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Frcttag, den 23. Dezember 1892.

19. Jahrgang

»ldaerW Zeitung

Erscheint täglich, Sonn- nnd Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher Abonnement-Preis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Hierzu eine Beilage.

A Die Politik der kleinen Mittel.

Unsere Zeit ist krank — das ist eine so anerkannte Wahrheit, daß eS trivial erscheinen könnte, sie zu wiederholen. Und doch muß der Finger immer und immer wieder auf die Wunden gelegt werden, damit wir uns nicht an daS Uebel gewöhnen, damit eS nicht durch Gewohnheit sich verschlimmert und damit der Elfer, gesunde Verhältnisse wieder anzubahnen, nicht erlahmt. Dann und wann bricht der Eiter an dieser oder jener Stelle unseres GesellschaftSkörpers hervor; anstatt darin aber nur Anzeichen der allgemeinen Krank­heitsursache zu erkennen und dieser selbst zu L^ibe zu gehen, begnügen sich unsere Gesetzgeber mit der ört­lichen Heilmethode, sie kleben ein Pflaster auf die eiternde Wunde und glauben dann ihre Schuldigkeit gethan zu haben.

So muß sich denn der Reichstag mit Gelegen­heits-Gesetzen abquälen, deren Unvollkommenheit und Einseitigkeit vff-nkundig ist. Der Prozeß Heinze warf plötzlich grelles Licht auf die sittliche Fäulniß in den Großstädten, die aber längst jedem Kenner der großen Städte bekannt war. Flugs beeilte man sich, ein Gesetz einzubringen, das den ausgedeckten Mißstän­den, obwohl sie aus ganz verschiedenartigen Gebieten liegen, mit einem Schlage abhelfen soll. Das ist die I s x H e i n z e. Ein und dasselbe Gesetz will die Kuppelei schärfer bestrafen, insbesondere auch das Zuhälterthum treffen; es bringt Strafverschärfungen für Rohheits­verbrechen, noct weitere Beschränkung der Oeffentlichkeit des Gerichtsverfahrens, will der Ausstellung unzüchtiger und auch nur bedenklicher Bilder und Statuen, sowie auch ihrer Feilbietung entgegentreten u. s. w. DaS find ganz verschiedene Dinge. Wir billigen eS gewiß, wenn man für Zucht und Sitte auch im öffentlichen Leben der Großstädte sorgen will, dann möge man aber auch konstqumr sein! Aber hört man etwas davon, daß man der Beförderung der Unsittlichkeit auch ’m Theater entgegentreten will? Die „Kunst" darf nicht angetastet werden, beileibe nicht! —

Der wüßte Skandal in letzter Zeit war der Ahl- wardt- Prozeß. Und alsbald werden uns in dem Gesetzentwurf über den Verroth militärischer Geheim- wsse auch zwei neue Ahlwardt-Paragraphen bescheert. die schließlich Jeden wffen können, der ein­mal über militärische Dinge schreibt. Glaubt man so der um sich greifenden Verleumdungssucht Herr werden zu können? Kann man sich wundern, wenn die Anti­semiten jetzt auch eine lex Löwe verlangen, die den Verkauf von Waffen an's Ausland kurzer Hand ver­bieten soll? Wer weiß, was die Gelegenheits-Gesetz­geber i n» noch Alles bieten werden!

Das sind nur die Früchte jener Politik der kleinen Mittel, die sich nur gegen einzelne Kcankheits-Erschei- nungtn wendet, anstatt das Uebel an der Wurzel zu fassen. Und diese Wurzel ist die Enrchriftlichung unserer Volkslebens. Was wir brauchen, ist:

Um den Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(8. Fortsetzung.)

Und in seinen vollen Freudenbecher fiel der erste Tropfen Wermuth. Aber eins stand in ihm fest, Kon « ad mußte sein Vaterrecht geltend machen. Die Atymoiphäre eines schrulligen Alten, wie der Maestro, einer Signora Tortoni, wirkte nicht günstig auf den echten Sproß eines Wüllesen.

Nachdem er sich von den Damen verabschiedet hatte, schlug Kart gedankenvoll dm Heimweg nach Romberg ein. Er überlegte, sollte er der Tante schon heute ein offenes Geständniß seiner Liebe zu Malve ablegen!? Endlich entschied er sich für Nein. Wie süß war es doch, ein seliges Herzensgeheimniß mit der Geliebten zu theilen.

Ein nie zuvor gekanntes Glücksgefühl durchfluthete ihn; er konnte die Zeit kaum erwarten, die ihn in Malven's Nähe führen mußte. Morgen Abend war I im Walterschen Hause die Abendgesellschaft. Dort : sah er die Geliebte gewiß nur flüchtig. Denn in j Kenten herrschte noch der patriarchalische Brauch, daß die Haustöchter in der Wirihschaft mit thätig waren. Malve war häuslich und fleißig; in aller Frühe schon mußte das gute Kind mit Hand anlegen, wenn es die

volle freie Wirksamkeit der christlichen Kirche und Reor­ganisation des Staates auf den ewigen Fundamenten des ChristenthumS: wir brauchen den christlichen Staat!

Deutsches Keich.

Berlin, 21. Dezember.

* Das päpstliche Schreiben gegen die Frei­maurerei hat, tote die .Germania' schreibt, unter den Freimaurern einen Sturm der Entrüstung entfacht. In dieser Beziehung stehen die deutschen einträchtig neben den italienischen .*. Brüdern. Die ,Vossische Zeitung' läßt sich heute aus Rom melden: „Als Ant­wort auf die letzte päpstliche Kundgebung gegen die Freimaurerei wurde gestern in Neapel ein großes freimaurerisches Festmahl zu Ehren des Groß­meisters Adriano Lemmi veranstaltet, der die Angriffe L’v XIII. mit Zinsen zurückgab. In langer Rede stellte er die befreiende sittigende Arbeit der Frei­maurerei dem rückschrittlichen Streben des Klerikalis- mus und des Vatikans gegenüber. In der alten Pupstburg, sagte er, lebt und dräut noch, bewehrt mit Summa und SyllabuS, das barbarische Mittelalter. In den Logen lebt die Jugendkraft der Neuzeit. Den Borwurf sektirerischen Treibens der Freimaurer nannte Lemmi die „elendeste, verleumderische Ausgeburt bös­willigen JesuitengeisteS"; aber er Pries die Freimaurer als beharrliche Vorkämpfer der Revolution und des in Rom auszutragenden Kampfes der Säten« gesell'chaft gegen kirchliche Herrschoftsansprüche. Die Freimaurerei verfechte daher vollste Gewissensfreiheit, die Staatsschule ohne Religionsunterricht, die Ab­schaffung des KultusbudgetS und des Garantiegesetzes, Strafbestimmungen gegen gesetzwidrige vaterlandSfeind- liche Handlungen des Klerus, Vorrang der Civil- trauung und die Ehescheidung. Lemmi schloß unter großem Beifalle mit einem Hoch auf den GeniuS der italienischen Revolution." Adrmno Lemmi hat durch seine eben kurz skizürte Rede den unwiderleglichen Beweis geliefert, daß die Ausführungen des Papstes gegen die Freimaurerei durchaus berechtigt waren. Gibt er doch offen zu, was der Papst über die Be­strebungen und Ziele der Freimaurerei gesagt hat; ja, er entblödet sich sogar nicht, auf den Genius der italienischen Revolution zu toasten. Die scharfen, gegen die Freimaurerei gerichteten Worte deS hl. Vaters sind ein Kinderspiel gegen die groben, giftigen Ausfälle Adriano LemmiS gegen die Kirche und das Papstthum. Na­türlich kann es sich die freimaurerische .Vossische Zeitung' nicht versagen, die Amführungen Lemmis mit schmunzelndem Behagen zu registriren, indem sie dabei die päpstliche Verurtheilung der Freimaurerei als Jesuitenwauwau für politische Kinder charakterisirt. Zur Kenrtzeichuurg des Mannes, welchem die .Vossische Zeitung' glaubt Weihrauch streuen zu müssen, wollen wir vor der Hand nur bemerken, daß der Großmeister italienischen Freimaurer, der Jude Adriano Lemmi, der sich von dem Vorwut fe, vor einer Reihe vonJahren in Marseille wegen gemeinen Diebstahls zu

Festvorbereitungen zu tr.ffen galt. Daher konnte er vor Uebermorgen (leider war es ein Sonntag) weder den Hausherrn, noch Malve in seiner Angelegenheit zu sprechen. Also Geduld, hieß es aus's Neue, Ge­duld! — Aber der Triumph war um so größer, wenn er dem Italiener in nächster Zeit schon seine Braut — vorstellen konnte. Wie es ihn, den anmaßenden, eingebildeten Burschen überraschen, niederschmettern würde! Weshalb er ihm nur so unsympathisch war? Kurt grübelte sich immer tiefer in eine Verstimmung gegen den Rivalen hinein, den er doch jetzt eher zu bemitleiden hatte. Allein, wenn Batst wnklich nur wegen der Signora Tortoni erschrocken war. Armer Konrad!

In der Nähe der Schloffes begegnete Kurt ein junger Mann; eS war ein Goldarbeiter aus Kenten. Tante Mechthild ließ von Zeit zu Zeit ihren alten Familienschmuck nachsehen. Herrliche Juwelen gab es darunter.

„Guten Tag, Kerner, wie geht's?" rief Kurt schon von Wertem. Wie wonnig war der Gedanke, daß er ihm bald vollauf Arbeit geben konnte. Biele der Edel­steine bedurften anderer Fassung. Malve war brünett, Rubinen standen ihr vorzüglich. Kein anderer Gedanke beschäftigte ihn, als Malve Freude zu machen, sie zu beglücken.

mehreren Monaten Gefängniß verurtheilt worben zu sein sich bisher nicht zu reinigen verstanden hat. Nur solche Männer waren in der That reif, im Geiste der italienischen 3b Dotation zu arbeiten und sich über alle Gewissensbedenken hinwegzusetzen, welche die Be­seitigung der legitimen Herrscher in Italien erwecken muß.

* Um Löwe s Brief an Bonlanger zu entschul­digen, druckt die judenliderale Presse mit großem Be­hagen einen Brief ab, den Friedrich Krupp 1868 an Napoleon III. gerichtet hat und von dem wir im Inter« sie Krupp's wie des Ansehens der deutschen Nation wünschten, daß er niemals geschrieben worden wäre. Wir verurtheilen diesen Krupp'schen Brief genau so wie den Löwe'schen und müssen gestehen, daß die selbst­gefällige Versicherung deS Kcupp'schen Werkes, eS liefere seit Jahrzehnten grundsätzlich nicht für Frankreich, an­gesichts jenes Briefes, aus dem gar zu deutlich der wedelnde Hundeschweif herausschaut, besser in eine be­scheidenere Form gebracht worden wäre. Was man aber bei Krupp verurtheilt, kann man doch nicht des­halb billigen, weil eS Löwe thut. Ebenso wenig ist es eine Entschuldigung für Löwe, wenn die ihm entgangene Lieferung einer christlichen deutschen Firma zugewendet worden ist. Als diese Firma wird das Haus Steinke in Mühlhausen in E. genannt, das schon seit Jahren Gewehre und sonstiges Kriegsmaterial an Frankreich liefern ioll.

* Magdeburg, 17. Dez. Dieser Tage gafthte hier im „Weißen Bär" der Sekretär des „Evangelischen Bundes", Herr Fey, mit einem Vortrag: „Sollen die Jesuiten wiederkommen?" Vor etwa 50 Per­sonen schilderte der frühere Pastor in Klein-Rössen die Jesuiten, von denen er sicher keinen einzigen kennen gelernt hat, mit den landläufigen Phrasen in den aller- schwärzesten Farben, sprach von Kadavergehorsam, Königsmorden, Geldgier, Erbschleicherei und allen den schönen Dingen, welche man in Hintertreppen-Sensa- tionsromanen ä la Beyer findet. Das war aber selbst den BundeLbrüdern zu stark, so daß in der Debatte Herr Dr. Riemann äußerte, er vermisse die Licht­seiten, daS sei ja alles schwarz in schwarz gemalt und einseitig geschildert! Diese Ansicht theilte Professor Bornemann: man solle (.ereht auch gegen seine Feinde sein und anerkennen, daß es bedeutende Leute unter den Jesuiten gegeben habe und gebe Sei mau so einseitig wie der Redner, so gebe man sich vor dem Gegner eine Blöße. Endlich wurde der Beschluß ge­faßt, eine Massen-Petition (schon wieder!) an den Reichstag zu senden gegen Wiederzulassang der Jesuiten und dazu Unterschriften zu sammeln. Das ist doch die reine Komödie, über die jeder einsichtige Protestant lachen muß.

* Dortmund, 17. Dez. Bekanntlich ist hier im März d. I. Herrn Granderath, Priester der Gesell­schaft Jesu, die Abhaltung von Vorträgen unter­sagt worden. Dagegen wurde in einer ausführlich be­gründeten Eingabe Beschwerde erhoben. In dieser An­gelegenheit ist jetzt folgende Minifterial-Enischeidung ergangen: „Berlin, 8. Juli 1892 Auf die gegen die

„Nun, wie gehr's", gab der Angeredete zurück, „Geschäft flau, einzig der Marchefe spricht fleißig em. Ein kurioser Herr, selsam, daß so noble Herrschaften so geschäftskundig sind. Der hat seltene Routine und ist nicht viel an ihm zu verdienen." Kerner lachte dazu so eigenthümlich; Kurt lenkte das Gespräch ab und fing über gleichgiltige Dinge zu reden an.

„Seltsam", murmelte der Andere im Gehen, als Kurt sich von ihm abgewandt, „Wüllesen beißt auch nicht an. Aber ich weiß, wen ich vor mir habe und lasse mich nicht leicht verblüffen. Thoren sind sie Alle miteinander, wenn sie sich wirklich cm Narrenseil herumsühren lassen. Doch gemach, kommt Zeit, kommt Rath!" Der Gedanke an den Marchese beschäftigte Kerner ckUf'S Nene, als er in Kenten einbog. Denn vor ihm her schritt die Stadträthin am Arme ihrer Tochter. Beide Damen sah man selten ohne die Ge­sellschaft des Italieners. Nur feit ein paar Tagen schienen sie von ihm vernachlässigt. Kerner sah sie sonst täglich im friedlichen Verein an feinem Fenster vorübergiheu.

Ernst Kerner hatte früher oft und gern mit der schönen Cornelia auf den Kasinobällen getanzt. Sie hatten sich auch oft, wie zufällig, im Winter auf dem Eise ober bei einer Schlittenparthie gefunden. Jedes­mal trennten sie sich mit warmem Händedruck und