieligm Sachm lieber in die Spezialgeschäfte. Aber die gewöhnlichm Geschenkartikel in einem Hanse zusammenzufinden, scheint der Raffe angenehm zu sein. Für meinm Zweck war eS ober besonders interessant, daß der unternehmungslustige Mann seine Preise nicht mit Chiffren, sondem mit Ziffern angezeichnet hatte. DaS ist offenbar nicht bloß zugkräftig, sondem auch erleichtemd. Wo die Ber- käuferinnm nicht durchkonnnm formten, half sich baS Publikum selbst, griff in die vorhandmm Waarm, prüfte sie und bett Preis, und rief dann nur die Verkäuferin herbei, daß sie schnell dm Zettel schreibe für die Kaffe. Ob daS Unternehmen nach der Geschenk- zeit auch noch im Schwung bleibt, weiß ich freilich nicht, ich wünsche eS auch gar nicht, daß die ÄazarS bie brave» Spezialgeschäfte überwuchern. Ich möchte nur darauf aufmerksam machm, daß mau über so gefährliche Konkurrmtm nicht bloß räfonnirev, sondem auch an ihnen lernen muß, wenn fie »nS etwas GuteS uod Nützliches vormachm.
Zum Schluffe fei allen Lesern von Herzm gewünscht, daß die Festtage eine erquickende .Oase bitten mögen in der Wüste der gegmwärtigm Zeitlänfe.
Deutsch« Keich.
Berlin, 23. Dezember.
* Selige Weihnachtszeit! Flüchtig nur ist dem Zauber; nur einen Augenblick dürfen wir uns demselben hingeben, dann reißt uns die Woge der Zett- strömnng weiter, kaum, daß wir die Zeit habm, ein freundliches Blümchen zu pflück«, daS unS vom Ufer mtgegenwinkt. Der Kampf, der fich in die Extreme Slhlwardt und Löwe zuspitzt, ist noch lange nicht abqeschloffm. Die Phase deSselbm, in dem wir unS befinden, wird allerdings bald durch eine andere ab» gelöst werden. Gegenwärtig hat fich die Waagschale zu Ungunst« der Löwe'S geneigt, infolge der Enthüllung des Pariser .Figaro', wonach die Firma Löwe u. Comp. im Jahre 1886 dem damaligen französischen Kriegsminister Boulanger Maschinen zur Se- wehrfabrikation anbot. Daß Kriegsmaterial von ander« Staat«, auch solchen, die unS nicht gerade fteundlich gefinnt find, n. A. auch von dmlfchm Firm« bezog« wird, ist eine > alte Geschichte, und in normal« Zeit- läuftm würde gegm die Löwe'sche Offerte wmig ein- zuwenden gewesen sein. Aber 1886 war die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich gestiegm. Unter dm damalig« Verhältnissen war die Offerte jedmsallS uicht zu billigm. Für die Inhaber der Firma Löwe, namentlich auch dm früheren, »erben diese selbst nicht daS Prädikat „Patrioten" beanspruchen. An der Thatsache, daß die antisemitische Bewegung eine große Schärfe gewonnen hat, trägt der verstorbene Abgeordnete Ludwig Löwe ein reicher Maß an Schuld Die Art und Weife, in welcher er gemeinsam mit dem