19. Jahrgang
Lamslag, den 24. Dezember 1892.
uldllerWZtitlliig
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1. Guartal 1893
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Deutsches Keich.
Berlin, 22. Dezember.
* Das Kaiserpaar wirb bereits am 30. d. Mts. vom Neuen Palais nach bem Königlichen Schlosse in Berlin übet siedeln.
• Der Angabe, daß die Kosten für das Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I rund 16 Millionen betragen würden, wird offiziös mit dem Bemerken entgegengetreten, daß, wollte man die Kosten auf Grund ber vorliegenben Skizze annähernd schätzen, die Hälfte jener Summe nicht erreicht werben würbe.
* Wie wir Katholiken xtttcr dem neuesten Kurs behanbelt werben, zeigt folgendes „SiirnmungsbUb", welches wir der »Germania' entnehmen. Graf Caprivi erklärte im preußischen Abgeorbnetenhanse ohne zwingenden Grund, vermuthlich hauptsächlich um den Zorn der Knltmkämpfer zu besänftigen, baß bie preußische Regierung ber Aufhebung beS Jesuitengesetzes, eine- ber unerhörtesten Ausnahmegesetze, bie eS je gegeben hat, sich wibersetzen werbe, und Graf Eulenburg hat, nach einer bis jetzt uvwibersprochenen Meldung, eine Verfügung erlassen, ober Seitens einer nachgeorbneten Behörde ergehen lasten, wonach beit Vätern ber Gesellschaft Jesu — nach ber Ansicht vieler in mit bem Jesuitengesetze nicht zu vereinbarenber Weise — sogar bas Abhalten reinwistmschastlicher unb soziockpolitischer Vorträge nicht zu gestatten sei. Wir haben vor einigen Tagen berichtet, wie chatsächlich bem Pater Kathr ein, besten vor etwa zwei Jahren erschienene hervorragenbe Broschüre über den Sozialismus auch ber.Reichsanzeiger' lobenb unb beifällig besprach, das Halten von Vorträgen, welche bie Bekämpfung ber Sozialdemokratie bezweckten, durch den Polizeipräsidenten in Köln verboten wurde. Zn diefern Beweise der „Wohlwollens" der Regierung gegen die Katholiken kommt heute ein neuer. In Ediger a. d. Mosel
Um den Lorbeer.
Roman von I. Sandhage.
(9. Fortsetzung.)
Ein Frösteln durchschauerte sie; chr Blick fiel in den Spiegel ihr gegenüber. Sie erschrak, als sie ihr BUd ansah. Wie verzerrt erschienen ihr die eigenen Züge; war sie das? Konnte sie so verändert sein in dieser UnglückSstunde? Sie suchte sich zu fassen, ihre Gedanken zu sammeln. Das Schreiben war ohne Unterschrift; wie. wenn eS Lüge. Verleumdung war? Zweifel beschlichen sie; aber nein, nein! Wie giftige Nattern krochen die Gedanken des bösen Argwohn- gegen Kurt wieder und wieder an sie heran. Wer konnte den traurigen Muth finden, sie, die Niemand zum Feinde hatte, so täuschen zu wollen? Kurt war lange Jahre draußen. Tag für Tag hatte er feit feiner Heimkehr in ihrem Baterhause verkehrt. Oft schon hatte Malve seine Erklärung erwartet, da er sie bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet halte. Warum zögerte er? — und heute? — War eS nicht vielmehr em augenblicklicher Rausch, eine Uebereilung, oder gar eine leichtfertige Liebeserklärung. die er sich als Edelmann einem Bürger- Mädchen gegenüber erlaubte?! Unter diesen Gedanken flammte der weibliche Stolz in Malve empor. Jeder Blutstropfen in ihr bäumte sich auf gegen ihn, der so gering von ihr dachte. Ganz recht, wie schnell er
auch die Sammlungen für Ahlwardt einen günstigen Fortgang nehmen. Unter den Spendern befinden sich mehrere, die sich ausdrücklich als „bekehrte" Freisinnige zu erkennen geben. Etwas mißtrauischer verhalten wir nnS zu den bekehrten Sozialdemokraten, die jetzt in antisemitischen Versammlungen aufzutreten pflegen, wenn gleich wir nicht leugnen wollen, daß die sozial- demokratifche Arbeiterfchaft trotz Singer und Stadthagen im Grunde des Herzens stets antisernitifch angehaucht gewesen unb geblieben ist. — Von bem Selbstbewußtsein ber antisemitischen Partei legt auch ein osiener Brief bes Herrn Ulrich ans Chemnitz an ben Reichskanzler Zeugniß ab. Wenn tiefer Herr sich auch als „Chemnitzer Vertrauensmann ber konservativen Partei" unterzeichnet, so wird er es boch wohl nicht als eine Beleibigung auffasten, wenn wir ihn schlechthin zu ben Antisemiten rechnen, zumal er ja erst kürzlich mit einer größeren Anzahl „beutsch-sozialer" Genostm bem konservativen Verein in Chemnitz beigetreten sein soll. Sein offener Brief legt Verwahrung gegen bie Auffassung beS Reichskanzlers ein, er habe Demagogie geprebigt. Dann wirb der Reichskanzler dringend gewarnt, doch ja nicht aus „Gefälligkeit gegen daS Judenthum" das patriotische, auch in schlimmen Tagen kaisertreue Deutschthum in die Zwangsjacke eines Au»«
♦ Gegenüber der Blättermeldung, daß der karg- jährige Präsident des Herrenhauses, Herzog von Ratibor, auf ärztliches Anrathen, sich schwerlich jemals wieder parlamentarisch beschäftigen werde , also Über kurz oder lang eine Neuwahl für daS Präsidium des HrrrenhaufeS statrfinden mäste, erfährt die .Nordd. Allg. Zeitung', daß obige Annahmen durchaus willkürlich seien. Der Herzog von Ratibor fühle sich zwar noch im Sehen behindert, habe aber im Uebrigen nach wie vor unausgesetzt alle ihm übersandten Schriftstücke vollzogen.
* Zu ber Blättermelbung, baß ber Hofprediger, Divifions pfarrer D. v. Hase in Potsdam seinen Abschied nachgesucht habe, bemerkt der .RnchSbote': Thatsache isi, daß D. v. Hase seit ber letzten Trvppm- vereibigung in Potsdam enen Urlaub auf unbestimmte Zeit erbeten hat. Zu tiefem Akt wurde damals am Abend vor dem BereidigungStage telegraphisch der Divisionkpfarrer Rogge in Berlin an Stelle deS Hofpredigers v. Hase, dem sonst die Predigt zugefallen wäre, beordert.
* Die medizinische Gesellschaft ernannte in ihrer heutigen Sitzung unter großem Beifall Pasteur zu ihrem Ehrenmitglied anläßlich feine« bevorstehenden 70. Geburtstages.
* Die Kommission für die zweite Lefung des deutschen bürgerliche« Gesetzbuches hat sich ber bevorstehenden Feiertage wegen bis Mitte Januar vertagt.
* Die Antisemiten werben von Tag zu Tag selbstbewußter, ba sie unzweifelhaft auS ben Reihen aitberer Parteien, namentlich ber freisinnigen, Zulauf erhalten, auch bie zahlreichen antisemitisch m Bersamm-
verkünbete am 27. Rovbr. in d-r Kirche ber Pfarrer, am 3. Dez. beginne eine M ssion. Am 29. November erschien ber Lanbrath von Kochern (Dr. Langen) im Pfarrhanse, konnte ben Pfarrer aber nicht sprechen, ba berselbe verreist war. Ais ber Pfarrer zurückge- kehrt war, traf ber Laübrath ihn auf der Straße und eröffnete ihm, daß keine Mission durch Jesuiten oder verwandte Drben abgeh ilten werben dürfe. Am 1. Dezember erschien der Bürgermeisterei-Verwalter Sand- kohl im Pfarrhaus- und gab an, er komme im Auftrage des LandrathS und eröffne ihm, daß er die Missionare über die Grenze bringen werde, wenn sie aus einem Orden wären, der hier verboten sei. Infolge dessen hat der Pfarrer bie Redemptoristen, welche kommen sollten, abbestellt In Sdiger ist Wegen tiefer Vorkommnisse große Erregung. Natürlich! Sozial- bemotraten, allen Gottesleugnern und Revolutionären ist in Deutschland freie Bewegung gestattet, die Katholiken haben nicht einmal freie Bewegung innerhalb ihres GotteShaufeS. Die vom Ausnahmegesetze betroffenen Orden find Orden der katholischen Kirche, ihre Regeln und Satzungen sind von der Kirche oft unb eingehenb geprüft, gutgeheißen, bestätigt unb belobt, unb nun foll beten Thätigkeit eine Gefahr in sich bergen, für beten «bwenbung man in Preußen Polizei aufbieten zu müssen glaubt! Zur Kennzeichnung deS „neueften Kursus" bürfen Vorfälle wie ber in Ediger nicht verschwiegen werben. Als kürzlich gemeldet würbe, ber Lanbrath von Bornstebt in Ftiebeberg sei — nicht in seiner amtlichenEigenschast ».lsLandrath — bei ber Reichstagsstichwahl für ben Antisemiten Ahlwardt eingetreten, verlangten nationalliberale und ftrisinnige Blätter stürmisch eine Maßregelung des LanbtathS. . Zwei Tage später stand der Ruffel, welchen ber schon lungert stets genannte Ministerpräsident Graf Eulenburg bem Land- “Jt s*:" tath ertheilte, bereits im .Reichsanzeiger'. Das Volk macht sich seinen Reim auf derartige Vorgänge, aber in anderem Sinne, als die Regierung vermuthlich annimmt. Glaubt etwa der Graf Eulenburg, die Liberalen und Kulturkämpfer müßten, um sie bei guter Laune zu erhalten, mit seidenen Handschuhen angefaßt werden, ben Katholiken aber bürfe ruhig alles geboten werben? Es könnte bann eines Tage« ein sehr unangenehmes Erwachen aus tiefer verhängnißvollen Täuschung für ihn geben. Wir könnten hier an interessante Zwischenfälle bei unb nach bem Zustandekommen des „Ministeriums Eulenburg" erinnern, wollen indeß heute davon absehen. DaS aber möchten wir hervorheben: wenn die Regierung in der jetzigen Zeit, in welcher bie Wasser ber Bediängniß auf allen Gebieten wahrlich hoch genug gehen, unb bie Umsturzbestrebungen kaum mehr abzuwehren sinb, auch noch ben LuxuS eines neuen Kulturkampfes sich gestatten unb bie höchste Un- zufriebenheit von fo unb fo viel Millionen Katholiken herauszuforbern zu bürfen glaubt, so möge sie sich gesagt sein lasten, baß sie aber auch bie Verantwortung für bie barauS refultirenben Folgen voll und ganz zu tragen haben wirb. (Sergi, auch bie gestrige Nachricht aus Dortmund!)
sich beim Anbück ihres Sater8 von bannen machte. Er schien ganz betroffen, wie auf einem Unrecht ertappt, als eS klopfte. Unb Bestürzung in Blick unb Haltung, fo schritt er hinaus. Unb wieber stürzten bie Thränen aus ihren Augen; Zorn unb Verachtung mischten sich in ihren Schmerz. O, hassen, hassen wollte sie ihn, baß er eS gewagt hatte, fein Spiel mit ihr treiben zu wollen. Sie mußte sich selbst wieber finden, ihn auS dem Sinn schlagen und Niemandem in der Welt ihre Enttäuschung verrathen. Malve war früh zur Selbstbeherrschung angeleitet. Sie galt im Hause für ein tapferes Mädchen; Mitleid von Anderen ertragen müssen erschien ihr ein Unglück. Deshalb ermannte sie sich und begann ihren Anzug, ihr Haar zu ordnen. Sie rieb ihre bleichen Wangen, riß daS Fenster weit auf unb gab ihre Schläfen, ihre heißen Augen ber kühlen Luft preis. Ihr Mäbchenstübchen war zierlich georbnet. Ein Bücherbrett, ein paar gute Kupferstiche an ben Wänben; Blattgewächse auf kleinen GypS- postamenten umrankten eine Mater dolorosa. Hier kniete Malve bes Morgens unb Abends auf einem Betschemel vor dem Cruc.fix nieder. Auch jetzt versuchte sie zu beten, allein bald trieb es sie wieder empor. Zerstreuen wollte sie sich in häuslicher Thätigkeit. Sie konnte nicht beten, da der Zorn noch zu heftig war in ihr.
Während Malve in ihrem Zimmer noch immer mit
ihrer Verzweiflung rang, faß Walter plaudernd neben Maestro Antonio.
Malve war eine talentvolle Schülerin. Sie fand Freude an der Musik unb hatte ben Vater gebeten, ihr eine grünbliche Ausbildung darin geben zu lassen. Der Maestro kam daher täglich in« Haus. Heute er- zählte ihm Walter, daß er in Neapel eine Cousine ver- heirathet hatte. Er nannte den Namen ihres ManneS. Antonio erbleichte. Er traute seinen Ohren nicht. Constance Torrau, sein Liebling, wäre in Neapel „verschollen", seufzte Walter.
Verwirrt, unftäten Blickes hatte Antonio die Zimmer- wand gestreift. Dort, bas wunberschöne Frauenbilb, in Del gemalt, zog ben Blick wieber unb wieder auf sich. Mein Gott, war es denn ein Blendwerk feiner Sinne, — odeö war es Wirklichkeit? Die Dame mit bem gepuberten Lockenkopf unb bem stolzen Blick, e8 war ja Constancens Mutter. Wie gelähmt faß Antonio ba; er nickte mechanisch zu bem, was ihm Walter erzählte; wie Meeresbrausen klang es ihm vor den Ohren; Schwindel wandelte ihn an. Aber nein, nein! Um Gottes willen, nur nicht den Kopf verlieren. Gewaltsam raffte er sich empor. Er stotterte etwas von Geschäften unb erhob sich schnell.
Serwunbert starrte Walter bem seltsamen Alten nach, als er wie ein gehetztes Wild an seinem Fenster vorüberstürzte.